Stella Kastelaki, die der einzige Arzt auf Nissos war, zog sich Plastikbeutel über die Schuhe und band sie um die Schienbeine fest. Das lenkte Markous Blick auf Sophie, die an der Hand ihrer Mutter alles beobachtete. Eine blassrote Linie über ihren Fußgelenken verriet, wie tief sie beim Betreten der Abstellkammer im Wasser gestanden hatte. Ihre weißen Wildledersandalen hatten jetzt rosa Flecken. Er dachte an die Überschwemmung auf dem Boden. Außer der DNA des Opfers würden sie sicher auch die von Sophie und – wenn sie Glück hatten – die des Täters finden.
Er fragte sich, wie er hier auf der Insel ohne die nötige Ausrüstung ermitteln sollte. Doch sofort rief er sich in Erinnerung, dass das ja gar nicht seine Aufgabe war. Mit den siebzig Einwohnern, die im Winter auf der Insel lebten – eine Zahl, die sich im Sommer verzehnfachte –, hatte Nissos nur eine einzige Polizeistation. Bald würde Antonis Katzikis, ihr Leiter, das Kommando übernehmen. Er war gerade auf Kos, würde aber in Kürze zurückkehren, wie Maroulas versichert hatte.
»Selbst wenn ich früher gekommen wäre, hätte es nichts an der Sache geändert.« Die heisere Stimme der Ärztin riss Markou aus seinen Gedanken.
»Sie war schon lange tot, als Sie mich angerufen haben«, fügte sie hinzu und sah ihn an. Mit ihrer linken, in einem Gummihandschuh steckenden Hand hob sie den Kopf der Toten ein Stück aus dem Wasser und leuchtete mit der Taschenlampe auf ihn.
»Ich bin natürlich keine Rechtsmedizinerin, aber diese Verletzungen«, der Strahl der Taschenlampe wanderte zur Stirn der Toten, »dürften tödlich gewesen sein.«
Als sie den Kopf behutsam wieder ins Wasser zurücksinken ließ, fügte sie hinzu: »Mehrere Frakturen des Stirnbeins und Verdacht auf Hirntrauma.« Sie richtete sich auf und schüttelte kleine Tropfen Blut und Wasser von ihrer Hand.
»Vielleicht täusche ich mich auch«, fuhr sie fort. »Möglicherweise hat sie infolge der Schläge nur das Bewusstsein verloren und ist dann ertrunken.« Sie zeigte mit dem Finger auf den Boden.
Und nach kurzem Umblicken gelangte sie zu dem Schluss: »Jedenfalls ist sie tot. Die genaue Ursache wird Ihnen der Rechtsmediziner verraten.«
»Ist Ihnen sonst noch etwas an ihren Kopfverletzungen aufgefallen?«, fragte Markou.
»Drei sind deutlich sichtbar, aber vielleicht sind es auch mehr. Mit Sicherheit lässt sich das auf die Schnelle nicht sagen. Beigebracht wurden sie dem Opfer wahrscheinlich mit einem stumpfen Gegenstand: einer Brechstange, einem Hammer, etwas in der Art. Ich rufe in Rhodos an, dass sie einen Hubschrauber schicken, der sie abholt. Alle weiteren Fragen werden Ihnen die Experten beantworten.«
Wieder draußen im Hof, schaute sie zu den Bougainvillea-Ranken hinauf, die sich inzwischen heftig im Wind bewegten, und sagte: »Hoffentlich schaffen sie es noch. Gut möglich, dass es schon zu spät ist.«
Markou schaute verdutzt von der Ärztin zu seinem Cousin, der auf der Treppe saß.
»Bei Windstärken über acht oder neun kommt kein Schiff oder Hubschrauber mehr auf die Insel«, bestätigte ihm Mike. »Anders ausgedrückt: Dann ist Nissos von der Welt abgeschnitten.« Er drückte seine Zigarette auf einer Steinstufe aus und fügte hinzu: »Das kommt zu dieser Jahreszeit relativ oft vor.«
»Und bei einem medizinischen Notfall?«, fragte Markou, worauf Mike und die Ärztin fast im Chor antworteten: »Die werden mit einem Boot in die Türkei gebracht. Übers Meer sind das nur ein paar Meilen.«
Markou wollte ein potentielles Mordopfer auf keinen Fall an die türkische Küste bringen. »Dann beeilen wir uns lieber«, sagte er mit einem Blick auf die Leiche.
»Der Hubschrauberlandeplatz ist gleich neben der Krankenstation«, sagte die Ärztin. »Und der Krankenwagen steht am Kreisverkehr bei den Windmühlen«, fügte sie zu Markous Überraschung hinzu.
Doch dann fiel ihm ein, dass kein Auto durch Choras enge Gassen passte, in denen nicht einmal drei Leute nebeneinander gehen konnten. Folglich musste die Leiche zum Kreisverkehr getragen werden. Er war zwar nicht weit von Mariama Milandis Haus entfernt, höchstens zweihundertfünfzig Meter den Hügel hinunter, aber ihm bereitete etwas ganz anderes Sorgen.
Diese kleinen praktischen Probleme, über die er sich sonst nie Gedanken machen musste, erschienen ihm jetzt fast unlösbar: Wie sollten sie die Leiche aus ihrem nassen Grab heben? Wie sollten sie sie wegbringen, ohne wichtige Beweise unbrauchbar zu machen oder ganz zu zerstören? Wie sollten sie die Tote zum Krankenwagen tragen?
Auf Markous Frage, ob sie einen Leichensack mitgebracht hätte, antwortete die Ärztin: »So etwas haben wir in der Krankenstation nicht.« Und ohne auf seine Antwort zu warten, fügte sie hinzu: »Wir haben nicht mal genügend Verbandmaterial oder Tetanusimpfstoff. Und der Krankenwagen wurde uns erst vor zwei Jahren gespendet, von einer von der Insel stammenden Reederfamilie.«
Aber die Ärztin ließ sich von Markous besorgter Miene nicht entmutigen. »Irgendwie kriegen wir das schon hin«, erklärte sie zuversichtlich.
Dann fragte sie die Gastgeberin auf Englisch mit starkem griechischen Akzent, ob sie ein paar Müllsäcke im Haus hätte.
»Das müsste gehen«, sagte Markou, als Mariama Milandi die Treppe zur Küche hochging. Die kleinen Plastiktüten, mit denen sie kurz darauf zurückkam, machten jedoch seine Hoffnungen wieder zunichte.
Mit den abfalleimergroßen Mülltüten in der Hand kehrte Mariama an die Seite ihrer Tochter zurück. Statt Müdigkeit und Langeweile lag jetzt Neugier in Sophies Gesicht. Mit großen Augen sog das Mädchen wie ein Schwamm alles um sich herum auf.
Ihre Mutter hatte sie zwar schon dreimal ins Bett geschickt, aber sie war immer wieder zurückgekommen, zuerst noch auf Zehenspitzen, doch das letzte Mal ganz unverhohlen.
»Ich kann nicht schlafen«, sagte sie. »Ich will bei dir bleiben.«
Nach ein paar Sekunden des Schweigens zog Sophie ihre Mutter plötzlich ein Stück beiseite. Sie flüsterte ihr etwas ins Ohr und deutete auf eine der Schlafzimmertüren.
Zuerst sah Mariama ihre Tochter skeptisch an, doch dann nickte sie zustimmend und wandte sich der Ärztin und Markou zu.
»Sophie hat eine Idee.«