Kapitel 32
M ama und Papa sind bereits am vereinbarten Treffpunkt beim Karussell, als ich mit Lily in der Bauchtrage aus dem Bus steige.
Der Grund, warum ich diesen Ort gewählt habe ist, dass es hier eine Bank gibt, die im Gebüsch versteckt ist. Sie ist immer frei, weil die Leute vergessen haben, dass es sie gibt.
Meine Eltern könnten sie in ein paar Augenblicken brauchen.
Lily und ich sind letzte Nacht im Elsass angekommen und sind direkt ins Hotel gefahren. Ich habe meine Eltern heute Morgen angerufen. Mama hat den Hörer abgenommen. Ich fragte sie, ob sie und Papa mich später im Park am Rathaus treffen könnten. Mama fiel es schwer zu akzeptieren, dass ich in einem nahegelegenen Hotel untergekommen bin. Ich sagte ihr, dass es deshalb sei, weil ich mit jemandem nach Estheim gekommen bin, den sie kennenlernen werden. Sie war einen Moment lang still und verarbeitete meine Ankündigung. Dann setze sie mich darüber in Kenntnis, dass er im Gästezimmer im Haus schlafen könne.
Ich habe es nicht gewagt sie noch mehr zu schockieren, indem ich ihr sagte, dass es eine sie war.
Als ich näherkomme, kann ich meine Eltern in meine Richtung spähen sehen. Die Verwirrung steht ihnen ins Gesicht geschrieben.
Das wird nicht leicht werden.
„Das ist Lily“, sage ich, nachdem Papa mich mit einer engen Umarmung und Mama mit ihrem gewohnten Kuss auf die Stirn begrüßt.
Sie streicheln sie.
„Sie ist süß“, sagt Mama. „Passt du für jemanden auf sie auf?
Ich schüttle den Kopf. „Lily ist mein Kind.“
Sie blinzeln, gehen einen Schritt zurück und lassen sich auf die Bank fallen.
„Ist das ein Witz?“, fragt Papa.
„Nein“, sage ich. „Ich habe sie in Martinique bekommen und war zu feige, es euch zu sagen.“
Für ein paar endlose Momente starren sie nur Lily und mich an und sagen kein Wort.
Dann atmet Mama tief ein. „Wer ist der Vater?“
„Das spielt keine Rolle.“
„Was meinst du mit ‚Das spielt keine Rolle‘?“, schreit Papa.
Wow.
Ich musste meine späten Zwanziger erreichen, damit mein Vater mich anschreit.
Mama sieht so geschockt und verwirrt aus, während sie Lily anstarrt, dass ich Mitleid mit ihr habe.
„Ich wollte, dass ihr sie kennenlernt, bevor wir nach Martinique zurückgehen“, sage ich.
Sie blickt mir in die Augen. „Was? Warum?“
Enge macht sich in meiner Brust breit, die damit droht sich im nächsten Moment in Tränen zu verwandeln. Ich muss meinen Teil loswerden, bevor es soweit ist.
„Es gibt etwas anderes, was ihr über mich wissen müsst“, platzt es aus mir hervor.
Papa lässt den Kopf in seine Hände fallen.
„Als ich auf der Uni war“, sage ich, „habe ich etwas Dummes, sehr Dummes getan, und jetzt ist ein Video da draußen… und jemand wird es im Internet veröffentlichen … und es euch per E-Mail schicken.“
Sie schauen mich fragend an, die Augen aufgerissen, als ob sie sich fragen würden, ob die Frau vor ihnen tatsächlich ihre Tochter ist.
„Bitte öffnet es nicht“, sage ich und meine Stimme ist kurz davor zu versagen. „Bitte schaut euch das Video nicht an.“
Sie sagen nichts.
Ich balle meine Fäuste, ramme meine Nägel in meine Handflächen, um die Tränen zu verzögern.
„Wie konntest du –“, beginnt Papa.
„Es tut mir so leid“, falle ich ihm ins Wort. „Es tut mir so leid, dass ich mich als eine solche Enttäuschung entpuppt habe. Bitte schiebt die Schuld nicht auf euch und ihr sollt bitte auch wissen, dass ich nicht von euch erwarte, dass ihr mir vergebt. Ich wollte nur sagen… Ich liebe euch.“
Ich drehe mich um, verschlucke mich fast an den hochschießenden Tränen und eile auf die Bushaltestelle zu.