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JOHN SAH Jamie durch die Ladentür kommen und hielt seine sämtlichen Ausreden bereit – von „Mann, waren wir vielleicht blau gestern Abend“ bis … eigentlich hatte er gar keine andere Ausrede, wenn er nicht zugeben wollte, dass er sich einsam gefühlt hatte. Als Jamie näherkam, räusperte John sich und sagte mürrisch: „Morgen, Jamie.“

Jamie grinste ihn nur an und antwortete: „Guten Morgen, John.“ Er ließ John ein bisschen zappeln, doch dann lachte er: „Schon okay. Ich weiß, dass das gestern Nacht nichts Ernstes war. Mein Arsch tut weh, aber ich werde dir jetzt nicht hinterherschmachten, bis du mir unsterbliche Liebe schwörst.“

Das war schon eine ziemliche Erleichterung, aber John musste einfach fragen: „Es ist nur … was du da gesagt hast, ehe ich gegangen bin … das hab‘ ich wohl nicht ganz verstanden.“

„Oh Scheiße, John, damit hab‘ ich doch nicht mich gemeint. Ich seh‘ vielleicht so aus, aber ich bin nicht naiv“, rief Jamie und gab John einen Klaps auf die Schulter. „Obwohl ich finde, dass du ganz schön viel … ähm … ich weiß auch nicht, ich finde einfach, du verpasst was, so wie du lebst.“

„Oh ja, viel klarer, Jamie.“ John lächelte und zog eine Augenbraue hoch.

„Ach, Mist. Äh … also gut, dann erzähl‘ ich dir mal, warum der Laden ‚Margins‘ – Ränder – heißt, vielleicht hilft das ja, okay?“

John verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich erwartungsvoll an den Ladentisch.

„Ich weiß noch, als ich ganz klein war, hab‘ ich mich mal wegen irgendwas ganz schlimm aufgeregt – ich weiß nicht mehr, wegen was – aber da hat mein Dad mich gefragt, ob Mum mir je erzählt hätte, warum sie den Laden Margins genannt haben. Ich sagte nein, und …“

„Komm zum Punkt, Jamie“, seufzte John.

„Jedenfalls hat mir mein Dad erklärt, dass das Wichtigste manchmal gar nicht in der eigentlichen Geschichte steht; manchmal ist die wirkliche Bedeutung am Rand notiert. Du weißt schon, wenn du zum Beispiel ein Secondhand-Buch aufschlägst, und jemand hat was reingeschrieben. Ähm, soll heißen, was andere Leute denken, ist wichtig. Vielleicht unterstreichen sie einen Satz oder nur ein einzelnes Wort. Manchmal hat es gar nichts mit der Geschichte zu tun, sondern damit, wie sie sich in dem Moment gerade gefühlt haben.“ Jamie runzelte die Stirn. Er konnte sehen, dass John nicht verstand, worauf er hinauswollte. „Ich will damit nur sagen, dass es im Leben noch mehr gibt als die eigentliche Geschichte. Schau dir die Randnotizen an, weil die vielleicht noch wichtiger sind.“

„Dann sag mir doch mal, was bei mir Wichtiges an den Rand gekritzelt ist, Jamie?“, fragte John sarkastisch.

„Oh, ich weiß nicht.“ Jamie zuckte die Achseln, frustriert, aber nicht geschlagen. „Ähm, okay. Schau doch, wie gefangen du bist von Profiten und von Terminen, die du einhalten musst … und dann lernst du jemanden wie David kennen. Er ist kein Teil deiner Geschichte, aber er hat etwas zu bedeuten. Er könnte wichtig sein.“

„Oh, das ist doch totale Scheiße, Jamie“, grollte John, dem allmählich die gute Laune abhandenkam. „Geh lieber Tee kochen. Du machst mir Kopfschmerzen.“

John angelte in seiner Hosentasche nach seinen Kopfschmerztabletten, während Jamies Worte ihm wieder und wieder in den Ohren klangen. Und dann lernst du jemanden wie David kennen. Er ist kein Teil deiner Geschichte, aber er hat was zu bedeuten. Er legte die Tabletten auf dem Ladentisch bereit, bis er seinen Tee hatte, und murmelte: „Wie zum Teufel könnte so einer wie David irgendwas zu bedeuten haben?“

Doch Jamie hatte einen Nerv getroffen und John wusste es.

 

 

ZWISCHEN ABRECHNUNG und Kundschaft fand John die Gelassenheit wieder, die Jamie ihm mit seiner Geschichte geraubt hatte. Er plauderte gerade angeregt mit einer jungen Kundin, als David den Laden betrat. Bei ihrem kurzen Blickkontakt kam John mitten im Satz ein wenig ins Stocken. David lächelte leicht und nickte ihm grüßend zu. John erwiderte das Nicken, aber David hatte bereits den Blick abgewandt. John verspürte einen Anflug von schlechtem Gewissen und wusste nicht, weshalb – weil er David bisher für unwichtig erachtet hatte oder weil er Jamie gevögelt hatte?

Er wandte seine Aufmerksamkeit wieder der Frau zu und reichte ihr die braune Papiertüte mit ihrem Kinder-Bilderbuch.

„War das David?“ Jamie tänzelte geradezu an John vorbei zum hinteren Teil des Ladens. John schaute dem Rücken des jungen Mannes finster nach und brummte: „Du weißt ganz genau, dass er’s war, also was fragst du so blöd?“ Plötzlich war ihm speiübel. Sicher hatte Jamie nichts Eiligeres zu tun, als David von den Ereignissen der vergangenen Nacht zu erzählen. Und wenn schon. Er wandte seinen düsteren Blick dem Inventarverzeichnis zu. Ich muss hier echt bald mal ein paar Computer reinstellen, verdammt …

Die Zahlen hatten gerade aufgehört, ihm vor den Augen zu verschwimmen, da hörte er Jamie lachen. Er knallte das Rechnungsbuch zu, stapfte quer durch den Laden in die Secondhandabteilung und knurrte Jamie an: „Arbeitest du heute auch mal?“

Aber Jamie steckte Johns schlechte Laune wie üblich mühelos weg und sagte lächelnd: „Ach, komm schon, John. Heute ist nur ein halber Tag und wir schließen bald. Ich habe David gerade erzählt, dass du heute Nachmittag in Mums alte Wohnung einziehst und dass du ihre ‚Oma‘-Möbel nicht ausstehen kannst.“

John entspannte sich ein wenig; seine Nacht mit Jamie war nicht das Gesprächsthema gewesen. „Mach mal halblang, Jamie. Sogar du bist ausgezogen“, sagte er und achtete darauf, David nicht direkt anzusehen.

Jamie lachte und hakte David unter. „Na komm, David. Magst du uns nicht helfen, Johns Kram raufzuschleppen? Ich sorge dafür, dass er uns ein Abendessen spendiert.“

David warf einen kurzen Blick zu John; er war sich nicht sicher, wie der Vorschlag bei dem mürrischen Mann ankommen würde, der sie jetzt beobachtete. Doch als Jamie an seinen Arm zog, sagte er achselzuckend: „Ja … okay.“

 

 

EINE AUSWAHL von Johns Besitztümern aus der alten in die neue Wohnung zu befördern dauerte fast den ganzen Nachmittag. Maggie hatte die Wohnung zwar voll möbliert hinterlassen, aber John hatte beschlossen, ihre Möbel einzulagern und einige von seinen eigenen mitzubringen. Der Großteil seiner Sachen blieb in seiner richtigen Wohnung in der Innenstadt; auf diese Weise konnte er einfach wieder in sein altes Leben zurückkehren, wenn das Jahr vorüber war.

Bis zum frühen Abend hatten sie dann die letzten paar Koffer und einige nebensächliche Gegenstände in sauber beschrifteten Schachteln in der Nähe ihres jeweiligen Bestimmungsorts gestapelt. John hatte es zwar anfangs widerstrebt, David helfen zu lassen, doch angesichts ihrer Fortschritte musste er zugeben, dass David schwer geschuftet und den Großteil der körperlichen Arbeit erledigt hatte. Jamie hatte zwar vieles angefangen, dann aber immer etwas Interessanteres zu tun gefunden und die meiste Zeit damit verbracht, die Umzugskartons durchzusehen und laufend Kommentare dazu abzugeben, statt sie wirklich auszupacken. Schließlich machte John dem ein Ende, indem er Jamie Bier und etwas zu essen holen schickte.

Nun, da er nichts mehr zu tun hatte, stand David mit einem mulmigen Gefühl im Bauch neben einem Stapel auseinandergefalteter und platt gedrückter Umzugskartons und wartete ab, was John als nächstes von ihm verlangen würde.

Als John sich von der Tür abwandte, erkannte er Davids Unbehagen sofort und warf ihm ein ebenso nervöses Lächeln zu. „Jamie wird nicht lange brauchen. Wie wär’s – hilfst du mir, ein paar von den Schachteln da wegzuräumen, damit wir Platz zum Essen haben?“

David begann wortlos die Pappkartons wegzuschieben.

 

 

KAUM MEHR als eine Stunde später hatten die drei Männer alles aufgegessen und die Überbleibsel – leere Schachteln und Tüten – lagen auf Johns Kaffeetisch verstreut.

„Mannomann, ich bin pappsatt“, stöhnte Jamie und rieb sich mit beiden Händen seinen sehr vollen Bauch.

„Wundert mich überhaupt nicht“, lachte John. „Für so ein mageres Kerlchen steckst du ganz schön was weg.“

„Ich hab‘ gesehen, wie du eine ganze Schachtel Satay verdrückt hast“, schmollte Jamie. „Und ich bin nicht mager, du Wichser!“

„Ach, komm schon, du Spargeltarzan.“ John beugte sich vor, zog Jamies T-Shirt hoch und entblößte seinen Bauch. „Da, schau dir das an! Da schwabbelt nichts!“

Jamie kreischte, als John ihm als Beweis ein paar spielerische Klapse versetzte. „Lass den Scheiß, du Blödmann. Hilfe, David, mach, dass er aufhört!“

David saß auf seiner Seite des Tisches und lachte über die Albernheiten seines Freundes. Bei diesem Geräusch hörte John auf, Jamie zu quälen, und hob den Kopf. Er war sprachlos, wie verändert David aussah, wenn er lachte und ertappte sich bei einem Lächeln, als sich ihre Blicke begegneten.

Unter Johns prüfendem Blick verblasste Davids Lächeln schnell wieder. Zeit zum Gehen, beschloss er, stand auf und blickte sich nach seinem Rucksack, seiner Jacke und den Stiefeln um.

Jamie sah die plötzliche Veränderung; er hatte schon halb darauf gewartet, weil David das immer machte, wenn er in seiner Wachsamkeit nachzulassen begann. Es hatte Monate gedauert, bis Jamie auch nur neben ihm sitzen durfte, und sogar noch länger, bis David es ertragen konnte, von Jamie berührt zu werden. Das fiel Jamie am schwersten; daran zu denken, dass David seinen Freiraum brauchte und sich damit abzufinden, dass er zu Berührungen und Umarmungen einfach nicht imstande war.

„Heute Nacht wird’s kalt. Such dir ein warmes Plätzchen, okay?“, sagte Jamie und stand ebenfalls auf, um David zur Tür zu bringen. Er wusste, dass David hinsichtlich seines Schlafplatzes keine große Wahl hatte und konnte nur hoffen, dass das warme Essen ein wenig half.

„Ja, danke für deine Hilfe“, rief John, als David die Tür hinter sich schloss.

Als Jamie sich von der Tür abwandte, war nicht zu übersehen, dass seine vorherige gute Laune verschwunden war. Beim Anblick seines Gesichtsausdrucks runzelte John die Stirn und sagte: „Na komm, Jamie. Er hat seinen allabendlichen Wetterbericht gekriegt. Dem passiert schon nichts.“

„Es ist eine kalte Nacht, John, und es ist spät.“ Da John offensichtlich nicht verstand, worauf Jamie hinauswollte, fuhr er fort: „Es ist spät, John. Das Obdachlosenheim wird schon geschlossen sein. David weiß das, und er kann nirgendwo hin.“

„Warum zum Teufel hat er dann nichts gesagt, verdammte Scheiße?“, knurrte John und verdrehte die Augen. „Warum hat er denn nicht gefragt …?“

Jamie warf John einen vernichtenden Blick zu. „Würdest du das machen?“

John spürte, wie ihm die Luft wegblieb. Natürlich nicht. Sein verdammter Stolz würde ihm das nicht erlauben. Trotzdem versuchte er zu argumentieren: „Sieh mal, er wird schon irgendwo was finden.“

„Ja klar, John … und sonst kann er ja jederzeit den Unterkühlungs-Notruf wählen, falls er ein Telefon findet, das noch keiner demoliert hat“, fauchte Jamie.

„Komm, Jamie, ich fahr‘ dich nach Hause“, sagte John ruhig, wobei er sich fragte, ob es etwa wirklich so etwas wie einen Unterkühlungs-Notruf gab.

Es war bitter kalt, und bis sie am Auto waren, regnete es bereits, aber keiner der beiden Männer sagte etwas dazu. Sie saßen schweigend im Auto; John spähte durch die beschlagene Windschutzscheibe und wartete, bis das Gebläse die Scheibe frei gemacht hatte. Sie waren auf der Hauptstraße schon mehrere Blocks weit gefahren, als John abrupt am Randstein anhielt. Er ließ mit dem elektrischen Fensterheber die Scheiben herunter, beugte sich über Jamies Schoß und brüllte: „Steig ein!“

Durch das offene Fenster pfiff ein eiskalter Wind herein, der Jamie die Tränen in die Augen trieb, aber trotzdem konnte er Davids leicht überraschten und verwirrten Gesichtsausdruck erkennen. Er stand nur da, starrte John an und wusste offenbar nicht, was er tun sollte. Jamie hatte keine Ahnung, was John vorhatte, aber in Gedanken zerrte er David mit reiner Willenskraft auf das Auto zu. Da er Johns zunehmende Ungeduld spürte, als David sich nicht bewegte, rief er: „Komm schon, Davey. Bitte steig‘ ein.“

Eine gefühlte Ewigkeit lang hielt Jamie den Atem an, bis er David auf das Auto zukommen sah; dann drehte er sich rasch um und öffnete die hintere Tür. David ließ sich auf dem Rücksitz nieder und sagte kein Wort. Er saß nur da und wartete auf eine Erklärung von John.

Soweit hatte John eigentlich gar nicht vorausgedacht, aber er schaffte es trotzdem, sich etwas einfallen zu lassen. „Sieh mal, es ist saukalt, und, äh … du kannst auch genauso gut bei mir auf der Couch übernachten. Schließlich hast du geholfen, sie rumzuschleppen.“ Jamie fand, dass das ziemlich lahm klang. Aber er warf John trotzdem ein anerkennendes Lächeln zu, als David die Tür zumachte und ein Dankeschön murmelte.

Den Rest des Wegs zu seiner Wohnung füllte Jamie die Stille im Wagen mit fröhlichem Geplauder. Als John vor dem Haus anhielt, sah Jamie ihn an und formte ein unhörbares „Danke“ mit den Lippen, dann stürmte er durch den Regen zu seiner Eingangstür.

John fühlte David stumm und reglos hinter sich sitzen und fragte sich, was zum Teufel er sich nur dabei dachte, den Mann mit nach Hause zu nehmen. Nach ein, zwei Momenten drehte er sich um und fragte: „Möchtest du dich nicht nach vorne setzen? Dann fühle ich mich nicht ganz so sehr wie dein Chauffeur.“

David sah ihn an, dann nickte er leicht und stieg kurz aus dem Auto, um den Sitzplatz zu wechseln. Er war sich nicht ganz sicher, was hier vor sich ging, aber John schien ganz okay zu sein, und Jamie mochte ihn. Sobald das Auto in Bewegung war, machte John eine Bemerkung darüber, wie still es doch ohne Jamie jetzt im Auto war, und dann erzählte er David von Jamies Fähigkeit, nonstop zu reden, ohne auch nur einmal Luft zu holen. David entspannte sich sichtlich und lächelte über Johns Äußerungen.

Kurz vor seiner Wohnung hielt John vor einer Apotheke an und sagte: „Muss noch ein paar Sachen besorgen, wenn du bei mir übernachtest. Dauert nur eine Minute.“

David wurde es ganz flau im Magen, als er sah, wie John in den Laden joggte. Alles hat seinen Preis … selbst eine Nacht auf der Couch. Er kniff die Augen zu und überlegte, ob er aus dem Auto steigen sollte, aber er war zu müde und hatte einfach nicht genug Energie, um sich zu bewegen. Bei Johns Rückkehr sah David ihn nicht an, sondern beäugte stattdessen argwöhnisch die kleine Papiertüte, ehe sie auf dem Rücksitz landete. Den Rest der Fahrt verharrte er trotz Johns Versuchen, sich mit ihm zu unterhalten, in missmutigem Schweigen.

Als sie in die Wohnung kamen, ging David schweigend hinter John her und blieb still stehen, während die Tür hinter ihm geschlossen wurde. Er wartete auf die unvermeidliche, grobe Berührung und spürte dabei die vertraute Hilflosigkeit in sich aufwallen.

John wunderte sich über die Veränderung in David. Er hatte sich nicht bewegt, seit John die Tür geschlossen hatte, und seine gesamte Körpersprache strahlte Furcht aus. John wusste, dass er mit diesem Mann überfordert war; es war nicht seine Absicht gewesen, ihm solches Unbehagen zu bereiten. Er reichte ihm die Tüte und sagte zögernd: „Ich wusste nicht, was du hast, also hab‘ ich nur das Nötigste besorgt. Schau mal, es tut mir leid, falls ich dich beleidigt habe, aber … ach Scheiße, ich weiß doch nicht …“ John verstummte, schloss die Augen und massierte sich müde mit einer Hand die Stirn.

Leicht verblüfft über Johns Worte schaute David auf die Papiertüte in seiner Hand hinab. Nachdem er behutsam das sauber gefalzte obere Ende entfaltet hatte, fand er darin eine Zahnbürste, ein Stück Seife und einen Rasierer. Er verspürte eine Welle der Erleichterung, dicht gefolgt von Beschämung; Erleichterung, weil er sich getäuscht hatte und Beschämung, weil er John ungute Absichten zugetraut hatte.

„Danke, John. Das ist nett von dir“, murmelte David und schaute dabei immer noch den Inhalt der Tüte an. „Darf ich dein Badezimmer benutzen?“

John lächelte ihm kurz zu, obwohl David den Blick nicht über den Rand der Tüte gehoben hatte, und fischte ein paar frische Handtücher aus einem nahestehenden Karton, der passenderweise mit „Wäscheschrank“ beschriftet war.

David nahm die angebotenen Handtücher und strich mit den Fingern leicht über den weichen Frotteestoff. Schließlich hob er den Kopf, sah John an und fragte leise: „Wäre es okay, wenn ich ein Bad nehme?“

„Natürlich ist das okay.“ John lächelte breiter und machte eine Handbewegung Richtung Badezimmer.

John atmete erleichtert auf, als er das Wasser in die Wanne laufen hörte. Er holte einen Satz Bettwäsche aus dem entsprechenden Karton in seinem Zimmer und ging daran, für David die Couch als Bett herzurichten.

Sobald sich die Badewanne zu füllen begann, nahm David sorgsam die Sachen aus der Tüte und platzierte sie fein säuberlich nebeneinander auf der kleinen Ablage neben dem Waschbecken. Dann begann er, Schicht um Schicht seine schmutzigen Kleider abzulegen, zögerte nur, um zu überprüfen, ob die Tür noch abgeschlossen war. Schließlich stand er nackt vor dem Spiegel und starrte sein Spiegelbild an. Der Anblick erfüllte ihn mit Abscheu und Verzweiflung zugleich. Wie konntest du dir nur einbilden, dass John irgendwas von dir will? Er hatte sich schon so lange nicht mehr selbst angeschaut, dass er den Mann im Spiegel kaum noch erkannte.

David hob die Hand an sein Gesicht, als wollte er sich von dessen Echtheit überzeugen. Er verschloss die Augen vor seinem Abbild und kämpfte gegen den Drang an, seine Klamotten wieder überzuwerfen und aus der Wohnung zu flüchten.

Es dauerte mehrere Minuten, bis David sich dazu überreden konnte, die Augen wieder aufzumachen. Diesmal hielt er entschlossen seinem eigenen Blick stand. Dann kramte er eine Nagelschere aus den hastig gefüllten Badezimmerschubladen und begann sich methodisch die verfilzten Knoten aus den Haaren zu schneiden. Als die Badewanne voll war, hatte David seine Haare fertig und rieb sich mit einer Hand über den Bart.

 

 

NACHDEM ER die Couch als Bett hergerichtet hatte, setzte John sich vorsichtig drauf und testete die Bequemlichkeit, obwohl sie fast den ganzen Abend über auf genau diesen Polstern herumgelümmelt waren. Mit David allein zu sein machte ihn nervös. Nicht, weil er befürchtete, im Schlaf bestohlen zu werden oder irgendwas; es lag mehr an dem leichten, aber hartnäckigen Flattern, das er allmählich ganz weit unten im Bauch verspürte. Er stand auf und fuhr mit einer Hand über die Decke, strich die Falten glatt, die er gemacht hatte. Zufrieden mit dem Ergebnis suchte er zwischen seinen sauber gefalteten Kleidungsstücken herum, bis er eine Jogginghose und ein langärmeliges T-Shirt gefunden hatte, die David wahrscheinlich passen würden.

Als er das Wasser durch den Abfluss gurgeln hörte, wartete John noch ein paar Minuten und klopfte dann an die Badezimmertür. „Ich hab’ hier ein paar Sachen für dich, in denen du schlafen kannst. Ich leg‘ sie dir einfach hier draußen hin“, rief er durch die geschlossene Tür, dann wandte er sich ab und ging in die Küche. Nicht dass er dort irgendwas zu tun gehabt hätte, aber er wollte David Gelegenheit geben, die Kleider an sich zu nehmen. Um sich irgendwie beschäftigt zu halten, sortierte er das Besteck in den Küchenschubladen neu, bis er die Badezimmertür zum zweiten Mal auf- und wieder zugehen hörte.

John empfand eine merkwürdige Scheu davor, ins Wohnzimmer zu gehen, aber er atmete einmal tief durch, raffte sich auf und öffnete die Küchentür. David stand immer noch neben dem Badezimmer.

John hatte sich fest vorgenommen, David etwas zu trinken anzubieten. Doch die Worte schienen in seinem Mund zu vertrocknen, als er den anderen Mann sah. Die alten Kleider hingen ein wenig zu groß an ihm, sein Haar war noch feucht und er war glattrasiert.

Wunderschön.

Ohne David aus den Augen zu lassen, winkte John mit dem Arm in Richtung des improvisierten Bettes. „Ich … ich hoffe, die Couch ist okay. Warm genug dürfte es ja sein, aber falls du noch eine Decke brauchst, die hab‘ ich bei mir im Schlafzimmer in den Schrank getan. Soll ich dir eine holen? Ich kann sie dann einfach hier liegen lassen.“

David ging zur Couch und setzte sich. „So ist es schon gut“, antwortete er leise und sah John direkt an. „Danke.“

John war nervös. „Gut, gut … Sieh mal, ich hab‘ da eine alte Jeans und ein Flanellhemd; hab‘ ich früher immer zum Gärtnern getragen, aber da komme ich jetzt kaum noch dazu. Gib mir deine Sachen, dann wasch‘ ich sie dir.“

„Schon okay, John, das brauchst du nicht zu tun.“ David runzelte leicht die Stirn als er sah, wie John auf ihn reagierte.

Endlich lächelte John. „Sei nicht bescheuert“, sagte er und ging ins Badezimmer. Jetzt, wo er ein Ziel hatte, klang seine Stimme wieder etwas entspannter. Davids Kleidung lag gefaltet auf dem Fußboden. John hob eine alte Jeans und zwei zerlumpte T-Shirts auf. Die Jacke ließ er an der Tür hängen; da konnte er nicht viel machen, da er nichts Passendes hatte, um sie zu ersetzen. John runzelte die Stirn, als ihm klar wurde, dass es weder Socken noch Unterwäsche gab. Er steckte die Kleider in eine Plastiktüte und die dann in seinen Wäschekorb. Auf dem Weg ins Schlafzimmer, um seine „Garten“-Klamotten herauszusuchen, kam er an David vorbei, der sich nicht vom Fleck gerührt hatte, sondern nur dasaß und seine Hand musterte, die nachdenklich über den weißen Kissenbezug strich.

John legte die frischen Sachen vor David auf den Kaffeetisch. „Hier, das tut’s doch bestimmt für morgen.“

John konnte sehen, wie sich Davids Wangenmuskeln anspannten, während er ganz offensichtlich um eine Antwort rang; schließlich schaute er nur von den Kleidungsstücken zu John und sagte: „Danke.“

„Ich … ich konnte deine Unterwäsche nicht finden?“, fragte John und verpasste sich im Geiste einen Tritt bei dem Ausdruck von Scham, der über Davids Gesicht huschte. „Tut mir leid. Ich wollte nicht neugierig sein“, entschuldigte er sich mit leiser Stimme und wandte sich zum Gehen.

„Ich hatte Unterwäsche“, murmelte David. John blieb stehen, drehte sich wieder um und setzte sich David gegenüber auf den Kaffeetisch. „Mit der Zeit wird’s schwierig, alles sauber zu halten. Das Wasser ist so kalt im Winter. Nirgends kann man richtig waschen. Ich musste sie wegwerfen.“

John schaute auf seine Hände hinab; es musste David großen Mut gekostet haben, ihm das einzugestehen. Als er wieder aufblickte, musste er es einfach wissen. „Was ist passiert, David? Warum lebst du so?“

Eine Zeit lang saß David nur da und betrachtete ebenfalls Johns Hände. Sein Blick fiel auf seine eigenen. Er hatte sie gewaschen, sie in der Badewanne geschrubbt, aber er wurde den tief sitzenden Schmutz einfach nicht los. Sie waren trotzdem nicht so sauber wie Johns Hände. Er schluckte mühsam und schaute weg. „Anfangs war ich sauber, John, und ich habe mich so bemüht, sauber zu bleiben, aber aus Wochen wurden Monate und … und ich wurde einfach schmutzig. Ich wollte duschen, aber die Schlange war immer so lang oder bis ich dran kam, war das warme Wasser alle. Unter einer kalten Dusche wird man einfach nie richtig sauber, nicht wahr?“

Die Worte waren einfach so herausgesprudelt und versiegten jetzt. John wurde das Herz schwer beim Zuhören. Er hatte keine Antwort auf seine Frage bekommen, aber das spielte keine Rolle. Er hoffte, dass David mit ihm reden würde, wenn er dazu bereit war. So untypisch das auch für ihn war, John hätte David am liebsten in den Arm genommen und ihm versichert, dass alles wieder gut werden würde, aber die Berührung war vielleicht gar nicht willkommen und außerdem wusste er, dass es eine Lüge wäre. Stattdessen holte er tief Luft und sagte: „Du kannst gern jederzeit hierher kommen. Ich meine, wenn du ein Bad brauchst oder deine Sachen waschen willst.“

David kaute an seiner Unterlippe und blinzelte einige Male, ehe er antworten konnte, und selbst dann bekam er nur ein leichtes Kopfnicken zustande. Johns Unbehagen wuchs bei Davids Reaktion, daher stand er hastig auf und sagte: „Also, dann gehen wir jetzt mal besser schlafen, weil Jamie uns morgen früh sicher mit Fragen bombardieren wird. Gute Nacht, David.“

Bei der Erwähnung von Jamies Namen trat ein leichtes Lächeln auf Davids Lippen und er erwiderte: „Gute Nacht, John.“

David wartete, bis John die Schlafzimmertür hinter sich geschlossen hatte. Erst dann machte er es sich unter den Decken auf dem behelfsmäßigen Bett bequem. Johns Kleider waren sauber und fühlten sich auf seine Haut weich an. Obwohl sie offensichtlich gewaschen waren, rochen sie leicht nach ihrem Besitzer. David drehte sich auf die Seite und zog sich die Decke über den Kopf. Er war sauber, ihm war warm und er hatte sich schon seit langer Zeit nicht mehr so sicher gefühlt.

So rasch David auch einschlief, John fand es schwierig, zur Ruhe zu kommen. Er lag im Bett und überdachte die Ereignisse der letzten paar Tage. So anders, als er erwartet hatte. Der Laden war okay; eigentlich musste er zugeben, dass er es fast genoss, hinter dem Ladentisch zu stehen. Der Sex mit Jamie war toll gewesen und so was wie ein unerwarteter Bonus, aber viel wichtiger war, dass er sich allmählich als richtig guter Freund erwies. Also warum lag er dann immer noch wach und zerbrach sich den Kopf? David …

Mit einem frustrierten Stöhnen richtete John sich auf und setzte sich an die Bettkante. Er stützte die Unterarme auf die Oberschenkel und schaute aus dem Fenster. Mit einem lang gezogenen Seufzer stand er auf, ging zu den Vorhängen und teilte sie leicht. Die Straße unten sah kalt und feucht aus. John lehnte sich an den Fensterrahmen und gestattete seinem Verstand, sich ein Leben auf der anderen Seite der Fensterscheibe auszumalen, ein Leben ohne die Sicherheit eines warmen Bettes am Ende eines jeden Tages. Er war erleichtert, dass David heute Nacht mit ihm nach Hause gegangen war, aber er wusste, dass er morgen wieder da draußen sein würde. John wandte sich vom Fenster ab und griff nach seinen Zigaretten. Mist! Die Schachtel war leer. Auf dem Weg zur geschlossenen Tür überlegte er, ob er durchs Wohnzimmer gehen und sich eine frische Schachtel aus seiner Jackentasche holen sollte. Seine Hand schwebte für einen Moment über dem Türknauf, ehe er danach griff und ihn drehte.

Mit möglichst leisen Schritten ging John an der Couch vorbei und streckte die Hand nach seiner Jacke aus, die über der Rückenlehne des Sessels hing. Er konnte Davids ruhiges Atmen hören; die leisen, gleichmäßigen Atemzüge gaben ihm die Gewissheit, dass David schlief. Im Dämmerlicht des Zimmers konnte er Davids Gesichtszüge gerade so erkennen. Er hatte einen Arm um das Kissen gelegt, sodass seine Hand locker an seiner Wange ruhte. Seine Lippen waren leicht geöffnet, und eine verirrte Haarsträhne in der Nähe bewegte sich sachte bei jedem Atemzug. John spürte, wie ihm die Röte in die Wangen stieg; er musste gegen die Versuchung ankämpfen, die Hand auszustrecken und David dieses feine Haar aus dem Gesicht zu streichen. Dasselbe Haar, das er erst vor wenigen Tagen so abstoßend gefunden hatte. John schüttelte den Kopf, kehrte der Couch den Rücken und ging zurück in sein Bett.