»Können Sie sich einen Grund denken, weshalb ihr jemand etwas Böses wollte?«, fragte Markou.

»Nein. Und mir fällt auch niemand ein, der ihr so etwas angetan haben könnte«, antwortete Cadena.

Wenn wir irgendwann nur das Motiv herausfinden, führt uns das zum Täter, dachte Markou.

»Ein Betrunkener vielleicht oder ein Sexualverbrecher?«, hauchte Cadena und schaute dabei über die Schulter des Kommissars. »Jemand, der ihr Avancen gemacht hat und von ihr abgewiesen wurde …?«

»Wir ziehen alle Möglichkeiten in Betracht«, sagte Markou. Er durfte Cadena nicht sagen, dass die ersten Anhaltspunkte nichts Derartiges vermuten ließen. Es gab keine Spuren, dass Lucy Davis sich zur Wehr gesetzt hatte oder genötigt worden war. Sobald sich der Sturm legte und die Leiche endlich nach Rhodos gebracht werden konnte, würde ihnen die Obduktion mehr Klarheit verschaffen.

Kopfschüttelnd, als suchte er Antworten auf seine eigenen Fragen, fuhr Cadena fort: »Sie war sehr beliebt. Wie schon gesagt hat sie jeder vom ersten Tag an ins Herz geschlossen. Was das angeht, hatte sie eine große Gabe. Aus ihr wäre eine gute PR-Agentin geworden, hätte sie sich nicht in den Kopf gesetzt, Schriftstellerin zu werden. Sie traf immer den richtigen Ton, war sehr an anderen Menschen interessiert und hat jedem aufmerksam zugehört.«

»Vielleicht lag es auch an ihrer journalistischen Ausbildung, aber wenn Sie mich fragen, war es auch ein Wesenszug von ihr. Sie hatte einfach ein Gespür dafür, wie man die richtigen Fragen stellt, und wusste, was sie tun musste, damit sich andere Menschen in ihrer Gegenwart wohlfühlten. Ja, PR hätte ihr bestimmt sehr gelegen, und eine gute Psychologin wäre sie auch gewesen. Ihr Lächeln, ihre Stimme, ihr freundliches Gesicht …«

Cadena seufzte.

»Jeder hat ihr seine Gedanken, Erlebnisse, Enttäuschungen und Hoffnungen anvertraut … Sie hatte für jeden ein offenes Ohr, erteilte Ratschläge, hörte sich Geheimnisse an. Wenn es jemand nicht schafft, mit seinen Geheimnissen zu leben, sucht er sich jemanden, dem er sie anvertrauen kann, um ihnen etwas von ihrer Last und ihrer erdrückenden Schwere zu nehmen. Ich habe Lucy immer die Geheimnisflüstererin genannt, aber sie hat dann bloß gelacht.«

Seine Miene verdüsterte sich.

Da Markou gerade auf seinen Schreibblock blickte, bemerkte er es jedoch nicht.

»Ich habe gehört, sie ist erst vor wenigen Tagen bei Ihnen ausgezogen. Hat sie Ihnen den Grund dafür genannt? Kam es zwischen Ihnen zum Streit?«

»Nein, wir hatten nie Streit. Im Gegenteil, wir waren uns näher denn je. Sie wollte lediglich allein sein, um ungestört schreiben zu können. Sie hatte bereits eine Idee und seit mehreren Jahren Material gesammelt. Wahrscheinlich hatte sie das Gefühl, dass die Zeit reif war, alles zu Papier zu bringen. Und dafür brauchte sie ihre eigenen vier Wände.«

»Einen anderen Grund gab es nicht?«

»Hatte Lucy ein Verhältnis mit jemandem? Jemand, mit dem sie ungestört zusammen sein wollte?«

Bevor Cadena antwortete, fügte Markou hinzu: »Ein verheirateter Mann vielleicht? Mir sind Gerüchte zu Ohren gekommen …«

Über Cadenas Züge legte sich eine Mischung aus Überraschung und Traurigkeit, als er Markou ungläubig ansah.

»Lucy hat mir nicht alles über ihr Leben erzählt, zumindest nicht über ihr Privatleben. Wir standen uns nahe, haben aber, bedingt durch den Altersunterschied, eine respektvolle Distanz gewahrt. Vielleicht weiß Archondia mehr darüber. Fragen Sie besser sie. Aber …« Cadena zögerte, bevor er fortfuhr: »An Ihrer Stelle würde ich nicht alles, was Ihnen zu Ohren kommt, für bare Münze nehmen. Kleine Gemeinschaften wie hier auf der Insel sind besonders anfällig für Klatsch und Übertreibungen und falsche Gerüchte.«

Und nach einer längeren Pause fügte er hinzu: »Apropos Klatsch … Ich weiß zwar nicht, ob es etwas mit dem Mord zu tun hat, aber … ich habe Ihnen doch erzählt, dass sie ein Buch schreiben wollte. Einen Roman. Sie hat mir erzählt, dass er auf einer kleinen Insel spielt, einem beliebten Ferienziel mit Besuchern aus aller Herren Länder als Protagonisten.«

Jetzt war der alte Mann ganz in seinem Element.

»Eine fiktive Geschichte, die jedoch auf real existierenden Menschen und echten Geschehnissen basiert.«

Seine müden Augen blitzten auf, als er sich an etwas erinnerte. Cadena griff nach einer der über den Tisch verstreuten Zigaretten und steckte sie mit zitternden Fingern langsam zwischen seine Lippen. Es gelang ihm nur mit Mühe, sie anzuzünden, sodass der Kommissar schon ein Feuerzeug holen wollte, um ihm behilflich zu sein. Cadena nahm einen tiefen

Und mit einer Stimme, fester als zuvor, schloss er: »Ich habe sie gewarnt, dass es riskant wäre, ein Buch über Menschen zu schreiben, die sie von hier kennt.«