Mit dem Rücken zur Abstellkammer wartete Markou auf die Ärztin. Der Wind hatte bereits merklich aufgefrischt und wirbelte die rosa Blüten, die zu Boden gefallen waren, in einem wilden Tanz durch den kleinen Innenhof. Kein Wunder, dass die Bougainvillea auch als Messie unter den Bäumen bezeichnet wurde, dachte er. Egal, wie oft man fegte, hatte sie Höfe und Terrassen schnell wieder mit den Relikten ihrer Schönheit übersät. Damit die wirbelnden Blüten nicht in den Tatort wehten, schloss er die Tür der Abstellkammer.
Seit einer ganzen Weile war er nicht mehr angesprochen worden. Zuletzt hatte Mariama Milandi all ihren Mut aufgebracht und ihn gefragt, ob er etwas trinken wollte.
Und jetzt beobachtete Markou mit einem Frappé in der Hand, wie die Gäste einer nach dem anderen die Treppe herunterkamen und dem jungen Kadetten, Valantis Maroulas, ihre Beobachtungen schilderten. Ihre Blicke wanderten von der geschlossenen Tür der Abstellkammer zu Markou und dann erst zu der Kamera, die der Kadett mitgebracht hatte. Als einige der Partygäste wegen der Fotos zaghaften Protest einlegten, antwortete der junge Mann nur knapp: »Vorschrift«. Was natürlich nicht stimmte. Die Fotos waren seine Idee gewesen, und Markou hatte sie abgesegnet.
Aber nicht alle zeigten sich kooperationsbereit. Ein italienisches Ehepaar wollte unter keinen Umständen fotografiert werden und drohte, »sich bei der Botschaft zu beschweren, wenn die Polizei sie belästigte«. Trotz ihrer Proteste hielt Maroulas ihre Konterfeis auf der Speicherkarte fest, bevor er sie entließ, woraufhin sie heftig gestikulierend und in ihrer Muttersprache schimpfend von dannen zogen.
Markou fragte sich, ob die Fotos dieses Theater wert waren. Wenn es sich hier, wie er vermutete, tatsächlich um ein Verbrechen handelte und der Täter einer der Partygäste war, wäre er wohl kaum noch hier. Trotzdem hatte er dem Kadetten nicht widersprochen. Kleinvieh macht auch Mist, dachte er.
Er betrachtete den jungen Mann, dessen schmales, sonnengebräuntes Gesicht von kurzem schwarzen Haar eingerahmt war. Jedes Mal, wenn er ein Foto machte, schob sich der Ärmel seines hellblauen Uniformhemds ein Stück hoch, sodass seine deutlich blasseren Arme zum Vorschein kamen. Diese »Bauarbeiterbräune« war im Sommer auch unter den Streifenpolizisten verbreitet. Maroulas war fünfzehn Minuten nach Markous Anruf am Haus der Milandis eingetroffen. Nachdem er Markou förmlich begrüßt hatte, fügte er mit einem herzlichen Händedruck hinzu: »Es ist mir eine Ehre, Kommissar. Ich habe schon viel von Ihnen gehört!«
Markou vergeudete keine Zeit damit, auf das Kompliment einzugehen. Er informierte den Kadetten über seine bisherigen Erkenntnisse und bat ihn, Namen, Adressen und Telefonnummern aller Anwesenden aufzunehmen und sie zu fragen, ob sie das Opfer, eine Engländerin namens Lucy Davis, gekannt hatten.
Bei dem Namen leuchteten die Augen des jungen Polizeianwärters auf. Neugierig den Hals reckend fragte er Markou, ob er einen Blick in die Abstellkammer werfen dürfte. Er beugte sich über die Schwelle, schaute nach drinnen und bückte sich, um das ins Wasser getauchte Gesicht der Toten besser sehen zu können. Dann richtete er sich wieder auf, nickte und sagte: »Ihr Name ist mir gleich bekannt vorgekommen. Ich bin sicher, sie ist es! Sie ist vor einer Weile auf die Wache gekommen. Eine Journalistin, oder?«
»Keine Ahnung«, antwortete Markou.
»Doch, Journalistin und Schriftstellerin. Hat sie zumindest gesagt. Sie wollte einen Artikel über die Polizei auf den griechischen Inseln schreiben – vielleicht war es auch ein Buch – und hat sich deshalb nach unseren Arbeitsbedingungen erkundigt, nach Personalstärke, Kriminalitätsstatistiken, Unfällen und so weiter.«
Markou nickte nur und erinnerte den jungen Mann noch einmal an seine Aufgaben, worauf dieser sich daranmachte, in einem seltsam anmutenden Buch mit bunt geblümtem Einband die Personalien der Gäste zu notieren. Maroulas hatte zwar die Kamera und einen Packen Vernehmungsformulare mitgebracht, aber keinen Notizblock, und da das kleine schwarze Büchlein, das Markou in Athen immer dabeihatte, in seinem Koffer in Mikes Haus lag, hatte sich der Kadett Sophies buntes Skizzenbuch geliehen.
Jedes Mal, wenn die Kamera blitzte, musterte Markou das Mienenspiel des Fotografierten. Die Gesichter der Partygäste verrieten alles mögliche, von Fassungslosigkeit über Neugier und Besorgnis bis zu tiefer Bestürzung. Hinter einem fünfunddreißigjährigen bärtigen Mann, der sich die Augen rieb, kam ein älterer Mann mühsam die Treppe herab und hielt sich dabei am Arm einer großen, imposanten Frau fest. Der dunkelgrüne Paschmina über ihrem roten Bodysuit betonte ihre kräftigen Schultern. Ihr Blick war auf die Füße des alten Mannes geheftet, der mit langsamen, zögernden Bewegungen einen Schritt nach dem anderen tat. Obwohl er noch sehr rüstig wirkte, zitterte er am ganzen Körper. Am Fuß der Treppe angelangt, wurde die Verzweiflung in seinem Gesicht in einem Foto festgehalten. Bevor er in die enge Gasse hinaustrat, lehnte er sich, wie um Kräfte zu sammeln, kurz an den Türrahmen und drehte noch einmal den Kopf zu dem jungen Kadetten.
»Das ist Arnaud Cadena«, sagte Mariama Milandi an Markou gerichtet. »Er hat Lucy vor vier Jahren nach Nissos mitgebracht. Er ist … Sie war … wie eine Tochter für ihn.«
Markou betrachtete die hellen blauen Augen des alten Mannes, seine Hakennase und den kleinen Mund, und dann, als er sich abwandte, sein dichtes weißes Haar. Von dort sprang Markous Blick zu dem runden Gesicht der Frau, die in dem Moment in den kleinen Innenhof kam. Bevor der Kommissar die Tasche in der Hand der Frau bemerkte, verkündete die Gastgeberin: »Da kommt die Ärztin.«