Der Raum, den er betrat, sah mehr wie ein in den Acht- zigern stecken gebliebenes Wohnzimmer aus als wie eine moderne Polizeistation. Unter den niedrigen, staubbedeckten Tischen, den wenigen Stühlen, einem Sofa und den übergossenen Zimmerpflanzen erinnerte ihn nur ein Metallschreibtisch unter einem der Fenster daran, wo er war. Das Meer dahinter sah dadurch erst recht wie ein gerahmtes Gemälde aus.

Er richtete den Blick auf den Schreibtisch. Die blaue Resopalplatte war übersät mit Ordnern, und dazwischen lag eine Art Logbuch, in dem, seinem zerfledderten Zustand nach zu schließen, wahrscheinlich alle Straftaten enthalten waren, die sich in den letzten Jahrzehnten auf Nissos ereignet hatten. Neben einem blauen Stempelkissen, einem trockenen Fingerbefeuchter und einem leeren metallenen Stempelhalter, der aussah wie ein kahler Mini-Weihnachtsbaum, sah Markou auch einen dreieckigen Plastikanstecker mit dem Namen des Kadetten. Aber Maroulas war nicht da.

Die Stimme des jungen Mannes kam durch die Tür gegenüber vom Eingang. Hinter der Milchglasscheibe, auf der Polizeichef stand, hörte er Maroulas am Telefon jemandem zackig mit »Jawohl«, »Selbstverständlich«, »Verstehe« antworten.

Bevor er auf die Tür zuging, nahm Markou kurz die drei anderen Personen im Raum in Augenschein. Die zwei, die

Als Markous Blick auf den Gesichtern der zwei Männer auf dem grauen Sofa neben dem Eingang zu ruhen kam, verzogen sich ihre Lippen zu einem gehetzten Lächeln. Er erinnerte sich zwar an sie, war ihnen aber auf der Party nicht vorgestellt worden.

Beide waren etwa 1,75 groß und hatten eine ähnliche Frisur, aber unterschiedliche Haarfarben: dunkelgrau und hellblond. Die gleiche pompöse Sonnenbrille, die der grauhaarige Mann auf seinen Kopf geschoben hatte, hing vom T-Shirtkragen des Blonden. Beide trugen blaue Bermudashorts, ein weißes T-Shirt und Ledersandalen. Sie hätten von phantasielosen Eltern eingekleidete Brüder sein können.

Vom Kleidungsstil abgesehen ließ ihr Äußeres jedoch keinen Zweifel, dass sie nicht verwandt waren. Der grauhaarige Mann, er war um die fünfzig, hatte eine kleine Nase, durchdringende dunkelbraune Augen und einen Mund, der viel zu schmal für sein breites, kantiges Kinn wirkte. Der deutlich jüngere blonde Mann hatte ein langes schmales Gesicht, volle Lippen und hellblaue gelassene Augen.

Diese Gelassenheit teilte die in einem alten Ledersessel gegenüber dem Eingang sitzende Frau nicht. Ihr rechtes Bein wippte so stark, als wollte sie mit ihrer beigen Espadrille ein Loch in den Mosaikfußboden bohren. Sie hatte ihre Arme, deren Bräune durch ihr hellgelbes Leinenkleid noch besser zur Geltung kam, über ihrer schmalen Taille verschränkt.

Anders als die zwei Männer wich sie dem Blick des Kommissars aus. Ihre großen braunen Augen – sie hatten die gleiche Farbe wie ihr gewelltes Haar – waren unverwandt auf die gegenüberliegende Wand gerichtet. Nur zweimal

Die Tür des Büros ging auf, und der junge Kadett kam ins Wartezimmer. Er war sichtlich gestresst, und die Schweißflecken unter seinen Achseln rührten nicht von der Hitze allein. Seine Augen leuchteten erleichtert auf, als er Markou sah.

»Gut, dass Sie gekommen sind, Kommissar«, begrüßte er Markou. »Sie wollen uns also bei den Ermittlungen helfen?«, fügte er mit einem fragenden Blick hinzu und lächelte, als Markou nickte.

Dann wandte er sich den anderen Anwesenden zu.

»Frau Milandi ist noch nicht hier. Sie hat mir versichert …« Er wurde vom Geräusch der aufgehenden Tür unterbrochen. Als hätte sie darauf gewartet, dass der junge Polizeianwärter ihre Ankunft ankündigte, stürmte Mariama Milandi, ihre zehnjährige Tochter hinter sich herziehend, in das Vorzimmer.

»Entschuldigen Sie die Verspätung«, stieß sie atemlos hervor, »aber …«

Sie verstummte, als sie merkte, dass sie nicht allein waren. Sie wandte sich jedem der Anwesenden kurz zu und deutete mit der Hand einen Gruß an.

Ganz offensichtlich wollte sie in ihrem Beisein nichts sagen. Markou bat sie in das Büro.

Mariama eilte auf die Tür zu, gefolgt von ihrer Tochter, die sich neugierig umsah.

»Ich hoffe, das wird nicht allzu lange dauern, Herr Kommissar«, rief der grauhaarige Mann. »Wir haben nämlich nicht den ganzen Tag Zeit; wir haben auch noch anderes zu tun.«

Sein Griechisch war fließend, aber der leichte ausländische Akzent, der sich in seinen Rs und den gedehnten Vokalen

Ohne weiteren Kommentar schloss Markou die Bürotür hinter sich und setzte sich auf den Stuhl des Chefs – darauf bestand Maroulas, der sich neben ihn stellte.

Milandi plumpste auf den einzigen Stuhl vor dem Schreibtisch. Ihre Tochter sah sich sichtlich enttäuscht um. Weder das Vorzimmer noch das Büro mit den Karten von Nissos und Griechenland an der Wand, einem Metallschreibtisch und einem Garderobenständer hatte etwas mit einer Polizeistation in den Krimiserien gemein, die Sophie so gern sah.

»Entschuldigen Sie die Verspätung«, wiederholte Mariama Milandi, »aber …« Eine Pause legte zusätzliche Betonung auf ihre nächsten Worte. »… aber ich glaube, ich habe die Mordwaffe gefunden!«