DER KLEINE Plastikknopf zerbrach, als Finger das Leinenhemd packten und daran zerrten. Der Stoff dehnte sich und riss, legte purpurfarbene Fingerabdrücke auf blasser Haut bloß. Die Hände taten weh, wurden zu Fäusten, schlugen zu, bis Fingerknöchel bluteten. Sie öffneten sich und schubsten, Wange zerkratzt und blutend am rauen Verputz der Mauer. Aber der wahre Schmerz war tiefer. Das kann nicht passieren … bitte, hör auf.
John versuchte herauszufinden, was die leisen Geräusche in seinem Kopf zu bedeuten hatten; schmerz- und angsterfülltes Gemurmel. David. Die gedämpften Laute voller Qual hörten nicht auf. John setzte sich auf und versuchte sich im Halbdunkel des Schlafzimmers zu konzentrieren. „Dave?“, flüsterte er. Keine Antwort. Schläft noch, schläft noch. Er streckte die Hand aus und legte sie sanft auf Davids Schulter. „Wach auf, Dave. Du träumst nur.“
John war sich nicht sicher, ob seine Berührung oder seine Stimme ihn aus dem Schlaf geschreckt hatte, aber er duckte sich mit einem gepressten „Nein … bitte …“ sofort unter der Hand weg.
Davids Reaktion versetzte John anfangs einen Schock, aber er kam rasch zu dem Schluss, dass sie eine Nachwirkung des Traums sein musste. Er sagte langsam und mit ruhiger Stimme: „Schon okay, Dave. Du hast geträumt, das ist alles.“ David sah ihn an, doch mit verwirrtem Gesicht. Er blickte sich im Zimmer um wie in einer unvertrauten Umgebung und schob sich vorsichtig auf den Rand der Matratze zu, bis er die Beine unter der Decke herausstrecken und sich an die Bettkante setzen konnte.
John setzte sich auf und musterte Davids gekrümmte Gestalt; es war so schwer, nicht zu wissen, wie er ihm helfen sollte. Er beugte sich vor und strich David vorsichtig mit einer Hand über den Rücken, doch David schreckte vor John zurück und stand schnell auf, um jeden weiteren Kontakt zu vermeiden.
John knipste die Nachttischlampe an. Mit leicht zusammengekniffenen Augen wegen der plötzlichen Helligkeit sagte er in sanftem, aber besorgtem Tonfall: „David?“
David machte Anstalten, sich zu ihm umzudrehen, aber dann schüttelte er den Kopf und ging aus dem Schlafzimmer. Er stand in der Küche und fühlte sich verloren, losgelöst von seiner Umgebung. David sehnte sich verzweifelt nach dem Trost, den John für ihn bereithielt, konnte ihm aber nicht ins Gesicht sehen. Jene andere Berührung war ihm noch zu deutlich im Gedächtnis. Zu beschädigt für John.
Er nahm ein Glas vom Abtropfgestell und drehte den Hahn auf, doch bei dem ständigen Zittern seiner Hand drohte er die Flüssigkeit zu verschütten. Das Wasser wurde unberührt wieder ins Spülbecken gekippt.
David stand da und sah zu, wie das Wasser langsam durch die alten, unpraktischen Rohrleitungen abfloss, bis er eine leise Stimme hinter sich hörte: „Komm wieder ins Bett, Dave.“
Da er nicht wusste, was er sagen sollte, wie er es erklären sollte, nickte David nur und akzeptierte die sanfte Hand, die auf seinem Arm lag und ihn wieder ins Schlafzimmer führte.
John hatte nicht gewusst, ob die Berührung willkommen war, als er David schweigend ins Spülbecken starren sah. Aber er wusste einfach nicht, was er sonst tun sollte. Er hielt seine Berührung absichtlich leicht, eher lenkend als drängend.
Als sie im Schlafzimmer waren, legte David sich ohne weitere aufmunternde Worte ins Bett und zog die Bettdecke über sich, den Rücken zu John gewandt. Eine Welle der Hilflosigkeit überspülte John beim Anblick von Davids Rücken. So behutsam er nur konnte, kroch er ins Bett und rückte möglichst dicht an ihn heran, jedoch ohne ihn zu berühren. „Versuch zu schlafen, Dave“, sagte John mit trügerisch ruhiger Stimme. Schweigen antwortete ihm.
Es tat weh, ihn nicht berühren, ihn nicht in den Armen halten zu können. Nicht zum ersten Mal fühlte John sich hoffnungslos überfordert. Er wusste nicht, wie er damit umgehen sollte. Wie sag‘ ich ihm bloß, dass alles in Ordnung ist, wenn ich verdammt noch mal nicht mal weiß, wo das Problem liegt?
JOHN GING direkt ins Hinterzimmer des Ladens und ließ David allein zu seinem Sessel bei den gebrauchten Büchern wandern. Jamie lehnte an der Küchenzeile und beobachtete die beiden Männer. Er runzelte die Stirn und ging zur Küchentür. „Was ist passiert, John? Was ist denn mit David los?“
John stand mit dem Rücken zu Jamie am Spülbecken und brummte: „Lass es, Jamie, okay? David hatte eine schlimme Nacht, weiter nichts.“
Der Tonfall von Johns Antwort und die Form seines Rückens überzeugten Jamie davon, sich woanders um Antworten zu bemühen. Er ging schweigend zu der Nische mit den Secondhand-Büchern, wo David saß, die Beine untergeschlagen, den Blick ins Leere gerichtet. Wie schon so viele Male zuvor setzte Jamie sich in „seinen“ Sessel und wartet, bis David ihn anschaute.
„Was ist passiert, Dave?“
David wandte sich wieder dem Bücherregal zu und sagte leise, mit einem resignierten Achselzucken: „Geister.“
Jamie nickte, obwohl er keine Ahnung hatte, was David meinte. David seufzte, sah ihn an und sagte: „Ich bin okay, Jamie. Nur ein Traum, weiter nichts.“
„Willst du drüber reden?“, fragte Jamie, doch David schüttelte nur den Kopf. „Du weißt aber, dass du das kannst, Dave. Mit mir über alles reden, mein‘ ich. Mann, du weißt wahrscheinlich alles über mich, was es zu wissen gibt.“
David sagte mit einem angedeuteten Lächeln: „Oh ja, ich glaube schon.“
Jamie grinste. „Ja, ja, ich rede eben gern, und du bist ein toller Zuhörer.“ Sein Lächeln verrutschte ein wenig, und er fügte in ernsterem Ton hinzu: „Du urteilst nie über mich, Dave. Ich bin sicher, dass John auch zuhören wird, wenn du ihm eine Chance gibst.“
John wird zuhören, aber er wird nicht verstehen, wie es war. David fasste seine Gedanken nicht in Worte.
Da Jamie David aufmerksam beobachtete, wusste er, dass er es für den Moment weit genug getrieben hatte. Er neigte sich zu ihm und gab David einen leichten Kuss auf die Schulter – der, wie er wusste, durch den Stoff des Hemdes kaum zu spüren sein würde – und sagte: „Okay, Dave, ich lass dich in Frieden, ja? Essen wir trotzdem zusammen zu Mittag?“
David nickte lächelnd, und Jamie stand auf, damit David sich in der Sicherheit seiner Bücher niederlassen konnte.
WÄHREND JAMIE bei David saß und schweigend mit ihm zu Mittag aß, nutzte John die Gelegenheit und schlüpfte aus dem Laden, angeblich, um einkaufen zu gehen. Er brauchte frische Luft, er musste für ein paar Minuten weg, um den Kopf freizukriegen. Die vergangene Nacht hatte ihm mehr Angst eingejagt, als er zugeben wollte.
Sich zwischen roten und grünen Paprika entscheiden zu müssen, verschaffte John die Erleichterung, über etwas Alltägliches nachzudenken. Um diese Tageszeit war es im Supermarkt immer ruhiger, was ihm die Möglichkeit gab, zwischen den Regalreihen herumzuwandern und so zu tun, als wäre sein Leben immer noch normal.
Er schaute auf, als eine Frau an ihm vorbeiging und eine Bemerkung über ewig steigende Preise machte. Ihre Blicke trafen sich kurz und John erkannte sie aus dem Obdachlosenheim.
Sie lächelte ihn an. „Hallo, Sie schon wieder. Haben Sie den Mann mit dem Skizzenbuch gefunden?“
„David. Ja, ich habe ihn gefunden, danke“, erwiderte John, ein wenig überrascht, dass sie sich noch erinnerte.
„Gut. Das freut mich zu hören.“ Sie nickte einmal kurz und wandte sich dann wieder ihren Missfallensbekundungen über den Preis des Brokkoli zu.
John zögerte für einen Moment und rieb abwesend mit dem Daumen über die wachsartige Haut der Paprikaschote in seiner Hand, dann fragte er: „Äh … hätten Sie was dagegen, mit mir einen Kaffee trinken zu gehen? Ich wäre sehr dankbar für Ihren Rat.“
Die Frau schaute ihn prüfend an, dann antwortete sie: „Klar. Wir treffen uns nebenan, gleich hinter den Kassen.“
WÄHREND SIE bei der Kellnerin bestellte, musterte John die plastiküberzogene, rotweiß karierte Tischdecke. Er fuhr das Muster mit dem Fingernagel nach und sah zu, wie sich die Einkerbung langsam wieder glättete. Sie schien Johns Unsicherheit wahrzunehmen und sagte fröhlich: „Ich bin Barbara, und danke für die Einladung. Heutzutage werde ich nicht mehr oft aus dem Supermarkt abgeschleppt.“
John brach in ein erleichtertes Lächeln aus. „Ich bin John.“
„Hallo, John. Freut mich“, antwortete sie und gab ihm damit die Chance, das Gespräch zu kontrollieren.
Sein Lächeln verschwand und er sagte leise: „Ich weiß nicht, wie so was geht und ich weiß nicht mal, was ich fragen soll, aber ich …“
„Ist mit David alles in Ordnung?“, unterbrach Barbara.
„Wenn du mich das gestern gefragt hättest, hätte ich ja gesagt, aber heute … ich weiß nicht.“
Barbara maß John mit einem langen Blick, als versuchte sie zu ergründen, wie sie das Thema am besten ansprechen sollte; am Ende entschied sie sich für unverblümte Ehrlichkeit. „Sag mir eins, John: Welche Art von Beziehung hättest du gern mit David?“
Johns Wangen röteten sich, doch er antwortete. „Ich wünsche mir … ich möchte dass wir, äh … zusammen sind.“
„Okay, jetzt muss ich das fragen: Weißt du eigentlich, worauf du dich hier einläßt?“
Die Frage erschreckte John und er quälte die Tischdecke noch etwas länger, ehe er antwortete: „Das dachte ich mal, aber jetzt muss ich zugeben, dass es nicht so ist. Deshalb unterhalten wir uns ja, nehme ich an.“ Er hasste das Eingeständnis, dass er die Situation nicht unter Kontrolle hatte. Um Hilfe zu bitten war einfach nicht seine Art.
Sie nickte – anscheinend verstand sie, wie schwer dieses Gespräch für John war – und fragte in sanfterem Ton: „Also, was ist seit gestern passiert, dass du deine Meinung geändert hast?“
John verdrehte die Augen und gab ein leises, frustriertes Lachen von sich. „Am helllichten Tag hört sich das blöd an, aber er, David, hatte letzte Nacht einen Traum, der ihn, äh … durcheinandergebracht hat. Er hat sich von mir nicht anfassen lassen und wollte nicht mit mir reden. Ich wusste nicht, was ich machen soll.“
Barbara warf ihm einen traurigen Blick zu. „Ich weiß nicht, wie lange David schon auf der Straße ist und auch nicht, was ihn dorthin getrieben hat, aber er wird sehr viel Geduld brauchen, John. Da draußen können Dinge passieren, die wir nur schwer verstehen würden.“
John nickte nachdenklich. „Vor einiger Zeit ist er ziemlich schlimm zusammengeschlagen worden, aber das war anders.“
„Mit manchen Dingen wird man leichter fertig als mit anderen. John, du musst verstehen, dass David meiner Ansicht nach in die bedauernswerte Kategorie der chronischen Obdachlosen fällt, und die sind meist nicht aus ökonomischen Gründen auf der Straße.“ Johns Magen schnürte sich zusammen bei dieser Bezeichnung für David, doch er nickte ihr zu, weiter zu reden. „Viele von diesen Leuten, vor allem Männer, werden mit ihrer Situation genauso schwer fertig wie mit den Gründen dafür. Okay, ich weiß, dass das eine Verallgemeinerung ist, aber die meisten Männer würden es hassen, als Opfer betrachtet zu werden. Aber genau das sind viele von diesen Männern geworden. Um das zu kompensieren, nehmen sie oft eine Kampf- oder-Flucht-Mentalität an.“
John runzelte die Stirn und unterbrach: „Ich kann David nicht kämpfen sehen.“
Barbara lächelte über Johns sofortige Verteidigung für David. „Ich weiß. Soweit ich mich erinnern kann, war er oft in sich gekehrt und hat bei seinen Besuchen im Heim versucht, jeden Kontakt zu vermeiden. Ich will damit nur sagen, dass er unter ‚Flucht‘ fällt, weil er sich in sich selbst zurückzieht.“
„Oder wegläuft“, sagte John leise.
Barbara sah ihn kurz an und wiederholte dann: „Oder wegläuft. Wie auch immer, John, du solltest versuchen, mit ihm zu reden. Du musst immer offen und ehrlich mit ihm sein, damit er weiß, woran er ist. Stell’ ihm Fragen, wenn du wissen willst, was mit ihm los ist. Lass‘ ihn wissen, dass du nicht sofort eine Antwort erwartest, aber da bist, wenn er reden will. Gib ihm Zeit und Freiraum.“
Sie zögerte für einen Moment, unsicher ob sie die nächste Frage stellen sollte, wusste aber, dass sie es John zuliebe tun musste. „Ich gehe davon aus, dass du eine sexuelle Beziehung mit David hast?“
John wollte dieses Gespräch nicht führen, aber er nickte und trank nervös einen großen Schluck Tee.
Geh vorsichtig vor, ermahnte Barbara sich. „Wie gesagt, John, auf der Straße passieren Dinge, die wir vielleicht nicht verstehen, und Safe Sex ist nicht immer möglich.“ Sie machte eine Pause und wartete Johns Reaktion ab, ehe sie sagte: „Du musst auf deine eigene Sicherheit achten, John.“
Bei ihren Worten verkrampften sich Johns Kiefermuskeln und er dachte an sein erstes Mal mit David zurück. Mit mir ist es vielleicht nicht sicher. Er schloss kurz die Augen, atmete langsam aus und sagte ruhig: „David hat sich deswegen Sorgen gemacht, als wir das erste Mal …“ Er beendete den Satz nicht.
Barbara lächelte ihn an und sagte: „So wie es sich anhört, ist er ein guter Mann, John. Wirf es ihm nicht vor; vielleicht hatte er keine andere Wahl. Versuch‘ ihn zu einem Arzt zu bringen, wenn du kannst.“
John hätte gerne geantwortet, doch seine Kehle schnürte sich zu, also nickte er stattdessen nur. Barbara ließ ihm Zeit, ihre Worte in sich aufzunehmen und studierte solange die Auslage mit den Kuchen und Teilchen.
Nach einem Schluck Tee und einer Atempause konnte John wieder sprechen. „Er ist immer müde. Er sagt nie was, aber er schläft tagsüber häufig ein und ich weiß, dass er manchmal Schmerzen hat.“
„Oh, John, das hat nicht unbedingt etwas Schlimmes zu bedeuten. Könnte sehr gut das Ergebnis von Unterernährung und gestörten Schlafmustern sein. Das Leben kann ganz schön brutal mit dem Körper umgehen, wenn es nie genug zu essen gibt und der wärmste Platz zum Schlafen unter einer Brücke ist. Sorg‘ dafür, dass er regelmäßig Vitamine und Mineralstoffe kriegt und wenn er schlafen muss, mach‘ dir keine Sorgen. Dann braucht entweder sein Körper oder sein Geist einfach mal eine kleine Auszeit.“
Tränen kribbelten hinter Johns Augenlidern, und er blickte verlegen wieder auf das Tischtuch hinab.
Barbara sah ihm an, dass er überwältigt war und um Fassung rang. „Und wie kommst du mit all dem klar?“
John rieb sich mit den Fingern über die Augen und atmete tief durch. Er nahm seine Tasse in die Hand und stieß ein schwaches, zittriges Lachen aus. „Jetzt wär’s mir plötzlich sehr recht, wenn hier nicht nur Tee drin wäre.“
Barbara lachte leise und strich ihm mit der Hand über den Arm. „Ich will dir nichts vormachen, John. Das wird nicht einfach werden, und es könnte auch schief gehen. Also musst du dich entscheiden, ob er das alles wert ist. Falls ja, bin ich da, wenn du mal jemanden zum Reden brauchst.“
IM LADEN war es relativ ruhig, als John die Tür aufstieß, aber er hörte Jamie irgendwo im Hintergrund pausenlos über irgendwas quasseln. „Bin nur ich!“, rief er und ging auf die Stimme zu.
Jamie war gerade mitten in einem äußerst lebhaften Monolog über ein Missgeschick mit dem Fahrrad, das ihm mit neun Jahren passiert war, während David daneben saß und in seine Hälfte eines Apfels biss. John lächelte; Davids Gesichtsausdruck verriet, wie konzentriert er Jamies Erzählung von aufgeschürften Knien und angeknackstem Stolz lauschte.
Er ist es wert.