„ES WIRD immer schlimmer mit ihm, oder?“, fragte Jamie leise, als er John einen Becher Tee reichte.
John hob den Kopf und schaute zum hinteren Teil des Ladens. Er konnte zwar nicht sehen, was David gerade machte, aber er wusste, dass sich das Muster in den letzten paar Tagen nicht geändert hatte: er war aufgewühlt, kam nicht zur Ruhe, redete nicht. John trank einen Schluck Tee und murmelte: „Ich weiß nicht. Neulich, nach diesem Traum, schien er sich zu beruhigen, als er erst mal im Laden war, aber dann … dann hat das angefangen.“
Jamie nickte. David hatte ihm an jenem Nachmittag schweigend zugehört, und an Abend hatte er wieder geredet und geholfen, Bücher auszupacken. Er zuckte die Achseln. „Ich kapier’s nicht. Als du vom Markt zurückgekommen bist, ging’s ihm schon so viel besser.“
„Ja, wir haben uns ein bisschen unterhalten und er ist auf der Couch eingeschlafen“, sagte John und erinnerte sich daran, wie erschöpft David gewesen war. „Also, was ist dann schief gelaufen?“ Er runzelte die Stirn und rieb sich müde die Augen; er konnte spüren, dass sich Kopfschmerzen anbahnten. Jamie beobachtete ihn und erkannte die Geste. Er beugte sich vor, legte John eine Hand auf die Schulter und rieb ganz leicht. „Ich weiß nicht, Mann, aber das kriegen wir schon raus.“
Die beiden Männer saßen ein paar Minuten lang schweigend beisammen, bis Jamie ein Schnauben ausstieß. „Es hat am anderen Morgen angefangen, oder? Wir hatten die Kisten vom Vortag fertig ausgepackt und die Rechnungen schon durchgeschaut, also haben wir angefangen, in den Kalendern rumzublättern. Australische Strände, süße junge Hunde … noch süßere Filmstars, du weißt schon, und dann hat er einen mit Kunst gefunden. Nicht direkt mein Geschmack, aber David schien er zu gefallen, also hab‘ ich ihm gesagt, dass er ihn in die Küche hängen kann.“ Jamie zögerte und fragte: „Das war doch okay, ja?“
Mit einem leichten Lächeln sagte John: „Ja, das war okay. Also, er war glücklich. Was hat sich geändert?“
„Weiß nicht.“ Jamie runzelte die Stirn und dachte zurück. „Er hat diesen Monat aufgeschlagen und mich gefragt, welchen Tag wir haben. Ich hab’s ihm gesagt, ein Smiley hinter das Datum gemalt und ‚Davids Kalender‘ dazugeschrieben. Vielleicht war das falsch, weil er da ganz still geworden ist. Ich hab‘ den Kalender in die Küche gehängt, und als ich wieder rausgekommen bin, saß er in seinem Sessel.“ Wie damals, als er das erste Mal in den Laden gekommen ist. Scheiße, vielleicht sogar noch schlimmer, dachte Jamie, aber er wollte nicht, dass John sich noch mehr Sorgen machte als ohnehin schon. „Wie benimmt er sich zuhause?“
„Genauso. Er redet nicht mit mir. Wenn ich ihn zu berühren versuche, zuckt er zusammen.“ John errötete bei dieser Erwähnung ihrer Körperlichkeit. „Mal schläft er viel zu viel und mal schläft er überhaupt nicht. Gestern Nacht bin ich aufgewacht und da stand er am Schlafzimmerfenster und hat einfach nur hinausgestarrt.“ Dieser Anblick – wie David auf die leere Straße hinunterschaute – hatte John mehr wehgetan, als er Jamie gegenüber je zugeben würde; irgendwas war schiefgelaufen. Offensichtlich kann ich einfach nicht genug tun.
Jamie sagte nichts, aber er rieb John mit der Hand über den Rücken, nur um ihn wissen zu lassen, dass er nicht alleine war.
JAMIE TEILTE das Sandwich in zwei Hälften und legte eine davon auf die Armlehne von Davids Sessel. „Mittagessen, David“, sagt er leise und sah aufmerksam zu, wie der Bleistift sich weiter unermüdlich über die bereits zerknitterte und verschmierte Seite bewegte. Er legte David sanft eine Hand auf den Unterarm, um die Bewegung zum Stillstand zu bringen. „Komm schon; lass das doch mal.“ David brauchte anscheinend einen Moment, bis er Jamies Berührung registrierte, aber dann hörte er auf und schaute das Skizzenbuch an.
„Dave, was passiert hier gerade? John und ich, wir machen uns Sorgen um dich“, sagte Jamie gerade laut genug, um in dem stillen Laden gehört zu werden.
David schaute auf Jamies Hand und schloss dann die Augen. „Ich will das nicht tun.“
Die unerwarteten Worte verwirrten Jamie; er hätte gerne gefragt, was genau David nicht tun wollte, aber er flüsterte: „Du brauchst nichts zu tun, was du nicht tun willst.“
David antwortete nicht, aber der Gedanke ging ihm ganz klar durch den Kopf. Vielleicht in deiner Welt, Jamie.
Jamie lehnte sich zurück und ließ David zu seiner Zeichnung zurückkehren, sah zu, wie seine Hand in raschen und manchmal scheinbar unkontrollierten Bewegungen über die Seite hetzte. Das Bild ergab für Jamie keinen Sinn; es war dunkel und abstrakt, ganz anders als die sonst so filigranen Skizzen auf den übrigen Seiten des Buchs. Der Bleistift hatte tiefe Kerben in dem weichen, dicken Zeichenpapier hinterlassen, und an manchen Stellen war die Grafitschicht so dick, dass die Textur des Papiers abgeflacht und glänzend war.
Jamie kaute langsam sein Sandwich-Dreieck und versuchte, zwischen den einzelnen Bissen über alltägliche Dinge zu plaudern. David rührte seine Hälfte nicht an.
DAS AUFGEREGTE Geplapper der Fünfjährigen wurde leiser, als ihre Mutter sie an der Hand nahm und aus dem Laden führte. Es war immer erkennbar, wenn ein Kind sein erstes Buch kaufte, aber das hieß auch, dass es später Nachmittag war. Die Schulen waren leer, Eltern hatten ihre Kinder abgeholt und waren auf dem Weg nach Hause, um mit der zaghaften Erforschung des geschriebenen Wortes und mit dem Abendessen anzufangen.
David hatte mit schmerzenden Fingern das Skizzenbuch weggelegt und saß jetzt zusammengerollt in seinem Sessel. Er schaute auf die Wanduhr aus poliertem Holz und sein Magen krampfte sich zusammen. Es ist Zeit zum Gehen.
Er streckte die Beine, nicht wirklich überrascht, dass sie zitterten, als er seine Stiefel über die Socken zog, die John ihm gekauft hatte. Er atmete einmal tief und bebend durch und stand auf. Sein Skizzenbuch lag auf dem Boden neben seinem Sessel; er schaute es unentschlossen an. David wusste, dass er es nicht mitnehmen wollte, aber … bei John ist es in Sicherheit. Er bückte sich, hob es auf und drückte es für einen Moment an sich, fast überwältigt von dem Drang, sich einfach wieder in den Sessel zu setzen, in Sicherheit, bei John. Er schüttelte den Kopf, die Zähne fest zusammengebissen, als er durch den Laden ging.
John lächelte und schaute auf, als er David auf sich zukommen hörte. Doch das Lächeln erlosch, als ihm das Skizzenbuch über den Ladentisch zugeschoben wurde.
„Was ist damit, Dave? Brauchst du ein neues?“, fragte John hoffnungsvoll, ohne jedoch wirklich daran zu glauben, dass das alles war.
David schüttelte den Kopf, den Blick weiter auf das Buch geheftet. „Ich muss fort, John.“
Bei Davids Worten packte ihn die Übelkeit. Ein paar Sekunden lang stand John nur da und starrte ihn an, ehe ihm bewusst wurde, dass er antworten musste. „Äh, okay. Bleibst du lange weg?“
Davids Finger rieben über den Einband des Skizzenbuchs; im Geiste rang er mit sich, ob er John anlügen sollte oder nicht. Er schluckte und sagte leise: „Ich glaube nicht. Ich weiß nicht.“
John runzelte die Stirn. Jetzt war ihm wirklich schlecht. „Okay, Dave. Ich bring dein Buch rauf und warte auf dich.“ Er griff nach Davids Hand, doch die Finger wurden rasch weggezogen und David flüsterte: „Ich muss gehen.“
John hörte die Glocke über der Ladentür bimmeln, als David hinausging.
AM FRÜHEN Abend war es draußen noch mild, aber David fror schon jetzt, und ihm war auch bereits schlecht. Er entfernte sich mit raschen Schritten vom Laden und verdrängte die Erinnerung an Johns Gesicht, als er fortgegangen war, aus seinem Gedächtnis. Darf nicht dran denken, darf nicht an John denken. Der Abend dämmerte schon, als er das Toilettenhäuschen in der Nähe des Parks erreichte. Er erkannte einige von den Männern, die bereits dort waren.
David lehnte sich an die rissige Betonmauer und sah zu, wie der Kieselstaub über seine Stiefel kroch, bis sie beinahe im Grau verschwanden. Die jüngeren Männer wurden immer zuerst ausgewählt, aber er wusste, dass er nicht mehr lange hier sein würde. Ein Paar saubere Lederschuhe tauchten vor seinen Stiefeln auf. David blickte nicht auf, als der Mann sein Portemonnaie öffnete und ihm einen Zwanziger hinstreckte. Er rührte sich nicht. Jamies Worte kamen ihm wieder in den Sinn. Du brauchst nichts zu tun, was du nicht tun willst. Er wusste, dass das nicht wahr war.
„Also, willst du’s jetzt oder nicht?“
David hatte das Gefühl, sich durch Molasse zu bewegen, als er die Hand hob, um das Geld zu nehmen.
„SCHLIEßT DU ab, John? Oder soll ich das machen?“, fragte Jamie, wohl wissend, dass sie schon eine halbe Stunde über ihre übliche Ladenschlusszeit waren.
John blickte von der chaotischen Hauptbuch-Seite auf. „Ich denke ständig, dass ich den Laden hier mal ins Computerzeitalter schleppen müsste, aber bisher hab‘ ich das noch nicht geschafft.“ Er stockte und fügte dann leise hinzu: „Schon okay, Jamie. Geh‘ du nur nach Hause. Ich warte noch ein bisschen länger.“
Jamie nickte und hob seine Finger an Johns Nacken. „Ruf mich an, ja? Du weißt schon … wenn er nach Hause kommt.“
„Ja, das dauert jetzt bestimmt nicht mehr lange.“ John lächelte ohne rechte Überzeugung. Irgendwie hatte er diesmal ein ganz ungutes Gefühl, aber er wusste, dass er auf David warten würde.
DER BETON unter Davids Knien war trotz der Jeans kalt und hart. Wasser von der undichten Toilette war durch den Stoff gedrungen; seine Knie taten weh.
Der Mann war wortlos gegangen.
David sank auf seine Fersen zurück und rieb seine Handflächen an den Jeans. Er hatte von dem Mann verlangt, vor dem Abspritzen aufzuhören. Noch nie zuvor hatte er den Mut gehabt, das zu sagen. Aber diesmal hatte er es ihm gesagt, ehe sie angefangen hatten. Das Problem war nur, als David zurückzuweichen versuchte, hatte der Mann ihn einfach an den Haaren gepackt – womit er ihn daran erinnerte, dass er in dieser Sache keine Wahl hatte – ihn hart in den Mund gefickt und sich in seinen Rachen ergossen.
David sah sich den Zustand an, in dem er sich befand. Seine neuen Sachen waren verdreckt und nass. Er dachte daran, wie John diese Kleidungsstücke für ihn ausgesucht hatte; wie er sie im Laden in die Hand genommen, sie vielleicht an seinen eigenen Körper gehalten hatte, um sich für eine Farbe zu entscheiden. Jetzt, im blauen Schein des „Junkie“-Lichts sahen sie nur alt und gebraucht aus.
Tränen brannten in seinen Augen; er schluckte sie hinunter, was ihn allerdings erneut an den Geschmack erinnerte, den er immer noch im Mund hatte.
David drehte sich der Magen um; hastig packte er die Kante der Toilettenschüssel und erbrach sich, bis sein krampfhaftes Würgen nur noch Luft und Galle aus seinem leeren Magen zutage förderte. Ein junger Stricher stieß die Tür auf und lehnte sich an die Wand. „Bist du okay?“ Davids Finger krampften sich um den Rand der Toilettenschüssel, während seine andere Hand immer noch den zerknitterten Zwanziger umklammert hielt. Er nickte und wartete, bis der junge Mann die Tür geschlossen hatte.
Er stemmte sich hoch, wischte sich mit dem Handrücken den Mund ab und stand auf. Er wollte nur noch raus aus diesem Toilettenhäuschen. Der Stricher war immer noch da, als David die Tür öffnete; er trat beiseite, um David ans Waschbecken zu lassen, und fragte ruhig: „Brauchst du einen Schuss? Ich hab‘ was da, wenn du’s brauchst.“
David spuckte das Wasser ins Becken und verzog das Gesicht bei dem metallischen Geschmack. Er schüttelte den Kopf und ging hinaus. Vor dem Toilettenhäuschen schwankte er, in welche Richtung er gehen sollte. Die einzige, die er jetzt unmöglich einschlagen konnte, war die zum „Margins“ und zu John.
ES WAR schon seit ein paar Stunden dunkel, aber das Schild war noch nicht auf „Geschlossen“ gedreht und die Tür blieb offen. John hatte sich nicht hinter dem Ladentisch weggerührt. Das mulmige Gefühl in seiner Magengrube wurde immer stärker. Als eine Gruppe Jugendlicher lärmend am Schaufenster vorbeiging, schaute John auf die Wanduhr und seufzte. Noch ein Weilchen länger.
Eine weitere Stunde später ging die Ladentür auf. Aber es war Jamie, der hereinmarschiert kam und neben John stehen blieb. „Ich hab‘ mir Sorgen gemacht, als du nicht angerufen hast“, sagte er ein wenig entschuldigend. „Erst war ich oben in der Wohnung, aber da war niemand …“
John schaute erneut kurz zur Tür und sagte leise: „Ich wollte es einfach nicht wahrhaben.“
Jamie nickte. Jetzt, wo er hier war, wusste er nicht weiter, also griff er auf das liebste Allheilmittel seiner Mutter zurück. „Soll ich dir eine Kanne Tee machen?“
John versuchte zu antworten, aber die Worte wollten sich nicht bilden lassen. Er wandte sich von Jamie ab, die Fäuste so fest geballt wie er die Zähne zusammenbiss, und blinzelte die Tränen weg, denen er nicht nachzugeben wagte.
Jamie beobachtete John. Instinktiv hätte er den Mann am liebsten in die Arme genommen, aber er war weise genug, um zu wissen, dass John das im Moment überhaupt nicht verkraften konnte. Stattdessen zog er die Schublade hinter dem Tresen auf, schnappte sich die Ladenschlüssel und sagte: „Na komm, gehen wir ihn suchen.“
John holte zittrig Luft und schaute Jamie schweigend, aber dankbar an. Jamie lächelte, warf ihm die Schlüssel zu und schrieb rasch noch einen Zettel für die Ladentür. David, falls du vor uns nach Hause kommst, ruf John auf dem Handy an. Alles Liebe, Jamie xx. Dann befestigte er mit Klebeband ein paar Münzen an der Rückseite des Zettels.
John schaute ihm lächelnd über die Schulter und sagte: „Danke, Kumpel.“
Bis sie am Obdachlosenheim ankamen, war Jamie ganz sicher, dass sie David dort finden würden. Er sprang aus dem Auto und wippte vor Ungeduld fast auf den Zehenspitzen, während John abschloss. Er verschwand eilig im Foyer des alten Gebäudes. John folgte ihm, weniger überzeugt, doch mit einem leisen, hoffnungsvollen Kribbeln im Bauch. Im Foyer des alten Gebäudes roch es vage nach Desinfektionsmittel und abgestandenem Zigarettenrauch; an den Anschlagtafeln an den Wänden hingen Broschüren von Rehakliniken und Beratungsstellen für Langzeitarbeitslose dicht an dicht neben Papierfetzen mit handgeschriebenen oder fotokopierten Suchaufrufen für vermisste Personen. John warf einen flüchtigen Blick darauf und schaute schnell wieder weg.
Jamie war schon an der Rezeption und versuchte jemanden auf sich aufmerksam zu machen, da sah John einen Mann, der gerade einem misstrauisch dreinschauenden Jugendlichen eine Wolldecke gab, und fragte ihn: „Hat Barbara heute Nacht Dienst?“
Der Mann wandte sich zu John um und schüttelte den Kopf. „Nein. Tut mir leid, Mann. Nachts gibt's hier nur männliches Personal. Kann ich Ihnen weiterhelfen?“
John versuchte zu erklären, so gut er konnte – mit ständigen Zwischenrufen von Jamie – doch der Wohnheim-Betreuer schüttelte nur erneut den Kopf und schlug ihnen vor, sich umzuschauen. Der große Saal stand voll mit schmalen Betten, jedes ein Zuhause für eine Nacht. Das erste, was John auffiel, außer der Überfüllung, war der Gestank, und er dachte mit Schmerzen daran zurück, wie er sich in seiner Anfangszeit im Laden über Davids Geruch beschwert hatte.
Als er sich im Saal umschaute, wichen viele seinem Blick aus und zogen sich in die Sicherheit ihrer eigenen Gedanken zurück, während andere ihm mit offenem Trotz begegneten. Plötzlich fiel ihm wieder ein, was David über die Nächte im Obdachlosenheim gesagt hatte. Manche von den Männern rufen nach Menschen, die sie nicht mehr haben. Er musste raus hier.
Jamie sah, wie er sich umdrehte und hinausging. Er dankte dem Betreuer, lächelte einigen Gesichtern freundlich zu und eilte John nach.
John lehnte bereits draußen an der Mauer und zündete sich eine Zigarette an. Er blickte auf und schüttelte den Kopf. „Er ist wieder darauf verfallen, nicht wahr?“
Jamie hätte am liebsten gelogen und Nein gesagt, aber das konnte er nicht. Er lehnte neben John und sah zu, wie ein alter Mann einen ramponierten Einkaufswagen voller Plastik- und Papiertüten durch die schmale Türöffnung zwängte. Jamie hoffte, dass er einen Platz finden würde, obwohl er das bezweifelte. Er seufzte und sagte leise: „Ich weiß nicht, John, aber wegen irgendwas war er ganz durcheinander, also muss es einen guten Grund geben, oder?“
John legte den Kopf in den Nacken und blies einen langen Rauchschwaden aus, dann sagte er: „Ich dachte, er wäre inzwischen imstande, mit mir über seine Gründe zu reden.“
Jamie nickte. „Er hat wohl immer noch eine Menge zu verarbeiten. Ich kann mir nicht einmal vorstellen, wie sein Leben war.“
So viele Bilder strömten auf John ein: David verletzt und blutend in seinem Treppenhaus, wie sehr er sich geschämt hatte, weil er nicht sauber bleiben konnte, die zaghaft-tastende Natur ihres Liebesspiels. John wollte alles für ihn in Ordnung bringen, sodass er ein normales Leben führen konnte, aber Barbaras warnende Worte fingen gerade erst an, real zu werden.
Nachdem er seine Zigarette an der von Graffiti überzogenen Mauer ausgedrückt hatte, straffte John mit einer müden Rollbewegung seiner Schultern den Rücken und sagte: „Gehen wir, Jamie. Er ist nicht hier.“
Jamie nickte und sagte etwas zu ruhig: „Ja, vielleicht ist er ja schon zuhause … und hat bloß den Zettel nicht gesehen.“
John antwortete nicht.
Sie fuhren den langen Weg nach Hause, am Park vorbei, und schauten sich jeden Fußgänger, an dem sie vorbeikamen, genau an, ohne auch nur ein Wort miteinander zu reden. Als sie wieder am Laden ankamen, war es deutlich nach elf und der Zettel klebte immer noch unberührt an der Tür. John griff danach, um ihn abzureißen, aber Jamie hielt seine Hand fest. „Lass ihn dort, bitte, John. Nur für den Fall.“
John sah Jamie an, den Widerspruch schon auf der Zunge, doch dann nickte er kurz und ließ den Zettel hängen. „Nur für den Fall.“