JOHN HATTE die Bücher im Bestseller-Regal innerhalb von zwei Stunden schon zweimal neu sortiert, und jetzt ertappte er sich schon wieder dabei, nach dem nächststehenden Roman zu greifen. Hastig zog er seine Hand zurück und steckte sie in die Hosentasche, als könnte er mit der raschen Bewegung seine eigentliche Absicht widerlegen. Er starrte die ordentliche Auslage an und verzog dann das Gesicht bei seinem plötzlichen, unerwarteten Bedürfnis, sich sinnlos beschäftigt zu halten. Das war nicht seine Art; ja, er konnte methodisch sein, aber er hatte immer ein Ziel, verfolgte immer einen Zweck.
Er kam nicht zur Ruhe, und schlimmer noch, er hatte keine Ahnung, warum er so rastlos war.
Im Laufe des Tages wurde Johns innere Unruhe immer größer, bis sie ihm wie ein Stein im Magen lag, und Jamie ging ihm bald wohlweislich aus dem Weg. Es war fast Mittag, als John beim vertrauten Bimmeln der Türglocke aufblickte und David hereinkommen sah.
John sah zu, wie David gewissenhaft die Tür hinter sich zumachte und war überrascht, als der Knoten in seinem Inneren sich aufzulösen begann. Es erschreckte ihn, wie erleichtert er war, David zu sehen. Erst da wurde ihm bewusst, dass er lächelte und die Hand zu einem leichten Winken erhoben hatte. Plötzlich verlegen ließ John seine Hand sinken, aber David warf ihm ein halbes Lächeln zu, ehe er den Kopf wieder senkte und seinen Zufluchtsort im hinteren Teil des Ladens aufsuchte.
Jamie steckte den Kopf aus dem Hinterzimmer und fragte: „War das Dave?“
John war ganz durcheinander und nicht darauf gefasst, aber er schaffte es, ein „Ja“ zu grummeln.
„Cool. Hier ist dein Tee, und kannst du die Tasse da David bringen? Ich hab‘ ihm einen Kaffee gemacht, weil’s letzte Nacht so kalt war.“
John zögerte. Verdammt noch mal. Er wusste, dass Jamie das absichtlich tat, um es John schwerer zu machen, David rauszuschmeißen. Er hätte am liebsten „nein, keine Zeit“ gesagt, aber Jamies Blick forderte ihn geradezu heraus, genau das zu tun.
John nahm die beiden Becher und warf Jamie seinerseits einen vernichtenden Blick zu. Er stürmte auf den hinteren Bereich des Ladens zu, wobei er mehr als nur ein paar Tropfen verschüttete. Was er hier gerade tat, widerstrebte ihm wirklich, obwohl er nicht einmal genau bestimmen konnte, wieso er sich in Davids Nähe so unwohl fühlte.
David hatte bereits seine Stiefel ausgezogen und sich mit einem Buch in der Hand im Schneidersitz auf einem Sessel niedergelassen. Johns Aufmerksamkeit war zu dem roten Lesezeichen abgeschweift, als David den Kopf hob und ihn fragend ansah. Mit einem Kopfnicken deutete John auf den Becher und verkündete: „Jamie hat dir Kaffee gemacht.“
David nahm den Becher schweigend entgegen und wärmte sich die Finger daran. Da das nun erledigt war, hätte John sich eigentlich zurückziehen können, aber aus irgendeinem unerfindlichen Grund überlegte er es sich anders und setzte sich in den anderen Ledersessel.
„Darf ich fragen, was da gestern Abend los war, als wir angehalten haben?“, forschte John.
Eine Zeit lang sah David ihn nur an. So lange, dass John schon glaubte, er würde keine Antwort bekommen und sich zum Gehen bereit machte. Dann sagte David so leise, dass John sich anstrengen musste, um alle Worte verstehen zu können: „Bloß ein paar Kids, die zuviel getrunken hatten, nichts weiter.“
John entging es nicht, dass David nur widerstrebend antwortete, aber er fragte trotzdem weiter. „Haben die dich drangsaliert?“
„So was kommt vor.“ David zuckte die Achseln.
John verengte die Augen bei dieser, seiner Meinung nach, zu leichtherzigen Antwort. Er hätte fast weiter nachgebohrt, aber dann schlug er eine andere Tonart an und sagte stattdessen: „Jamie ist ein guter Junge. Gestern Abend hat er sich halb aus dem Autofenster gehängt auf der Suche nach dir.“
David lächelte wehmütig. „Jamie und seine Mutter waren beide gut zu mir. Ich werde Maggie vermissen.“
Dabei stellte David zum ersten Mal während dieses Gesprächs direkten Blickkontakt her. John war so verblüfft über die Eindringlichkeit in diesen hellgrauen Augen, dass er ihrem Blick nicht standhalten konnte und stattdessen auf seine Hände schaute, die seinen Teebecher fest umklammerten. „Ja“, murmelte er. „Gestern Abend hast du zu Jamie gesagt, dass du ins Obdachlosenheim wolltest, aber ich hab‘ dich später noch gesehen.“
Davids Blick wurde schärfer; er fragte sich, was genau John damit sagen wollte. „Ich bin hingegangen, aber im Winter sind dort nie viele Betten frei und es war kein Platz.“
John rutschte unbehaglich auf seinem Sessel hin und her. Das hier bewegte sich gerade auf ein Gebiet zu, wo es ihm gar nicht gefiel. Mit David war einfacher umzugehen, wenn der nur ein übel riechender Penner war, der im Laden wertvollen Platz wegnahm. John wusste, dass diese Augen immer noch auf ihn gerichtet waren. Trotz seines Widerstrebens, die Antwort zu hören, fragte er mit sanfter Stimme: „Und was passiert, wenn es dort voll ist?“
„Hängt vom Wetter ab, würde ich sagen. Manchmal ist es im Park okay, aber Ladeneingänge sind im Winter eine gute Möglichkeit. Halten den Wind ab und du bleibst trocken.“
„Aber man lässt dich dort nicht bleiben …“
David legte den Kopf schräg und strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr. Warum hört dieser Mann mir zu?
„Ist das gestern Abend auch passiert?“ John hob den Blick von seinen Händen und schaute in Richtung Verkaufsraum, wo Jamie sich herumdrückte und so tat, als spitzte er nicht die Ohren.
David zuckte nur wegwerfend die Achseln und konstatierte: „Behinderung des Fußgängerverkehrs auf einem öffentlichen Weg.“
John fühlte sich völlig überfordert. Er schüttelte nur langsam den Kopf und nippte an seinem Tee. Er war sich bewusst, dass David ihn mit einer gewissen Neugier anschaute, blickte aber nicht auf, da er wusste, dass David seinem Blick ausweichen würde.
John hörte das Telefon klingeln, und gleich darauf rief Jamie nach ihm. Als er aufstand, lächelte er David an und fühlte sich ganz unverhofft gewärmt, als das Lächeln erwidert wurde.
DER REST des Nachmittags verlief überraschend mühelos, obwohl John sehr wohl merkte, mit welchem Genuss Jamie ihn den „Stammkunden“ vorstellte. Manche waren höflich und anständig, während andere jede Einzelheit sowohl über sein jetziges als auch sein früheres Leben wissen wollten. Er konnte gar nicht mehr zählen, wie viele Leute ihn für einen Verwandten von Maggie hielten, nur weil sie beide aus England kamen. „Nun ja, es ist schließlich wirklich ein sehr kleines Land.“ John überlebte sogar das Kreuzverhör des örtlichen Pensionärs-Buchclubs.
Er war überrascht, dass Davids Gegenwart in der Secondhand-Abteilung anscheinend niemanden allzu sehr störte, obwohl einige Kunden ihn ganz offensichtlich ignorierten oder mieden. David nahm das alles einfach hin und blieb in sein Buch oder seinen vielgenutzten Skizzenblock vertieft. Mit einem Anfall von Schuldgefühl stellte John sich der Tatsache, dass er einer von denen war, die wegschauten und so taten, als wäre der schmutzige Mann in den zerlumpten Kleidern gar nicht da.
Es war falsch, dass David für diese Leute unsichtbar war, für John unsichtbar gewesen war.
Als der letzte Kunde den Laden verließ, verschränkte John die Hände im Nacken, wo sein helles Haar in einen feinen Flaum überging, und reckte seine müden Glieder. Er war kaputt, aber er musste zugeben, dass er sich wohlfühlte. Er warf Jamie ein breites Grinsen zu und sagte: „Ich glaube, ich krieg‘ das hier so langsam in den Griff.“
Jamie warf ihm einen belustigten Blick zu. „Hast dich eindeutig schon gebessert, McCann, aber du bist noch lange nicht auf meinem Niveau.“
„Frechdachs!“, lachte John und schlug spielerisch nach Jamie, der mühelos außer Reichweite sprang. „Hey, magst du heute Abend mit mir was essen gehen?“
„Ist das das ‚andermal‘, hm?“, neckte Jamie.
„Schon möglich. Kennst du zufällig ein nettes Lokal in der Nähe?“
„Oh ja, da weiß ich genau das Richtige“, schwärmte Jamie. Er wippte auf den Zehenspitzen vor Begeisterung.
John lachte gerade über Jamies offenbar grenzenlose Energie am Ende eines langen Tages, als er David vorbeigehen sah, der ihnen zum Abschied zunickte. Augenblicklich wandte Jamie ihm seine Aufmerksamkeit zu. „Nacht, Dave. Laut Wetterbericht soll’s heute Nacht mild werden, das ist doch gut, oder?“
David blieb stehen und lächelte Jamie an. „Ja, das ist gut.“
„Ähm, hör mal“, sagte John und blickte zwischen David und Jamie hin und her. „Ich lade Jamie heute zum Abendessen ein. Möchtest du mitkommen?“
Jamie war sichtlich verblüfft über Johns Angebot, aber es schien ihn nicht zu wundern, dass David sich mit leiser Stimme bedankte, das Angebot ablehnte und ging.
„Was hat er für ein Problem?“, grollte John, ungehalten über die Zurückweisung. „Ich dachte, er findet mich inzwischen okay. Ich meine, er … Scheiße. Ich weiß nicht.“
Jamie blieb stehen und schaute John eine Zeit lang nur an, während er sich im Geiste die Worte zurechtlegte. Schließlich sagte er mit verhaltener Stimme: „Ich glaube, er geniert sich, John.“
„Er geniert sich? Wie meinst du das?“
„David ist nicht dumm. Er weiß, dass die meisten Lokale Leute wie ihn nicht reinlassen würden. Scheiße, selbst die Fast-Food-Läden schicken die Obdachlosen weg.“
John verspürte einen Anflug von Scham über seinen Mangel an Feingefühl. „Ich hab‘ nicht nachgedacht, Jamie. Tut mir leid.“
Jamie nickte leicht, sagte aber: „Hey, wenigstens gibst du dir Mühe. Na, komm schon, Boss. Du schuldest mir ein Abendessen.“
JOHN LACHTE, als er Jamies „perfektes Lokal“ sah. „Nicht zu fassen, dass du ein englisches Pub gefunden hast.“
„Na, und ob! Mein Dad hat uns immer für das Spiel der Woche hier reingeschleppt.“ Jamie grinste über die Schulter. „Hier gibt’s sogar diese fiese Blutwurst von deinem Ende der Welt.“
„Sag nix gegen Blutwurst, Kumpel.“ John lachte leise, als sie die Tür aufstießen und die lärmerfüllte Bar betraten. „Verdammt, Ale vom Fass und Fußball in der Glotze … ich bin gestorben und in den Himmel gekommen.“
„Oder du bist gestorben und nach Bradford gekommen. Ich wusste doch, dass dieser schnieke Akzent nicht echt ist.“
„Du hast keine Ahnung, wie viel Mühe es mich gekostet hat, den ‚Burschen‘ in Bradford zu lassen.“
Jamie wollte schon antworten, da sah er, dass gerade ein Tisch neben dem Kamin frei wurde. „Ja! Komm, komm“, rief er begeistert und zerrte John durchs Gedränge, bis sie den Tisch erreicht hatten. „Super Platz hier; warmes Feuer und guter Blick aufs Spiel.“
Das Abendessen bestand aus nahezu perfekt englischen Fish and Chips, und danach machten sie es sich gemütlich, um sich das Spiel anzuschauen. Es war jedoch noch nicht mal Halbzeit, als Jamie sich John zuwandte und fragte: „Also, hast du eine Freundin … oder einen Freund?“
John verschluckte sich fast an seinem Bier. „Scheiße!“, hustete er. „Du redest nicht lang um den heißen Brei herum, was?“
Jamie lachte nur und trank sein Glas leer. „Na ja, wer nicht fragt, erfährt nichts, oder? Also, wie sieht’s aus?“
John schüttelte den Kopf und ließ sein Lächeln vom Gesicht rutschen. „Ich habe so eine Art Freundin.“
„Was soll das heißen … eine ‚Art‘ Freundin?“, forschte Jamie.
John seufzte. „Marian und ich ‚gehen‘ schon seit ein paar Jahren miteinander, aber vermutlich nur, weil es für uns beide zweckdienlich ist. Wir sind nützlich füreinander.“
„Nützlich? Das klingt abgefuckt, John“, sagte Jamie mit offensichtlicher Abscheu.
„Nun, ich hab‘ nicht gesagt, dass es wahre Liebe ist“, sagte John, zog eine Grimasse und trank sein Bier aus. „Außerdem hab‘ ich nicht gesagt, dass wir ausschließlich miteinander Sex haben.“
Jamie starrte ihn für einen Moment nur an, dann brach er in Gelächter aus. „Na, dann wollen wir mal; das Spiel ist sowieso langweilig.“ Jamie sprang auf, schnappte sich seine Jacke und marschierte zur Tür.
John nahm zufrieden seinen angenehmen Schwips zur Kenntnis, als sie die Wärme des Pubs verließen und sich draußen gegen die Eiseskälte aneinander kuschelten. Die Nacht war keineswegs so mild, wie der Wetterbericht versprochen hatte.
„Scheiße, es ist verflucht kalt heute Nacht“, schimpfte Jamie, löste sich von John und rannte zum Auto. „Komm schon, Mann. Lass mich ins Auto, bevor ich mir noch was abfriere.“
John drückte den Knopf an seinem Schlüsselanhänger und lachte über Jamies uneleganten Sprung auf den Beifahrersitz. Wie üblich durchstöberte er die CDs, bis er eine einigermaßen akzeptable fand und in den Player schob. Als John vom Parkplatz fuhr, lehnte Jamie schon mit geschlossenen Augen an der Kopfstütze und sang aus voller Kehle mit.
Er sang immer noch, als John vor Jamies Wohnhaus die Handbremse anzog. Jamie drehte den Kopf, warf John ein freches Grinsen zu und brachte den Song zu Ende, und John lachte leise.
Er nahm dieselbe Haltung ein wie Jamie und fragte: „Bin ich heute auch eingeladen?“
Jamies Grinsen wurde breiter, und er wackelte mit den Augenbrauen, dann lachte er los. „Oh, Scheiße. Ich krieg‘ keinen sexy Blick hin, wenn ich blau bin.“
John wollte eigentlich widersprechen, ertappte sich aber stattdessen dabei, Jamie mit den Fingern am Hals entlang zu streichen. Er beugte sich vor und ließ seine Zunge dem Weg seiner Fingerspitzen folgen. Leider hatte John gerade erst mit seiner „grandiosen“ Verführung angefangen, als Jamie in betrunkenes Gekicher ausbrach.
„Tut mir leid … entschuldige“, sagte Jamie und versuchte verzweifelt, seine Heiterkeit zu unterdrücken, indem er sein Gesicht in Johns Halsbeuge vergrub. John war leicht verwundert über Jamies Reaktion, doch er grinste an seinem Haar und sagte: „Wird Zeit, dass wir raufgehen, glaube ich.“
Für den Weg nach oben brauchten sie etwas länger als erwartet. Jamie schaffte es, seinen Schlüssel zu orten und die Tür zu öffnen. Aber kaum waren sie im Foyer, ging er auf John los, schubste ihn an die Wand mit den Briefkästen und lehnte sich mit dem ganzen Körper gegen ihn. John wühlte seine Finger in Jamies dunkles Haar und fragte mit einem amüsierten Schmunzeln: „Hast du was Bestimmtes vor? Oder willst du dich auf mir nur ein bisschen ausruhen, ehe du die Treppen in Angriff nimmst?“
Jamie rieb einladend seinen Unterleib an John und wünschte sich, sie wären in ihren Jacken nicht so dick eingemummt. „Ich hab‘ eine ganze Menge vor; ich muss nur erst rausfinden, wie ich die blöde Treppe hochkommen soll“, kicherte er ziemlich atemlos.
John umfasste Jamies Gesicht mit beiden Händen und sah ihn kopfschüttelnd an, dann lachte er und drehte ihn mit dem Gesicht in die richtige Richtung. „Geh voran, James.“
Unter viel Gelächter und nach einigen alkoholbedingten Fehlstarts schafften sie sowohl die Treppe als auch die Wohnungstür. Als sie erst einmal in der Wohnung waren, begann Jamie an Johns Hemdenknöpfen herumzufummeln, bekam aber keinen davon richtig zu fassen. „Scheiße, meine Finger funktionieren nicht“, lachte er.
John befreite sich rasch aus seiner Jacke, dann streifte er auch Jamie die Jacke ab und warf sie über den nächstbesten Sessel. Er schlang Jamie einen Arm fest um die Taille und knurrte: „Jacken sind weg.“
Jamie grinste und presste sich erneut mit dem ganzen Körper an John. „Viel besser.“ Er fand es herrlich, wie sie sich gegenseitig wärmten. Jamie stöhnte leise und schob seine Hand unter Johns Hemd.
Obwohl Jamie vorhin das Für und Wider von Sex mit dem neuen Boss durchaus kritisch erwogen hatte, umgab John eine Traurigkeit, die kein noch so draufgängerisches Benehmen verbergen konnte. Irgendwas an ihm verriet, dass er das hier heute Abend brauchte.
Außerdem, argumentierte Jamie, ein paar Drinks und diese sexy grünen Augen …
Ein tiefes Summen drang über Johns Lippen, als Jamie die Finger an seiner Brust weiter nach oben wandern ließ und mit den Fingernägeln leicht über Johns Nippel fuhr. „Verdammt, Junge. Ich glaube, du zeigst mir mal besser dein Schlafzimmer.“
Jamie hielt sich gerade lang genug zurück, um John durchs Wohnzimmer in sein Schlafzimmer ziehen zu können; jedoch änderte sich die Dynamik ganz schnell, kaum dass sie die Schwelle überschritten hatten. Johns Hände schlossen sich um Jamies Oberarme, wirbelten ihn herum und drückten ihn rücklings an die jetzt geschlossene Tür. Jamie blieb kaum Zeit zum Atemholen, da zerrte ihm John schon das Shirt über den Kopf und riss sich seins mit derselben Hast vom Leib.
Jamies Kopf sank nach hinten an die Holztür, als John leicht an seinem Hals knabberte. Er spürte, wie sich Hände an seinem Hosenschlitz zu schaffen machten und wühlte seine Finger blindlings in Johns Haar. Obwohl er zwischen Johns Körper und der Tür klemmte, hatte Jamie genug Bewegungsfreiheit für seine Hüften und Beine, um seine Hosen fallen lassen zu können. Währenddessen versuchte er ständig, John an sich zu ziehen und zu küssen. Aber John wollte davon anscheinend nichts wissen; er drückte ihn mit einer Hand wieder rücklings an das Hartholz der Tür und befreite sich mit der anderen rasch aus seinen restlichen Klamotten.
„Scheiße“, stöhnte Jamie und zog John an den Haaren, um ihn ein wenig zur Zurückhaltung zu mahnen. „Ich krieg‘ hier noch Splitter in den Arsch, verdammt!“
John lachte, trat aus seinen fallengelassenen Hosen und fuhr mit beiden Händen an Jamies seidenglatten Flanken entlang bis zu der zarten Falte zwischen Hintern und Oberschenkel. Er zog eins von Jamies Beinen hoch und schlang es sich um die Hüfte, dann musste er sich erst wieder ins Gleichgewicht bringen, ehe er das andere Bein anheben konnte. Jamie stöhnte auf, umklammerte John mit den Beinen und setzte sich zurecht, bis er sicher in Johns starken Armen ruhte und John sich mit ihm zum Bett umdrehen konnte.
Ächzend vor Anstrengung schaffte John es, sich aufs Bett zu knien, wo er sich dann mit Jamie zusammen sicher auf die Matratze herabsenkte. Für einen Moment blieb er still liegen, sowohl um wieder zu Atem zu kommen als auch um kurz nachzudenken und wenigstens einen Anflug von Beherrschung zurückzugewinnen. Letzteres war schwierig, da Jamie den Mund an Johns Kehle hatte und seine Hüften rhythmisch an Johns Schwanz rieb. „Oh Gott, Jamie, wenn du so weiter machst, ist das hier vorbei, bevor es richtig angefangen hat.“
Jamie wusste ganz genau, welche Wirkung er auf John ausübte und genoss es, vorübergehend ein bisschen Macht über ihn zu haben. Aber nach einem weiteren frechen Hüftschwung löste er seine Beine von John, streckte sich nach dem Nachttisch und holte ein Kondom und Gleitgel aus der Schublade. Er riss die Verpackung auf, griff nach Johns bereits schmerzendem Schwanz und begann ihn zu streicheln.
„Nein, das machst du nicht“, murmelte John und hielt Jamies Hand fest. „Dreh dich um.“
Ohne Widerspruch legte Jamie sich auf den Bauch; insgeheim genoss er das köstliche Gefühl, seinen bereits triefenden Schwanz an den Stickereien des schweren Quilts zu reiben. Er versuchte einen weiteren wollüstigen Stoß in den Stoff, aber Johns Arm umschlang seine Taille und zerrte unsanft seine Hüften hoch. Jamie wölbte sich Johns Berührung und den kühlen Fingern, die zwischen seine Hinterbacken glitten, entgegen.
John hielt inne und musterte den schönen Mann, der sich seiner Hand entgegendrängte. Das ist keine gute Idee. Aber die quälende Sehnsucht seines Körpers machte rasch sämtliche Zweifel zunichte. Er umkreiste Jamies Öffnung aufreizend mit zwei Fingern, übte langsam immer mehr Druck aus und stieß sie schließlich hinein.
„Fuck“, grunzte Jamie. Er versuchte sich aufzubäumen und stemmte sich den tastenden Fingern entgegen. Johns Zunge benetzte langsam seine Unterlippe, während er zusah, wie Jamies Hüften sich im Gleichtakt mit seinen Fingern bewegten. Er wusste, dass er nicht mehr warten konnte. Schnell zog er seine Finger heraus und streifte sich das Kondom über; er fluchte, da Gleitgel und Hast die Angelegenheit schlüpfrig machten.
Jamie stützte den Kopf auf seine Unterarme, als John ihn an den Hüften packte. Das Eindringen kam hart und ohne Zögern, aber Jamie hielt still. Er war normalerweise nicht so passiv, doch er wusste, dass John genau das jetzt wollte, brauchte.
Atmen war schwierig, so tief in Jamie vergraben. Die Lust überwältigte ihn fast und John kämpfte dagegen an, atmete lang und zittrig aus. Seine Finger schlossen sich fester um Jamies Hüftknochen, und mit einem beinahe erbitterten Knurren zog John sich gerade weit genug zurück, um sich erneut in seinen gefügigen Partner hineinrammen zu können. „Oh, fuck“, keuchte Jamie in die schweißnasse Haut seiner Unterarme, aber er drängte sich dem Stoß entgegen, trieb John zu einem zweiten, genauso heftigen Stoß und dann zu einem dritten.
Das Zimmer versank um John herum, da sich seine gesamte Aufmerksamkeit nur auf die glatte Haut konzentrierte, die er vor sich sah … Männerhaut … etwas, was er sich schon viel zu lange nicht mehr gegönnt hatte.
Durch seine eigenen mühsamen Atemzüge hindurch konnte Jamie Johns beinahe qualvolles Ächzen hören. Er wusste, dass keiner von ihnen bei diesem Tempo lange durchhalten würde. Mit ein bisschen Mühe quetschte Jamie eine Hand zwischen sich und die Matratze, um sich mit seinen eigenen Bedürfnissen zu befassen. Er bearbeitete seinen Riemen im Gleichtakt mit Johns zunehmend fahrigen Stößen und schnappte bei jeder Bewegung stöhnend nach Luft.
„Oh Gott. Fast soweit … fast“, keuchte John.
Jamie hätte gern geantwortete, aber er war selbst dem Höhepunkt schon zu nah, um noch Worte zu formulieren; er schaffte kaum ein Mantra zusammenhangloser Laute, als die Anspannung in seinem Körper stieg. Er begegnete Johns Stößen, war sich vage der Feuchtigkeit von Johns Schweiß zwischen seinen Schenkeln bewusst, des rhythmischen Klatschens von Haut auf Haut. Seine Hand machte eine letzte Drehung, und dann schlug sein Orgasmus zu und sorgte dafür, dass er kaum noch mitbekam, wie John einen erstickten Schrei ausstieß und erschauerte, ehe er über Jamies Rücken zusammenbrach.
„Himmelherrgott noch mal, Jamie, ich glaube, du hast mich umgebracht“, keuchte John ihm ins Ohr.
„Na, und du erdrückst mich, John“, kicherte Jamie atemlos.
John zog sich behutsam aus ihm zurück und setzte sich auf die Fersen, um das Kondom abzustreifen. „Tut mir leid. Äh, wo soll ich das hintun?“
„Mülleimer neben dem Bett.“ Jamie drehte sich auf die Seite, um John ansehen zu können.
„Sag mal, Jamie, vögelst du immer deinen Boss?“, grinste John, lehnte sich ans Kopfende des Bettes und zündete sich eine Zigarette an.
Jamie richtete sich auf und drehte sich, bis er John im Schneidersitz gegenübersaß. „Igitt … überleg mal, was du da eben gesagt hast, John!“
Für einen Moment schaute John ihn verständnislos an, bis ihm wieder einfiel, für wen Jamie vorher gearbeitet hatte. „Ach du Scheiße. Tut mir leid“, stieß er hervor, ganz beschämt über seinen Fehlgriff. Aber Jamie grinste nur und zuckte die Achseln.
„Schon okay. Also, wann kommt deine Freundin zurück?“, fragte er und nahm John die Zigarette aus der Hand.
„Bin nicht sicher. Bald, glaube ich“, sagte John still. Er war nicht besonders scharf darauf, über Marian zu sprechen, während er noch mit Jamie im Bett war. „Meine neue Wohnung wird ihr allerdings nicht gefallen. Apropos, ich muss dann mal langsam nach Hause.“
Damit stieg John aus dem Bett und begann sich anzuziehen. Bei dieser plötzlichen Eile zog Jamie die Augenbrauen hoch, doch er blieb im Bett, lehnte sich zurück und beobachtete John. Er nahm einen langen Zug aus der Zigarette und drückte sie dann im Aschenbecher aus. „Weißt du, du solltest nicht mit jemandem zusammenbleiben, den du nicht liebst, John.“
John, der gerade sein Hemd zuknöpfte, hielt mitten in der Bewegung inne und sah Jamie an. „Soll heißen?“
„Nur das, John“, sagte Jamie leise.
„Wie kommst du darauf, dass ich sie nicht liebe?“
„Also, dass du mich gerade durch die Matratze gebumst hast, sagt ja wohl schon einiges.“
John lachte kurz auf und zog sich fertig an, ohne zu antworten.
Auf der Fahrt nach Hause dachte er ernsthaft über Jamies Worte nach; er wusste, dass er nicht in Marian verliebt war und dass sie ihn nicht liebte. Damit hatten sie beide kein Problem, weil keiner von ihnen die Zeit hatte, sich durch eine ‚richtige‘ Beziehung ablenken zu lassen.
Für den Großteil der Fahrt waren seine Gedanken mit Marian und mit seiner Arbeit beschäftigt, doch als er schon fast zuhause war, wurde ihm bewusst, dass er unterwegs ständig die Straßen nach David absuchte – und zwar schon, seit er bei Jamie losgefahren war.