15

 

 

DAVIDS GERUCH, überlagert vom schwachen Pfefferminzduft seines Shampoos, war das erste, was John bewusst wahrnahm, als er aufs Aufwachen zu driftete. Als Nächstes wurde ihm bewusst, dass seine Brust sich leicht an Davids warmen Rücken drückte; sein Arm lag beschützend um Davids Brust und seine Nase war in Davids Haar vergraben. Sie waren zusammen in der Badewanne geblieben, bis das Wasser kalt wurde. John hatte anfangs nur ganz leise gesprochen, David gar nicht.

John umfasste ihn etwas fester und lauschte dem leichten Schnarchen. Die vergangene Nacht stand ihm immer noch deutlich vor Augen.

 

 

DAVID WAR eingeschlafen, sobald er sicher und geborgen unter dem Quilt lag, obwohl noch Licht durchs Fenster sickerte. John legte sich eine Weile zu ihm, dann schlüpfte er behutsam aus dem Bett und tappte barfuß ins Wohnzimmer, wo er die Nummer des Ladens wählte.

„Hallo, Buchladen „Margins“.“

„Ich bin’s, John. Ich bin zuhause. David ist hier.“

Jamie zögerte. John klang erschöpft. „Alles okay, John?“

„Ja“, sagte John und fügte dann rasch hinzu: „Ich weiß nicht. Ich war wütend, Jamie. Ich habe nicht gut reagiert und Dinge gesagt … Dinge zu ihm gesagt, die ich nicht hätte sagen dürfen.“

Jamie runzelte die Stirn, wohl wissend, dass es alles nur noch schlimmer machen würde, wenn er John deswegen zur Rede stellte. Er seufzte leise und sagte: „Du warst aufgeregt, John. Das wird er schon verstehen. David ist ein guter Mensch. Rede einfach mit ihm, sei ehrlich zu ihm.“

„Er schläft. Ich glaube, er …“ John kämpfte gegen seine Emotionen an, dass sich seine Kiefermuskeln verkrampften. „Er schläft.“

„Ich wollte sowieso gerade den Laden schließen. Ich kann raufkommen, wenn du willst. Du weißt schon, nur auf einen Drink oder zum Reden … ja?“

John entspannte sich ein wenig, obwohl er nicht vorhatte, Jamies Angebot anzunehmen. „Danke, Kumpel, aber ich bin müde. Ich glaube, ich gehe lieber einfach schlafen.“

„Okay. Schlafen ist gut, John. Mum sagt immer, dass Schlaf uns eine Chance zum Heilen gibt“, sagte Jamie besänftigend. „Er ist stark, weißt du, John. Trotz allem …“

 

 

ER IST stark, weißt du, John. Trotz allem … John legte sein Gesicht behutsam in Davids Halsbeuge. Er wusste, dass David kein Kind war, dass er ein erwachsener Mann war und eine Stärke in sich trug, die höchstwahrscheinlich nicht viele Männer besaßen, John selbst eingeschlossen. Und doch weckte David seine sämtlichen Beschützerinstinkte. Er kuschelte sich zart an Davids Nacken und lächelte ein wenig, als David im Schlaf leise stöhnte und sich in die Berührung schmiegte, ohne aufzuwachen. Er küsste die weiche Haut unterhalb von Davids Ohr, streifte mit den Lippen die Stelle, wo das warme Blut pulsierte und flüsterte: „Was hat dich hierher gebracht, David? Was hat dich zu all dem gebracht?“

John fielen die Augen zu und er atmete David einfach nur ein, während er über all die Fragen nachsann, die er gern gestellt hätte. Wie war dein Leben, David? Deine Frau und dein Job ... was ist passiert? Wie bist du auf der Straße gelandet? Wie lange hast du so gelebt, ehe Maggie dir einen Ort gegeben hat, an dem du dich sicher fühlen konntest? Sicher …. Was hat die Albträume verursacht? Was ist passiert, Dave? John kniff die Augen fest zu; es tat weh, sich vorzustellen, was David da draußen womöglich schon alles zugestoßen war.

Mit einem zittrigen Einatmen strich er David sanft das Haar aus dem Gesicht. „Du hast mich auch verändert, weißt du?“, flüsterte er und wünschte sich dabei, so etwas aussprechen zu können, wenn David wach war. „Ich habe vor dir noch nie eine ganze Nacht mit jemandem verbracht …“ Beim Gedanken daran, wie schnell er normalerweise aus dem Schlafzimmer flüchtete, stieß John ein schwermütiges Lachen aus. „Aber wenn ich mir jetzt mein Bett ohne dich vorstelle …“ Er sah zu, wie seine Finger langsam durch Davids Haar strichen. „Ich glaube nicht, dass ich in mein ‚altes‘ Leben zurück kann, Dave. Es kommt mir jetzt vor wie eine Welt für einen anderen Menschen. Aber ich muss wissen – wirst du am Ende von meinem Jahr immer noch hier sein?“

Der Keim der Furcht hatte zu wachsen begonnen. Sämtliche „was-wäre-wenns“ erschienen in rascher Folge. Was, wenn David wieder fortging? Was, wenn David wirklich krank war? Hör auf, Mac … Hör auf. John ließ seinen Arm wieder sinken, bis er wie vorhin um Davids Taille lag und seine Finger das Haar auf Davids Bauch kraulten, getröstet von dem leisen Murmeln, das David im Schlaf von sich gab. Er schmiegte sich eng an Davids Rücken. So lag er dann einfach nur da und hörte David beim Schlafen zu.

Fast eine Stunde verging, ehe David sich zu regen begann. Er sagte nichts, aber eine kaum merkliche Veränderung in seiner Körpersprache sagte John, dass er wach war.

„Es tut mir leid, David. Ich hätte nicht so ausrasten sollen“, sagte John sehr leise, wobei seine Finger sich weiter über Davids warme Haut bewegten. „Das war nur die Vorstellung, dass jemand anders dich berührt.“

David zuckte zusammen. Eine Welle von Selbstekel drohte ihn zu überfluten. Was konnte er dazu sagen? Er hatte sich so entschieden, obwohl es ihm so vorkam, als hätte er überhaupt keine Wahl gehabt.

Das Schweigen hing im Zimmer. Beide Männer wollten reden, aber keiner fühlte sich imstande, den Anfang zu machen.

David verspannte sich immer mehr in Johns Armen, und John bekam panische Angst, dass David wieder weglaufen würde. Rede mit ihm. Jamie hat gesagt, dass du mit ihm reden sollst, dachte John, klammerte sich an alles Mögliche, um das hier nicht scheitern zu lassen. Mit leiser, sanfter Stimme erzählte er, wie er sich gefühlt hatte, als David nicht nach Hause kam; nicht, um ihm Schuldgefühle zu machen, sondern um die Angst und innere Leere zu verdeutlichen, die er empfunden hatte. Je länger er sprach, desto leichter strömten die Worte, bis John aussprechen konnte, was er eigentlich sagen wollte: „Ich schaff‘ das nicht ohne dich. Kannst du dich von mir lieben lassen, David? Kannst du das?“

Die Worte stockten, und völliges Entsetzen ergriff Besitz von ihm. John konnte kaum atmen. Das Blut rauschte ihm in den Ohren, während er auf eine Reaktion wartete. Irgendeine Reaktion.

David antwortete nicht, aber ein leichtes Zittern durchrann seinen Körper. Obwohl er keinen Laut von sich gab, erkannte John, dass David zu weinen begonnen hatte. John umarmte ihn fester, legte dem anderen Mann seine Arme um die Brust, vergrub sein Gesicht an Davids Nacken und redete die ganze Zeit mit gedämpfter Stimme panisch auf ihn ein: „Schon gut, David. Wir können uns was überlegen. Jamie hat dich schon helfen lassen … ich glaube … ich nehme an, ich habe dich als unbezahlte Arbeitskraft benutzt … wir können uns was überlegen, damit du bleiben kannst … wir finden schon eine Lösung. Oh, Scheiße, David, wir finden bestimmt irgendeine Lösung.“

Mit tränenüberströmtem Gesicht plapperte John weiter und wagte nicht aufzuhören, bis David die Hand hob und blindlings nach ihm griff.

Erst als seine Finger fest in Johns Haar vergraben waren, konnte David etwas von dem ganzen Kummer und Schmerz rauslassen.

John wusste inzwischen, dass er David weinen lassen musste. Er hielt ihn einfach nur fest und drückte ihn an sich, bis Davids Griff sich lockerte und er erschöpft in Johns Armen lag.

John wischte sich mit der Hand über das Gesicht; ausnahmsweise einmal schämte er sich nicht für die Tränen, die ihm immer noch über die Wangen rannen. Davids Hand ruhte auf den zerknitterten Laken vor seiner Brust; John ergriff Davids Hand und hielt sie fest. „Was ich gesagt habe … vorhin … das habe ich ernst gemeint.“

David schloss die Augen und verschränkte seine Finger ein wenig fester mit Johns. Er wünschte sich nichts dringender, als ihm zu glauben.

„Das habe ich bisher noch nicht oft zu jemandem gesagt“, fuhr John fort. „Da, wo ich herkomme, tun Männer das einfach nicht. Wir lieben Bier oder unsere Football-Mannschaft, aber wir sagen es nicht, wenn es wirklich etwas bedeutet.“ David fühlte das Heben und Senken von Johns Brust, als er seufzte. „An und für sich hatte ich bisher auch kaum einen Grund dazu. Ich habe meine Mam und meine Großeltern geliebt … meinen Vater auch, glaube ich. Abgesehen davon habe ich das bisher nur zu einem einzigen Menschen gesagt. Jean McMullan.“ Es überraschte John, dass ihm das tatsächlich über die Lippen kam. Er redete sonst nie so; selbst als Kind hatte er immer alles für sich behalten.

Obwohl John so leise sprach, spürte David das leichte Vibrieren seiner Stimme in seiner Brust. Das tiefe, sanfte Grollen beruhigte ihn und gab ihm ein Gefühl der Sicherheit … jedenfalls für eine Weile. Als John verstummte, öffnete David die Augen einen kleinen Spalt breit und murmelte: „Raus damit.“

John ließ ein kehliges Kichern hören und fing an: „Ich war gerade mal Anfang Zwanzig und hatte endlich den Mut gefunden, Jean McMullan ins Kino einzuladen. Sie hat im selben Büro gearbeitet und war seit einer Ewigkeit schon das Objekt meiner Begierde – und von so einigen feuchten Träumen.“ David lächelte, gab aber keinen Laut von sich, um John nicht zu unterbrechen. „Jedenfalls … Ich habe keine Ahnung, welchen Film wir gesehen haben, aber der Abend lief gut und danach waren wir ein Paar. Ich weiß noch, dass ich ihr bald darauf gesagt habe, wie sehr ich sie liebe. Ich war mir ganz sicher, dass ich den Rest meines Lebens mit dieser Frau verbringen würde. Sie hat gesagt, dass sie mich auch liebt, aber eine Woche später hat sie mit mir Schluss gemacht, weil sie lieber mit Mark Lynch gehen wollte. Ich war am Boden zerstört und konnte nicht verstehen, was ich falsch gemacht hatte. Dann hat sie’s mir gesagt. Mark hatte ein Auto und Geld genug, um ihr was Besseres zu bieten als die billigen Plätze im Kino vor Ort. Danach bin ich dann aus Bradford weg und hab‘ mir geschworen, mein Leben zu ändern. Ich nehme an, das hab‘ ich getan, wenn auch nicht ganz so, wie ich’s mir vorgestellt hatte.“

David verspannte sich in Johns Armen und flüsterte: „Ich habe zu meiner Frau gesagt, dass ich sie liebe.“

John wartete, aber als David nichts weiter sagte, beugte er sich vor und küsste ihn sanft auf den Hals. „Hey, ich hab‘ gelogen“, murmelte er. „Es gab noch eine weitere Liebe in meinem Leben. Willst du mehr darüber wissen?“

David nickte, holte tief Luft und atmete langsam aus.

„Ich kann damals höchstens sieben oder acht gewesen sein“, begann John und lehnte sich entspannt zurück. Seine Finger zogen langsame Kreise auf Davids Schulter. „Ich war gerade für meine Oma im Laden einkaufen gewesen und hatte ihr altes Einkaufsnetz voller Kartoffeln dabei; verdammt, war das Ding schwer. Ich hab’s kurz mal abgestellt, weil ich eine Pause brauchte, und ein Geräusch gehört habe. Es war ganz, ganz leise, kaum auszumachen.“ David rollte sich auf die Seite und stützte den Kopf auf die Hand, um zusehen zu können, wie John wieder zu einem kleinen Jungen wurde. „Da lag ein alter Mehlsack an der Kante vom Straßengraben. Ich weiß noch, dass ich mich drüber gebeugt habe, um zu sehen, ob ich das Geräusch noch mal hören kann, und da hat er sich bewegt.“ Ein breites Lächeln erhellte Johns Gesicht. „Ich hätte mir fast in die Hosen gemacht!“, lachte er. „Aber in dem Sack waren zwei junge Kätzchen. Eins war schon gestorben und das andere kurz davor. Ein kleines, schwarzes Ding, es war ganz nass und hat gestunken. Es hatte kaum die Augen offen, aber es hat mich angeschaut und gemaunzt.“

John hörte auf zu reden, rieb sich mit einer Hand über den Mund und schüttelte den Kopf. „Ich hab mich nach Hause gekämpft, das Netz mit den Kartoffeln über dem einen Arm, das tote Kätzchen im andern und das lebendige vorne im Pulli. Als ich nach Hause kam, hat meine Oma einen Mordskrach geschlagen wegen der ruinierten Klamotten, aber sie hat das Kleine trockengerubbelt und ihm ein bisschen warme Milch gegeben, während mein Opa und ich das andere im Schrebergarten begraben haben. Dort wuchsen die größten Dahlien, die ich je gesehen habe. Wie riesige Sonnen. Sooty hat danach noch sechzehn Jahre gelebt, ehe er auch im Schrebergarten geendet ist. Ich habe diese kleine Katze geliebt.“

David hob die Hand und streichelte John zärtlich das Gesicht. „Und du nimmst immer noch Streuner mit nach Hause.“

„Nur, wenn du bleibst, bis wir beide unter den gelben Dahlien liegen.“ John lächelte unter Davids Berührung. Als David das Lächeln erwiderte, stemmte John sich hoch, sodass ihre Lippen sich flüchtig berührten, ehe er ein Stöhnen von sich gab und widerwillig sagte: „Wir stehen besser auf und gehen runter in den Laden. Sonst denkt Jamie am Ende noch, dass er das Sagen hat.“

 

 

DAVID SCHLOSS die Badezimmertür, dann drehte er sich um und schaute in den Spiegel. Seine Augen waren immer noch rot, er musste sich rasieren und sein Haar war ein einziges Durcheinander. Er versuchte zu sehen, was John sah; den ungepflegten Streuner sah er mühelos, doch jemanden, den John genug lieben konnte, um den Rest seines Lebens mit ihm zu verbringen, zeigte der Spiegel einfach nicht.