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MIT DAVID in den alten Ledersesseln zu sitzen und sein Mittagessen mit ihm zu teilen war für Jamie zur Gewohnheit geworden. Er genoss die ruhigen Gespräche, die Tatsache, dass er sich David anvertrauen konnte, das Wissen, dass David nie über ihn urteilen würde.

Sie hatten ganz schön lange gebraucht, um so weit zu kommen. Jamie konnte sich noch an Davids ersten zögerlichen Vorstoß in den Laden erinnern; als Maggie ihn erst einmal zum Hereinkommen überredet hatte, war er die ganze Zeit nur herumgelaufen, als würde er etwas suchen. Er wanderte von Regal zu Regal, streckte die Hände nach den Büchern aus, ohne seine Finger mit ihnen in Kontakt kommen zu lassen. Jamie wollte zu ihm hingehen, ihn fragen, welches Buch er wollte, aber Maggie hatte ihn zurückgehalten und ihm geraten, David Zeit zu lassen. Am ersten Tag blieb er nicht lange, aber am nächsten Morgen war er wieder an der Tür aufgetaucht. Maggie lächelte hinter dem Ladentisch hervor und umklammerte Jamies Hand mit festem Griff als Warnung, David nicht zu bedrängen.

Nach seinem langsamen Gang durch die Regale hatte Maggie David leise angesprochen, ihn auf die Secondhand-Abteilung hingewiesen und ihn eingeladen, zu bleiben und zu lesen. Er nahm keinen Blickkontakt auf, aber er schaute in die Richtung, in die sie zeigte und verzog seine Lippen zu etwas, was Maggie als Versuch eines Lächelns deutete. Sie ließ ihn in Ruhe alles erkunden, kehrte hinter den Verkaufstresen zurück und flüsterte Jamie zu, dass sie das schon hinkriegen würden.

Jamie kaute abwesend an seinem Sandwich; er hatte viele Jahre lang seinen Eltern im Laden geholfen, bevor David aufgetaucht war, und doch fühlte er sich jetzt ohne ihn hier irgendwie fehl am Platz. Die andere Hälfte des Sandwichs lag auf dem leeren Sessel. Jamie konnte sie nicht essen.

 

 

ZWEI WOCHEN waren vergangen, seit David aus dem Laden geflüchtet war. Jamie hatte ihn zu finden versucht, aber schnell gelernt, dass viele Leute – sei es absichtlich oder aus Desinteresse – Menschen wie David einfach nicht sahen. Jedem Obdachlosen, der ihm über den Weg lief, hatte Jamie seine Telefonnummer gegeben, dazu zehn Dollar und die Bitte, ihn anzurufen, falls David irgendwo gesehen wurde. Er wusste, dass einige das Geld versaufen würden, aber das nahm er ihnen nicht übel.

Er gab fast seinen ganzen Lohn dafür aus, sogar einen großen Batzen von dem, was eigentlich für seine Miete bestimmt war, aber es kam kein Anruf.

Anfangs war Jamie stinkwütend auf John, aber inzwischen konnte er sehen, dass John – so sehr er es auch zu verbergen versuchte – bei jedem Bimmeln der Türglocke hoffnungsvoll aufblickte. Für Jamie war es ganz offensichtlich, dass John David ebenfalls vermisste und sich Sorgen um ihn machte, auch wenn er das nie zugeben würde.

Als John in den hinteren Teil des Ladens kam, sah er Jamie still dort sitzen und seine Sandwichhälfte essen. Der Anblick des ungegessenen Sandwichs auf dem ansonsten leeren Sessel beschämte ihn, doch wie es ihm in den vergangenen zwei Wochen zur Gewohnheit geworden war, nahm John Zuflucht zu Ärger und schnauzte Jamie an: „Schaff endlich die blöden Sessel hier raus. Ich hab‘ die Schnauze voll davon, mir anzugucken, wie die hier Platz wegnehmen.“

Er drehte sich um, marschierte zum Ladentisch zurück und fummelte dabei an dem Streifen Kopfschmerztabletten in seiner Hosentasche herum.

 

 

JETZT, WO Marian wieder in der Stadt war, verfielen sie und John rasch wieder in ihre vertraute Routine: Abendessen in einem exklusiven Restaurant gefolgt von Drinks und Sex in seiner oder ihrer Wohnung. Sie verbrachten nie die ganze Nacht zusammen. Beide vermieden langes Herumtrödeln im Schlafzimmer, nachdem sie das Techtelmechtel hinter sich hatten; normalerweise zogen sie sich gleich wieder an und sagten sich gute Nacht. Es war nicht so, als ob sie sich nicht gemocht hätten; sie sahen nur einfach keinen Sinn darin, eine nützliche Beziehung zu komplizieren. Heute Abend war Johns Wohnung dran, und wie üblich war das Essen teuer gewesen und der Sex leidenschaftslos, hatte aber seinen Zweck erfüllt.

„Du musst wirklich aus dieser Gegend hier weg, weißt du“, hielt Marian ihm mit einem missbilligenden Kopfschütteln entgegen, als er die Badezimmertür hinter sich schloss.

John verdrehte die Augen und grinste. „Ich weiß … zu klein, zu deprimierend und der Parkplatz ist ein schlechter Witz.“

„Nun, das stimmt alles“, fuhr Marian fort. „Aber was mir eher Sorgen macht, ist die Tatsache, dass bei dir nach Mitternacht noch Landstreicher auf der Matte stehen.“

John sah sie ausdruckslos an, doch in seinem Innern begann sich eine vage Übelkeit breitzumachen. „Was meinst du damit?“

Marian nahm die leeren Gläser und machte sich auf den Weg in die Küche. „Als du im Bad warst, ist ein völlig verdreckter Mann hier aufgetaucht und hat auf deine Türschwelle geblutet.“

Mit raschen Schritten durchquerte John das Zimmer und packte sie am Arm, um sie aufzuhalten. „Was ist passiert? Wo ist er?“

Marian sah ihn verwundert an. „Schon gut, John. Ich habe ihn weggeschickt.“

„Was hat er gesagt, Marian?“, fragte John mit zusammengebissenen Zähnen. Er kämpfte darum, ruhig zu bleiben.

„Eigentlich gar nichts. Er hat mich nur angeglotzt, als ich die Tür aufgemacht habe. Ich hab‘ ihn gefragt, ob er Hilfe braucht. Ich bin nicht völlig herzlos. Aber er hat mir keine Antwort gegeben, also hab‘ ich ihm gesagt, dass er gehen soll und die Tür wieder zugemacht.“

Augenblicklich ließ John Marians Arm los und rannte zur Tür hinaus. Sein Herz pochte wie wild, als er immer zwei Stufen auf einmal die Treppen hinuntersprang. Beinahe wäre er über die zusammengekauerte Gestalt am Fuß der Treppe gestolpert.

Doch er fand sein Gleichgewicht rasch wieder und ging vor der stillen Gestalt in die Hocke, wobei er gleichmäßig zu atmen versuchte. „David?“

David reagierte nicht, und John spürte, wie seine Panik wuchs. Er legte vorsichtig eine Hand auf den gesenkten Kopf, strich mit den Fingern durch das fettige Haar und flüsterte: „Dave, bitte?“

Langsam umfasste John mit der anderen Hand Davids Kinn und hob behutsam das blutig geschlagene Gesicht an. Davids Lippe war aufgeplatzt und aus einer Schnittwunde über seinem Auge floss reichlich Blut. John streichelte ihm mit dem Daumen über die Wange und wartete angespannt, während David sich auf das Gesicht so nahe bei seinem zu konzentrieren versuchte.

Endlich sah John das Wiedererkennen in den grauen Augen aufblitzen; Erleichterung durchströmte ihn, wich jedoch rasch einer Mischung aus Schmerz und Schuldgefühl, als David murmelte: „Es tut mir leid, John.“

„Oh, verdammt, David, dir braucht gar nichts leidzutun. Ich war ein Riesenarschloch“, sagte John ebenso leise, ehe er seine Hände sinken ließ und aufstand. „Komm schon, mein Freund. Schaffen wir dich rein.“ John blickte sich nach Davids Besitztümern um, doch statt des Rucksacks sah er nur ein einzelnes zerfleddertes Skizzenbuch, an Davids Brust gedrückt und krampfhaft umklammert.

Es war klar, dass David erschöpft war, nachdem er es bis zur Wohnung geschafft hatte. John bückte sich, legte ihm behutsam einen Arm um die Taille und schaffte es mit einiger Anstrengung, David auf die Füße zu kriegen. Auf der Treppe versuchte John ihn so vorsichtig wie möglich zu stützen. Der Druck von Johns Arm um seinen Körper ließ David leise ächzen, aber er lehnte sich trotzdem dankbar an ihn.

Bis sie die Wohnungstür erreicht hatten, war Davids Gesicht aschfahl und Schweiß mischte sich mit dem Blut auf seiner blassen Haut. John manövrierte ihn vorsichtig durch die Tür und in den nächstbesten Sessel, wobei er die Missbilligung auf Marians Gesicht ignorierte.

„Wo bist du verletzt, David?“, fragte John und strich David das Haar aus dem Gesicht. Erleichtert stellte er fest, dass der Schnitt trotz des vielen Blutes anscheinend nur oberflächlich war. Er musste nachsehen, ob David noch andere Wunden hatte, doch er zögerte. Der Körperkontakt, als er ihm die Treppe hoch geholfen hatte, war etwas anderes; er brauchte die ausdrückliche Bestätigung von David, dass dies hier okay war. „Ich muss nachsehen, ob du verletzt bist, David. Darf ich dir die Jacke ausziehen?“

David antwortete nicht; er konzentrierte sich ganz darauf, seine Atmung gleichmäßig zu halten, statt John zuzuhören.

„David, bitte. Ich muss wissen, ob es okay ist.“

Vielleicht war es Johns Tonfall, der in Davids Bewusstsein drang, aber er schrak leicht zusammen und wandte ihm das Gesicht zu.

„Komm schon, David. Lass mich sehen, wo du verletzt bist. Ich muss dir die Jacke ausziehen.“

David schaute auf seine Hände hinab, die das Skizzenbuch umklammert hielten, und lockerte langsam seinen Griff, ließ John den Block nehmen und auf den Tisch legen. John streifte ihm vorsichtig die Jacke von der Schulter und über den Arm, dann wiederholte er die Prozedur auf der anderen Seite. Auf dem zerrissenen Flanellhemd war kein Blut zu sehen.

David zuckte zusammen, als Marian zu ihnen trat und mit einer gewissen Ungeduld sagte: „Sieh mal, John, ich weiß ja nicht, warum er hier her gekommen ist, aber das brauchst du nicht zu tun. Setz‘ ihn in ein Taxi und schick ihn ins Krankenhaus. Sollen die sich doch um ihn kümmern.“

John drehte den Kopf und warf ihr einen finsteren Blick zu. Seine Zähne schmerzten, so fest biss er sie zusammen. Wie konnte sie David einfach so abtun? Er wandte seine Aufmerksamkeit wieder David zu und sagte mit trügerisch ruhiger Stimme: „Geh nach Hause, Marian. Das hier geht dich nichts an.“

Sie kniff die Augen zusammen und öffnete den Mund zu einer Antwort, schloss ihn aber gleich wieder. Mit so viel Würde, wie sie nur aufbringen konnte, machte Marian ihre Handtasche und ihren Mantel ausfindig und verließ die Wohnung. John hörte sie gehen; er würde sich später bei ihr entschuldigen müssen, das wusste er, aber im Moment brauchte David ihn. Marian nicht.

Er seufzte und konzentrierte sich auf Davids Hemd. Einige von den Knöpfen waren abgerissen, sodass John nur noch zwei zu öffnen hatte. Er legte die Überreste eines fadenscheinigen T-Shirts frei und warf einen Blick in Davids Gesicht, um abschätzen zu können, ob er weitermachen sollte. Davids Gesichtsausdruck war schwer zu deuten, doch die verzweifelte Furcht war aus seinen Augen gewichen. John hob den Saum des T-Shirts und fluchte, als er die Masse an roten und blauen Blutergüssen auf Davids Bauch sah. „Scheiße, David. Ich rufe einen Arzt. Das muss untersucht werden.“

David fasste nach Johns Hand und versuchte entschlossen, den zerschlissenen Stoff wieder runterzuziehen. „Ich bin okay“, murmelte er. „Muss mich bloß … sauber machen … bitte.“

John schaute auf Davids Hand, die auf seiner lag. „Du brauchst wirklich einen Arzt, David.“

„Bitte, John“, flüsterte David und fasste fester zu.

John nickte, wenn auch nicht überzeugt, und David nahm rasch seine Hand weg, als wäre ihm der Kontakt peinlich. John stand schweigend auf und ging ins Bad. Er drehte die Wasserhähne voll auf und sah zu, wie das Wasser in die Wanne rauschte und den Boden zu bedecken begann. Der Raum füllte sich bereits mit Dampf, als John wieder ins Wohnzimmer ging und sich neben David niederkauerte. „Das Bad läuft ein, wenn du reingehen willst.“

David nickte, atmete einmal schmerzerfüllt durch und stand auf. Er hielt sich an der Sessellehne fest und schloss die Augen. John richtete sich langsam auf und legte ihm sanft eine Hand auf den Rücken. „Schon okay. Ich helf‘ dir.“

Zu Johns Überraschung nickte David noch einmal leicht mit dem Kopf, öffnete die Augen und ging aufs Badezimmer zu.

Das Bad hatte sich inzwischen fast ganz mit Dampf gefüllt, der das grelle Licht über dem Spiegel weicher machte. John bückte sich, um die Wassertemperatur zu prüfen. Fast schon bereit. David fummelte mit den Knöpfen an den Manschetten seines Hemdes, doch bei dem ständigen Zittern seiner Hand entglitt ihm der kleine schwarze Knopf immer wieder. Je öfter er es versuchte, desto hektischer wurde er, bis John seine Finger sanft um Davids Hand schloss. Er sagte nichts, schob nur sachte Davids Hand weg und ließ den Knopf durch das Knopfloch gleiten. Ein winziges rotes Herz, in die Falten von Davids Handgelenk tätowiert, brachte ihn kurz ins Stocken; er hätte gern danach gefragt, doch dafür war jetzt nicht der richtige Moment. Er knöpfte die andere Manschette auf, streifte David das Hemd ab und legte es auf einen kleinen Holzstuhl.

David ließ sich von John das T-Shirt ausziehen, senkte aber den Kopf, da ihm die heiße Schamesröte in die Wangen stieg. Er wollte nicht, dass John ihn so sah: zu dünn, schmutzig und verunstaltet von alten und frischen Blutergüssen. David schluckte wiederholt, als John sich auf den Fußboden kniete und ihm behutsam erst den einen, dann den zweiten Stiefel auszog. Er musste zwar nach Johns Schulter greifen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren, doch er ließ sofort wieder los, sobald die Aufgabe erledigt war. Wenn John ihn berührte, war das eine Sache, aber …

„Äh, und jetzt die Hose“, sagte John leise. Er richtete sich auf, wandte sich der Wanne zu und drehte das Wasser ab. „Soll ich rausgehen?“

David dachte mit Entsetzen daran, dass John ihn nackt sehen würde, aber er wusste, dass er Hilfe brauchen würde, um in die Wanne zu kommen. Er bemühte sich, ganz langsam zu atmen und machte sich mit zusammengebissenen Zähnen daran, seinen Hosenladen zu öffnen. Dieser Knopf war größer, daher bekam er ihn relativ leicht auf; er zog den Reißverschluss runter, ließ die Hosen fallen und taumelte leicht, als er heraustrat.

John warf ihm einen flüchtigen Blick zu; er empfand eine Mischung aus Zorn und Bedauern beim Anblick von Davids Körper. Unter anderen Umständen könnte er so schön sein. Doch er schaute gleich wieder weg, als er Davids Verlegenheit bemerkte. „Schon okay, Dave. Na komm.“ John reichte ihm die Hände und stützte ihn, als David zaghaft in die Wanne stieg.

Kaum umgab David die Wärme des Wassers, verließ ihn seine Entschlossenheit. Er zog die Knie hoch und drehte sein Gesicht zur Wand. Ich hätte nicht herkommen sollen … ich hätte im Park bleiben sollen. Es ist falsch, dass John das tun muss.

Für einen Moment stand John nur da und schaute ihn an. Er wusste nicht mehr weiter. David wäre bestimmt lieber ungestört gewesen, aber John wollte ihn nicht allein lassen. Er drückte sich eine Weile bei der Badezimmertür herum, ehe er eine Entscheidung traf. „Ich hol‘ dir was zum Anziehen. Lass dir ruhig Zeit.“

Ein kaum wahrnehmbares Nicken war der einzige Hinweis, dass David ihn gehört hatte.

John ging in sein Schlafzimmer, wo er die Kleider zusammensuchte, in denen David beim letzten Mal geschlafen hatte, und Bettzeug, um die Couch zu beziehen.

Während er das Leintuch glatt zog, ging ihm ein Gedanke unablässig im Kopf herum. Er ist zu mir gekommen. Nach der Art, wie ich ihn behandelt habe, ist er trotzdem zu mir gekommen. Als das Bett gemacht war, konnte John es kaum noch erwarten, wieder im Bad bei David zu sein.

Er brachte die Kleider ins Bad und sah, dass David es allein aus der Wanne geschafft hatte und jetzt in Johns Lieblings-Badetuch gewickelt auf dem Badewannenrand saß. Er war sauber und der Schnitt hatte endlich aufgehört zu bluten. Die Erschöpfung in seinen Augen war unverkennbar.

„Sind dieselben wie letztes Mal“, sagte John, da ihm nichts Besseres einfiel, und legte die Jogginghose und das T-Shirt auf den Stuhl. Er warf David ein beinahe schüchternes Lächeln zu und ging wieder hinaus.

Er entfernte sich allerdings nicht weit vom Badezimmer, sondern lehnte sich neben der Tür an die Wand und sah zu, wie sich seine Hände nervös aneinander rieben, bis David herauskam. David wirkte leicht erschrocken über Johns Nähe, doch er entspannte sich beim Anblick des Bettes, das für ihn bereit war; er brauchte Schlaf.

John richtete sich rasch auf und hob die Hand, als wollte er David am Arm berühren, doch dann ließ er sie genauso schnell wieder sinken. Er folgte Davids Blick zu dem behelfsmäßigen Bett und schüttelte den Kopf. „Oh, äh, das ist für mich. Du kannst … äh, du kannst heute Nacht in meinem Bett schlafen.“ John errötete leicht bei der Erwähnung seines Bettes und gab sich im Geiste einen Tritt wegen der Formulierung. David schaute ihn verwundert an, was John nur noch mehr durcheinanderbrachte. Er versuchte sich nichts anmerken zu lassen und ging schnell Richtung Schlafzimmer, in der Hoffnung, dass David ihm folgen würde. „Zum Schlafzimmer geht’s hier lang. Das Bett ist warm, aber der Schalter für die Heizung ist da drüben, falls dir zu kalt wird.“ Plötzlich gingen John die Worte aus; so dicht neben David – in seinem Schlafzimmer! – fühlte er sich sehr befangen. David spürte Johns Unbehagen, missverstand aber die Ursache; er senkte den Kopf und murmelte: „Danke.“

John nickte, verließ das Zimmer und schloss leise die Tür hinter sich. Er stieß den Atem aus – er hatte gar nicht gemerkt, dass er die Luft angehalten hatte – schnappte sich ein Glas und füllte es prompt mit Scotch. Nach einigen hastigen, großen Schlucken rieb er sich müde mit den Fingern die Augen. Was zum Teufel machst du da bloß, McCann?

 

 

DER GRÜNE Schimmer der DVD-Anzeige war das einzige, was John sehen konnte, als er aus unruhigem Schlaf aufschreckte. Er wusste nicht, was ihn so plötzlich geweckt hatte und fand es schwierig, sich in der Dunkelheit des fensterlosen Raums zu orientieren. Er blieb auf der Sofakante sitzen, bis das Rauschen des Blutes in seinen Ohren nachließ, sodass er auf die Geräusche in der Wohnung lauschen konnte … nichts. Er stand auf und näherte sich der Tür zu seinem Schlafzimmer. Drinnen schien alles still zu sein, daher öffnete John vorsichtig die Tür. Im Mondlicht, das durch die offenen Vorhänge hereinströmte, wirkte der Raum im Vergleich zum Wohnzimmer hell erleuchtet; David, der in Johns Bett schlief, war mühelos zu erkennen. John blieb reglos an der Tür stehen und sah zu, wie sich der Quilt im Takt regelmäßiger, tiefer Atemzüge hob und senkte. John schnitt eine Grimasse, weil er dabei einen Kloß im Hals bekam und sich etwas eingestehen musste. Verdammte Scheiße, ich hab‘ hier ein Problem.