Schatten in der Nacht
Der Sand fühlt sich warm unter meinen nackten Sohlen an. Er speichert die Sonne, die den ganzen Tag unbarmherzig gebrannt hat. Auch die Wellen, die träge an der Küstenlinie ausrollen und mir die Füße umspülen, tragen noch einen letzten Rest Hitze mit sich. Ich genieße das Gefühl der feuchten, samtweichen Körner zwischen meinen Zehen.
Hier und da liegen winzige blassrosa Muscheln im Sand, manche davon geformt wie in die Länge gezogene Schneckenhäuser. Fiona würden sie gefallen.
Ich lächele und hole tief Luft. Das Meer riecht anders als zu Hause. Salziger und stärker nach Seetang, weniger nach Fisch. Vielleicht bilde ich mir das aber auch nur ein, weil ich mich in Gwilen freier fühle, ungezwungener.
Gedankenverloren blicke ich hinaus auf die spiegelnde Wasserfläche. Sie kommt mir endlos vor. Irgendwo dort draußen liegt Iriann – mit dem Schiff nur ein oder zwei Tagesreisen entfernt. Aber weit genug fort, um mir das Gefühl zu geben, mein restliches Leben sei nicht bereits Schritt für Schritt vorausgeplant. Als sei alles möglich.
»Hast du mich vermisst?«
Plötzlich steht er hinter mir. Ich erkenne seine Stimme sofort. Überrascht drehe ich mich zu ihm um.
»Ash? Was machst du hier?«
»Was wohl?« Er zwinkert mir zu. »Ich habe auf dich gewartet.«
Die untergehende Sonne lässt das Gold seiner Haare rötlich aufleuchten, so stark, dass es mich beinahe blendet. Sein Körper strahlt eine Hitze aus, die intensiver ist als die des Sandes unter meinen Füßen.
»Was meinst du damit? Du hast auf mich gewartet?«
Er streckt mir die Hand entgegen. Einige rosafarbene Muschelschalen liegen darin. »Nimm. Du bist lange nicht hier gewesen.«
Als ich nach den Schalen greife, streifen sich unsere Finger. Die Berührung durchzuckt mich wie ein Blitz. Um ein Haar hätte ich sein Geschenk fallen gelassen.
»Sie behaupten, du kommst nach Iriann.«
»Wer behauptet das?«, will er wissen, aber da stelle ich fest, dass ich das vergessen habe.
Eine Weile lang schweigen wir. Alles, was ich höre, ist das Rauschen der Brandung und das Kreischen der Seevögel über uns. Meine Heimat, meine Familie und Alyss sind unendlich weit weg. Es gibt nur den Strand und das Meer, Ash und mich. Die Sonne steht inzwischen so tief, dass ich sein Gesicht im Gegenlicht nur als Silhouette ausmachen kann.
»Warum bin ich
hier?«, flüstere ich schließlich. Erst jetzt merke ich, dass mir das Herz bis zum Hals schlägt.
Langsam beugt sich Ash zu mir, näher und näher.
Meine Hände verkrampfen sich, mein Mund wird trocken, aber ich weiche nicht zurück. Keine Handbreit.
»Was tust du?«
Ash legt seine Hand auf meinen Hals, direkt unter meinem Ohr. Der Anblick seiner perfekten Lippen füllt fast mein ganzes Sichtfeld aus.
»Etwas, das ich schon vor einem Jahr hätte tun sollen.«
Er kommt noch näher und ich … wache auf.
Keuchend fahre ich aus dem Schlaf hoch. Um mich herum ist es dunkel. Es dauert eine Weile, bis ich begreife, dass ich mich nicht auf dem Festland befinde, sondern in Iriann. Im Goldenen Wächter. Auf dem Weg zu meiner Verlobten.
»Albträume?«, höre ich Gwyn wenige Schritte neben mir fragen. Warum schläft er nicht?
»Nein«, antworte ich schroff. Das war definitiv kein
Albtraum. »Ich muss … auf den Abtritt.«
Aufgewühlt schlage ich die Decke zurück und schwinge meine Beine aus dem Bett. Mein Hemd klebt an meinem verschwitzten Körper.
»Hat der kleine Rowan O’Brien sich eingenässt?«
Das Blut schießt mir in den Kopf. In all den Jahren, in denen wir uns nicht gesehen haben, hat er sich offenbar kein Stück geändert. Im Dunkeln stolpere ich durch die Stube bis zu seinem Bett. »Was ist dein Problem, Raghaillach?!«
»Der Einzige, der hier ein Problem hat, bist du.« Im Zwielicht sehe ich, wie er sich auf seinem Strohsack aufrichtet.
»Hältst du es für eine gute Idee, dich mit dem Verlobten der künftigen Königin anzulegen?«
»Warten wir es erst mal ab. Noch bist du mit Alyss nicht verheiratet.«
»Prinzessin
Alyss.«
Gwyn schnaubt. »Von mir aus Prinzessin
Alyss. Ich habe gesehen, wie du bei der Nachricht zusammengezuckt bist, dass Aristide de Gwilen in die Hauptstadt kommt. Wovor hast du Angst? Dass der Goldjunge von Gwilen dir deine Braut vor der Nase wegschnappt? Oder willst du selbst seinen Schwanz lutschen?«
»Was für ein Kuhmist!« Ich gebe mir alle Mühe, mit fester Stimme zu sprechen. Aber mir läuft es eiskalt den Rücken hinunter. Behalt die Nerven
, ermahne ich mich. Er weiß nichts, er kann nichts wissen
. Es ist nicht die erste abfällige Bemerkung dieser Art von Gwyn. Auch früher hat er solche Dinge geäußert. Und ich war nicht sein einziges Opfer.
»Nach allem, was man so hört, wäre er dem nicht abgeneigt«, redet Gwyn weiter. »Aber ich würde mir an deiner Stelle keine allzu großen Hoffnungen machen. Der Hinterlader steht auf echte Männer.«
»Du musst es ja wissen«, presse ich hervor, wende mich ab und gehe im Stechschritt durchs Zimmer. Das Blut rauscht mir in den Ohren.
Gwyn ruft mir noch irgendetwas hinterher, sicher eine weitere Beleidigung, aber ich verstehe sie nicht mehr.
Der Traum und das Streitgespräch mit Gwyn stecken mir in den Knochen, als ich auf den unbequemen Balken des Aborttürmchens sitze. Es ist in einer entlegenen Ecke des Hofes errichtet. Kaum war die Tür zu unserem Zimmer zugefallen, verfluchte ich mich dafür, keine Kerze mitgenommen zu haben. Aber der Mond hing geisterblass am Himmel und tauchte den Goldenen Wächter in kaltes Licht und ich war nicht gewillt, noch einmal in die Kammer zurückzugehen. Auch jetzt, obwohl ich mich bereits erleichtert habe, schiebe ich meine Rückkehr auf. Vielleicht, wenn ich lange genug warte, schläft Gwyn ein, ehe ich unter meine Laken krieche.
Draußen im Hof klappert etwas und ich zucke zusammen. Kurz darauf beginnt der Hund zu bellen.
Ist Gwyn mir etwa gefolgt? Hastig fahre ich auf, zerre mir die Hose hoch und schließe den Gürtel. Ganz sicher werde ich mich nicht von Gwyn Raghaillach mit heruntergelassenen Beinkleidern erwischen lassen. Mein Magen zieht sich zusammen. Die Erinnerung ist wieder da:
Gwyn, der mich mit seinem vollen Körpergewicht zu Boden presst; seine Knie, die sich in meine Oberarme bohren. Sein heißer Atem an meiner Wange. »Nun fühlst du dich nicht mehr so sicher, du Muttersöhnchen, nicht wahr?«
Finger in meinem Haar, die grob meinen Kopf nach unten reißen, bis mein Wangenknochen auf dem Steinboden aufschlägt. Peter Waterford und Kian O’Malley, die um uns herumstehen und nichts tun, um mir zu helfen. Peter Mulrian, der den Nachttopf über meinem Gesicht ausleert. Gwyn, der sich darüber kaputtlacht. »Stinkender Tellerlecker! Du wirst niemals König werden.«
Entschlossen presse ich die Lippen aufeinander und schüttele die Erinnerungen ab. Ich bin keine zehn Sommer mehr alt.
Der Hund bellt immer noch, aber sonst höre ich nichts. Vorsichtig luge ich aus dem kleinen Guckloch der Tür. Viel kann ich nicht erkennen. Im Mondlicht wirkt der Hof ausgestorben und seltsam farblos. Wenn der Hund nicht wäre, könnte ich mir vielleicht einreden, mir das scheppernde Geräusch vorhin nur eingebildet zu haben.
Sind die Königlichen Jäger zurückgekommen? Aber wenn einer
von ihnen vor dem Aborttürmchen steht und darauf wartet, dass ich den Platz räume, warum habe ich ihn dann nicht gesehen? Und wenn es Gwyn war, warum überfällt er mich dann nicht hier? Er wird mir nicht mitten in der Nacht ein Messer in die Brust rammen
, habe ich zu Raven gesagt. In diesem Moment bin ich mir nicht mehr so sicher.
Kurz entschlossen greife ich nach dem Holzschlegel, der neben der Tür steht. Mir bleiben nicht viele Möglichkeiten: Ich kann mich auf dem Abtritt verschanzen und warten, bis einer der anderen Gäste auftaucht. Was im schlimmsten Fall bis zum Morgen dauert. Ich kann um Hilfe rufen und darauf hoffen, dass diese schneller herbeigeeilt kommt, als es Gwyn gelingen wird, die Tür des Türmchens aufzureißen. Auf keinen Fall! Ich kann nach draußen gehen und nachschauen, was mich erwartet. Zur Sicherheit mit dem Schlegel in der Hand.
Vermutlich ist dort gar nichts.
Vermutlich sieht der Wachhund Geister, wie unser alter Archer zu Hause.
Entschlossen fasse ich den Griff des Schlegels fester und öffne die Tür. Quietschend schwingt sie nach außen auf. Der Hof ist leer. Noch einmal blicke ich mich nach allen Seiten um, sehe aber niemanden.
Gut.
Trotzdem lasse ich meine Waffe nicht los, während ich mich nach draußen wage. Mit gespitzten Ohren gehe ich auf die Treppe zu, die zur Galerie hinaufführt. Niemand hält mich auf. Niemand springt aus den Schatten. Warum hört der verdammte Hund nicht auf zu bellen? Stört er sich etwa an mir?
Ich habe den Hof halb überquert, als das Geräusch wieder erklingt: ein Schaben wie von Stein auf Holz. Die Nackenhaare stellen sich mir auf. Hektisch fahre ich herum.
Eine Gestalt schält sich aus dem Schatten zwischen der Hauswand und den Kutschen. Sie ist zu groß, um Gwyn zu sein. Viel zu groß. Das Wesen, das sich auf mich zubewegt, scheint aus Stein zu bestehen. Es überragt mich um eine halbe Manneslänge und ist massig: sicher doppelt so breit wie Lord Raghaillach. Seine Haut ist aufgesprungen und wulstig und erinnert mich an die Rinde einer Eiche. Sie ist farblos wie Kalk.
Mein Herz sinkt mir in die Hose. Dieses Wesen ist kein Mensch. Es ist eine Schattenkreatur.
Ich will wegrennen, aber ich bin wie zur Salzsäule erstarrt. Meine Oberlippe beginnt zu zittern und der Schlegel fällt mir aus der Hand. Mit lautem Klappern kommt er auf dem Boden auf. Das Blut dröhnt mir in den Ohren und das Bellen des Hundes tritt in den Hintergrund. Die Schattenkreatur wankt auf mich zu.
Wie ist sie hierhergelangt?
Ich öffne den Mund, um zu schreien, aber meine Kehle ist wie zugeschnürt.
Die Kreatur kommt näher.
Ohne sie aus den Augen zu lassen, sinke ich mit zitternden Knien zu Boden und taste nach dem Holzschlegel. Keine Ahnung, was ich glaube, damit ausrichten zu können. Für den Riesen vor mir ist der Schlegel nur ein Stöckchen. Aber als sich meine Finger um den Holzgriff schließen, atme ich auf.
Die Kreatur ist nur noch wenige Schritte entfernt, das Gesicht wie ein Felsen. Kalt. Gefühllos. Monströs, selbst im Mondlicht.
Ich unterdrücke ein Schluchzen. In diesem Augenblick bin ich mir sicher, dass ich gleich sterben werde. Und ich habe mir wegen Gwyn Sorgen gemacht.
Die Kreatur macht noch einen Schritt und da sehe ich sie: ihre Augen. Diese schrecklichen, seltsam menschlich wirkenden Augen, grün wie frisches Laub.
Über mir fliegt eine Tür auf. »Alles in Ordnung?«, fragt eine dunkle Männerstimme. Fackellicht fällt in den Hof.
Da finde ich meine Stimme wieder. »HILFE!«
Ich wirbele auf dem Absatz herum und renne davon. Noch in der Bewegung spüre ich, wie mich ein grober Schlag am Rücken erwischt und das Hemd aufreißt. Meine Schulter brennt wie Feuer. Läuft mir Schweiß oder Blut über den Rücken? Um nachzusehen bleibt keine Zeit. Ich hetze davon, so schnell mich meine Beine tragen. Alles, woran ich denken kann, ist, Abstand zwischen mich und das Monster zu bringen. Ich traue mich nicht einmal, einen Blick zurückzuwerfen.
»Eine Schattenkreatur«, schreie ich im Laufen. »Sie ist hier!«
Hätte ich meine Sinne beisammengehabt, wäre ich zur Treppe
gerannt. Aber ich will nur weg.
»Angriff!«, brüllt die Männerstimme auf der Galerie. »Zu den Waffen! Zu den Waffen!«
Es ist nicht der mutigste Moment in meinem Leben. Mit bebendem Körper presse ich meinen Rücken gegen das raue Gestein der Ringmauer, die den Goldenen Wächter umgibt, und beobachte eine Handvoll Männer dabei, wie sie in den Hof strömen und sich auf die Schattenkreatur stürzen. Schwertklingen blitzen im Mondlicht. Wann immer sie mit ihren Waffen auf die Kreatur einprügeln, klingt es, als würde Stahl auf Stein krachen. Bilde ich es mir ein oder stieben Funken auf?
Mit der Hand streiche ich über meine nackte Schulter. Zu meiner großen Erleichterung kann ich, als ich mir die Finger vor das Gesicht halte, keine Blutspuren entdecken. Hatte ich mehr Glück als Verstand? Hat das Monster mich nicht richtig erwischt?
Auf der anderen Seite des Hofs geht der erste Mann zu Boden. Die Kreatur, die vorhin noch so langsam auf mich zugewankt ist, wütet unter den Kämpfern wie ein wildes Tier.
Ich sehe meine Schwestern und meine Mutter oben auf der Galerie stehen. Fiona wirft mir verzweifelte Blicke zu. Ich glaube, sie wäre gern zu mir geeilt, aber sie traut sich nicht. Gwyn steht bei ihnen, halb über das Geländer gelehnt. Offensichtlich hält ihn nur die strenge Hand seines Vaters davor zurück, sich ebenfalls ins Kampfgetümmel zu stürzen.
Mein Vater eilt hingegen schon in seinem Nachtgewand und mit der Schwertscheide in der Hand die Treppe in den Hof hinunter. Mit den Kreaturenjägern des Königs kämpfen auch unsere Männer, und die wird er nicht im Stich lassen.
Ich habe solche Angst, dass mir schlecht wird. Die Kreatur stößt ein dumpfes Grollen aus und wieder muss ich an ihre blattgrünen Augen denken.
Als Vater seine Waffe aus der Scheide zieht, leuchtet sie gleißend auf. Golden wie die Sonne strahlt die Klinge.
Beinahe hätte Vater sein Schwert fallen lassen. Seit Jahrzehnten hat es nicht mehr so geleuchtet. Sonnendorn
, das Artefakt, ist ein
Erbstück. In den Familienlegenden heißt es, wenn man seine Macht entfesselt, leuchte es, als bestünde seine Klinge aus purem Licht, und es würde durch seine Gegner fahren wie ein heißes Messer durch Butter. Früher hat es wahre Wunder vollbracht, aber mittlerweile ist seine Macht verbraucht. Es glimmt immer noch, wenn man es zieht, das ja, aber das taugt kaum als Leselicht, geschweige denn als Fackel. Die letzten Magieeruptionen haben es nur noch schwach aufgeladen.
Bis heute.
Erstaunt, fast begeistert beobachte ich, wie Sonnendorn mühelos den halben Arm der Kreatur vom Körper trennt. Das Brüllen des Monsters übertönt den Kampflärm und das Bellen des Wachhundes.
Das Blatt wendet sich und der Kampf ist schnell vorbei. Es ist nicht mein Vater, der mit der Kreatur kurzen Prozess macht, es ist das Schwert. Die Männer halten Vater den Rücken frei und verschaffen ihm die Möglichkeit, der Kreatur die gleißende Klinge in die steinerne Brust zu stoßen. Es zischt und Rauch steigt auf, als hätte man einen glühenden Feuerhaken in einen Bottich mit Wasser geworfen. Der Geruch von verbranntem Fleisch breitet sich aus und die Kreatur stürzt gefällt zu Boden.
Sie zuckt zweimal und stößt ein Wimmern aus, das mir bis ins Mark dringt, weil es mich an die Schmerzenslaute eines verwundeten Tieres erinnert.
Dann ist es vorbei.
Wieder fällt mir der Holzschlegel aus der Hand. Plötzlich sind Willow und Fiona neben mir und schließen mich in die Arme. Ich bin in Sicherheit. Die Kreatur ist tot. Meine Schwestern sind bei mir.
Die Männer haben das Monster besiegt, das mir im Hof aufgelauert hat. Vor dem ich ängstlich geflohen bin, Hasenfuß, der ich bin. Dass ich dem Steinriesen nichts hätte entgegenstellen können, spielt keine Rolle. Ich habe mich wie ein Kleinkind verhalten. Tränen steigen mir in die Augen. Ob aus Erleichterung oder Scham, kann ich nicht sagen.