Auf der Terrasse im ersten Stock des Hauses von Mariama Milandi, Chora, Nissos

Gehen die denn nie?, dachte Sophie.

Stirnrunzelnd schaute das zehnjährige Mädchen zu den Gästen auf der Terrasse und seufzte. Die wenigen, die noch geblieben waren, standen in kleinen Gruppen zusammen und machten keine Anstalten aufzubrechen.

Genau in dem Moment, als sie gähnen musste, drehte ihre Mutter den Kopf in ihre Richtung und ertappte sie mit offenem Mund. Immer wenn Sophie etwas falsch machte, merkte es ihre Mutter instinktiv, und als sie jetzt ihre missbilligend hochgezogenen Augenbrauen sah, hielt sie noch rasch die Hand vor den Mund, obwohl es eigentlich schon zu spät war.

Als sich Mariama Milandi mit einem zufriedenen Nicken wieder ihrer Gesprächsrunde zuwandte, wanderte Sophies Blick über ihre Mutter und die Gäste hinweg zum Gipfel des Hügels. Obwohl die Glocke des Klosters nach Sonnenuntergang nicht mehr schlug, wusste sie, dass es weit über ihre gewohnte Schlafenszeit hinaus war. In Genf ging sie immer um neun Uhr ins Bett, aber auf Nissos, wenn sie Gäste hatten oder bei Freunden eingeladen waren, durfte sie bis elf oder gar halb zwölf aufbleiben.

Bis zum Ende der Partys ihrer Mutter hatte sie bisher allerdings nie durchgehalten, sondern sich jedes Mal bei den

Aber an diesem Abend, der letzten Soiree vor ihrer Rückkehr in die Schweiz, hatte sie sich fest vorgenommen, so lange wach zu bleiben, bis der letzte Gast ging. Sie wollte ihrer Mutter beweisen, dass sie auf sie zählen konnte und dass sie eine perfekte Gastgeberin war.

Eine Stunde lang hatte sie gelangweilt auf der gemauerten Bank mit den bunten Kissen in der Ecke der Terrasse herumgesessen, wo ab und zu eine Bougainvillea-Blüte auf ihr Gesicht herabgeschwebt war, als wollte sie sie mit ihrer zarten Berührung wachkitzeln.

Früher war alles viel spannender, dachte Sophie und kämpfte mühsam gegen den Schlaf an.

Zu Beginn der Party stand sie neben ihrer Mutter an der Steintreppe, die zur Terrasse im Obergeschoss hinaufführte, und begrüßte die Gäste. Sie bedachte alle mit einem Lächeln, küsste sie auf die Wangen und stellte sich den wenigen, die sie nicht kannten, mit »Sophie, Mariamas Tochter« vor.

Sie freute sich über die Komplimente für ihr gutes Benehmen und beantwortete bereitwillig Fragen: In welche Klasse ging sie, was war ihr Lieblingsfach, gefiel es ihr auf der Insel, hatte sie hier Freundinnen?

Erwachsene haben echt keine Phantasie, dachte sie jedes Mal, wenn sie die immer gleichen Fragen gestellt bekam.

Diejenigen, die sie von früheren Sommern auf der Insel kannten, bemerkten anerkennend, wie groß und hübsch sie geworden war. »Eine richtige junge Dame bist du inzwischen«, fanden alle. Und sie war tatsächlich schon sehr reif für ihr Alter, wie ihre Mutter immer sagte. Mit ihren zehn Jahren war das auch ihr zehnter Sommer in dem Haus, das ihr Großvater vor vielen, vielen Jahren gekauft hatte: das geräumige weiße Haus mit den rotbraunen Türen und Fenstern und den Terrassen mit den Töpfen voll bunt blühender

»Nur Opi fehlt dieses Jahr«, seufzte sie.

Wegen seines Alters wurde das Reisen immer beschwerlicher für ihn, weshalb er dieses Jahr zum ersten Mal nicht auf die Insel mitgekommen war.

»Es ist eine anstrengende Reise«, hatte ihre Mutter gesagt.

»Zwei Flüge und die Überfahrt mit der Fähre«, hatte Sophie protestiert. »Was ist daran so wild?« Trotzdem, es war das erste Mal, dass ihr Großvater nicht dabei war. Aber auch ohne ihn war das Haus immer voller Leute.

Seit der Scheidung von Papa ist Mama nicht gern allein, dachte Sophie.

Tatsächlich hatten sie die letzten eineinhalb Monate nicht einen Abend ohne Gesellschaft verbracht. Immer gab es irgendein Essen, eine Party bei ihnen oder anderen, einen Bummel auf der Platia, dem Hauptplatz von Chora, und anschließend einen Café- oder Restaurantbesuch. Sophie trank dann immer eine Gazoza, die traditionelle griechische Limonade.

Angesichts dieser endlosen Aktivitäten fragte sie sich, ob ihre Mutter überhaupt ein wenig ausspannen konnte. Vor der Abreise aus Genf hatte sie erklärt, sie wolle nur auf der Chaiselongue liegen und einen Monat lang nichts tun. Abgesehen von ein paar gemeinsamen Stunden am Kalami Beach, schienen die Pläne ihrer Mutter jedoch nicht gefruchtet zu haben. Ihre Klagen am Telefon mit Sophies Großvater über »die ständigen gesellschaftlichen Verpflichtungen« klangen jedenfalls nicht nach Ruhe und Erholung.

Sophie senkte den Blick vom Kloster oben auf dem Hügel wieder auf die Gäste.

Alle schienen sich blendend zu amüsieren. Sie standen mit einem Glas oder einer Zigarette in der Hand auf der Terrasse, unterhielten sich und schauten auf den kleinen idyllischen Hafen hinab; andere bewegten sich inmitten zahlloser bunter Lampions und der Tontöpfe voll Blumen und Kräuter zum Rhythmus der Musik.

Wie bei den meisten Häusern auf Nissos befand sich die Hauptterrasse im Obergeschoss. Die im Haus ihres Großvaters war die größte von allen Häusern, in denen Sophie gewesen war. »Auf unserer haben locker fünfzig, sechzig Leute Platz«, hatte ihre Mutter einmal gesagt. Sogar achtzig, wenn man die zweite Terrasse dazunahm, die über eine Holztreppe zu erreichen war.

Aber an diesem Abend waren es weder sechzig noch achtzig. Es war eine Abschiedsparty »im engsten Kreis«. Sophie hatte zwanzig Gäste gezählt, aber wegen des ständigen Kommens und Gehens hatte sie vielleicht ein paar übersehen. Die meisten kannte sie von früheren Sommern, und nur wenige der Anwesenden sah sie an diesem Abend zum ersten Mal oder hatte sie erst in den letzten eineinhalb Monaten kennengelernt.

Sophie war offen für neue Bekanntschaften, im Gegensatz zu ihrer Mutter, die sich Freunden gegenüber immer wieder darüber beklagte. Alle fanden, dass zu viele Leute auf die Insel kamen und dass das Leben nicht mehr so war wie früher. Dass der Massentourismus ihr Paradies zugrunde richtete.

Der Mann, der neben dem Jasmin sitzt, hat sich schon Stunden nicht mehr von der Stelle bewegt, dachte Sophie, als ihr Blick auf ihn fiel.

Er war zusammen mit Mike, dem DJ, früh gekommen und hatte sich nach einer kurzen Begrüßung allein auf die Bank gesetzt und sie seitdem nicht verlassen. Einige Gäste versuchten, mit ihm ins Gespräch zu kommen, doch gelang es keinem. Deshalb wurde er schließlich, reglos und still, wie er war, allein gelassen mit seinem Glas, das nie leer zu werden schien.

Sein Körper bewegte sich nicht, aber sein Blick flog wie ein gieriger Moskito von Gesicht zu Gesicht. Ihre Mutter hatte ihr erzählt, dass der fremde Mann Mikes Cousin war, ein Polizist aus Athen, der auf Nissos Urlaub machte.

Sophie beobachtete ihn mit skeptisch hochgezogenen Augenbrauen. Eigentlich konnte sie sich nicht vorstellen, dass er Polizist war. Er trug ja nicht mal eine Uniform. Andererseits machte er Urlaub, und Uniformen, vermutete sie, waren für den Winter und die Arbeit, genau wie Schuluniformen.

Und überhaupt, dachte sie. Griechische Polizisten sind wahrscheinlich anders als die in der Schweiz.

In diesem Moment drehte der griechische Polizist den Kopf, und sein Blick traf ihren. Trotz seines freundlichen Lächelns senkte sie den Kopf, als wäre sie bei etwas Verbotenem ertappt worden. Nach ein paar Sekunden beschloss sie, wieder hochzuschauen und sein Lächeln zu erwidern, aber er hatte sich bereits abgewandt.

Ein leises Miauen zog ihre Aufmerksamkeit auf sich. Die Nachbarskatze hatte sich auf die Terrasse geschlichen und strich ihr um die Füße. Sophie hob sie hoch und drückte sie fest an sich. Ihr weiches Fell wärmte sie gegen den frischen Wind, der inzwischen aufgekommen war.

Verrückt, dachte sie.

Eine Frau stellte ihr Glas auf die steinerne Bank, und von der Bewegung erschreckt sprang Plato aus Sophies Schoß und schlängelte sich zwischen den Beinen der Gäste hindurch zu der Steintreppe, die in den kleinen Hof hinabführte.

Sophie stand auf und lief Plato nach, als sie die Treppe hinunterhuschte. Mit einem Sprung von der vierten Stufe landete die Katze auf den Pflastersteinen vor den Schlafzimmern. Die große Holztür rechts von der Treppe, die in eine verlassene Gasse hinausführte, stand weit offen.

Es war schon spät, und alle geladenen Gäste waren da, dachte Sophie beim Anblick der offenen Tür. »Wird langsam Zeit, dass sie wieder gehen«, seufzte sie.

Die vier in hellem Rotbraun gestrichenen Türen auf der linken Seite des kleinen Innenhofs waren zu. Drei von ihnen führten in Schlafzimmer – ihres, das ihrer Mutter und das ihres Großvaters, das dieses Jahr als Gästezimmer benutzt wurde.

Hinter der vierten Tür befand sich die ehemalige Waschküche. Seit sie in der Küche eine Waschmaschine hatten, diente der Raum jedoch als Abstellkammer, in der sich im Lauf der Zeit ein wildes Sammelsurium an Gegenständen

Sophie blickte sich um. Plato war nirgendwo zu sehen. Wie in Griechenland üblich, lockte sie flüsternd »psi-psi-psi« – schließlich war Plato eine griechische Katze! – und schaute hinter jeden der großen Tonkrüge mit den Oliven- und Zitronenbäumchen. Dann öffnete sie eine Schlafzimmertüre nach der nächsten. Vielleicht war Plato ja durch ein Fenster oder einen Spalt unter der Tür geschlüpft. Nichts!

Als Letztes schaute sie in die Abstellkammer. Sie drückte den rostigen Griff der Tür neben dem offenen Fenster herunter und betrat den dunklen Raum. Plötzlich stand sie bis zu den Knöcheln in Wasser. Jemand hatte den Hahn neben der Tür nicht abgedreht, und der ganze Boden war überschwemmt.

O je, meine Sandalen!, war ihr erster Gedanke.

Als sie sich auf die Zehenspitzen stellte, um ihre weißen Wildlederschuhe noch halbwegs zu retten, sah sie im Halbdunkel Platos silbernes Herz aufblitzen. Auch die Augen der Katze leuchteten kurz auf, als sie von dem niedrigen Tischchen, auf dem sie stand, kurz zu Sophie schaute. Doch sie senkte sofort wieder den Kopf, um mit gerecktem Hals etwas auf dem Boden der Kammer zu beschnuppern.

Bloß nicht wieder einer dieser ekligen Tausendfüßler! Sophie musste an die widerlichen Kreaturen denken, die kürzlich in ihrem Bett herumgekrochen waren. Und schon gar keine Maus oder Schlange!

In der Hoffnung, Plato würde sie vor jedem Insekt, Reptil oder Nagetier beschützen, machte sie Licht – und stürmte im nächsten Moment panisch die Treppe zur Terrasse hinauf, wo sie, ihren Leopardenkaftan hinter sich herziehend, völlig atemlos auf ihre Mutter zustürzte.

»Sophie, wie oft soll ich dir noch sagen …«, begann

»Was ist denn?«

Zuerst brachte das Mädchen kein Wort heraus, dann holte sie tief Luft und stieß wegen der lauten Musik kaum hörbar hervor: »Eine Frau. In der Abstellkammer … Alles ist voller Blut.«