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DAS BLASSE Morgenlicht hatte es kaum geschafft, Johns Zimmer zu erhellen, als er die Augen öffnete. Er blinzelte, bis die Schlaftrunkenheit verflogen war und er sich auf den Wecker neben seinem Bett konzentrieren konnte, wo er dann sah, dass er ungefähr eine halbe Stunde vor dem eingestellten Klingeln aufgewacht war. Er brauchte ein paar Minuten, um sich wieder an die ungewohnte Umgebung seines neuen Schlafzimmers zu gewöhnen, aber dann kehrten seine Gedanken sofort wieder zu dem Mann im anderen Zimmer zurück. Beim Gedanken an David in seinen Kleidern, auf seiner Couch breitete sich eine leichte Wärme in Johns Unterleib aus. Er rieb sich die Augen und verbannte die quälende Sehnsucht seines Körpers aus seinem Kopf. Oh, fang damit gar nicht erst an, McCann!

Er redete sich ein, dass es eben Morgen war und seine Morgenlatte nichts mit David zu tun hatte, und schwang die Beine aus dem Bett. „Ich werde ihm Frühstück machen, dann schicke ich ihn wieder weg“, murmelte John vor sich hin, während er in eine saubere Jeans schlüpfte. Auf dem Weg ins Wohnzimmer überlegte er, ob er ein großes warmes Frühstück auffahren sollte und ob es im nahen Supermarkt wohl anständigen Frühstücksspeck gab. Sein Verstand hörte abrupt auf zu arbeiten, als er sich der Couch näherte. Die Decken lagen säuberlich gefaltet neben den aufeinandergestapelten Kissen; David war weg. John brauchte sich gar nicht erst zu fragen, ob er vielleicht nur im Bad war, denn auf dem Kaffeetisch lag eine von Davids Zeichnungen.

John gab es nur ungern zu, aber er war enttäuscht. David hatte sich davongemacht, ehe John Gelegenheit gehabt hatte, sich mit ihm zu unterhalten, Zeit mit ihm zu verbringen. Gestern Abend hatte er geglaubt, David hätte begonnen, ihm ein wenig zu vertrauen. Und obwohl er es nur höchst widerwillig zugab, Davids Vertrauen wurde ihm allmählich wichtig.

John ließ sich auf die Couch fallen und nahm die Zeichnung in die Hand. Sie zeigte ihn und Jamie, beide lachend; sie waren nahezu perfekt getroffen. John berührte mit den Fingerspitzen leicht das breite Lächeln seines Porträts, ganz vorsichtig, um die feinen Bleistiftlinien nicht zu verwischen, und fragte sich, ob David ihn wirklich so sah. Er lehnte sich zurück und versank in den weichen Kissen. Was wäre wohl nötig, um David so lachen zu sehen? Er stieß einen tiefen Seufzer aus und legte die Zeichnung wieder auf den Tisch.

 

 

JAMIE BETRAT den Laden mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht, machte sich an John heran und fragte: „Na?“

John wusste, was er meinte, versuchte Jamies Anspielung jedoch mit einem fast aggressiven „Was?“ zu ignorieren.

Jamie verdrehte die Augen. „Ist David über Nacht geblieben? Wo ist er?“

„Ja, er ist über Nacht geblieben, und als ich aufgestanden bin, war er schon weg“, antwortete John kurz angebunden, als wollte er nicht weiter darüber diskutieren.

Jamie war versucht, einen Kommentar zu Johns vorgestrigem raschem Abgang aus seinem Schlafzimmer abzugeben, aber er beschloss, sein Glück nicht überzustrapazieren. Stattdessen fragte er einfach: „Und, alles gut gelaufen?“

„Es ist bestens gelaufen, Jamie. Können wir jetzt mal langsam was arbeiten?“ John wandte sich ab, um die Tatsache zu bekräftigen, dass das Gespräch beendet war.

Jamie schaute Johns Hinterkopf an und grinste in dem Wissen, dass David dem Boss inzwischen definitiv nicht mehr einerlei war.

John war den ganzen Vormittag über gereizt; seine Anspannung wuchs mit jeder Person, die den Laden betrat und nicht David war. Er wusste, um welche Zeit David normalerweise hereinspaziert kam, aber das hielt ihn nicht davon ab, vom ersten Kunden des Morgens an auf ihn zu warten.

Endlich stieß David die Tür auf. Die Veränderung in seiner äußeren Erscheinung raubte John immer noch den Atem.

David zögerte, als er am Ladentisch vorbeikam. Er hätte John gern gedankt. Es gab so vieles, was er ihm gern gesagt hätte, doch er konnte einfach seine Stimme nicht finden. Stattdessen rief er sich in Erinnerung, dass John nur ein guter Mensch war, der Mitleid mit ihm gehabt hatte. Das war alles, was es sein konnte … nichts weiter.

John sah ihn zögern und beinahe stehenbleiben, als wollte er etwas sagen, und er wollte David unbedingt hören. Also stand John nur da und wartete, die Finger um eine jetzt sehr zerknitterte Rechnung gekrampft.

Ein lautes „David!“ machte den Moment augenblicklich kaputt. Jamie kam aus der Küche gerannt und umarmte ihn stürmisch. „Siehst du, ich hab‘ dir doch gesagt, dass du schön bist“, flüsterte Jamie und umarmte ihn dabei womöglich noch fester. David versuchte ein nachsichtiges Lächeln und legte zaghaft einen Arm um Jamies Schulter.

John lachte über Davids gequälte Miene. „Komm schon, Jamie, lass ihm ein bisschen Luft zum Atmen.“

Jamie lockerte seinen Griff, strahlte John an und nahm David an der Hand. „Wir haben gerade eben jede Menge neue Secondhand-Bücher reingekriegt. Ich hab‘ ein paar rausgesucht, von denen ich dachte, dass sie dir gefallen könnten. Liegen direkt neben deinem Sessel. Sogar eine vollständige Trilogie ist dabei. Normal kriegen wir immer nur das dritte Buch von einer Serie, was echt Scheiße ist, aber diesmal haben wir alle gekriegt …“ Jamie machte sich daran, David in seinen Teil des Ladens zu schleppen, wo John ihn immer noch fröhlich über Bücher plappern hören konnte, gelegentlich unterbrochen von einem Mann, siehst du gut aus.

Als ein neuer Kunde an den Ladentisch trat, wurde John sich bewusst, dass er immer noch mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht Richtung Secondhand-Abteilung schaute. Er wusste, dass er sich schon lange nicht mehr so wohlgefühlt hatte wie heute.

 

 

AN DEM Tag war recht viel los, da sie zugleich mit einem Besuch des örtlichen Literaturzirkels und mit den betagten Pensionären fertig werden mussten, doch John war froh über die Ablenkung. Und außerdem hieß das, dass Jamies Aufmerksamkeit woanders lag, wodurch sowohl John als auch David hatten, was sie so dringend brauchten: Ruhe und Frieden.

Als der Ansturm der Kunden nachließ, streckte sich John und hörte das befriedigende Knacken in seinem Genick. Er schaute auf die Uhr: Es war schon vier und definitiv Zeit für eine Pause. Drei Becher Tee waren schnell gemacht und er trug sie vorsichtig hinaus zur Ladentheke, wo er Jamies Blick auffing und mit einem Kopfnicken auf seinen dampfenden Becher deutete. Die anderen beiden nahm er wortlos mit und ging zum hinteren Teil des Ladens.

David saß in seiner üblichen Haltung da, mit untergeschlagenen Beinen und gebeugtem Kopf, und las. Als John sich ihm näherte, setzte er sich aufrecht hin und nahm den Becher mit einem Lächeln, das „Dankeschön“ sagte.

John nahm neben ihm auf den anderen Sessel Platz und seufzte. „Ich weiß nicht, was heute mit Jamie los ist, aber er macht mich ganz verrückt.“

Zu Johns Überraschung ließ David wahrhaftig ein leises Lachen hören und zuckte die Achseln. „Er ist einfach nur glücklich, nehme ich an.“

John schüttelte den Kopf und lachte. Für einen Moment sagte keiner von beiden etwas, aber diesmal war ihr Schweigen nicht angespannt. Beide Männer nippten in behaglicher Zweisamkeit an ihrem zu heißen Tee, bis John aufblickte und sagte: „Danke für das Bild. Es ist wirklich schön.“

David lächelte schwach und antwortete ganz leise: „Ihr zwei passt gut zusammen.“

Ihr zwei passt gut zusammen. John runzelte die Stirn. Es störte ihn, dass David ihn und Jamie für ein Paar hielt. „Wir sind nicht … äh, zusammen. Nichts dergleichen.“

„Ich weiß, John“, murmelte David und schaute John an, um zu sehen, ob er weitersprechen sollte. „Aber ich konnte gestern Abend sehen, dass ihr …“ David seufzte. Er wusste nicht, wie er in Worte fassen sollte, was er in ihrer Freundschaft sah. „Ihr habt euch bereits gern.“

„Den Bengel soll ich gern haben? Ich kenne ihn ja kaum“, scherzte John sehr erleichtert. „Eigentlich lässt er einem ja keine große Wahl, nicht?“

David lächelte und schüttelte den Kopf. „Er hat ein gutes Herz.“ Sein Gesicht wurde ernster, und er blickte auf seinen Becher hinab. „Und du auch. Danke, John. Danke, dass du mich letzte Nacht gefunden hast und dass ich bleiben durfte.“

John schluckte mühsam. Er wollte die Hand ausstrecken und David berühren, ihn wissen lassen, dass es okay war. Für Jamie schien das immer so leicht zu sein, aber John hielt sich zurück. „Jederzeit, David. Das ist mein Ernst“, murmelte John leise. Er verspürte das Bedürfnis, die Stimmung aufzuhellen und sein plötzliches Unbehagen zu verscheuchen. „Obwohl dir das perfekte Frühstück entgangen ist, das ich für dich machen wollte.“

„Du warst gut zu mir. Ich wollte nicht, dass du dich unwohl fühlst, wenn ich morgens noch da bin.“

Die Verlockung zu lügen war stark. John wollte gerade beteuern, dass er Davids Gegenwart in seiner neuen Wohnung nicht als peinlich empfunden hätte, da hörte er eine Frauenstimme aus dem vorderen Teil des Ladens rufen:

„Na gut, McCann, komm gefälligst aus deinem Versteck da hinten. Ich kann dein scheußliches Rasierwasser riechen, also weiß ich, dass du da bist.“

John erkannte die Stimme zweifelsfrei. Er schaute David an, und da er nicht wusste, was er sagen sollte, entschuldigte er sich einfach und machte sich auf den Weg zur Theke.

„So tief bist du also gesunken.“ Marian lachte, als John auf sie zukam. Sie war mittelgroß und zierlich gebaut, mit kurzem, welligem Haar, das beinah rotblond war, aber nicht ganz. Sie hätte hübsch sein können, aber stattdessen wirkte sie „effizient“.

John umarmte sie und lachte. „Verdammt noch mal. Da siehst du mich zwei Monate lang nicht und dann musst du als allererstes gleich an mir rumnörgeln.“

„Das kann ich heute Abend nach dem Essen ganz bestimmt wieder gut machen.“

„Du hast dich nicht verändert, Marian. Gehst immer noch davon aus, dass du kriegst, was du willst.“

„Ich kriege immer was ich will, und heute Abend bist du das! Komm schon, McCann. Lass deinen Assistenten schließen. Wir haben eine Menge nachzuholen.“

Bei der Bezeichnung „Assistent“ zuckte John zusammen, aber er rief trotzdem nach Jamie, der so tat, als würde er sie nicht von der Küche aus beobachten. „Kannst du heute für mich schließen, Jamie? Danke.“

Er ging, ohne auf eine Antwort zu warten.

David saß in seinem Sessel und lauschte dem verbalen Schlagabtausch. Er hörte, wie mühelos sie miteinander flirteten, ehe sie zusammen den Laden verließen … und er wusste, dass er sich wieder einmal etwas vorgemacht hatte.

Er stellte seinen Becher auf den Fußboden, wo John seinen zurückgelassen hatte. Er schloss die Augen und rieb sich müde mit der Hand darüber. Was für ein verdammter Idiot er doch war.

Nachdem John gegangen war, hörte David, wie Jamie sich in den zweiten Sessel setzte. Er ließ die Augen geschlossen, als Jamie ihn fragte, ob er okay war und zuckte zurück, als Jamies Hand sein Haar berührte.

 

 

DIE UNTERHALTUNG beim Abendessen war ein lockerer Mix aus Klatsch über gemeinsame Freunde und Tratsch über Arbeitskollegen. Marian brachte John auf den neuesten Stand über die Fortschritte – beziehungsweise deren Fehlen – in seiner Abteilung und wer von den Kollegen es gerade mit wem trieb. Sie sprach über ihre noch nicht lange zurückliegende Reise nach London und über ihre Pläne, die nächsten paar Monate über in der Stadt zu bleiben. Jedoch widerstrebte es John aus irgendeinem Grund, mit ihr über das Margins zu sprechen. Marian akzeptierte Johns Gründe, für ein Jahr „auszusteigen“, aber sie schien absolut kein Verständnis dafür aufbringen zu wollen, dass der kleine Laden auch nur im Entferntesten etwas anderes als eine kurzfristige, unbedeutende Ablenkung sein könnte.

Bis sie ihre letzte Tasse Kaffee ausgetrunken hatten, war es schon ziemlich spät und John legte beschützend den Arm um Marian, als sie durch den Park zum Auto zurückgingen. Er war erleichtert, dass das Abendessen gut gelaufen war und dass sie sich bald wieder wie in alten Zeiten gestritten hatten, in wessen Wohnung der Abend enden sollte. John wusste, dass das alles nur Machtspielchen waren, aber er genoss die vertrauten Abläufe.

Als er es gerade geschafft hatte, sie zu einer „primitiven Nacht“ in seiner Wohnung zu überreden, schaute sie zu einem nahegelegenen Toilettenhäuschen hinüber und zischte: „Das ist ja ekelhaft.“

John folgte ihrem Blick und sah einen Mann in einem billigen Anzug, der offensichtlich dabei war, für einen schnellen Fick oder einen Blowjob zu bezahlen. Er rümpfte die Nase und wollte gerade Marians Meinung zustimmen, da fiel sein Blick auf den Ärmel des Mannes, der das Geld entgegennahm. Unter der ausgefransten Manschette der Jacke konnte er gerade noch grünes Flanell erkennen. Es war sein Hemd. John blieb wie angewurzelt stehen und sah entsetzt zu, wie der Anzugträger David Geld in die Hand drückte. Als sich seine Finger um den Geldschein schlossen, blickte David kurz auf und sah John.

Seine Augen weiteten sich, und David fühlte sich plötzlich, als wäre alle Luft aus seinen Lungen gequetscht worden.

John konnte die Scham auf dem Gesicht des anderen Mannes lesen, aber er empfand nichts als Zorn. Er biss die Zähne zusammen und starrte ihn wütend an.

Davids Magen krampfte sich zusammen, als Johns Abscheu über ihn hinwegrollte. Er wollte dem Mann das Geld vor die Füße werfen und zu John gehen, aber das war nicht realistisch … so lief das nicht. Er war wie gelähmt, festgehalten von Johns Augen bis der Freier ungeduldig wurde und David brutal auf das Toilettenhäuschen zu schubste.

Marian sah John neugierig an und fragte: „Kennst du ihn?“

John wandte den Blick von der Szene ab und spie hervor: „Warum zum Teufel sollte ich so einen kennen?“ Er packte sie am Arm und stürmte zum Ausgang des Parks.

 

 

JAMIE KAM recht schnell dahinter, dass bei Johns Date nicht alles gelaufen war wie geplant; allerdings hütete er sich, zu fragen. John hatte saumäßige Laune. Stattdessen, um Johns Zorn nicht auf sich zu lenken, verzog er sich ins Hinterzimmer, wo er die neueste Lieferung Schulbücher auspacken und überprüfen konnte.

David drückte sich vor dem Laden herum und versuchte den Mut aufzubringen, die Tür zu öffnen. Er wäre am liebsten gar nicht hineingegangen, aber er wusste, dass sein gleichbleibender Tagesablauf das einzige war, was ihn auf Kurs hielt, was ihn zusammenhielt. Er wusste, dass er den Tag in dem kleinen Laden in seinem Sessel verbringen musste, obwohl er damit das Risiko einging, sich Johns Verachtung auszusetzen. David schloss kurz die Augen, stieß die Tür auf und hoffte, dass Jamie hinter dem Ladentisch stehen würde. Die Türglocke war heute zu laut und brachte seine Nerven zum Flattern. Seine Atmung beschleunigte sich, als er einen Blick zum Ladentisch warf und John dahinter sah.

Im gleichen Moment blickte John auf.

David wünschte sich verzweifelt, er könnte sich einfach umdrehen und gehen oder mit gesenktem Kopf am Ladentisch vorbeilaufen, aber sein Skizzenbuch war voll. Er brauchte unbedingt ein neues, ehe er sich in seinem Sessel verstecken konnte.

David kam langsam auf die Theke zu, griff in seine Jackentasche und legte einen zerknitterten Zwanziger auf die Theke. Seine zögerliche Bitte um ein neues Skizzenbuch war kaum hörbar.

John holte einen der durch Wasser beschädigten Skizzenblocks unter dem Ladentisch hervor und knallte ihn vor David hin. Er zitterte fast vor Wut. David nahm ganz vorsichtig den Block an sich und schob ihm das Geld zu.

Beim bloßen Anblick des Geldes drehte sich John der Magen um. In diesem Moment hätte er David am liebsten am Kragen gepackt und geschüttelt, aber stattdessen nahm er den Geldschein, zerknüllte ihn in der Faust und warf ihn David hin, sah ihn nutzlos von dessen Brust abprallen.

„Ich will das Scheiß-Geld nicht“, blaffte John ihn an. „Ich hab‘ gesehen, wie du’s dir verdient hast!“

Die Worte hatten die Wucht eines physischen Schlags, und David stolperte vom Ladentisch zurück.

Bei dem Aufruhr kam Jamie aus dem Hinterzimmer gerannt, um nachzusehen, was los war. Er schaute von John zu David und versuchte dahinterzukommen, was zwischen ihnen passiert war, aber keiner der beiden erwiderte seinen Blick. Er ging ein paar Schritte auf David zu und fragte in ruhigem Ton: „Was ist denn?“ David reagierte nicht auf Jamies Frage und sah John weiter unverwandt an.

Jamie legte ihm sanft eine Hand auf den Arm und bat: „Davey, bitte sag mir, was los ist … was ist passiert?“

Diesmal drehte David sich um und sah Jamie an, und der Schmerz in seinen Augen war unverkennbar.

Als Jamie das sah, fasste er fester zu. „Bitte, Dave …“

David schüttelte so leicht den Kopf, dass Jamie nicht sicher war, ob er es überhaupt getan hatte. Dann entriss er ihm seinen Arm und flüchtete zur Tür hinaus.

John stand immer noch hinter dem Ladentisch und starrte das Skizzenbuch und den zusammengeknüllten Geldschein an, als Jamie auf ihn losging. „Was zum Teufel ist passiert, John? Was hast du zu ihm gesagt?“

John hielt seine Emotionen so fest im Griff, dass seine Stimme tonlos und kontrolliert klang. „Ich habe ihm gesagt, dass ich sein Geld nicht will.“

Jamie musterte ihn argwöhnisch. Irgendwas stimmte hier ganz entschieden nicht. „Warum nicht, John?“

„Ich habe gesehen, wie er sich verkauft hat. Auf einer gottverdammten öffentlichen Toilette, Jamie.“ Johns Beherrschung kam ins Wanken; er brachte die Worte kaum heraus.

Jamie starrte ihn an, bis er sicher war, dass er richtig verstanden hatte. Er spürte, wie ihn selbst der Zorn packte. „Scheiß Moral-Ansprüche! Herrgott noch mal, John. David hat kein pralles Bankkonto, von dem er einfach abheben kann, wenn er was braucht … nicht mal einen Scheck von der Sozialhilfe zum Einlösen. Ich fass‘ es nicht, dass du ihn so was antun konntest! Denkst du, er will anschaffen gehen?“ Tränen der Enttäuschung und des Zorns stiegen Jamie in die Augen. „Kannst du dir überhaupt vorstellen, was ihn das jedes Mal kosten muss, wenn er sich von jemandem ...?“ Jamie öffnete und schloss krampfhaft die Fäuste und rang um Beherrschung. „Ich kann’s einfach nicht glauben, dass du das getan hast.“

Jamie kehrte John den Rücken und marschierte aus dem Laden, um nach David zu suchen.