SPECK. EIER. Brot für Toast. Kaffee für die Maschine. John kontrollierte alles zweimal, was auf der Arbeitsfläche bereitlag. Er nickte vor sich hin und machte die Schranktür auf, sodass das Geschirr gut zu sehen war.
Der geflieste Küchenboden war kalt und er rieb abwesend seinen einen Fuß an der flanellbekleideten Wade des anderen Beins. Er hätte ja auch seine Pantoffeln holen können, fand die Vorstellung jedoch höchst peinlich – er war nicht unbedingt bereit, David sehen zu lassen, was Marian seine „Altherren-Pantoffeln“ nannte. Scheiße, Marian muss ich unbedingt anrufen. John fluchte im Stillen, unterbrach sich aber, als er die Badezimmertür aufgehen hörte. „Okay, was noch?“, murmelte er mit einem raschen, prüfenden Blick auf seine Vorbereitungen.
David kam durchs Wohnzimmer spaziert und lehnte sich an den Türrahmen der Küchentür. Bei seinem Anblick – noch etwas feucht, in Johns alten Jogginghosen und T-Shirt, die mit dem Handtuch trockengerubbelten Haare hoffnungslos verstrubbelt – konnte John ein Lächeln nicht unterdrücken.
John wandte sich wieder zum Herd um und hantierte ostentativ mit der Bratpfanne herum. Er sagte in – wie er hoffte – überzeugendem Tonfall: „Ich wollte uns gerade was zum Frühstück machen, aber ich glaube, ich geh‘ erst noch kurz duschen.“
David grinste über Johns nur allzu durchschaubare Bemerkung. „Ich mach‘ das schon.“ Er trat neben John und nahm ihm behutsam die Pfanne aus der Hand. John warf ihm einen verlegenen Blick zu, wohl wissend, dass er niemanden getäuscht hatte. „Alles ist hier … Milch für den Kaffee steht im Kühlschrank …“
David neigte leicht den Kopf und versuchte ein Stirnrunzeln. „Oh, okay. Da hätte ich bestimmt nicht nachgesehen.“ Dann bedachte er John mit einem angedeuteten Lächeln, das eindeutig „danke“ hieß, und sagte: „Ich fang schon mal an mit dem Frühstück.“
John widerstand dem Drang, ihm mit den Fingern durch die widerspenstigen Haare zu fahren und verließ die Küche.
Eine Zeit lang stand David nur da und schaute die Lebensmittel an. Er konnte sich kaum erinnern, wann er das letzte Mal etwas gekocht hatte, ob für sich selbst oder jemand anderen. Ich muss das machen, dachte er und war entschlossen zu beweisen, dass er einer so einfachen Aufgabe immer noch gewachsen war. Er dosierte den Kaffee nach den Anweisungen auf der Dose, ließ Wasser in die Glaskanne laufen und füllte damit die Maschine. Nachdem er den Schalter betätigt hatte, blieb er mit verschränkten Armen davor stehen und wartete, bis der erste dunkle Tropfen in der Glaskanne landete.
Er lächelte vor sich hin; das war mehr, als er bei seinem ersten Versuch geschafft hatte.
Bis John geduscht und sich abgetrocknet hatte, war ihm ganz flau im Magen. War das zu viel? Er hat gewusst, was ich mache. Habe ich ihn zum Scheitern verurteilt? Er rasierte sich, so schnell er sich traute, und als er dann den Abzugsventilator ausschaltete, roch er den unverkennbaren Duft von bratendem Speck.
Die Kaffeemaschine gab gerade ein letztes Gurgeln von sich, als er in die Küche kam. David stand am Herd und wendete sorgsam ein Ei. John bemerkte, wie langsam und pedantisch seine Bewegungen waren. Er schien Konzentration auszustrahlen. Als das Ei erst einmal erfolgreich gewendet war, entspannten sich Davids Schultern etwas; er drehte sich um und sah, dass John ihn beobachtete. „Ich habe uns Frühstück gemacht“, sagte er mit mehr als nur ein wenig Erleichterung.
„Das sehe ich“, grinste John und ging auf ihn zu. „Hier … soll ich auflegen?“
„Nein, das schaffe ich schon“, antwortete David leise, aber bestimmt.
„Okay.“ John lachte und hob die Hände. „Wie wär’s, wenn ich den Tisch decken würde?“
„Ja … bitte“, lächelte David und wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Speck zu, der schön knusprig briet.
Innerhalb von Minuten saßen beide Männer am Tisch, jeder mit seinem warmen Frühstück und frischem Kaffee. John kippte sich großzügig HP-Sauce über sein Essen und schob sich eine Gabel voll mit eigelbgetränktem Toast in den Mund. „Mmm … verdammt gut, Dave“, murmelte er mit vollem Mund.
„Ich weiß“, lächelte David um einen Mund voll Speck herum.
„FUCK!“ DAS Wort schien um die Bücherregale herum zu vibrieren.
„Jamie“, knurrte John und schaute auf. Der junge Mann schleppte gerade mühsam eine große und ziemlich ramponierte Pappschachtel in den Laden. Er lud den Karton geräuschvoll hinter der Ladentür auf dem Fußboden ab und warf einer der Damen vom Senioren-Buchklub einen entschuldigenden Blick zu. Sie lächelte Jamie nur nachsichtig an. Der kommt mit einem gottverdammten Mord davon, dachte John, als er das beobachtete.
Jamie schlenderte auf die Ladentheke zu, nachdem er die alten Damen begrüßt hatte. Er hielt Johns Autoschlüssel hoch und warf sie ihm zu. „Die hatten eine Menge Romane abzugeben. Im Auto sind noch ein paar Kartons.“
John nickte, warf Jamie die Schlüssel wieder zurück und unterdrückte ein Lächeln. „Großartig. Bring sie rein.“ Jamie stöhnte, hütete sich aber, John zu widersprechen. Als jedoch David ihm seine Hilfe anbot, klimperte Jamie John spöttisch grinsend mit den Schlüsseln vor der Nase herum, ehe er mit David im Schlapptau den Laden verließ.
David war ein fleißiger Arbeiter und konnte kurzfristig mit Jamies Energie mithalten, wobei John bemerkte, dass körperliche Anstrengung ihn schnell ermüdete. Doch in dieser Hinsicht wusste John, dass er sich auf Jamie verlassen konnte; trotz seiner verspielten Art achtete er immer sorgfältig darauf, dass David sich nicht mehr zumutete, als er Jamies Ansicht nach verkraften konnte.
Insgesamt waren es vier große Kartons; John kaufte Secondhandbücher gewöhnlich in großen Mengen von Leuten, die umzogen oder aus dem Nachlass von Verstorbenen. Er lächelte, als er David im Schneidersitz auf dem Boden sitzen sah, umgeben von Bücherstapeln, wie er sich über den nächsten Karton hermachte, ohne sich groß um Staub und Spinnweben zu kümmern.
Jamie tauchte hinter John aus der Küche auf, zwei Tassen in der Hand. Eine davon reichte er David; die andere setzte er gerade an den Mund, als John sie ihm mit einem frechen Grinsen aus der Hand nahm. „Danke, Jamie, aber du hättest dir ruhig auch einen machen können.“
„Ich lebe, um dir zu dienen, Boss“, lachte Jamie und machte einen Knicks. John schlug nach ihm, aber Jamie schaffte es gerade noch, aus seiner Reichweite zu bleiben. David lehnte sich zurück und beobachtete ihr Wechselspiel, ein zufriedenes Lächeln auf dem Gesicht.
Jamie bückte sich nach einigen Büchern, die für den Wiederverkauf als geeignet erachtet wurden, und stapelte sie auf den Bücherkarren. Zu seiner Freude waren einige gute darunter – Romane, die Serien oder Trilogien vervollständigten. Es war nicht der Wiederverkaufswert, der ihn so freute, sondern das Wissen, dass einige Kunden sich die steigenden Preise für Taschenbücher nicht leisten konnten und immer überglücklich waren, wenn sie das Ende einer Lieblingsgeschichte fanden oder den weiteren Lebensweg von Romanfiguren verfolgen konnten, die wie Freunde oder Familienmitglieder geworden waren.
„Pack die restlichen wieder in die Kartons, dann bring ich sie nach Feierabend auf die Müllkippe“, sagte John. Er nahm einen weiteren Schluck, prostete Jamie mit der Tasse zu und ging zum Ladentisch zurück.
David musterte stirnrunzelnd den Haufen mit den Romanen zum Wegwerfen. Er schnappte sich einen Armvoll zerrissener, zerfledderter Bücher und folgte John in den vorderen Bereich des Ladens.
„Die bringe ich später raus, Dave“, sagte John, als er David herankommen sah. Aber David legte die Bücher auf den Ladentisch. Er schaute erst die Bücher an, dann John, und fragte: „Kann ich die haben?“
John lachte, hörte aber auf, als er sah, dass David weiterhin ein ernstes Gesicht machte. „Natürlich. Aber die sind alt und schmutzig, und du weißt doch, dass du dir aus den Regalen nehmen kannst, was du willst.“
David warf einen weiteren, leicht verlegenen Blick auf die Bücher. „Die sind nicht für mich.“
John hätte fast gefragt, was David im Sinn hatte, aber dann bekräftigte er nur mit sanfter Stimme: „Natürlich kannst du die haben.“
David hielt den Blick weiter auf den zerrissenen Einband eines alten Klassikers geheftet, ohne eine Bewegung zu machen. John wartete, als wüsste er, dass es noch mehr zu sagen gab. Schließlich, als David die richtigen Worte gefunden hatte, blickte er auf und erläuterte: „Wir brauchen mehr als nur etwas zu essen, John. Ein trockener Platz zum Schlafen ist wichtig, aber wir haben auch das Bedürfnis, als denkende menschliche Wesen behandelt zu werden. Maggie hat das für mich getan. Dass sie mich zum Lesen in den Laden gelassen hat, hielt mich …“ Er zuckte die Achseln, da er nicht sicher war, wie er den Satz beenden sollte. John nickte ihm aufmunternd zu, dass er weitersprechen sollte.
David stellte sich etwas aufrechter hin und sagte: „Lesen zu können gab mir eine Fluchtmöglichkeit, aber es hat mir auch erlaubt, auf einer höheren Ebene zu denken als nur ans Überleben und dadurch habe ich mir etwas Menschenwürde bewahrt. Deshalb hatte ich gehofft, ich könnte die Bücher da ins Obdachlosenheim bringen.“
„Tolle Idee.“ John strahlte. Er konnte nicht aufhören zu lächeln, als er die Bücher vom Ladentisch zusammenraffte und in den rückwärtigen Teil des Ladens ging, um David zu helfen, einen Karton zu füllen.
JOHN WIDERSTAND dem Drang, David den schweren Karton abzunehmen, als er die Türen zum Obdachlosenheim aufstieß.
David war schon oft unter ganz anderen Umständen durch dieses Foyer gekommen. Heute jedoch folgte er John mit gemischten Gefühlen an die Rezeption und hielt sich im Hintergrund, als Barbara auftauchte.
„John, wie geht es Ihnen?“, grüßte sie, kam hinter dem Tresen hervor und umarmte ihn. Dann, ohne auf Johns Antwort zu warten, schaute sie an ihm vorbei zu David. Ihre Stimme wurde leiser und sanfter. „Hallo, David.“ Sie machte keinen Versuch, ihn zu berühren, hielt aber festen Blickkontakt mit ihm, bis sie ein leichtes Lächeln und ein zögerndes „Hi“ von ihm bekam.
Besser, viel besser, dachte sie und wandte sich wieder John zu. „Also, was führt euch heute her?“
„Nun, David, genau genommen“, grinste John. „Ich wollte die alten Taschenbücher in dem Karton da wegwerfen, aber David hat vorgeschlagen, sie hierher zu bringen.“
„Vielleicht würden einige von den anderen gerne mal ein Buch lesen“, sagte David leise, den Blick weiter auf den Karton in seinen Armen gerichtet.
John nickte und sah Barbara mit hochgezogenen Augenbrauen an.
„Das ist eine wunderbare Idee, David“, bestätigte sie. „Ich bin sicher, dass du recht hast.“ Sie rief einen der Freiwilligen, um David zu zeigen, wo er eine Leseecke einrichten konnte; dann bat sie John zu sich in die Küche, um ihnen allen einen Kaffee zu machen.
John vergewisserte sich mit einem prüfenden Blick über die Schulter, dass David okay war, ehe er ihr durch die Tür folgte. Barbara gab ihm einen Wink, sich zu setzen. Sie nahm drei nicht zusammenpassende Becher vom Trockengestell und schaltete den vielgenutzten elektrischen Wasserkocher an. „Ich habe leider nur Instant“, entschuldigte sie sich, während sie Kaffeegranulat in die Becher löffelte.
„Schon okay“, erwiderte John, der auf den Beginn des eigentlichen Gesprächs wartete. Er brauchte nicht lange zu warten.
Nachdem sie eine kleine Zuckerdose auf den Tisch gestellt hatte, setzte Barbara sich und schaute ihn an. „Ich bin beeindruckt von seiner Veränderung, John. Ehrlich gesagt dachte ich, er wäre für immer weg, als du das letzte Mal hier warst.“
John beugte sich über den Tisch. Wo anfangen? „Ich weiß, dass ich ihn fast verloren hätte, Barbara. Er hat sich so geschämt …“ John hob mit einem hilflosen Achselzucken die Hände und schüttelte den Kopf.
„Aber er ist hier, John“, sagte sie beschwichtigend. „Und der Vorschlag, heute hierher ins Obdachlosenheim zu kommen, ist ein gewaltiger Schritt für ihn. Ich bin wirklich zutiefst beeindruckt.“ Daran hatte John noch gar nicht gedacht. Er nickte langsam, während sie weitersprach. „Weißt du, er kommt schon seit ziemlich langer Zeit gelegentlich mal hierher, aber heute habe ich ihn zum ersten Mal sprechen gehört. Ich dachte schon, das könnte er gar nicht.“
„Ja, er sagt nicht viel“, stimmte John zu.
Barbara lachte und stand auf, um das kochende Wasser einzuschenken. „Und er sieht auch gut aus, John. Aber ich muss fragen: War er schon beim Arzt?“
Scheiße! John rutschte das Herz in die Hosen und er warf einen flüchtigen Blick Richtung Tür.
„Ich kann mit ihm darüber reden, wenn du willst, John“, sagte sie mit ruhiger Stimme; offensichtlich wusste sie Johns Gesichtsausdruck zu deuten. „So etwas gehört zu meinem Job und vielleicht findet er es ja leichter zu hören, wenn es von mir kommt.“
John kam das falsch vor. Er sollte mit David reden, aber er wusste auch, dass Barbara recht hatte. Sie hatte die ganzen Kontakte und kannte die Abläufe. Mit zusammengebissenen Zähnen nickte John.
„Geh bitte und schick ihn zu mir, John.“ Barbara lächelte freundlich. „Bleib du erst mal ein Weilchen draußen, okay?“
John rührte noch einen Extra-Löffel Zucker in seinen Kaffee, dann ging er David holen.
Barbara hatte recht, wenn sie solche Gespräche als einen Teil ihres Jobs bezeichnete, aber das machte es nicht leichter. Sie öffnete mit einiger Mühe den Deckel der Keksdose und knabberte nervös an einem Haferflocken-Keks, während sie wartete. Die Eröffnung des Gesprächs war schon mindestens drei Mal in ihrem Kopf abgelaufen, als David durch die Tür kam.
„Komm rein, David. Setz dich“, lächelte Barbara und neigte die Keksdose in seine Richtung. David nahm einen Keks und legte ihn neben seinen Becher. Er wartete schweigend.
„Du siehst heutzutage viel besser aus“, versuchte sie ihn erfolglos mit Smalltalk zu beruhigen. „Ich habe dich kaum erkannt ohne dein Skizzenbuch.“ David saß nur da und fixierte einen Punkt in der Nähe der Zuckerdose, was deutlich machte, dass er sich durch noch so viel sinnloses Geplauder auch nicht wohler fühlen würde.
„Okay, ich will direkt zum Punkt kommen, David.“ Sie holte tief Luft und seufzte. „Ein Teil dessen, was ich hier tue, ist Leute bei gesundheitlichen Problemen beraten, und ein großer Teil davon sind Geschlechtskrankheiten.“ Barbara beobachtete ihn scharf, ehe sie fortfuhr: „Bist du auf HIV und andere sexuell übertragbare Krankheiten getestet?“
David zerkrümelte ein Stück Keks, dann schaute er weg und schüttelte den Kopf. Barbara hatte nicht den geringsten Zweifel, dass es hier ein Problem geben konnte, also ging sie ein ungewöhnliches Risiko ein und legte ihm vorsichtig eine Hand auf den Arm. Sie fühlte, wie er sich anspannte, doch er zog seinen Arm nicht weg. „Was ist denn, David? Kannst du mir sagen, was los ist?“
Er warf ihr einen kurzen Blick zu, sagte aber nichts.
„Brauchst du einen Test, Schatz? Oder weißt du es schon?“, fragte Barbara mit immer größerer Besorgnis.
David nickte, dann runzelte er die Stirn und zuckte fahrig mit den Schultern.
„Ich verstehe nicht, David. Was meinst du?“
Er konzentrierte sich auf die raue Textur des Kekses, während er eine vernünftige Antwort zu formulieren versuchte. „Ich wüsste nicht, wie ich nicht positiv sein könnte.“
Barbara seufzte; sie hasste diesen Teil ihres Jobs. „Aber genau weißt du es nicht?“
Er schüttelte den Kopf und sah ihr endlich in die Augen. „Ich habe versucht, auf Sicherheit zu achten, aber manchmal war ich einfach …“
„Schon gut, Schatz. Ich verstehe. Manchmal hattest du einfach keine Wahl“, sagte sie ruhig. „Ich verstehe auch, dass dir das Angst macht, aber du musst es genau wissen. Um deinetwillen und wegen John.“
David saß still und überlegte für mehrere lange Minuten. Dann nickte er und fragte: „Kannst du das für mich organisieren?“
„Aber natürlich.“ Sie lächelte ihn an. „Jetzt hör auf, den Keks da zu zerlegen und iss ihn. Und eins noch.“ Barbaras Lächeln wurde ein wenig schwermütig. „Darf ich eines Tages mal sehen, was du zeichnest?“
„Ja“, antwortete David mit leiser, emotionsloser Stimme.
Sie stand auf und ging zur Tür, um David etwas Freiraum zu geben. Er saß am Tisch und nahm schweigend die Realität in sich auf – dass die Tests stattfinden und er innerhalb der nächsten paar Tage Bescheid wissen würde. Bis dahin hatte nur eins gezählt: am Leben zu bleiben, um Adam noch ein paar Jahre länger beim Erwachsenwerden zusehen zu können, aber jetzt … jetzt gab es John.
Leise Schritte, die sich von hinten näherten, machten David auf Johns Gegenwart aufmerksam. Daher war er nicht überrascht, als ihm eine Hand sanft die Schulter drückte. Er legte seine Hand über Johns und sagte: „Schon okay, John. Barbara macht einen Termin für mich.“
Johns Griff wurde fester, da ihm seine Stimme den Dienst versagte.
Nur die lärmende Geschäftigkeit am Empfang nebenan störte die Stille in der Küche, bis David aufstand. Ohne Johns Hand loszulassen drehte er sich zu ihm um und sagte: „Es ist okay, John. Ganz egal, was die Tests ergeben, es ist okay.“
Er legte die Arme um John und zog ihn an sich. Davids Umarmung fühlte sich stabil an und John lehnte sich an ihn, ließ sich trösten – wohl wissend, dass er es eigentlich war, der Trost spenden sollte.
„Ich kann mit dir gehen“, flüsterte John, aber David schüttelte den Kopf.
„Nein. Das muss ich allein machen, John.“ Damit trat er zurück und bedachte John mit einem beruhigenden Lächeln, das nicht zu der kalten Furcht passte, die sich in seinem Innern breitgemacht hatte.
HIER LAUFEN die Geschäfte immer viel zu gut. Barbara musterte seufzend die Männer, die sich bereits zum Abendessen versammelten. Ein alter Mann mit einem Gehstock und einer fadenscheinigen handgestrickten Wolljacke blieb vor dem Bücherstapel stehen und begann die Titel durchzusehen. Er blickte kurz zu Barbara auf; sie lächelte und versicherte ihm, ja, er könne mitnehmen, was er lesen wolle, er solle die Bücher nur hinterher wieder zurückbringen. Ein freudig überraschtes Lächeln erhellte für einen Moment sein Gesicht, und er steckte rasch zwei von den zerfledderten Taschenbüchern in seine Plastiktüte.