Markou schob Mutter und Tochter von der Tür der Kammer fort und forderte sie auf Englisch auf, nichts anzufassen. Dann bat er die Hausherrin, wieder nach oben zu gehen, die Musik auszumachen und den Gäste zu sagen, dass sie bis auf Weiteres das Haus nicht verlassen dürften. Alle sollten bleiben, bis ihre Personalien aufgenommen waren.

Wenige Sekunden später, Markou fühlte der im Wasser liegenden Frau gerade den Puls, verstummte »Live is Life« abrupt. Nur noch die Worte der Gastgeberin drangen durch die plötzliche Stille und wurden bald von aufgeregtem Flüstern abgelöst, das sich zu fassungslosem Gestammel und bestürzten Ausrufen steigerte.

Der Kommissar beendete gerade das Telefonat mit dem Kadetten in der Wache von Chora und hoffte, er würde auftauchen, bevor die Partygäste die Treppe herunterkamen, um zu schauen, was passiert war. Menschliche Sensationsgier im Angesicht eines Todesfalls – je spektakulärer und brutaler, desto besser – war bekanntlich nichts Neues. Oft genug musste die Polizei an Tatorten Gaffer fernhalten, die es auf einen blutrünstigen Schnappschuss abgesehen hatten.

Vorsichtig machte sich Markou daran, mit dem Zipfel seines T-Shirts den Wasserhahn zuzudrehen, der neben der Tür aus der Wand ragte. Der grüne Schlauch, der zusammengerollt auf dem Boden lag, zuckte wie eine sterbende Schlange, als der Strahl versiegte.

»Ein Unfall – vielleicht auch Mord«, hatte der Kommissar dem jungen Kadetten am Telefon gesagt. Dessen Überraschung war nicht zu überhören gewesen.

»Mord? Hier? Auf Nissos?« Und ohne Markous Antwort abzuwarten, fügte er hinzu: »In fünf Minuten bin ich da!«

Die Ortsangabe »Mariama Milandis Haus« genügte dem jungen Polizeianwärter vollauf. Mit Ausnahme der Hauptstraße zum Hafen hatte keine der Gassen auf der Insel einen Namen. In Chora orientierte man sich an der Platia, am Kloster, an ein paar Kapellen und an den Namen der Hausbesitzer. Auch die mit schwarzer Farbe an die steinernen Türrahmen gepinselten Hausnummern waren über- flüssig.

Mit der Krankenstation von Nissos erwies sich die Verständigung als wesentlich schwieriger. Die einzige Ärztin auf der Insel bestand darauf, dass die »verletzte Partei« zu ihr gebracht wurde.

»Ich habe zwei Leute hier, die nach einem Rollerunfall genäht werden müssen. Ich kann nicht alles stehen und liegen lassen, um zu Ihnen zu kommen. Ich bin ganz allein hier!«

Als ihr Markou die Situation schilderte, war die Reaktion der Ärztin entwaffnend: »Die Frau ist tot, sagen Sie? Was soll ich dann noch für sie tun? Lassen Sie mich erst die beiden hier verarzten. Dann komme ich, so schnell ich kann.« Sprach’s und legte auf.

Dieses Telefonat holte Markou wieder in die Realität zurück. Er hatte auf Nissos keinerlei Befugnisse. Er war nicht im Dienst und befand sich außerhalb seines Zuständigkeitsbereichs. Hier war er nur ein stinknormaler Tourist. Deshalb beschloss er, auf den örtlichen Polizeichef zu warten und

Er richtete den Blick wieder auf den Boden. Seit das Wasser abgedreht war, bewegte sich das Haar der Toten nicht mehr.

»Lucy. Lucy Davis. Aus London«, hatte ihm die Gastgeberin gesagt und fassungslos den Kopf geschüttelt, als Markou sie fragte, ob sie wüsste, was die Tote in ihrer Abstellkammer gewollt haben könnte.

»Sie war auf der Party«, sagte sie. »Aber ich dachte, sie wäre längst gegangen.«

Markou nahm die direkte Umgebung der Leiche genauer unter die Lupe. Er inspizierte die spitzen Ecken und Kanten verschiedener Möbelstücke, die an einer Wand gestapelten Stühle, deren Beine wie riesige Dornen in die Höhe ragten, herumliegendes Werkzeug und zerbrochene Tontöpfe. Auf der Suche nach einem Hinweis, dass es ein Unfall gewesen sein könnte, dass sie vielleicht ausgerutscht war, das Gleichgewicht verloren, sich den Kopf an einer Ecke angeschlagen und das Bewusstsein verloren hatte und dann verblutet oder ertrunken war.

Doch keiner der Gegenstände in der Kammer war blutverschmiert. Und schon wegen der Tiefe der Kopfverletzungen war nicht auszuschließen, dass sie der Frau absichtlich beigebracht worden waren.

Der Kommissar bückte sich und leuchtete mit der Taschenlampe seines Handys den Boden der Abstellkammer ab. Er lag etwa zehn bis fünfzehn Zentimeter tiefer als der Innenhof. Die blechüberzogene Türschwelle, die verhindern sollte, dass Wasser von draußen hereinfloss, verhinderte zugleich, dass das Wasser aus der Kammer abfließen konnte.

Markou richtete sich auf, trat zwei Schritte zurück und sah zu der geschlossenen Holztür, die auf die Gasse hinausführte. Er hoffte, der junge Polizist und die Ärztin kämen bald.

»Christophoros?«

Sein Cousin Mike stand auf der Treppe und sah ihn besorgt an.

»Was ist passiert?«

»Was passiert ist?«, antwortete Markou achselzuckend und fügte seufzend hinzu: »Mein Urlaub hat gerade eine neue Wendung genommen.«