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BEWUSSTSEIN DRANG langsam in Davids Schlaf, begleitet von stetig pochenden Kopfschmerzen. Er lag still und ließ sich Zeit, ganz wach zu werden, ehe er auch nur versuchte, die Augen zu öffnen. Statt sich auf das übliche Bedauern beim Erwachen vorzubereiten, ließ David sich entspannt in die Wärme des Bettes sinken. Das Bettzeug roch entfernt nach John. David drehte den Kopf ein wenig, sodass seine Nase auf dem Kissen ruhte, und atmete tief ein. Erst da nahm er das leise Schnarchen wahr. Er musste es schon vorher gehört haben, ohne es jedoch zu registrieren. An schnarchende Körper in seiner Nähe war er gewöhnt; nicht selten war er nur aus reiner Erschöpfung imstande, bei dem Lärm im Männerwohnheim zu schlafen. Er runzelte die Stirn, was er sofort bereute, da die verschorfte Schnittwunde an seinem Haaransatz wieder aufzuplatzen drohte.

David öffnete die Augen; das Licht der Morgensonne schickte einen stechenden Schmerz durch seinen ohnehin schon schmerzenden Kopf. Er stöhnt auf und kniff die Augen zusammen, bis sie sich an das Eindringen des Tageslichts gewöhnt hatten.

Die andere Seite des Bettes war leer. David streckte unter der Decke die Hand aus und strich damit über die Matratze. Er sah zu, wie seine Finger sich unter dem Quilt weiter voran arbeiteten und überlegte dabei flüchtig, auf welcher Seite des Bettes John wohl schlief … welches Kissen war seins? David seufzte. Es war lächerlich von ihm, über so etwas nachzudenken.

Ein kurzes Schnauben unterbrach plötzlich das Schnarchen, dann setzte es lauter und in gleichmäßigem Rhythmus wieder ein. David wurde klar, dass es hinter ihm war. Er zog bedächtig seine Hand zurück und stützte sie auf die Matratze, um sich umzudrehen. Jedes Gelenk, jeder Muskel beschwerte sich bei der Bewegung; der Schmerz, als er sich auf die andere Seite wälzte, nahm ihm vorübergehend den Atem. Aber jetzt schaute er John an.

John war im Ohrensessel in der Zimmerecke eingeschlafen, die Sofadecke über einer Schulter und quer über den Knien. Ein Bein hatte er untergeschlagen und den Kopf zur Seite geneigt, auf seine Handfläche gestützt. David musste einfach lächeln, als er John so sah – mit offenem Mund und schnarchend wie ein Blasebalg. Völlig sorglos in seinen Träumen.

David hatte keine Ahnung, wie lange er John schon beim Schlafen zuschaute, als das schrille Summen des Weckers ihn aufschreckte. John erwachte mit einem Grunzlaut und sprang so hastig auf, dass er beinahe den Sessel umwarf. Seine Augen irrten ziellos durchs Zimmer, doch nach ein paar Sekunden klärte sich sein Blick. Während er zum Nachttisch ging, warf er David ein kleinlautes Lächeln zu und zuckte die Achseln. „Ah, tut mir leid. Den hab‘ ich gestern Abend vergessen abzustellen.“

Eine Welle von Befangenheit durchströmte David, da er in Johns Bett lag. Er schaute weg und murmelte ein rasches „Schon okay.“

John verfluchte sich im Stillen, weil er nicht früher aufgewacht war und sich unbemerkt wieder auf die Couch geschlichen hatte; er entfernte sich etwas weiter von David und schaute aus dem Fenster. Der Morgen war grau und das spärliche Licht hatte grelle Ränder. John hob abwesend die Arme über den Kopf, eine Hand an jedem Ellbogen, und streckte sich, reckte den Kopf, bis er ein befriedigendes Knacken im Genick spürte. Von der im Sessel verbrachten Nacht tat ihm alles weh, aber das spielte er mit einem Achselzucken herunter. „Ich werde langsam zu alt für so was.“ Er lächelte und deutete mit dem Kopf auf den Ohrensessel.

David sah ihn stirnrunzelnd an, sodass John sich zu einer Erklärung genötigt sah. „Sieh mal, gestern Abend hab‘ ich mir Sorgen gemacht. Du warst anscheinen nicht allzu … äh … klar bei Verstand und ich dachte ständig, ich hätte doch einen Arzt rufen sollen.“ Seine Erklärung verklang.

David überlegte kurz, dann schaute er den Sessel an und sagte leise: „Jetzt bin ich wieder okay. Ich ziehe mich an und gehe.“ Er machte Anstalten aufzustehen, doch seine verkrampften Kiefermuskeln verrieten den Schmerz, der bei der einfachen Bewegung durch seinen Brustkorb schoss. John streckte ihm sofort die Hand entgegen wie jemand, der ein verschrecktes Tier zu beruhigen versucht; seine Stimme klang lauter als beabsichtigt. „Nein … damit wollte ich nur sagen, diesmal musst du dir von mir Frühstück machen lassen.“

Obwohl für den Moment beschwichtigt, murmelte David: „Ich frühstücke normalerweise nicht.“

„Na, heute schon. Letztes Mal hast du dir meine guten Spiegeleier mit Speck entgehen lassen“, konterte John, da er nicht so leicht aufgeben wollte.

Beim Gedanken an Essen drehte sich David der Magen um. Vor lauter Kopfschmerzen war ihm ganz übel. Er fuhr sich mit den Fingern zögernd über die Stirn und sagte: „Bitte, John … nur Kaffee?“

John lächelte, nickte und ging in die Küche. Scheiße, hör auf mit dem Überkompensieren und lass ihm seinen Freiraum, verdammt noch mal. Er stützte sich mit den flachen Händen auf die Arbeitsfläche, um seine Gedanken zu sammeln. Okay, ganz ruhig. Mach‘ ihm was zu trinken. Und vielleicht bekam er auch ein paar Scheiben Toast und ein echtes Gespräch mit dem Mann zustande!

Als der Kaffee durchlief, als sein Tee in der Kanne war und das Brot im Toaster, hatte John allmählich wieder das Gefühl, die Situation einigermaßen unter Kontrolle zu haben. Er bestückte ein Tablett mit zwei Tassen, Servietten, einem Glas Wasser, einem Streifen Aspirintabletten – zur Abwechslung mal nicht für sich selbst – und bestrich den heißen Toast großzügig mit Orangenmarmelade. Dabei dämmerte ihm allmählich, dass Davids erste tägliche Mahlzeit wahrscheinlich das Sandwich war, das er sich mit Jamie teilte, und auch, dass er sich nie überlegt hatte, was David eigentlich sonntags machte, wenn das Margins geschlossen war. In Wirklichkeit wusste er rein gar nichts über David.

Mit dem vollen Tablett machte John sich wieder auf den Weg ins Schlafzimmer. Als er durch die Tür kam, setzte David sich mühsam auf; sein schmerzverzerrtes Gesicht entspannte sich erst, als er am Kopfteil des Bettes lehnte. John schob mit der Kante des Tabletts Wecker und Lampe aus dem Weg, um auf dem Nachttisch Platz für ihr Frühstück zu machen. Als das Tablett kippsicher stand, zog er den Ohrensessel näher ans Bett heran. Das Ding war schwerer und bereitete ihm mehr Mühe als erwartet, aber John war fest entschlossen, David nicht sehen zu lassen, dass er mit dem Gewicht des Sessels zu kämpfen hatte. Nach vollbrachter Tat setzte er sich mit einem flüchtigen Lächeln hin und trank einen großen Schluck von seinem Tee.

Bis zu diesem Moment hatte David still dagesessen und John bei den Vorbereitungen für ihr Frühstück zugesehen. Beim Anblick des Tabletts war er ein bisschen überwältigt, dass John sich für ihn so viel Mühe gemacht hatte. Er griff nach den Aspirin, zögerte und schaute kurz zu John, als wollte er um Erlaubnis bitten, ehe er drei von den Tabletten schluckte. Er schloss kurz die Augen, da ihm von den Pillen sofort übel wurde. John entging Davids Reaktion auf das Medikament nicht; er sagte mit ganz sanfter Stimme: „Versuch‘ was zu essen, das hilft.“

David nahm ein Stück Toast und biss zaghaft in die harte Kruste. Er kaute langsam und sorgfältig. „Weißt du, vielleicht solltest du heute besser hierbleiben? Dich schonen?“, schlug John vor, wobei er starr auf seine Finger blickte, die die Tasse ein wenig zu fest umklammert hielten. „Das wird ein absoluter Albtraum, wenn Jamie erfährt, dass du wieder da bist.“

David kaute immer noch an seinem ersten Bissen; er lächelte beim Gedanken an Jamie, der John sicher erbarmungslos löchern würde. Und er musste zugeben, dass das Angebot sich gut anhörte. „Danke, John. Bitte sag‘ ihm, dass ich okay bin.“

John nickte, erwiderte aber das Lächeln nicht. „Was ist gestern Abend passiert? Wer hat dir das angetan?“

„Nur ein paar Jungs. Betrunken und auf der Suche nach einem leichten Opfer, nehme ich an“, antwortete David mit einem wegwerfenden Achselzucken.

„Herrgott noch mal, David“, fluchte John. „Wie kannst du das nur so abtun?“

Mit gesenktem Blick legte David die Scheibe Toast wieder auf den Teller zurück und griff nach seinem Kaffee. „So was passiert eben.“

„Wem, dir? Ist dir das schon mal passiert?“, fragte John und beugte sich in seinem Sessel vor. David nickte nur und trank einen Schluck Kaffee.

John konnte es nicht fassen; ihm wurde körperlich übel bei der Vorstellung, dass irgendjemand es unterhaltsam finden konnte, einen anderen Menschen zusammenzuschlagen. Er stellte seine Tasse aufs Tablett zurück und erhaschte dabei einen Blick auf den Wecker dahinter. „Scheiße. Ich muss los, oder Jamie kommt die Treppe rauf und holt mich. Bis später, okay?“ Er wartete Davids Einwilligung ab, ehe er sich ein paar Klamotten schnappte und ins Wohnzimmer eilte, um sich umzuziehen. Dann ging er hinunter in den Laden und dem Schwall von Fragen entgegen, der ihn dort zweifellos erwarten würde, sobald er Davids Rückkehr offenbarte.

 

 

JOHN SCHLOSS gerade die Eingangstür auf, als Jamie von hinten auf ihn zukam. „Du bist heute Morgen spät dran“, sagte Jamie. Er stampfte wegen der Kälte mit den Füßen.

John wappnete sich für den Ansturm und sagte, ohne sich umzublicken: „David ist wieder da.“

Jamies Füße hielten augenblicklich still. „Seit wann? Woher weißt du das? Wo ist er?“ Er wirbelte herum, als könnte David wie durch Zauberei plötzlich neben ihm erscheinen.

John verdrehte die Augen und sagte: „Komm erst mal rein; es ist arschkalt.“

Er musste einfach über Jamie lächeln, der praktisch durch die Tür hüpfte und an ihm vorbei zum Ladentisch. „Okay, wir sind drin. Sag schon!“

„David ist gestern Abend vor meiner Wohnung aufgetaucht.“ John stockte; er wusste nicht, wie er Jamie erzählen sollte, was passiert war. „Er war ein bisschen in Schwierigkeiten. Ist in eine Schlägerei geraten.“

„Nie im Leben! David würde nie jemanden schlagen“, behauptete Jamie felsenfest.

John schüttelte den Kopf, seufzte und erklärte: „Die haben ihn geschlagen, aber er ist okay. Nur ein paar Schrammen und blaue Flecken.“

„Verdammte Schweinehunde. Wo ist er?“, fragte Jamie, als wäre er ziemlich sicher, dass John ihn weggeschickt hatte, wollte es aber genau wissen.

„Er hat bei mir übernachtet und jetzt ist er gerade oben und frühstückt“, sagte John in einem Ton, der viel ruhiger klang, als ihm bei alldem zumute war.

Jamie brach in ein breites, erleichtertes Grinsen aus. „Er ist zu dir gekommen, John.“

Ein ganzer Schwarm Schmetterlinge flatterte plötzlich in Johns Magen herum. Er wandte sich ab, wurde feuerrot und grummelte: „Mach‘ die Kasse bereit, Jamie, und konzentrier‘ dich gefälligst auf die Arbeit.“

Zufrieden vor sich hin summend knackte Jamie eine Rolle Münzen; er versuchte nicht einmal, seine Belustigung über Johns Verlegenheit zu verbergen.

 

 

JOHN TELEFONIERTE gerade mit einem Lieferanten, als er David in den Laden kommen sah. Er trug seine alten Kleider; das zerrissene Hemd lugte unter seiner Jacke hervor. Zwar war er sicher auf den Beinen, aber sein Gesicht war so blass, dass John den Bluterguss um sein linkes Auge und auf seiner linken Wange umso deutlicher erkennen konnte. Er lächelte und nickte David grüßend zu, der die Geste erwiderte.

Als David sich auf den Weg durch den Laden machte, entdeckte Jamie ihn und kam mit einem lauten „Davey!“ auf ihn zu gestürmt. Er setzte zu einer Umarmung an, stoppte aber mitten in der Bewegung und streichelte stattdessen sanft mit der Hand Davids lädiertes Gesicht. Traurig flüsterte er: „Scheiße, Dave …“, war aber nicht imstande, den Satz zu Ende zu führen, da ihm untypischerweise die Worte fehlten.

David hob die Hand und legte sie über Jamies. „Ich bin okay.“

Jamie beließ es wohlweislich dabei und sagte: „Gleich gibt’s Mittagessen. Ich mach‘ dir einen Tee dazu, okay?“ David nickte und lächelte Jamie an, dann nahm er den Roman mit seinem Lesezeichen aus dem Regal und setzte sich auf seinen Sessel.

John ließ David den größten Teil des Tages über in Ruhe; allmählich verstand er sein Bedürfnis nach Routine. Als er jedoch nach hinten ging, um eine Bestellung zu holen, sah er, dass David eingeschlafen war. John ging leise neben dem Sessel in die Hocke, hob das Taschenbuch auf und legte sorgfältig das Lesezeichen wieder ein. David rührte sich nicht. John legte ihm sanft eine Hand auf den Arm und sagte: „Komm, Dave, da sind meine Schlüssel. Geh nach oben.“ Er fischte seine Schlüssel aus der Hosentasche und platzierte sie in Davids offene Handfläche. David öffnete blinzelnd die Augen und schaute verständnislos auf die Schlüssel in seiner Hand hinab. John schloss Davids Finger über den Schlüsseln und richtete sich auf mit der Aufforderung: „Rauf mit dir, David. Du musst dich ausruhen. Ich komm‘ rauf, sobald wir abgeschlossen haben.“

John war überrascht, dass David nicht einmal versuchte zu widersprechen; er nahm einfach die Schlüssel und ging zur Tür hinaus.

 

 

JOHN PROBIERTE den Türknauf, ehe er die Hand hob, um anzuklopfen; es war nicht abgeschlossen und er war froh, dass Jamie nicht in der Nähe war und nicht mitbekam, wie nervös er beim Betreten seiner eigenen Wohnung war. Das Flattern in seinem Magen verwandelte sich in Besorgnis, als er sah, dass Wohnzimmer und Küche leer waren. Scheiße! Er lauschte aufmerksam in die stille Wohnung, als sein Blick die Schlafzimmertür streifte. McCann, du Vollidiot. Du hast ihm doch gesagt, dass er sich ausruhen soll. John öffnete die Tür einen Spalt und spähte hinein. Als er sah, dass die Vorhänge zugezogen waren und David schlafend im Bett lag, lächelte er und schloss die Tür ebenso leise wieder.

Das zerfledderte Skizzenbuch fiel John ins Auge. Es lag immer noch auf dem Tisch, wo er es am Abend zuvor gelassen hatte. John setzte sich auf die Couch und schaute sich die Überreste des Buches an. Der halbe hintere Buchdeckel fehlte, mehrere Seiten waren zerfetzt und zerknittert, und die Spiralbindung war verbogen und ungefähr zur Hälfte herausgerissen. David hat hart gekämpft, um es sich nicht wegnehmen zu lassen, dachte John und strich mit den Fingern am Schnitt des Buches entlang. Er wusste, dass es ihn nichts anging, dass es eine Verletzung von Davids Privatsphäre war, aber John musste es wissen. Mehrere Minuten lang rang er mit sich, ehe er das Buch in die Hand nahm.

Er schlug es wahllos auf und stieß auf eine Seite voller Zeichnungen von sich selbst; Studien seiner Hände und seiner Augen. Das nächste Bild zeigte John lesend. Die Darstellung strahlte eine Gelassenheit aus, die John kaum wiedererkannte. Das nächste war von Jamie. Er lächelte und schaute den Betrachter direkt an. John überlegte kurz, ob Jamie für diese Zeichnung Modell gesessen hatte und unterdrückte einen Anflug von Eifersucht.

Die Falten auf seiner Stirn wurden tiefer, als er die nächste Seite aufschlug. Die Skizze zeigte einen Jungen im Teenageralter, der über irgendeinen unbekannten Witz lachte; John hatte ihn noch nie gesehen. Im ganzen Buch fanden sich seitenweise Zeichnungen von diesem Jungen, einige davon flüchtige Umriss-Skizzen, andere bis ins kleinste Detail ausgeführt. John wusste nicht, was er davon halten sollte. Er schloss das Buch und legte es wieder auf den Tisch.

Das Skizzenbuch hatte ihn verunsichert und John musste sich irgendwie beschäftigen. Er marschierte zielbewusst in die Küche, holte einen großen Topf aus dem Schrank und versuchte sich dabei an die Zutaten für die Lieblings-Gemüse-Graupensuppe seiner Oma zu erinnern. Suppentherapie. Mit einem Grinsen begann er Karotten zu würfeln, während die Hühnerbrühe siedet.

Innerhalb einer Stunde schöpfte John dampfende Suppe in zwei Suppentassen, zufrieden mit dem Ergebnis, obwohl er mangels Graupen Reis verwenden musste.

David regte sich, als John die Nachttischlampe anknipste. Er gähnte und murmelte: „Tut mir leid. Ich war bloß so müde.“

John nahm seine Suppentasse vom Tablett und setzte sich auf den Sessel; er schaute David an und sagte: „Wohl eher völlig erschöpft. Jetzt wollen wir mal sehen, ob du was von der Suppe da runterkriegst.“

David rutschte im Bett nach oben, stellte sich das Tablett auf den Schoß und nahm einen Löffel voll Suppe. Mit einem anerkennenden Brummen tauchte er seinen Löffel erneut ein. John lächelte und aß seine Suppe, wobei er David über die Tagesereignisse im Laden auf den neuesten Stand brachte. Bis beide Suppentassen leer waren, fielen David bereits wieder die Augen zu und John hatte ihn erfolgreich dazu überredet, eine weitere Nacht zu bleiben. Genau genommen hatte er ihm keine andere Wahl gelassen.

John konnte nicht aufhören zu grinsen, während er den Suppentopf schrubbte.

 

 

ES WAR spät, als David aufwachte und sah, wie sich eine dunkle Gestalt behutsam auf den Sessel zu bewegte. Er wartete, bis John sich in seine Decke zu hüllen begann und sagte leise: „Ich bin okay, John.“

John schaute zum Bett – zum Glück konnte David die Röte nicht sehen, die ihm in die Wangen stieg – und antwortete so schroff er nur konnte: „Das sagst du, aber lass mich trotzdem, okay?“

Eine zarte Wärme breitete sich in Davids Bauch aus bei der Erkenntnis, dass John ihm zuliebe bereit war, eine weitere ungemütliche Nacht im Ohrensessel zu erdulden, aber das konnte er nicht zulassen … nicht meinetwegen.

Ihm war immer noch ganz wirr im Kopf, als er schließlich den Mut zu einer Antwort fand: „Armut ist nicht ansteckend.“

John spähte angestrengt durch die Dunkelheit im Zimmer und fragte mit völlig ungläubig klingender Stimme: „Hast du gerade einen Witz gemacht? Verdammt, das war einer, nicht?“ Das darauffolgende Kichern sorgte dafür, dass sich die Wärme rasant in Davids ganzem Körper ausbreitete, und er zuckte die Schultern. „Nun ja, es ist ein großes Bett.“

Nach einem kurzen Moment des Zögerns ging John zu seiner Seite des Bettes, kletterte vorsichtig hinein und hielt dabei den Atem an, um David nur ja nicht anzurempeln. Er ließ sich in die Kissen sinken und streckte sich langsam auf dem Rücken aus. Seine Matratze hatte sich noch nie so gut angefühlt.

John konnte Davids Anspannung fühlen; als er da so reglos neben ihm lag und an die Decke starrte, tat er etwas, was er schon seit Jahren nicht mehr getan hatte: Er dachte über sein Leben nach, ehe er es in einen Maßanzug gehüllt hatte. „Ich war mal arm, Dave.“

Aus dem Augenwinkel bekam er mit, wie David aufmerkte und ihm das Gesicht zuwandte. „Als ich klein war, habe ich eigentlich gar nicht richtig begriffen, dass wir arm sind. Ich wusste nur, dass ich manchmal hungrig war und dass meine Mam immer geweint hat, wenn ich was davon gesagt habe. Als ich sechs war, ist sie gestorben und von da ab haben wir bei meinen Großeltern gelebt, bei den Eltern von meiner Mam. Mir hat es dort gut gefallen, aber mein Dad hat nicht gearbeitet und deswegen hatten sie ständig Krach. Ich habe oft gehört, wie mein Opa sich mit ihm gestritten hat. Mein Dad blieb abends immer lange weg und kam betrunken nach Hause, und eines Nachts ist er dann gar nicht mehr nach Hause gekommen. Heute ist mir klar, dass er meine Mam vermisst hat und nicht wusste, wie er ohne sie zurechtkommen sollte, aber damals …“ John atmete tief durch; er wusste nicht, warum er all das vor David ausbreitete. Aber nun, da er einmal angefangen hatte, wusste er, dass er alles loswerden wollte. „Mein Leben war nicht schlecht, das will ich damit nicht sagen. Ich habe meine Großeltern geliebt. Aber sie hatten es nicht leicht, und als ich älter wurde, fand ich’s schlimm, das zu sehen. Ich habe beschlossen, dass ich nicht so leben wollte. Also hab‘ ich alles zusammengepackt, was ich hatte, und meine ganzen Ersparnisse für ein Flugticket hierher verpulvert. Ein neues Leben im ‚sonnigen Australien‘ war der Traum. Ich habe mein altes Leben zurückgelassen, aber ich habe immer noch jeden Tag eine Scheißangst, wieder dort zu landen.“ Johns Stimme brach, und David beugte sich vor, um ihm die Hand auf die Schulter zu legen, ließ sie aber einige Zentimeter entfernt in der Luft schweben und zog sie dann zurück.

John schloss kurz die Augen wegen der entgangenen Berührung und stieß ein kurzes, bitteres Lachen aus. „Entschuldige, David; das klingt alles wie aus einem verdammten Catherine-Cookson-Roman.“

„Schon okay, John“, murmelte David. Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: „Ich hatte mal Geld … und so was ähnliches wie ein Leben.“

Sie lagen mehrere Minuten lang Seite an Seite in der Dunkelheit. John wusste nicht, ob er David zum Weitersprechen drängen sollte, also wartete er lieber ab. Als David sich auf die Seite legte und ihm den Rücken zukehrte, nahm John an, dass er heute nichts weiter von ihm hören würde. Dann sagte David so leise, dass John nicht sicher war, ob er richtig verstanden hatte: „Ich habe einen Sohn, John.“

John dachte sofort an den liebevoll gezeichneten jungen Mann aus dem Skizzenbuch. Er wusste, dass David auf eine Antwort wartete, musste aber feststellen, dass er keine hatte. Statt die falschen Worte zu riskieren, legte John David leicht eine Hand auf die Schulter.

David rauschte nach seinem Geständnis das Blut in den Ohren. Er hatte die letzten paar Jahre damit verbracht, sein altes Leben so tief zu vergraben, dass es ihm nicht mehr wehtun konnte. Wenn er nicht darüber sprach, existierte es nicht. Doch sein Sohn existierte sehr wohl, und er erlebte die Schande, ihn zu vermissen, an jedem einzelnen Tag, an dem er ihn nicht sehen konnte … also war es vielleicht okay, John von ihm zu erzählen? Die Wärme von Johns Hand drang durch sein T-Shirt und die sanfte, streichelnde Bewegung seines Daumens fühlte sich überraschend sicher an.

John beugte sich vor, bis sein Gesicht fast Davids Haar berührte, und fragte leise: „Wie heißt er?“

David schloss die Augen und holte tief Atem. Er konnte sich nicht zu einer Antwort überwinden.

John rückte näher und schob seinen Arm langsam quer über Davids Brust, um ihn an sich zu ziehen. Als David an seiner Brust lehnte, flüsterte John: „Schon gut. Du brauchst heute Abend nichts mehr zu sagen. Versuch‘ zu schlafen.“

Obwohl keine Antwort kam, spürte John, wie die Anspannung allmählich aus Davids Körper wich. John brauchte eine ganze Weile, bis er einschlief, aber sein letzter Gedanke war: Zeit, Dave. Bitte gib uns ein wenig Zeit …