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„KOMM SCHON, alter Mann. Der Profit wartet auf niemanden!“ Jamie trommelte mit einer Hand an die Tür und fummelte mit der anderen an seinem Schlüsselbund herum. Er wusste, dass er irgendwo noch einen Schlüssel zu der Wohnung hatte. Aber den musste er unter den vielen Andenken und Fundstücken, die seinen Schlüsselring so schwer machten, erst mal finden.

John saß im Sessel und starrte auf das leere Bett. Die Laken waren zerknittert und an einer Ecke lag die Matratze blank. Der Beweis für Sex war eindeutig … aber das Bett war sehr leer.

Irgendwann drang das Hämmern an der Tür durch Johns Grübeln und er konnte Jamies ungeduldiges Rufen hören. Nicht heute, Jamie. Bitte nicht heute. John fuhr sich mit einer Hand durchs Haar, ließ den Kopf nach hinten sinken und atmete zittrig aus.

Jamie wollte gerade ein weiteres ungeduldiges Klopfkonzert starten, als er hörte, wie drinnen der Riegel zurückgeschoben wurde. Scheiße! Was ist denn los? war sein erster Gedanke, als er John anschaute.

John öffnete die Tür, drehte sich aber sofort wieder um und ging zurück in die Wohnung; Jamie folgte ihm, da er unbedingt wissen wollte, was los war. Er blickte sich im Zimmer um, konnte aber David nirgends finden. „John? Was hast du denn, Mann? Wo ist David?“, fragte er.

„Ich hab’s verbockt, Jamie. Im wahrsten Sinne des Wortes.“ John schüttelte den Kopf, stieß ein leises, bitteres Lachen aus und ließ sich auf die Couch fallen.

Mit einem unguten Gefühl im Bauch setzte Jamie sich neben ihn. „Was ist passiert?“

„Ich habe ihn geküsst. Wir haben Liebe gemacht.“ John wurde rot und wich Jamies Blick aus. Das ist alles so gottverdammt schwer.

Die Formulierung „Liebe gemacht“ entging Jamie nicht, genauso wenig wie die Tatsache, dass John David küsste, wohingegen er Jamie selbst in jener Nacht beim Vögeln kein einziges Mal geküsst hatte. Er drückte John mit einer Hand leicht die Schulter, um ihn wissen zu lassen, dass er ruhig weitersprechen konnte.

„Ich weiß nicht, was falsch gelaufen ist, was ich falsch gemacht habe, aber er war weg, als ich aufgewacht bin. Scheiße, er hat sogar die Klamotten zurückgelassen, die ich ihm gekauft habe. Nur sein blödes Skizzenbuch hat er mitgenommen.“ John verdrehte die Augen und starrte an die Zimmerdecke. „Es war meine Schuld; ganz offensichtlich habe ich ihn zu sehr bedrängt. Wann werde ich endlich lernen, meinen verdammten Schwanz in der Hose zu lassen?“

„Vielleicht hast du ja gar nichts falsch gemacht, John? Er hat seine Sachen hiergelassen, das könnte doch bedeuten, dass er zurückkommen will.“ Jamie bemühte sich um einen möglichst hoffnungsvollen Tonfall, obwohl er selbst nicht ganz überzeugt war.

„Ich weiß nicht, warum er weggegangen ist, aber ich bezweifle sehr, dass er wiederkommen wird“, sagte John. Seine Stimme klang rau und niedergeschlagen. Jamie wusste nicht, was er noch sagen sollte, also verharrte er in – hoffentlich – kameradschaftlichem Schweigen.

Nach ein paar Minuten stieß John einen weiteren tiefen Seufzer aus, wischte sich mit einer Hand über den Mund und sagte abrupt: „Scheiß drauf! Ich zieh mich um, dann können wir den Laden aufmachen.“

 

 

JAMIE BEMÜHTE sich nach Kräften, John aus dem Weg zu gehen und geduldig mit anzusehen, wie John den ganzen Vormittag über zwischen hektischer Betriebsamkeit und grundlosen Wutausbrüchen hin und her schwankte. Aber gegen Mittag gingen John die Dinge aus, mit denen er seinen Geist beschäftigt halten konnte, und er saß schweigend an dem kleinen Tisch in der Küche, als Jamie die Sandwiches brachte. Johns Lippen zuckten leicht, als Jamie die braune Papiertüte mit seinem Sandwich vor ihn auf den Tisch legte. Er schaute die Tüte an, machte aber keine Anstalten, sie zu öffnen. Jamie setzte sich schweigend an den Tisch und packte sein eigenes Sandwich aus, wickelte es aus dem Pergamentpapier und schaute die beiden Dreiecke an. Das ist ganz falsch.

Er seufzte, nahm eine Hälfte in die Hand und sagte leise: „Iss, John.“ John verzog angewidert das Gesicht und schob die Tüte von sich. Jamie saß schweigend da und kaute an seinem Sandwich, ohne etwas davon zu schmecken, bis beide Dreiecke verschwunden waren. Bis er den letzten Bissen geschafft hatte, war ihm schlecht.

Schließlich brach John das Schweigen und stöhnte: „Nicht zu fassen, dass ich so dermaßen Mist gebaut habe!“

„Verdammt noch mal, John!“ rief Jamie genervt. „Hör doch endlich auf damit.“

John senkte nur den Kopf, schloss die Augen und kniff sich in die Nasenwurzel. Jamie beugte sich vor und fragte langsam: „Hast du ihn gezwungen, John?“

John fuhr hoch und funkelte ihn wütend an. „Selbstverständlich nicht!“

Ich weiß das … aber ich glaube, du musstest es einmal laut aussprechen“, konterte Jamie.

John setzte zu einer Antwort an, hielt sich aber zurück. Seit wann ist Jamie bloß so verdammt klug? Stattdessen nickte er nur einmal kurz. Jamie rieb ihm mit einer Hand die Schulter und schlug vor: „Wie wär’s, wenn ich mal rumfragen würde? Vielleicht hat ihn jemand gesehen.“

„Du konntest ihn schon letztes Mal nicht finden“, sagte John leise. „Und wie kommst du darauf, dass er überhaupt mit dir zurückkommen würde?“

Jamie runzelte die Stirn und musterte John mit zusammengekniffenen Augen, als ihm der wahre Grund klar wurde, warum John nicht nach David suchen wollte. Für einen Moment dachte er scharf nach und sagte dann: „Überleg‘ doch mal, John. Als er zusammengeschlagen wurde, war es mitten in der Nacht, er war verängstigt und hatte Schmerzen – und wo ist er da hingegangen? Zu dir. Trotz allem, was vorher passiert war, stand er bei dir vor der Tür.“

Das Druckgefühl in Johns Brust wurde immer stärker und das Brennen hinter seinen Augenlidern drohte sich in Tränen zu verwandeln. Soweit kommt’s noch. Er stand abrupt auf, fischte seine Schlüssel aus der Tasche und knurrte: „Ich fahr‘ mal ein bisschen rum.“

Beim Hinausgehen rief Jamie ihm nach: „Versuchs im Obdachlosenheim!“

 

 

JOHN WANDERTE im Speisesaal des Obdachlosenheims zwischen den langen Tischreihen herum, als dort gerade das Mittagessens-Geschirr abgeräumt wurde. So viele leere Teller. Die letzten Männer schlurften gerade hinaus. John wandte sich an eine Frau mittleren Alters, die Teller auf einen alten Servierwagen stapelte. „Entschuldigung?“

Sie musterte ihn mit einem Anflug von Argwohn, ehe sie antwortete: „Ja, was kann ich für Sie tun?“

John war plötzlich nervös und trat von einem Fuß auf den anderen, als er sie fragte, ob sie David gesehen hätte. Sie schüttelte den Kopf und sagte abweisend: „Tut mir leid, ich kenn‘ nicht viele Namen. Am besten fragt man gar nicht.“

„Bitte, ähm … er ist ungefähr in meinem Alter und so groß wie ich, hat schulterlanges, hellbraunes Haar. Ähm, helle, blaugraue Augen.“ John verzweifelte allmählich fast; sie musste David doch bemerkt haben. „Er hat eine Narbe an der Lippe und … und ein Skizzenbuch. Er hat immer sein Skizzenbuch dabei.“

Bei der Erwähnung des Buches lächelte sie kurz. „Ich weiß, wen Sie meinen. Hält sich abseits, soweit das an einem Ort wie hier überhaupt möglich ist. Ich habe ihn nie mit jemandem reden sehen. Viele von ihnen sind so.“ Sie zögerte, kniff nachdenklich die Augen zusammen und fügte dann hinzu: „Er ist manchmal über Nacht hier, glaube ich, aber nicht regelmäßig. Tagsüber kommt er nur ganz selten.“

John nickte. Obwohl David nicht hier war, fühlte er sich unerklärlicherweise erleichtert, weil diese eine Person sich an ihn erinnerte. „Kann ich Ihnen meine Nummer dalassen? Falls er reinkommt … könnten Sie mich dann vielleicht anrufen?“

„Hören Sie mal, Schätzchen, wenn Sie ein Problem haben, klären Sie das vielleicht lieber mit der Polizei“, sagte sie, als wäre es ihr unbegreiflich, warum jemand wie John nach diesem einen Mann suchen sollte.

„Nein, nein, so ist es nicht. Ich mach‘ mir nur Sorgen, das ist alles“, sagte John hastig.

Sie musterte ihn kurz und sagte dann voll Mitgefühl: „Diese Männer können sehr gut im Verschwinden sein, wenn sie wollen, aber versuchen Sie’s doch heute Abend noch mal … oder versuchen Sie’s mal drüben in St. Mark’s, so gegen acht. Manchmal stehen wir mit einem Kombi dort und verteilen Suppe, obwohl uns die Behörden oft wegschicken, weil die Anwohner keine Obdachlosen in der Gegend haben wollen. Senkt den Immobilienwert, Sie wissen schon.“ Sie schüttelte angewidert den Kopf und fügte dann hinzu: „Ich hoffe, Sie finden ihn.“

John dankte ihr und ging zurück zu seinem Auto. Ich fahr‘ noch ein bisschen länger herum. Nur noch ein bisschen länger.

 

 

JOHN KNALLTE die Kassenschublade zu; die Abrechnung wollte und wollte heute einfach nicht aufgehen. Der letzte Kunde war vor einer Stunde gegangen, und fast genauso lang war die Tür schon abgeschlossen, aber weder Jamie noch John schienen bereit dazu, den Laden zu verlassen und nach Hause zu gehen. Jamie räumte bereits zum zweiten Mal dasselbe Regal auf. Er stieß einen Seufzer aus und rief zum Ladentisch hinüber: „Ich glaube es wird Zeit, dass wir nach Hause gehen, John.“

John schaute auf die Uhr. Noch eine Stunde bis acht, aber er wusste, dass es höchste Zeit war, Feierabend zu machen. Er schloss das Kassenbuch und setzte gerade zu einer Antwort an, da ertönte der unverkennbare, nervige Klingelton von Jamies Handy.

Mit einem entschuldigenden Blick fischte Jamie sein Handy aus der Tasche und schaute auf das Display; er kannte die Nummer nicht, meldete sich aber trotzdem: „Hallo?“ Er schwieg eine Zeit lang, offenbar lauschend, und sagte dann: „Ja, weiß ich noch.“

John wollte gerade an ihm vorbeigehen, um die Lichter auszumachen, doch Jamie hielt ihn am Arm fest, wobei er weiter telefonierte. „Wann war das? Ja, ich weiß, wo das ist.“ John schaute ihn scharf an, aber Jamie packte nur noch fester zu und sagte aufgeregt: „Hör zu, danke, Mann … Ja, pass‘ auf, komm doch mal irgendwann im Laden vorbei … Der Buchladen in der Bellevue Street. Ja, genau, und ich spendier‘ dir eine Mahlzeit. Noch mal danke, Mann.“ Er klappt das Handy zu und grinste John an. „Nicht alle haben ihre zehn Dollar einfach ausgegeben, John. Jemand hat David am zentralen Busbahnhof gesehen!“

Als John sich nicht bewegte, gab Jamie ihm einen Schubs und sagte drängend: „Geh, John! Ich schließ‘ ab, aber bitte ruf mich unbedingt an … so oder so, ja?“

Johns Finger fummelten wie taub an seinen Autoschlüsseln herum. Er stand da und schaute die Autotür an. Scheiße. Was wenn David sich weigert, zurückzukommen? John stützte sich mit einer Hand auf das Autodach und ging das Szenario wieder und wieder im Kopf durch, bis er schließlich mit der flachen Hand auf das Auto schlug und in seine Wohnung zurückging. Er schloss die Wohnungstür auf, schaffte es aber nur bis zur Couch. Er schnappte sich die weiße Tüte und joggte zu seinem Auto.

Als er schließlich am Busbahnhof parkte, hämmerte es hinter Johns Schläfen und er hatte sich erfolgreich eingeredet, dass David nicht mehr da sein würde. Die meisten Fahrgäste kamen von der Arbeit und waren auf dem Nachhauseweg; sie verließen das Gebäude, als John den Haupt-Transitbereich betrat. Seine Blicke schweiften auf der Suche nach David umher, bis sie schließlich an einer Gestalt hängen blieben, die möglichst weit weg von den Fahrkartenautomaten alleine in einer Ecke saß.

David saß auf dem unbequemen Plastik-Formschalensitz, das Skizzenbuch unter der Jacke, sodass nur eine zerfledderte Ecke hervorschaute, und den Kopf müde in die Hand gestützt. Er wusste, dass es allmählich spät wurde und dass die Polizei ihn bald weiterschicken würde, aber im Moment hatte er nicht genügend Energie, um sich zu bewegen. Die Reihe miteinander verbundener Sitze wackelte leicht, als sich jemand neben ihn setzte. Eine leise, sanfte Stimme sagte: „Hey, Dave. Wo fährst du hin?“

Davids Herz pochte wie wild. Er wusste nicht, was er sagen sollte, also öffnete er einfach die Hand, um John die wenigen Münzen zu zeigen, die er umklammert gehalten hatte. Mit matter, erschöpfter Stimme sagte er: „Nirgendwohin, nehm‘ ich an.“

John beugte sich vor, Unterarme auf den Knien, blickte starr auf seine Schuhe hinab und fragte: „Warum bist du letzte Nacht nicht geblieben?“

David zuckte zusammen. „Aus Angst“, flüsterte er.

John drehte sich rasch um und schaute David an; in diesen beiden Worten schwang eine Bedeutung mit, die ihn die Stirn runzeln ließ. „Vor mir?“

David wich seinem Blick aus; er zuckte kaum wahrnehmbar die Achseln und antwortete zittrig: „Vor allem.“

John hatte keine Ahnung, wie er diese Bemerkung verstehen sollte oder warum sie ihn traf wie ein Schlag ins Gesicht. Er war verwirrt und mehr als nur ein bisschen verletzt. Mit einem Griff in die Tasche holte er sein Portemonnaie hervor. Seine Finger zitterten, als er David ein paar Geldscheine in die Hand drückte und sagte: „Jetzt kannst du wegfahren, wenn du musst.“

David starrte auf das Geld in seiner Hand und schloss langsam die Faust darum. Er sah John an und bemerkte die Tüte voller Sachen, die für ihn gekauft worden waren. Mit einem niederschmetternden Gefühl der Erschöpfung bekannte er: „Ich habe mich verirrt, John. Ich weiß nicht, wo ich hin soll.“

„Dann bleib“, murmelte John und senkte den Blick, da er Davids Gesichtsausdruck nicht anschauen konnte. „Komm mit mir zurück, David. Wir finden eine Lösung.“ Er massierte sich mit dem Daumen krampfhaft die Handfläche, als wollte er einen nichtvorhandenen Juckreiz lindern, ganz auf die Bewegung konzentriert.

Keiner von beiden brach das erneute Schweigen. Aber als es sich in die Länge zog, packte John die Verzweiflung; er schloss die Augen und flüsterte: „Bitte, David.“

Er fühlte Bewegung und dann fielen Geldscheine und Münzen in seine Hand, noch warm, weil sie so fest umklammert worden waren. John öffnete die Augen und sah sowohl sein als auch Davids Geld. Er schluckte krampfhaft; er glaubte zu wissen, was das bedeutete und hoffte verzweifelt, mit seiner Vermutung richtig zu liegen. Er stand auf, und als David neben ihm stand, reichte John ihm die Tüte.

John lächelte, als David ihm die Tüte abnahm, doch das Lächeln wurde nicht erwidert. David wirkte verwirrt und unsicher.

„Komm, David“, sagte John sanft und berührte ihn ganz kurz an der Schulter. „Machen wir, dass wir zum Auto kommen, ehe es anfängt zu regnen.“ David versuchte, durch das Fenster einen Blick auf den Parkplatz zu werfen, doch die Dunkelheit draußen verwandelte die Scheibe in einen Spiegel und er sah sich seinem eigenen, verschwommenen Abbild gegenüber. Schnell schaute er weg und umklammerte die Bastgriffe der Einkaufstüte fester.

Davids Reaktion blieb nicht unbemerkt, und John fragte sich – nicht zum ersten Mal – was einen solchen Selbsthass einflößen konnte. Etwas aus der Zeit, bevor er obdachlos wurde? Oder das, was er tun musste, um auf der Straße zu überleben? John biss die Zähne zusammen und begann auf den Ausgang zuzugehen. Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor, ehe David sich ebenfalls in Bewegung setzte und ihm folgte.

Die Heimfahrt verlief schweigend; David starrte entweder aus dem Fenster oder auf die weiße Tüte zwischen seinen Füßen. John sehnte sich danach, mit ihm zu sprechen, hatte aber keine Ahnung, was er sagen sollte. Wie konnte er David von seinen Gefühlen erzählen, ohne den Mann gleich wieder zu verscheuchen? Bis sie zuhause auf dem Parkplatz waren, umklammerte John das Lenkrad so fest, dass seine Fingerknöchel weiß waren; er war sicher, dass David wieder weggehen würde. Er stellte den Motor ab und blieb sitzen. Worte schossen ihm durch den Kopf, doch da David schweigend neben ihm saß, kam ihm keins davon passend vor.

Schließlich stieß John ein frustriertes Schnauben aus und zog den Zündschlüssel ab. Er stieg aus und blieb wartend neben dem Auto stehen, bis David ebenfalls ausgestiegen war, dann marschierte er entschlossen ins Haus und hinauf in seine Wohnung. Drinnen stand David dann mit seiner Tüte in der Hand betreten im Flur, unsicher, was von ihm erwartet wurde. Verdammte Scheiße. Genau wie beim allerersten Mal, dachte John unglücklich und gab David einen Wink, sich zu setzen. „Ich muss mal telefonieren“, sagte er entschuldigend.

David nickte und murmelte: „Bitte sag Jamie, dass ich okay bin.“

Ein unerwartetes Kichern entschlüpfte John und er nickte, dann nahm er das Telefon in die Hand und ging in die Küche. David lauschte; John kam kaum zu Wort. Er wurde eindeutig ausgefragt. David seufzte und blickte sich im Zimmer um. Es war ihm inzwischen so vertraut, und doch hatte sich alles geändert. Er zog das Skizzenbuch unter seiner Jacke hervor und legte es wieder auf den Kaffeetisch. Erst heute in den frühen Morgenstunden hatte er es dort weggenommen, doch das schien jetzt so lange her zu sein. Er hatte die Ereignisse der vergangenen Nacht so oft immer wieder vor seinem inneren Auge ablaufen lassen, dass er schon zu zweifeln begann, ob das alles wirklich passiert war, ob John ihn tatsächlich gewollt hatte. Und doch – jetzt war er wieder hier.

John verabschiedete sich unwirsch von Jamie und dann hörte David Wasser in den Kessel laufen; er lächelte kurz über Johns automatische Reaktion, Tee zu kochen. Jedoch verschwand das Lächeln, als er etwas auf dem Fußboden zerschellen hörte – vermutlich Porzellan. Als David in die Küche kam, lehnte John am Spülbecken. Die Scherben einer Tasse lagen zu seinen Füßen. Obwohl John ihm den Rücken zukehrte, sah David ihm an, dass ihn etwas quälte.

Ohne langes Zögern trat David hinter ihn und legte nach einem Moment der Unentschlossenheit leicht eine Hand zwischen Johns Schulterblätter. Bei der sanften Berührung hielt John für einen Moment den Atem an und senkte den Kopf. David fühlte Johns Körperwärme durch das Baumwollhemd dringen. Er trat näher, ohne einen Laut von sich zu geben, und drückte sich an Johns Rücken, lehnte sich einfach an ihn. Seine Wange ruhte an Johns Nacken.

Die Tränen, die schon so lange hinter seinen Lidern brannten, begannen zu fließen und zum ersten Mal seit Jahren versuchte John nicht einmal, sie zurückzuhalten. Er griff blindlings nach Davids Hand und umklammerte sie verzweifelt; er brauchte den zusätzlichen Kontakt, die Bestätigung. David schloss die Augen und wisperte: „Ist schon okay, John."

Diese ruhigen Worte gaben John eine Erlaubnis, die er seit seiner frühen Kindheit nicht gehabt hatte. Er drückte Davids Hand an seine Brust und weinte; es war, als weinte er um sie beide, obwohl er nicht wusste, warum. David legte seine andere Hand an Johns Schläfe und streichelte ihm sanft übers Haar.

„Wir zwei geben ein verdammt hoffnungsloses Paar ab, was?“, murmelte John schließlich. Er stieß ein leises, stockendes Lachen aus und versuchte, den Tränenfluss einzudämmen, als er sich zu David umdrehte.

David lächelte und nickte. Er fuhr John mit der Hand übers Gesicht, um seine feuchte Wange abzuwischen. John errötete vor Verlegenheit und versuchte, seinen Kopf von dem angebotenen Trost abzuwenden, aber David hielt ihn sanft fest und flüsterte: „Letzte Nacht wollte ich von dir berührt werden. Das will ich immer noch.“

Das will ich immer noch. John hob versuchsweise eine Hand, strich David das Haar aus dem Gesicht und fragte mit sehr zittriger Stimme: „Also, dann kann das Abendessen noch warten, nehme ich an?“

Davids Lippen verzogen sich zu einem Lächeln und er zuckte die Achseln. „Ich glaub‘ schon.“

John fasste David fest an der Hand und führte ihn ins Schlafzimmer. Das Blut rauschte in seinen Ohren. Erst in dem abgedunkelten Zimmer ließ er die Hand los, vergewisserte sich mit einem kurzen Lächeln, ob alles okay war, und begann sich auszuziehen.

David warf John einen kurzen Blick zu. Er war plötzlich nervös, folgte jedoch Johns Beispiel, zog seine Jacke aus und knöpfte befangen sein Hemd auf. Obwohl er das hier wollte, wagte er John nicht anzusehen, während er seine Jeans abstreifte. Er warf sie zu seinen übrigen Sachen, die einen zerknitterten Haufen bildeten, und fühlte sich ausgeliefert. Er schämte sich.

Beim Ausziehen hatte John David heimlich beobachtet. Selbst in dem schwachen Licht sah er dem anderen Mann seine Verlegenheit an. Er hätte David gerne gesagt, wie schön er war – selbst abgemagert wie er war und trotz der blauen Flecken war er immer noch schön – aber Männer sagten so etwas nicht zueinander. Stattdessen kam er ihm näher, beugte sich vor und küsste ihn sanft.

David entfuhr ein leises Stöhnen, als Johns Lippen ihn berührten. Er umfasste Johns Kopf mit beiden Händen und vertiefte den Kuss mit einer Leidenschaft, die John überraschte. Er wollte John so sehr, dass es wehtat, und der Kuss machte dieses Verlangen überdeutlich. John keuchte atemlos in Davids leicht geöffneten Mund. Plötzlich hatte er das dringende Bedürfnis nach so viel Körperkontakt wie nur möglich. Er ließ sich rückwärts aufs Bett sinken und zog David mit.

„Oh Gott“, stöhnte John, als David über ihn purzelte; der Druck von Haut auf Haut schien zu brennen. Für einen ganz kurzen Moment empfand David Panik, als er das Gleichgewicht verlor und bäuchlings auf John landete, aber die erstarb rasch, als er Johns wachsende Erregung spürte. Er schloss die Augen und rieb sanft seinen Unterleib an John, wie um sich zu vergewissern, dass John seine Berührung tolerieren würde. John hob seine Lippen an Davids Schläfe, küsste ihn zärtlich und flüsterte: „Fühlt sich gut an.“

David kniff die Augen fest zu, dann öffnete er sie und schaute John an. Genau in diesem Moment wusste er ganz sicher, dass er John berühren, ihn schmecken musste. Wie er das anfangen sollte, wusste er, also zog er eine Spur aus heißen Küssen an Johns Kehle entlang.

John drehte den Kopf, als die Wärme von Davids Mund sich zentimeterweise über seine Brust bewegte, aber er versuchte, die Augen offen und seinen Blick scharf zu halten. Er stöhnte leise auf beim Anblick von Davids Zunge, die über seine Brustwarze schabte, ehe sie weiter über seinen Bauch nach unten wanderte.

An dem dünnen Streifen Haar unterhalb von Johns Bauchnabel angekommen zögerte David, richtete sich auf und setzte sich auf die Fersen.

Oh Gott, hör nicht auf. Bitte hör nicht auf. John hielt den Atem an; im Stillen drängte er David zum Weitermachen, scheute sich aber, ihn anzutreiben.

David legte seine Hand behutsam auf die milchweiße Haut von Johns Oberschenkel. Sein Daumen bewegte sich langsam, zärtlich streichelnd, als er den Kopf hob und John mit einem Blick um die Erlaubnis zum Weitermachen bat. John sagte nichts, doch seine zitternden Finger folgten der Linie von Davids Wangenknochen, schlossen sich dann um sein Haar und drängten ihn sanft nach unten. Die Geste war David vertraut, doch die Berührung war nicht grob und es gab keinen kalten Zementboden, auf dem ihm die Knie wehtun würden. Er kam wieder zur Ruhe, atmete tief durch und kuschelte sein Gesicht an die Haut, die er gestreichelt hatte. Johns Moschusduft stieg ihm in die Nase und David hob den Kopf, ließ Johns Penis über seine Bartstoppeln gleiten, ehe er mit der Zunge flüchtig die Spitze berührte. Er leckte kurz über den Schlitz, tastend und schmeckend. John ächzte und zuckte unter Davids beinahe neckender Berührung.

David packte Johns Schenkel fester und senkte seinen Mund über die dunkelrot verfärbte Eichel. Die Kombination aus sanftem Saugen und Fingern, die jetzt seinen Schaft streichelten, ließ John nach Luft schnappen. David wusste, wie er Männer schnellstmöglich zum Höhepunkt bringen und sich aus ihrem Griff befreien konnte, wenn sie kamen, doch das hier war anders. Er wollte John im Mund behalten.

Sein eigener Schwanz hing schwer zwischen seinen Beinen, als er in einen gleichmäßigen Rhythmus aus Saugen und Lecken verfiel, doch er widerstand dem Verlangen, sich zu berühren und widmete John seine gesamte Aufmerksamkeit.

John stützte sich auf die Ellbogen, um David zuzusehen, doch das Zittern seiner Arme zwang ihn wieder flach auf den Rücken. Er stöhnte laut auf, als Davids Hand sich schneller über sein schmerzhaft steifes Glied zu bewegen begann und seine Hüften hoben sich unwillkürlich vom Bett.

Bei Johns unbeabsichtigtem Stoß in seinen Mund kämpfte David gegen den Würgereflex an. Für John konnte er das tun; er hatte für ein paar Stifte oder eine Busfahrkarte schon weit gröbere Behandlung ertragen. Doch John zerrte heftig an seinen Haaren und schrie auf: „Stopp, David. Stopp. Zu viel.“

David hörte sofort auf und wich zurück. „Tut mir leid, John.“

John schüttelte atemlos den Kopf. „Zu knapp davor, das ist alles … Komm hier rauf.“

Er griff nach David und zog ihn zu sich hoch. John hielt David in den Armen und drückte seine Stirn an die des anderen Mannes. Erst nach ein paar Minuten hatte er seine Fassung soweit wiedergewonnen, dass er seine Wange an Davids Gesicht reiben und mit der Zunge zärtlich seine Lippen teilen konnte. David schloss die Augen und versank in dem Kuss, streichelte Johns Zunge mit seiner.

Auf ein leises Murmeln von David hin unterbrach John sanft den Kuss. Seine Augen waren dunkel und er atmete flach. Er fuhr sich mit der Zunge über die Lippen, die immer noch nach David schmeckten; ein sanftes Streicheln seines Daumens ahmte die Bewegung auf Davids Unterlippe nach. Johns Stimme war rau, als er etwas sagte, was er mit großer Wahrscheinlichkeit nie wieder sagen würde. „Ich brauch dich, Dave ... ich brauch dich in mir.“

John spürte die Welle von Panik, die David bei seinen Worten erfasste, und verpasste sich im Geiste einen Tritt, weil er es zu schnell vorangetrieben hatte. Er ließ seine Hand auf Davids Flanke fallen und streichelte ihm beruhigend den Rücken. „Schon okay, David. Du musst das nicht tun, wenn du nicht willst.“

David wich zurück; für einen Moment hatte er sichtlich zu kämpfen, um sich zu einer Entscheidung durchzuringen und dem Blick dieser grünen Augen zu begegnen. „Ich will ja. Ich will dich, John, aber … ich hab‘ eine Scheiß-Angst.“

Nach einem raschen Griff in die Schublade warf John ihm ein, wie er hoffte, beruhigendes Lächeln zu, während er eine anständige Menge Gleitgel in Davids hohle Hand quetschte. „Ich auch, aber gemeinsam werden wir schon damit fertig, okay?“ John führte ihm die Hand, als David mit zitternden Fingern behutsam in ihn eindrang.

John wusste nicht, wer nervöser war, während Davids Finger langsam daran arbeiteten, ihn vorzubereiten. Er zwang sich, die Augen offenzuhalten, um David ins Gesicht sehen zu können. So ernst. Dieser Gesichtsausdruck störte ihn. David sollte – nein, musste, das war ihm ganz wichtig – es mit ihm zusammen genießen. John streckte die Hand nach David aus. Er konnte sein Gesicht nicht ganz erreichen, deshalb streichelte er ihm sanft den Arm und sagte: „So gut … was du da machst, fühlt sich so gut an.“

David schaute auf seine Hand. Die angestrengte Konzentration auf seinem Gesicht ließ etwas nach und er warf John ein winziges Lächeln zu. So ein schlichtes Ding, doch John fühlte sich plötzlich überwältigt von seiner Liebe für diesen Mann, und das machte ihm mehr Angst als alles andere. Er flehte, kaum lauter als ein Flüstern: „Jetzt, David, bitte … ich brauch dich.“

David zog vorsichtig seine Finger heraus und griff nach dem Kondom, doch John hatte es bereits in der Hand und sagte leise: „Hier, lass mich.“ David nickte und hielt den Atem an, als John sich aufsetzte und das Kondom über seinen schmerzhaft erigierten Penis abrollte. Unter der zärtlichen Berührung von Johns Fingern hauchte er zittrig: „Ich weiß nicht, ob ich das kann …“

„Schon gut“, sagte John beruhigend. Er legte sich wieder hin und zog David über sich.

David kroch tiefer zwischen Johns gespreizte Schenkel und hob sie behutsam über seine Hüften, die Augen unverwandt auf Johns Gesicht geheftet. John legte hinter Davids Rücken die Knöchel über Kreuz, lächelte und drückte ihn leicht.

Davids Atmung wurde flach. Er nahm seinen Schwanz in die Hand und begann einen langsamen Vorstoß. Doch als John zusammenzuckte und ein Ächzen ausstieß, hörte David sofort auf und streichelte ihm beschwichtigend über den Bauch. John öffnete die Augen und lächelte ihn leicht betreten an. „Alles in Ordnung. Es ist bloß schon lange her, seit ich das zum letzten Mal gemacht habe … sehr, sehr lange.“ Das Lächeln blieb, doch sein Gesichtsausdruck wurde trotzdem etwas ernster als er die Hand hob, um Davids Wange zu streicheln. „Ich vertraue dir, Dave.“

Plötzlich drohten David die heißen Tränen zu kommen, aber dafür war jetzt nicht der rechte Moment. Er holte tief Luft, um seine letzten Ängste zum Schweigen zu bringen, und stieß vor, bis er tief in dem Mann vergraben war, der ihn so bereitwillig akzeptierte. Er schloss die Augen, spürte jede einzelne Kontaktstelle zwischen ihnen, doch noch wagte er nicht, sich zu bewegen.

John musterte ihn für einen Moment. Er wollte verstehen, was ihm gerade durch den Kopf ging, aber er konnte die Reglosigkeit nicht länger ertragen. Mit einer sanften, rollenden Bewegung seiner Hüften drängte er David zum Weitermachen. Durch die Haare, die ihm ins Gesicht hingen, schaute David auf ihn herab, während er sich aus ihm zurückzog und langsam wieder eindrang, wie um sich zu vergewissern, ob John mit seinen Bewegungen einverstanden war.

Unter Davids festen, gleitenden Stößen schnappte John nach Luft und wölbte sich von der Matratze hoch. Er packte David an den Schultern, zog ihn zu sich herab, brauchte engeren Kontakt mit ihm. Er atmete in kurzen, keuchenden Stößen dicht neben Davids Ohr, bis er ein verständliches Wort zustande brachte: „Fester …“

David hob den Kopf weit genug, um John ins Gesicht zu schauen. Anders, dachte John, als er ein kurzes Aufblitzen von Stärke und Selbstvertrauen in Davids Augen sah. Na also, Dave … jetzt weiß ich, wie du wirklich aussiehst. Jedoch wich alles Denken bald dem körperlichen Verlangen, als David sich über ihm auf die Ellbogen stützte und tief und hart zustieß. John hob sich von der Matratze, um den wuchtigen Stößen zu begegnen, und schlang seine Beine fester um Davids Hüften.

David machte sich über Johns Mund her und schob ihm nachdrücklich die Zunge zwischen die Lippen. David küsste ihn feucht und heiß und mit einer Hingabe, die John sowohl überraschte als auch erregte. Er erwiderte den Kuss mit gleicher Leidenschaft und wusste, er würde diesem Mann alles geben, um noch einmal diesen Blick in seinen Augen zu sehen.

Schließlich endete der Kuss, aber Davids Mund blieb nicht untätig; er vergrub sein Gesicht an Johns Hals und saugte und leckte an der zarten Haut unter seinem Ohr.

„Oh, Scheiße, Dave. Gleich komm‘ ich …“, keuchte John und suchte mit kreisenden Hüftbewegungen mehr Reibung für seinen triefenden Schwanz an Haut und Haar.

Als John kam, wären ihm beinahe die Worte „Ich liebe dich“ entschlüpft. Aber er biss die Zähne so fest zusammen, dass sie schmerzten und er nur noch einen gutturalen Schrei herausbrachte.

Davids Finger verkrampften sich und krallten sich in Johns Haar, als die erste Woge seines Höhepunkts ihn überrollte. Er gab keinen Laut von sich, als er kam, doch er klammerte sich an John, bis sein Orgasmus verebbte und er zu zittern aufhörte.

Sein Gesicht war gerötet, als er sich mit wackligen Armen von Johns Körper hochstemmte, aber für John hatte er nie schöner ausgesehen. Und dieses Wort flüsterte er ihm leise zu, ehe er sich aufstützte, um David einen sanften Kuss zu geben.

Davids Fingerspitzen zeichneten die Kontur von Johns Lippen nach, dann setzte er sich auf und glitt behutsam heraus. Seine Augen schlossen sich für einen Moment, als er Johns Körper verließ. Mit einem leisen Seufzer streifte er sich das Kondom ab und blickte sich dann unsicher im Zimmer um.

„Hier, David, gib her“, sagte John und griff nach dem benutzten Kondom.

Aber David schüttelte den Kopf und stand auf. „Nein, geht schon.“

Als er aus dem Badezimmer zurückkam, hatte er ein kleines Handtuch dabei, mit dem er sie sanft sauber machte. John lächelte den stillen Mann an, der ihm zärtlich das Sperma vom Bauch wischte, und wartete geduldig, bis David fertig war und wieder ins Bett kam.

John legte sich auf die Seite und zog David in einen langsamen, entspannten Kuss. Danach flüsterte er die Worte: „Bleib bei mir.“

David streichelte ihm mit dem Handrücken die Wange und antwortete: „Ich bin hier.“

John war sich nicht sicher, ob er nur für eine Nacht meinte oder für länger, aber für heute genügte ihm das.