»Ja, junger Mann, sie hat mir erzählt, dass sie ein Buch schreibt«, bestätigte Archondia dem Kommissar. »Sie hat mir sogar versprochen, mich namentlich darin zu erwähnen – zum Dank für die vielen Geschichten, die ich ihr über Nissos erzählt habe.«

»Was für Geschichten?«, fragte Markou, der mit einer weiteren Tasse Kaffee zwischen seinen Fingern spielte. Sie saßen auf einer Betonbank in einer Ecke des Innenhofs, windgeschützt durch die Plastikwände einer Pergola. Über ihnen thronte das Kloster. Auf der anderen Seite, im Hintergrund, glitzerte das stürmische Meer in der Mittagssonne.

»Na ja, Geschichten von früher, über Leute von hier und über Touristen: was ich über sie gehört habe oder was man sich so erzählt hat hier in Chora. Sie hat sich alles in einem Notizbuch aufgeschrieben, das sie immer bei sich hatte. Es war schwarz, wie ihres, aber kleiner. Etwa so groß.« Sie hielt ihre schwieligen Zeigefinger in einem Abstand von etwa zehn Zentimetern hoch.

»Deshalb hat sie mir versprochen, mich in ihrem Buch zu erwähnen«, sagte Archondia stolz.

Nach allem, was ihm Cadena über Truman Capote erzählt hatte, war Markou nicht sicher, ob die Erwähnung für Archondia eine Belohnung oder eine Strafe gewesen wäre.

»Was für Geschichten waren das genau?«, hakte er noch einmal nach.

Sie seufzte, beugte sich vor und fuhr in verschwörerischem Ton fort: »Ihre Mutter sollte denen endlich mal beibringen, was sich gehört. Sie stecken Früchte und Blumen in die zum Trocknen aufgehängte Wäsche des Herrn, sie verstecken meine Sachen, meine Eimer, meinen Besen und die Kehrschaufel und jetzt auch noch Kleider.«

Sie setzte sich wieder auf. »Aber das ist alles recht harmlos, nichts Ernstes … So etwas Schlimmes wie mit Lucy Davis ist hier noch nie passiert …«

Nach einer kurzen Pause fügte sie hinzu: »Jedenfalls nicht in letzter Zeit. Einmal, vor fünfzehn Jahren oder so, hat die Tante der Frau des Bürgermeisters mit seinem Gewehr auf ihren Mann geschossen, weil sie ihn mit einer Touristin erwischt hat – mit runtergelassener Hose, wenn Sie wissen, was ich meine. Er ist nach Rhodos ins Krankenhaus gekommen und hat’s überlebt, aber es war ein Riesenskandal! Jetzt, wo ich mir’s genauer überlege, fällt mir ein, dass sie noch früher, in den neunziger Jahren, entdeckt haben, dass …«

»Wissen Sie, ob sie etwas mit einem verheirateten Mann hatte?«, unterbrach sie der Kommissar in Anknüpfung an das Abenteuer des untreuen Ehemanns, das sie gerade erwähnt hatte. Er war nicht in der Stimmung und hatte auch

»Die Tante der Bürgermeistersfrau?«, fragte Archondia.

»Nein. Lucy Davis.«

Vor Überraschung bekam Cadenas Haushälterin große Augen. »Keine Ahnung«, antwortete sie schließlich nach kurzem nachdenklichen Schweigen.

Und dann: »Glauben Sie denn, das war der Grund, weshalb sie plötzlich Hals über Kopf hier ausgezogen ist, um allein zu leben? Aber wer kann das schon sagen?«, beantwortete sie sich ihre Frage gleich selbst. »Sie war jung, single … Als ich jung war, herrschten noch andere Moralvorstellungen. Andererseits hat das damals auch niemanden daran gehindert …«

»Aber sie hat Ihnen nicht erzählt, dass sie mit jemandem ein Verhältnis hatte?«

»Nein. Auch sie hatte wahrscheinlich ihre Geheimnisse. Wer hat die nicht. Ein Mann ohne Geheimnisse ist jemand, der nicht gelebt hat«, murmelte sie und deutete auf Markous leere Tasse. »Noch einen Kaffee?«

Bevor Markou antworten konnte, kam Cadenas Stimme aus dem Wohnzimmer.

Wie von der Tarantel gestochen, sprang Archondia auf und sagte: »Ich muss gehen.«

Sie stellte die Tasse in ihre Handfläche und murmelte: »Ich weiß beim besten Willen nicht, wie der alte Herr das alles verkraften soll. Er ist regelrecht zusammengebrochen, wie ein leerer Sack einfach in sich zusammengesunken! Dabei war er noch fit wie eine Bergziege, er hat Opuntien gepflückt, ist jeden Morgen schwimmen gegangen, und jetzt kann er sich kaum mehr auf den Beinen halten … und zu rauchen hat er auch wieder angefangen. Dabei hat er, solange ich ihn kenne, keine Zigarette mehr angerührt«, fügte sie mit einem besorgten Kopfschütteln hinzu. »Sie wissen ja, wo Sie mich finden,