SONNTAG, SINNIERTE John, während er sich streckte und der schlafenden Gestalt neben sich das Gesicht zuwandte. Sonntag mit David. Der Gedanke begeisterte ihn, machte ihn aber auch zugleich nervös. Nichts geplant, nichts, um die Zeit auszufüllen und uns abzulenken. Bei der Erkenntnis, dass sie eigentlich noch gar nicht so viel Zeit allein zusammen verbracht hatten, setzte das inzwischen vertraute Flattern in seinem Magen wieder ein.
Außerdem wurde John bewusst, dass er bisher noch keine Gelegenheit gehabt hatte, David bei Tageslicht wirklich ausführlich anzusehen. David zeigte unter eingehender Musterung immer so viel Unbehagen, dass Johns Aufmerksamkeit normalerweise flüchtig blieb. Doch hier lag David nun ungeschützt im Morgenlicht. Sein Haar fiel leicht über sein Gesicht, aber John sah, dass die Falten an seinen Augen sich geglättet hatten und die Anspannung in seinen Kiefermuskeln verschwunden war. Davids weiche Lippen waren leicht geöffnet und ließen ein gleichmäßiges, aber dezentes Schnarchen entweichen. Das Flattern im Magen beruhigte sich, nur um einer kribbelnden Wärme Platz zu machen. John stöhnte bei der Veränderung. Scheiße, McCann, seit wann macht dich Schnarchen geil? Krieg dich wieder ein und benimm dich nicht wie diese blöde Bridget Jones, rüffelte er sich, doch der Effekt wurde durch das Grinsen zunichtegemacht, das sich über sein Gesicht ausbreitete. Er strich David mit sanfter Hand das Haar aus dem Gesicht, wohl wissend, dass die Berührung ihn wecken würde.
„Morgen, Dave“, sagte er mit einem breiten Lächeln, das seinen bemüht beiläufigen Tonfall Lügen strafte.
David blinzelte den letzten Rest Schlaf weg und grunzte eine passable Begrüßung. Er wälzte sich auf den Rücken und drückte sich eine Hand auf die Augen. John wartete. Erst als er sicher war, dass David ganz wach war, fragte er leise: „Was machst du normalerweise am Sonntag?“
David runzelte die Stirn bei der unerwarteten Frage und dachte ernsthaft darüber nach, ehe er mit vom Schlaf rauer Stimme antwortete: „Hängt vom Wetter ab, nehm‘ ich an.“
John nickte, obwohl David an die Decke schaute und nicht zu ihm. Nach kurzem Schweigen räusperte David sich und sprach weiter: „An einem guten Tag gehe ich in den Park und versuche, Schlaf nachzuholen. Am Tag zu schlafen ist sicherer.“
An einem guten Tag. Für John stellte sich die Frage nach der Möglichkeit für „gute Tage“, doch er erkundigte sich: „Und wohin gehst du an einem schlechten Tag?“
David zuckte leicht mit den Schultern. „Irgendwohin, wo’s trocken ist, wenn ich kann. Bushaltestellen oder Bahnhöfe manchmal. Man wird oft weggeschickt. Manchmal laufe ich einfach herum; an anderen Tagen bin ich zu müde.“
John runzelte die Stirn. „Was ist mit dem Obdachlosenheim? Ist das nicht genau dafür da?“
„Das brauchen andere dringender als ich. Ich habe das „Margins“ sechs Tage die Woche. Bücher, Zeichnungen … gute Gesellschaft. Wenn ich manchmal abends ins Heim kann, einen Teller Suppe kriege, einen warmen Schlafplatz, dann reicht mir das.“
John dachte schon, David wäre fertig. Aber dann sagte er noch: „Manche Männer weinen nachts oder rufen nach Menschen, die sie nicht mehr haben.“
Und es war sehr gut möglich, dass David selbst einer von diesen Männern war. Der Gedanke versetzte John einen schmerzhaften Stich in der Brust, doch ehe er etwas erwidern konnte, sprach David weiter. „Meistens ist es dort ganz okay. Man gewöhnt sich an das Schnarchen und Furzen … eigentlich ein bisschen so wie hier.“ Er drehte sich um und grinste John an.
„Du frecher Hund!“, lachte John.
„Und was machst du, John?“, fragte David zurückhaltend, immer noch unsicher, wo seine Grenzen lagen, wenn es um Johns Privatleben ging.
Die Frage traf John etwas unvorbereitet, aber er versuchte trotzdem ehrlich zu antworten. „Das weiß ich nicht mehr. Früher hätte ich den Tag mit Arbeiten verbracht, weißt du, mich mit Kunden getroffen. Jetzt … jetzt möchte ich ihn mit dir verbringen.“
David konnte mühelos erkennen, wie John die Farbe ins Gesicht stieg, und er wusste nicht, wie er darauf reagieren sollte. Er schaute weg und sagte leise: „Jamie wäre vielleicht unterhaltsamer.“
„Oh Gott, den kriege ich die ganze Woche über oft genug zu sehen.“ John lachte, aber plötzlich wurde ihm klar, dass David über ihn und Jamie Bescheid wusste.
„Weißt du, wir waren einmal zusammen, aber das war’s auch schon … nichts Ernstes.“
David fragte sich, warum John das Bedürfnis verspürte, ihm das zu erklären. Er sagte schlicht: „Weiß ich. Jamie hat’s mir erzählt.“
John sah ihn an; er machte sich Sorgen, dass David das hier für dasselbe halten könnte. Aber David lächelte ihn beruhigend an. John kämpfte gegen einen erneuten Ausbruch der Schmetterlinge an und beugte sich vor, um ihn sanft zu küssen. Als der Kuss erwidert wurde, schloss sich seine Hand um die Kante des Quilts und begann ihn langsam wegzuziehen.
David packte sofort das Grauen bei dem Gedanken, so entblößt zu sein. Er griff nach dem Quilt, doch John bedeckte Davids Hand mit seiner und lockerte sanft seinen Griff. „Schon okay, Dave.“ David ließ den Stoff los und schloss die Augen. John schien zu erkennen, dass David aus Scham und nicht aus Furcht gehandelt hatte; er fuhr mit den Fingerspitzen langsam über Davids Brust und ließ seinen Fingern einen sanften Kuss folgen. Johns Hand wurde flach, sodass die Wärme seiner Handfläche sich in Davids Brust ausbreitete, und wanderte dann nach unten, bis sie auf Davids Bauch ruhte.
„So wunderschön“, murmelte John und küsste ihn direkt unter dem Bauchnabel.
Bei den unerwarteten Worten öffnete David die Augen und suchte stirnrunzelnd Johns Blick.
„Glaub mir, David“, grinste John. „Ein bisschen dünn, aber das wird sich ändern.“
Die Wärme unter der Handfläche nahm zu, und David brummelte: „Zu haarig.“
„Okay, haarig und wunderschön“, lachte John und zog sanft an einer Locke.
Davids Blicke hingen an Johns Fingern, die sich an der Spur aus dunklem Haar entlang von seinem Nabel aus nach unten streichelten. An dem raschen Heben und Senken seines Bauchs konnte John beobachten, wie sich Davids Atmung beschleunigte.
Leicht peinlich berührt über seine Reaktion auf Johns Liebkosung beugte David sein Bein in einem vergeblichen Versuch, das Dickerwerden seines Glieds zu verbergen. Doch als John das bemerkte, ließ er seine Hand über die blasse Haut von Davids Oberschenkel nach innen gleiten, bis er die Beine wieder spreizte. „Dafür muss man sich nicht schämen.“ Wie zum Beweis trat er den Quilt vom Bett und enthüllte seine eigene aufkeimende Erektion.
David lächelte und hob die Hand, fuhr mit den Fingern an seinem Oberarm entlang und über die glatte Haut seiner Schulter. So helle Haut … Er begegnete dem Blick dieser grünen Augen, dann ließ er seine Hand weiter nach oben gleiten, streichelte Johns Nacken und schob vorsichtig seine Finger in den Haaransatz.
John rückte näher an David heran, bis ihre Körper auf ganzer Länge aneinander lagen. Trotz Davids körperlicher Reaktion verspürte John das Bedürfnis, zu sagen: „Du weißt, dass du nichts von all dem hier tun musst, wenn du nicht willst.“ Darauf antwortete David nur mit einem Kuss.
Obwohl sich ihre Körper nach mehr sehnten, ließ keiner von beiden seine Hände nach unten wandern. John konzentrierte sich auf den langsamen, intimen Kuss, bis er sich in David zu verlieren drohte. Die Verschmelzung machte ihm Angst, und er wich zurück. „Oh Gott“, versuchte er mit einem leisen, atemlosen Lachen seine wahre Reaktion zu verbergen, „du bringst mich noch mit diesem einen Kuss soweit, dass ich komme.“
John ließ den Kopf sinken und auf Davids Schulter ruhen, um wieder zu Atem zu kommen und seine Nerven zu beruhigen. Er schmiegte sein Gesicht an Davids Haut, genoss ihren warmen Duft, konnte sich einen sanften Kuss nicht verkneifen. Ohne den Kopf zu heben, streichelte er zärtlich mit einer Hand Davids Gesicht, bis er Lippen und dann eine Zunge an seinen Fingerspitzen spürte.
„Oh, Fuck“, stöhnte er und schob sich hoch, um diesen Mund in einem weiteren Kuss einzufangen.
Erst da bewegte sich Johns Hand nach unten zu Davids Schwanz. Als er die seidige Haut mit den Fingern umschloss, flüsterte er: „Berühr mich, Dave. Bitte.“
David schob behutsam eine Hand zwischen ihre Körper und folgte dem Rhythmus, den John vorgab. Beide Männer kämpften darum, ihre Bewegungen langsam zu halten, während ihre Körper unaufhaltsam zueinanderstrebten, immer noch engeren Kontakt suchten. Innerhalb von Minuten keuchten sie sich gegenseitig in die offenen Münder und bemühten sich fieberhaft, nicht aus dem Takt zu kommen.
Durch den weißen Nebel seines aufkommenden Orgasmus hindurch nahm John wahr, dass Davids raue Atemzüge seinen Namen formten … wieder und wieder. Es war zuviel, und John stieß einen erstickten Schrei aus, dann ergoss er sich in die Hand des anderen Mannes.
Als John wieder atmen konnte, wusste er, dass David zugleich mit ihm gekommen war.
Mit einem atemlosen Lachen ließ John seinen Kopf auf das Kissen sinken. „Scheiße, das war einfach … verdammt!“
David nickte und brachte ein grinsendes „Oh ja“ zustande.
John wollte sich gerade mit der Hand über das Gesicht fahren, als ihm bewusst wurde, dass sie klebrig war von Davids Sperma. Er streckte sich nach dem Nachttisch, zog einige Papiertücher aus der Schachtel und wischte sich und David sauber. „Ungefähr jetzt wünschte ich, ich hätte nicht schon wieder mal beschlossen, mit dem Rauchen aufzuhören“, kicherte er. „Ich glaube, Koffein ist in Ordnung.“
Er schwang die Beine über die Bettkante und strich sich mit einer Hand über den Bauch; immer noch leicht klebrig. John zog eine Grimasse und sagte: „Aber erst mal brauch‘ ich eine Dusche, glaube ich.“
David sah ihm nach, als er das Zimmer verließ, und rollte sich dann auf den Rücken. Nackt zu sein – außer hinter verschlossener Tür in einer kleinen Duschkabine, wenn er ausnahmsweise mal rechtzeitig dran kam, solange es noch warmes Wasser gab – war immer noch ungewohnt für ihn. Es war ein schönes Gefühl, sich auf dem Bett zu rekeln und zu spüren, wie die Luft seinen überhitzten Körper kühlte. Er streckte die Zehen bis ans Ende des Bettes und die Arme über den Kopf und holte tief Luft. Es war schon lange her, seit er eine gewisse Kontrolle über seinen eigenen Körper empfunden hatte. Er lächelte und setzte sich auf. Kaffee.
In seinen Jogginghosen tappte David barfuß in die Küche; er wollte den Kaffee fertig haben, bis John kam. Die Kaffeemaschine war bereits eingesteckt und David schaute sie sich ein paar Minuten lang genau an, bis er den Wassertank gefunden hatte. Er füllte die Kanne und goss Wasser in die Maschine, achtete genau auf den steigenden Wasserspiegel. Er lächelte und stellte die leere Kanne wieder an ihren Platz. Kaffee. David blickte sich in der Küche um und versuchte zu erraten, wo John den Kaffee aufbewahren würde. Auf den Arbeitsflächen war er nicht. David stand lange vor den geschlossenen Schränken und wünschte sich, er hätte besser aufgepasst.
Als John in die Küche kam, fertig angezogen und noch dabei, sich die Haare trocken zu rubbeln, traf er dort auf David, der am Tisch saß und ihm nicht in die Augen sehen wollte. John hängte das Handtuch über eine Stuhllehne und setzte sich. „Was hast du denn, Dave?“
„Ich wollte Kaffee machen“, murmelte David.
John begriff zwar nicht, wo das Problem lag, aber er sah, dass bisher nur Wasser in der Maschine war und sonst nichts. Er lächelte und sagte: „Danke. Hier, ich zeig‘ dir, wo die Sachen sind.“
David stand auf und folgte John zum Schrank.
„Ich hab‘ den Kaffee hier drin. Manche Leute haben ihn im Kühlschrank, aber das ist nicht nötig. Die Tassen sind hier … Zucker hier.“ Beim Reden reichte John die ganze Zeit Dinge an David weiter. „Du kannst die Maschine in Gang setzen, dann mach‘ ich solange Toast.“
John schnitt Brot und steckte es in den Toaster, wobei er David im Auge behielt. Es brachte ihn zum Lächeln, dass David sich endlich darüber freuen konnte, eine so einfache Aufgabe erfolgreich erledigt zu haben.
WINTERSONNE WAR etwas Herrliches, hatte John beschlossen. An einem klaren, wolkenlosen Tag wie heute leuchteten alle Farben, weil die Luft so kalt war, dass sie einem den Atem raubte und in kleinen weißen Wölkchen wieder zurückgab. Schon seit einer Ewigkeit hatte John sich nicht mehr die Zeit genommen, über einen Sonntagsmarkt zu schlendern, und er hatte seine helle Freude daran, von Bude zu Bude zu gehen und hier und da etwas in die Hand zu nehmen. David, so fiel ihm auf, fasste nichts an und vermied sorgfältig jeden Blickkontakt mit Budenbesitzern wie Marktbesuchern gleichermaßen.
Nach einer Weile wurde John klar, dass David fror; er hatte die Arme fest an den Körper gepresst und beide Hände tief in den Taschen vergraben. Er wirkte angespannt und ausgekühlt. Sein Anblick machte John bewusst, dass für David und andere wie ihn so die Realität des Winters aussah: zu frieren und nichts gegen die bittere Kälte tun zu können.
Sie kamen an einer Bude mit einer großen Auswahl an Jacken und Mänteln vorbei. John blieb stehen und schaute einen Ständer mit Schafsfell-gefütterten Jacken durch. Er hielt eine an David hoch und sagte: „Hier, probier‘ die mal an.“
David sah ihn an und schüttelte den Kopf.
„Komm schon, Dave. Du frierst und brauchst eine Jacke.“ John wusste, dass es David schwerfiel, „Almosen“ anzunehmen. Aber er sah nicht ein, warum er ihm keine Jacke kaufen sollte.
„Nein, danke“, erwiderte David in einem Ton, der eindeutig „Schluss jetzt!“ bedeutete. John sah ihn leicht überrascht an, doch er sagte: „In Ordnung. Wie wär’s, wenn wir in dem Café da was trinken gehen und uns aufwärmen.“
Das Café war voller Menschen, die sich angeregt unterhielten und Schnäppchen aus Plastiktüten holten, aber John fand trotzdem einen kleinen Tisch in einer Ecke ganz hinten. Er seufzte vor sich hin. Der ganze Tag schien aus einer Reihe von kleinen Fortschritten gefolgt von Fehltritten und Rückschlägen zu bestehen. Er reichte David eine Speisekarte und sagte ruhig: „Ich wollte dir nur eine Jacke kaufen, weil dir kalt war.“
David starrte auf die laminierte Speisekarte; er las sie nicht, doch er musste seinen Blick auf etwas anderes gerichtet halten als auf John, während er seine Gedanken sammelte. Schließlich sagte er mit leiser, aber klarer Stimme: „Ich weiß, John, und ich weiß es auch zu schätzen, dass du so etwas für mich tun willst, dass du dich um mich kümmern willst. Es ist nur …“ Er brach ab und saß eine Zeit lang schweigend da. John konnte die Anspannung an seinen verkrampften Kiefermuskeln sehen. Als die Kellnerin kam, lächelte er sie an und fragte: „Könnten Sie uns noch ein paar Minuten geben, bitte?“
David wartete, bis sie weg war, dann sprach er weiter. „Ich weiß nicht, wie ich erklären soll, was ich empfinde. Wie kann jemand, der bereit ist, sich in einer öffentlichen Toilette zu verkaufen, ein Problem damit haben, Almosen anzunehmen?“
John dachte über Davids Worte nach; Jamie hatte ihm ständig klarzumachen versucht, dass David trotz seiner Lage ein stolzer Mann war. Er hatte behauptet, das zu verstehen und trotzdem machte er immer wieder solche Sachen. Verdammt. Jamie hat wieder recht gehabt.
John nahm David die Speisekarte ab und lächelte. „Macht’s dir was aus, wenn wir uns ein Sandwich teilen?“