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DIE SCHAUFENSTER des winzigen Cafés waren beschlagen, weshalb John den Buchladen auf der gegenüberliegenden Straßenseite kaum erkennen konnte. Trotzdem starrte er weiter hinüber. Sein Blick war ungerichtet; er nahm die altmodischen hölzernen Rahmen um die Schaufenster und die bunte Auslage mit empfohlenen Werken australischer Autoren gar nicht richtig wahr. Die Kellnerin schenkte ihm schweigend Tee nach und lächelte kurz, als er mit dem beinahe um Verzeihung heischenden Gesichtsausdruck eines Tagträumers zu ihr aufblickte.

Er nippte an seinem Tee, seufzte und schaute wieder zu dem Buchladen hinüber. Diesmal blieb sein Blick an dem kleinen Schild neben der Tür hängen. Er konnte es aus der Entfernung nicht lesen, aber er wusste, dass in ordentlicher Handschrift „Unter neuer Leitung“ darauf stand.

„Unter neuer Leitung“, murmelte John mit einem ungläubigen Kopfschütteln. „Ein ‚Tapetenwechsel‘, wahrhaftig. Scheiße.“

John rieb sich müde die Augen und dachte dabei an die Worte seines Arztes zurück: „Ihre Migräne wird nur immer schlimmer werden, wenn Sie Ihren Lebensstil nicht grundlegend ändern. Was Sie brauchen, ist ein Tapetenwechsel … mit anderen Worten, lassen Sie den ständigen Stress Ihres jetzigen Berufes hinter sich. Verlassen Sie Melbourne. Kaufen Sie sich zum Beispiel ein nettes kleines Geschäft auf dem Land oder an der Küste, kommen Sie zur Ruhe, füllen Sie Ihre Zeit mit etwas Einfacherem aus …“

„Gönnerhaftes Arschloch“, fluchte John leise, doch ungeachtet seiner Meinung bezüglich der „Arroganz“ des Arztes hatte er gewusst, dass der Mann recht hatte. Zwar wusste John auch, dass er seinen hart erkämpften Job nicht einfach kündigen konnte, aber er war willens, sich ein Jahr freizunehmen und seinen ‚Tapetenwechsel‘ zu machen, ohne die Stadt zu verlassen, um danach möglichst bald wieder zur Tagesordnung übergehen zu können.

Und so saß er jetzt hier und starrte das „nette kleine Geschäft“ an, das er soeben erworben hatte. Es war nicht unbedingt auf dem Lande, aber das hätte es ebenso gut sein können, bei dieser Lage – in einer stillen Seitenstraße zwischen anderen kleinen Läden und urigen Cafés von der Sorte, die man „bohemien“ nennen würde, weil es zu „trendy“ nicht ganz reichte.

John trank den Tee aus, bezahlte seine Rechnung und überquerte die schmale Straße. Als er die Tür aufstieß, bimmelte eine Glocke und kündigte einer Frau, die hinter dem Ladentisch Lesezeichen sortierte, seine Ankunft an. Sie blickte auf.

Zuerst sah sie nur einen Designer-Anzug, handgefertigte Lederschuhe und kurzes, tadellos frisiertes blondes Haar. Die gesamte Aufmachung deutete auf jemanden hin, der Eindruck zu machen erwartete. Als er näher kam, musste Maggie sich einfach fragen, was dieser Mann mit ihrem kleinen Laden wollte. Er trat an den Ladentisch, und sie lächelte ihn an und fragte: „Mr. McCann?“

John erwiderte das Lächeln. „John, bitte.“

„Ah. Willkommen, John. Ich bin Maggie. Wir haben miteinander telefoniert“, sagte sie, kam hinter dem Ladentisch hervor und führte ihn in die kleine Küche. Mit einer Handbewegung bedeutete sie ihm, am Tisch Platz zu nehmen. „Möchten Sie vielleicht eine Tasse Tee oder Kaffee?“, fragte sie und schwenkte eine Dose mit selbstgebackenen Keksen in seine Richtung. John lehnte beides höflich ab, holte einen Ordner mit Dokumenten aus seiner Aktentasche und breitete die Papiere säuberlich nebeneinander auf dem Tisch aus. Maggie schaute sie an und wurde ganz traurig. Mit einem leisen Seufzer setzte sie sich ebenfalls an den Tisch und sah John an. „Wissen Sie, das alles hier aufzugeben fällt mir viel schwerer, als ich dachte.“

John setzte sein bestes verständnisvolles Lächeln auf. Es war ihm bewusst, dass das Margins ein Familienbetrieb war und dass Maggie erst nach dem Tod ihres Ehemanns beschlossen hatte, das Geschäft aufzugeben und zu ihrer Schwester nach England zu ziehen.

„Immerhin wird wenigstens Jamie noch hier sein, um für mich ein Auge auf den Laden zu haben.“ Sie lachte leise auf, da sie genau wusste, dass ihr Sohn eher ein Auge auf den gut aussehenden neuen Besitzer haben würde.

John hatte Jamie während eines früheren Treffens bereits kennengelernt, da Maggie sich aus geschäftlichen Dingen lieber heraushielt und wusste, dass ihr Sohn sich mit dem Laden bestens auskannte. „Er wird mir bestimmt eine große Hilfe sein. Er kann mir alles zeigen und aufpassen, dass ich kein allzu großes Durcheinander anrichte.“

Maggie lächelte und tätschelte John die Hand. „Da bin ich mir zwar nicht so sicher, aber ihm gefällt es hier, und ich konnte ihn nicht dazu überreden, mit seiner alten Mutter nach England zurückzukehren. Jamie ist hier geboren. Mein Mann und ich sind in den frühen Sechzigern als ‚Zehn-Dollar-Touristen‘ nach Australien gekommen. Leben Sie schon lange hier?“, fragte sie in Anspielung auf Johns nordenglischen Akzent.

„Schon eine ganze Weile“, antwortete John unverbindlich, womit er unmissverständlich klarstellte, dass sein Privatleben nicht Gegenstand dieses Gesprächs war. Hier ging es ums Geschäft.

Maggie schaute den Stift an, den John ihr hinhielt, und seufzte; sie wusste, dass es sein musste und dass sie mit Smalltalk nur das Unvermeidliche hinausschob. Sie nahm den Stift, sagte sich zum x-ten Mal, dass sie das einzig Richtige tat, und unterschrieb die Dokumente.

„In den nächsten paar Tagen werde ich dann noch meine restlichen Sachen aus der Wohnung über dem Laden räumen. Sie sollten in ungefähr einer Woche einziehen können.“ Der Ausdruck von Johns grünen Augen änderte sich plötzlich, und Maggie lächelte milde. „Schauen Sie mal nicht so besorgt drein, John. So ist es für alle am Besten. Sie werden schon sehen.“ Sie sortierte die Dokumente zu zwei Stapeln, einen für sich und einen für John. „Also dann“, verkündete sie, schob ihren Stuhl zurück und stand auf. „Ich gehe jetzt. Bitte sagen Sie Jamie Bescheid, dass ich zur Teezeit wieder da bin.“

Sie nahm ihr Exemplar des unterschriebenen Pachtvertrags an sich, tätschelte John die Schulter und machte sich mit einem letzten Blick zurück auf den Weg zur Tür.

John hörte das Glöckchen bimmeln, als sie hinausging, und allmählich wurde ihm ziemlich flau im Magen. Er sank auf seinem Stuhl zusammen und starrte auf seine Unterschrift auf den ordentlich gestapelten Dokumenten.

„Hey, Mann, jetzt guck‘ nicht so besorgt“, neckte Jamie, als er in die Küche kam. John lächelte den gut aussehenden jungen Mann an. Er hatte zwar beschlossen, sich auf nichts einzulassen, aber dennoch war er nicht ganz immun gegen kecke braune Augen und einen dunklen Lockenkopf.

„Das hat deine Mutter auch gesagt“, seufzte er und blickte dann zu der Gestalt im Türrahmen auf. „Los komm. Zeig mir, wie das hier so läuft.“

„Zeit, den neuen Boss zu beeindrucken, was?“, grinste Jamie.

„Oder mich wenigstens zu beruhigen, dass ich hier nicht gerade dabei bin, die größte Dummheit meines Lebens zu machen.“ John schüttelte den Kopf und folgte Jamie hinaus in den Laden.

Das Margins wirkte zwar auf den ersten Blick klein und vollgestopft, war aber eigentlich ziemlich groß – was natürlich dazu verführte, noch mehr hineinzustopfen. Der Laden war der reinste Kaninchenbau mit seinen vielen kleinen Nischen, die jeweils bestimmten Formaten oder Genres gewidmet waren und einem das Gefühl gaben, sich durch mehrere Räume zu bewegen. Als John ein umgefallenes Bilderbuch wieder richtig hinstellte, wurde ihm bewusst, warum der Laden eine solche Anziehungskraft auf ihn ausübte: Das Margins ähnelte einem Buchladen, in dem John als Kind oft gewesen war. Er hatte es sich nie leisten können, dort etwas zu kaufen.

„Ein verdammtes Paradies für jeden Ladendieb“, grummelte John vor sich hin. Er wollte sich nicht durch nostalgische Gefühle ablenken lassen. Jamie tat so, als hätte er den Kommentar nicht gehört und führte ihn in die nächste Abteilung.

John ließ seine Hand über das dunkle, polierte Holz der hohen Regale gleiten; es fühlte sich unter seinen Fingern alt und solide an. Die Regale gaben ihm ein Gefühl von Ruhe und Sicherheit. Aber praktisch sind sie nicht. „Diese alten Regale sind ein Problem; die werden sich nicht so leicht bewegen lassen.“

Jamie sah ihn stirnrunzelnd an. „Komm schon, Mann. Versuch’s doch erst mal so. Wir mussten in der ganzen Zeit nie was umstellen.“

John erkannte, dass er einen Nerv getroffen hatte, und sprach in sanfterem Ton weiter. „Wie ich sehe, bietet ihr eine breite Auswahl an Büchern an …“

„Die Kunden wissen es zu schätzen, dass wir uns auf schwer zu findende Bücher und kleine lokale Verlage spezialisiert haben“, unterbrach Jamie.

„Ja, aber ist das profitabel?“, fragte John in irritierend verbindlichem Tonfall.

„Du hast doch die Abrechnung gesehen; wir machen fast jede Woche Plus. Wir haben viele Stammkunden.“

John fand es besser, das Thema eine Weile ruhen zu lassen. Er legte Jamie eine Hand auf die Schulter. „Na komm schon, Mann. Wo geht’s weiter?“

Jamie führte ihn in den hinteren Teil des Ladens in einen Bereich mit gebrauchten Büchern – hauptsächlich Romane, aber in einigen Regalen standen auch Sachbücher. John runzelte die Stirn beim Anblick zweier alter lederner Ohrensessel. Die mussten raus. Die Kunden sollten Bücher kaufen und wieder gehen, nicht herumsitzen wie in einer öffentlichen Bibliothek.

„Dieser Bereich nimmt eine Menge Platz weg und bringt wenig Gewinn“, murmelte John halb zu sich selbst. „Hier wären die Sonderposten und Schnäppchen gut aufgehoben.“

John bemerkte Jamies angewiderte Miene, sagte aber nichts dazu; er verspürte geradezu eine Welle der Erleichterung darüber, dass sein Geschäftssinn erwacht war und er sich nun wieder auf vertrautem Gebiet bewegte.

„Aber das kann warten.“ John drehte sich um und ging wieder in den vorderen Bereich des Ladens zurück. „Erst einmal treffe ich mich zum Mittagessen mit einem Geschäftspartner. Ich bin in einer Stunde wieder zurück, dann kannst du mich in die Abläufe des Bestellvorgangs einführen.“

Jamie sah ihm nach, bis er durch die Tür war, und ließ sich dann gegen die Wand sinken. Er wandte den ramponierten Ohrensesseln das Gesicht zu und seufzte: „Das wird nicht einfach.“

 

 

WÄHREND DES Mittagessens in einem teuren Restaurant in den Docklands ging es um die „zeitweilige“ Übergabe von Johns Portfolio. Das war vertrautes Gebiet und bestärkte John in seinem Vorhaben, das Margins zu einem profitableren Unternehmen zu machen. Er hatte keineswegs vor, sich von einer verführerischen Kindheitserinnerung daran hindern zu lassen. Er hatte die Straßen von Bradford schon lange hinter sich gelassen und würde auf keinen Fall dorthin zurückkehren.

Es war später Nachmittag, als John die Tür aufstieß und auf den Ladentisch zukam, wo Jamie gerade die neuesten Rechnungen durchging. Jamie hob den Kopf, schaute auf die Uhr und ließ dann ein freches Grinsen aufblitzen. „Da war wohl eine ganze Menge Geschäftliches zu besprechen.“

John machte ein finsteres Gesicht, doch irgendwie fiel es ihm schwer, Jamie zurechtzuweisen. Stattdessen zog er sein Jackett aus, beugte sich über Jamies Schulter und musterte die nächstbeste greifbare Rechnung. „Dann fang‘ ich wohl besser gleich an, mich einzuarbeiten, hm?“

Jamie wandte ihm das Gesicht zu und sagte mit einem spitzbübischen Lächeln: „Ich bin sicher, du merkst bald, dass du dir einen guten Lehrer ausgesucht hast.“

„Oh, ich wette, du kannst mir so einiges beibringen“, lachte John; er war sich nicht sicher, ob Jamie wirklich mit ihm flirten oder sich nur beim Boss beliebt machen wollte. „Aber wie wär’s, wenn wir vorher erst mal das Bestellsystem durchgehen würden?“

Jamie versuchte, ein schockiertes Gesicht zu machen, versagte aber kläglich und kicherte: „Das Bestellbuch ist hinten; ich geh’s mal holen.“

„Nein, ich geh‘ schon. Ich muss lernen, mich alleine zurechtzufinden.“

Jamies Gesichtsausdruck änderte sich rasch, und er versuchte, nein zu sagen, aber John war schon um den Ladentisch herum.

Als John sich dem hinteren Bereich des Ladens näherte, fiel sein Blick auf einen sehr ungepflegt aussehenden Mann, der in einen Secondhand-Roman vertieft in einem der großen Ledersessel saß. Im ersten Moment schaute John instinktiv weg, aber dann konnte er nicht anders, er musste diesen Mann einfach anstarren. Die diversen Schichten seiner Kleidung starrten vor Dreck; seine schmutzigen nackten Füße hatte er teilweise untergeschlagen und neben seinem Sessel stand ein Paar schäbiger Redback-Stiefel auf einem zum Platzen vollgestopften Rucksack. Sein schulterlanges Haar hätte dunkelblond sein können, wenn es sauber gewesen wäre, aber es hing in verfilzten braunen Zotteln herab. Der Mann schaute kurz auf, doch als er Johns Blick begegnete, senkte er den Kopf sofort wieder.

Jamie hatte John mit angehaltenem Atem beobachtet, und als er ihn einen Schritt auf den Sessel zu machen sah, rief er rasch: „Äh, John, kannst du mal bitte kommen? Äh, anscheinend gibt’s hier ein Problem mit einer Bestellung.“

John zögerte kurz und musterte stirnrunzelnd den Mann, der sich alle Mühe zu geben schien, in seinem Ledersessel zu versinken. Doch dann drehte er sich um und kam zu Jamie zurück. „Was für ein Problem?“, brummte er.

„Oh … äh … eigentlich gar keins.“ Dann wusste Jamie nicht weiter, also holte er tief Luft und sagte: „ Das ist David.“

John verschränkte lediglich die Arme vor der Brust und wartete.

„Okay … Mum hat ihn ein paarmal vor dem Schaufenster gesehen, wie er sich die Bücher angeguckt hat. Sie sagt, er hätte so verfroren gewirkt … und traurig.“ Jamie machte eine Pause, um Johns Reaktion zu beurteilen. Da keine kam, sprach er weiter. „Also hat sie ihn eines Tages mal gefragt, ob er nicht reinkommen will. Er hat ein bisschen gelächelt, ist aber weggegangen. Am nächsten Tag hat Mum ihn wiedergesehen. Sie gibt nicht so leicht auf, meine Mum, also ist sie rausgegangen und hat ihn überredet. Genau genommen hat sie ihn fast reingezerrt. Sie hat ihm gesagt, dass er gerne die gebrauchten Bücher lesen kann und gleich am nächsten Tag hat sie diese ramponierten alten Sessel gekauft. Deshalb kommt David jetzt jeden Tag zum Lesen …“

Bei Jamies Redefluss runzelte John die Stirn. „Hört sich an, als hätte deine Mutter ein zu weiches Herz, Jamie.“

Jamie wusste, dass das stimmte. Aber er konnte den Gedanken nicht ertragen, David sagen zu müssen, dass er nicht mehr willkommen war.

„Sieh mal, John, ich weiß, dass das hier jetzt dein Laden ist, aber David ist harmlos. Er riecht ein bisschen streng, ist aber richtig nett, wenn man ihn zum Reden kriegt.“

John wirkte nicht überzeugt; anscheinend machte er sich Sorgen, ob David ihm eventuell die zahlende Kundschaft vergraulen könnte. Jamie trat ängstlich von einem Fuß auf den anderen und überlegte, wie er sich John sonst noch begreiflich machen konnte. Schließlich fasste er einen Entschluss, holte tief Luft und schlug John vor, ihn mit David bekannt zu machen. John verdrehte die Augen und schüttelte den Kopf, folgte aber seinem jungen Assistenten in den hinteren Teil des Ladens, da es Jamie ja offensichtlich so wichtig war.

John war seltsam nervös, als sie sich den Sesseln näherten. Trotz der Haarsträhnen, die ihm ins Gesicht hingen, und trotz des struppigen Barts konnte John sehen, dass der Mann ungefähr in seinem Alter war, aber da endete die Ähnlichkeit auch schon. John hatte nicht die geringste Ahnung, worüber er mit diesem Mann überhaupt reden sollte.

Jamie setzte sich in den Sessel neben David, der von seinem Buch aufblickte und lächelte. „Hey, Davey. Was liest du da?“ Anstatt zu antworten, zeigte David ihm den Einband seines Buches und warf John zugleich einen argwöhnischen Blick zu. Jamie folgte seinem Blick und sagte: „Das ist John. Ich hab‘ dir doch erzählt, dass Mum den Laden verkaufen will, weißt du noch? Also, John ist der neue Besitzer.“ David sah nicht so aus, als beruhigte ihn diese Information, aber er murmelte ein leises „Hi“, ohne John in die Augen zu sehen.

Aus irgendeinem Grund brachten Davids Augen John aus der Fassung; er konnte ihrem Blick nicht standhalten. Vielleicht war David eine Art Mahnmal für einen anderen Weg, ein „Das hätte dir auch passieren können“ oder … John hätte nicht sagen können, warum, aber David war jemand, den er nicht in seiner Nähe haben wollte. Nach einem gegrunzten „Hallo“ erinnerte John Jamie daran, dass er ihm immer noch die restlichen Bestellungen des vergangenen Monats zeigen musste, und ging zurück zum Ladentisch. Kaum kehrte er ihnen den Rücken zu, hörte er Jamies verschwörerisches Flüstern: „Der wird schon noch, Dave. Er wirkt nur so grantig, weil er noch nicht an uns gewöhnt ist.“

Bei diesem Kommentar zog John die Augenbrauen hoch und rief: „Jamie! Komm schon!“

Als er sich nach Jamie umschaute, ertappte John ihn dabei, wie er David etwas ins Ohr flüsterte. Dann kicherte er und kam zum Ladentisch getrabt.

„Er ist ein guter Kerl, John. Bitte schmeiß ihn nicht raus“, bat Jamie, als er John eingeholt hatte.

„Deine Mum ist nicht die einzige, die ein viel zu weiches Herz hat“, erwiderte John, aber wenigstens lächelte er dabei. Er hatte bereits beschlossen, sich ein andermal mit dem Problem „David“ zu befassen.

 

 

FÜR DEN Rest des Tages saß John an dem kleinen Tisch neben der Ladentheke, ging das Bestellsystem durch, rief Lieferanten an und stellte sich vor. Dabei fühlte er sich wohl, und allmählich begann er die kommenden zwölf Monate wenigstens für machbar zu halten. Den ganzen Tag über waren stetig Kunden gekommen und gegangen, aber die hatte er alle Jamie überlassen. John lächelte über Jamies Mischung aus Gelassenheit und Enthusiasmus im Umgang mit der Kundschaft; ganz offensichtlich war er allgemein beliebt, vor allem bei den älteren Frauen. Er war definitiv eine Bereicherung für das Geschäft.

Kurz vor Ladenschluss ging eine stille Gestalt an der Theke vorbei. Als John aufblickte, sah er David, Stiefel wieder an den Füßen und den abgenutzten Rucksack über der Schulter, Kopf gesenkt. Er wich sorgfältig Johns Blick aus, als er den Laden verließ. John runzelte die Stirn. Ich muss wirklich was gegen ihn unternehmen.

Als er wieder von der Tür wegschaute, fing er einen besorgten Blick von Jamie auf. John weigerte sich, den Blick zur Kenntnis zu nehmen und sagte nur: „Also, Jamie, jetzt haben wir unseren ersten gemeinsamen Tag überlebt. Ich finde, es wird Zeit, dass wir den Laden zusperren und heimgehen.“

Jamie ließ den Knoten in seinem Magen aufgehen, atmete aus und ging zur Tür, um das Schild von „Geöffnet“ auf „Geschlossen“ zu drehen. Er machte eine Show aus dem Abschließen der Tür, dann schaute er John an, wackelte mit den Augenbrauen und sagte: „Morgen lassen wir dich auf die Kunden los.“

John schüttelte den Kopf und stöhnte: „Oh, Scheiße.“