Der Duft des Jasmins mischte sich mit den Parfums und dem Schweiß der Gäste, dem Rauch ihrer Zigaretten und dem beißenden Geruch der grünen Moskitospiralen, die in allen Ecken der Terrasse vor sich hin glommen. Im Wettstreit der Aromen siegten eindeutig letztere. Christophoros Markou erinnerte sich, irgendwo gelesen zu haben, dass der Rauch einer einzigen Moskitospirale die Lunge ähnlich stark schädigte wie hundert Zigaretten. Und das Schlimmste daran war, dass sie völlig umsonst vor sich hin qualmten. Die Moskitos waren offenbar längst immun gegen den erstickenden Geruch und stachen ihn unablässig, seit er die Terrasse betreten hatte.
Auf der Suche nach etwas frischer Luft drehte er den Kopf in die andere Richtung. Die Brise, die seine Nase klärte, war ein erster Vorgeschmack auf den angekündigten Sturm. Seine Wetter-App hatte ihn bereits gewarnt, dass die windstille Zeit auf der Insel vorbei war. Für die kommenden Tage, beginnend mit diesem Abend, wurden Windstärken zwischen neun und zehn erwartet.
Das machte Markou eigentlich nichts. Bestimmt würde er eine geschützte einsame Bucht finden, in der er schwimmen gehen und endlich einmal entspannen konnte. Sein Cousin Michalis – Mike, für die Fremden – war auf Nissos aufgewachsen und kannte jeden Winkel der felsigen, sonnenversengten Insel.
Sowohl Nissos als auch der Besuch bei Mike waren die Idee seiner Mutter gewesen. Die ersten vier Tage seines Zwangsurlaubs von der Athener Polizei, die Markou im Haus seiner Familie oben im Norden verbracht hatte, waren von unbehaglichem Schweigen und Small Talk geprägt.
Weitere zehn Tage hätten es meine Eltern garantiert nicht mit mir ausgehalten, dachte er.
Da er sich die meiste Zeit in seinem alten Kinderzimmer verkroch, wo er Krimis las, die Callas hörte und mindestens ein Jahr Schlafmangel nachzuholen versuchte, war er alles andere als eine gute Gesellschaft. Und wenn er seine Höhle doch einmal verließ, um in der Küche mit seiner Familie zu essen oder im Wohnzimmer mit ihnen zusammenzusitzen, machte er klar, dass er nicht über seine Mordfälle sprechen würde – deren zuverlässige Lösung ihm den Spitznamen »Mr Hundertprozent« eingetragen hatte. Damit waren die Themen auf den üblichen Familienklatsch beschränkt: Wer hatte vor Kurzem geheiratet, wie viele Kinder hatten seine Cousins und Cousinen oder Klassenkameraden und dergleichen mehr.
Das alles brachte seine Mutter zu dem unausweichlichen Schluss, dass »er dringend eine Frau an seiner Seite brauchte, wenn er nicht als einsamer und verbitterter alter Mann enden wollte«.
Sein Vater sagte zwar nichts dazu, nickte aber immer wieder zustimmend. Und je häufiger diese gezielten Anspielungen auf sein Privatleben wurden, umso mehr zog sich Christophoros Markou in sich zurück und schwieg. Er hatte zu dem Thema ja auch nichts zu sagen.
Er war ungebunden und wollte das auch bleiben, Punkt. Ein kleines Abenteuer mit einer Kollegin – was für eine ausgemachte Dummheit! – hatte schon zwei Wochen, nachdem es begonnen hatte, wieder geendet. Ein paar Tage vor Antritt des von seinem Chef angeordneten August-Urlaubs hatte er Schluss mit ihr gemacht. Sie hatte es locker genommen und keine Szene gemacht. Sie hatte ihn nicht einmal gefragt, warum.
Doch selbst dieses unspektakuläre Ende einer unspektakulären Affäre hatte ihm zugesetzt. Und die ständigen Sticheleien seiner Mutter wegen seiner wenig einnehmenden »altjüngferlichen« Art machten es nicht gerade besser. Deshalb hatten ihn seine Eltern auch nicht umzustimmen versucht, als er beiläufig fallen ließ, dass er überlegte, auf eine Insel zu fahren, um sich etwas zu erholen. Im Gegenteil. Obwohl sich seine Eltern am Telefon ständig beklagten, dass sie so wenig von ihm zu sehen bekamen, seit er nach Athen gezogen war, konnten sie es bereits am vierten Tag nach seiner Ankunft kaum erwarten, ihn loszuwerden. Seine Mutter war es auch, die ihm vorschlug, nach Nissos zu fahren, wo er bei Michalis unterkommen konnte, dem einzigen seiner Cousins, der mit achtunddreißig, zwei Jahre älter als er, immer noch unverheiratet war.
Markou schaute zu Michalis/Mike, der sich gerade einen riesigen Kopfhörer ans Ohr hielt und über seinen nächsten Mix nachdachte. Wenige Sekunden später dröhnte nach einem astreinen Übergang »Final Countdown« von Europe aus den Speakern. Der Text des Songs ließ Markou unwillkürlich auf die Uhr schauen. Fast zwei Uhr.
Er hatte seit seiner Ankunft stumm in der Ecke gesessen und war sämtlichen Annäherungsversuchen ausgewichen. Einige Partygäste wollten nämlich durchaus mit ihm ins Gespräch kommen, als sie erfuhren, dass er, wie Mike der Gastgeberin erzählt hatte, Hauptkommissar und stellvertretender Leiter der Mordkommission von Attika war. »Was war der seltsamste Mordfall, den Sie gelöst haben?« »Gibt es in Griechenland Serienmörder?« »Gibt es so etwas wie ein perfektes Verbrechen?« Das waren nur einige der Fragen.
Auf höfliche, aber bestimmte Art hatte Markou immer die gleiche Antwort gegeben: »Ich darf leider nicht über meine Arbeit sprechen.«
Nach mehreren solchen Abfuhren ließen ihn die übrigen Gäste in Ruhe.
Und seitdem hatte er neben ein paar anerkennenden Gesten zum Musikgeschmack seines Cousins und dem einen oder anderen freundlichen Blickkontakt mit der Gastgeberin die Zeit – fünfeinhalb Stunden, um genau zu sein – damit herumgebracht, auf sein Handy zu schauen und die Partygäste zu beobachten. Hin und wieder hatte er sogar versucht, einzelne Wortfetzen, die an seine Ohren drangen, zu ganzen Sätzen zusammenzufügen, eine Art Spiel, um die Langeweile zu vertreiben.
Ich hätte mir was zu lesen mitnehmen sollen, dachte er.
Natürlich wusste er, dass das unhöflich gewesen wäre. Und vor allem hätte er sich wegen der vielen Leute und der lauten Musik nicht auf seine Lektüre konzentrieren können.
Die einzige Person, die seine Meinung zu teilen schien, dass die Party langsam zu Ende gehen sollte, war die Tochter der Gastgeberin. Ihr Gähnen und ihre schweren Lider ließen keinen Zweifel an ihrer Müdigkeit.
Er lächelte dem Mädchen freundlich zu, als sich ihre Blicke trafen, und sie senkte verlegen den Kopf.
Markou richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf seinen Cousin. Eigentlich wollte er ins Bett, aber er hatte ihm versprochen, beim Abbau der Anlage zu helfen.
Was soll schon so schlimm daran sein, mal länger aufzubleiben?, redete er sich gut zu. Zum Glück hatte er bis zu seiner Rückkehr nach Athen noch eine Woche Zeit, um zu relaxen, das heimische Essen zu genießen, am Strand zu liegen, zu lesen und früh schlafen zu gehen.
Ruhe und Erholung pur, dachte er lächelnd, als er sah, wie das kleine Mädchen von seinem Sitz aufsprang und hinter der Katze die Treppe hinunterrannte.