DAVIDS FERSEN gruben sich tief in die Matratze und zogen die Wellen, die sie in dem weißen Bettlaken gemacht hatten, in straffe Falten. Mit angespannten Schenkelmuskeln kämpfte er darum, wenigstens einen Anflug von Beherrschung zu behalten. John hatte sich auf Armeslänge hochgestemmt, die Hände links und rechts neben seinem Geliebten flach auf das Kissen gestützt, um David ins Gesicht sehen zu können, während er sich dem Orgasmus näherte. Er wollte sprechen, wollte David sagen, wie schön er war, erhitzt und schwitzend im Schatten seines Körpers, doch John war zu dicht davor.
David drückte den Kopf rückwärts ins Kissen, die Augen fest zugekniffen. Ein erstickter Schrei drang aus seinem offenen Mund; möglicherweise war Johns Name darin enthalten, aber der Laut war zu wild, um deutlich zu sein. Johns Kopf kippte nach hinten zwischen seine bereits schmerzenden Schultern, als er die Spritzer von Davids Sperma auf seinem Bauch landen sah und fühlte.
„Oh Gott, Dave“, konnte er gerade noch stöhnen, dann fand er mit kräftigen Stößen ebenfalls seine Erlösung. Schließlich gaben seine Ellbogen nach und er ließ sich unelegant schwer auf Davids atemlosen Körper fallen.
John bekam mit Mühe seine Arme wieder unter sich und stemmte sich mit einer Entschuldigung wieder hoch. „Tut mir leid, Dave. Ich war irgendwie ganz weg.“
„Ja“, antwortete David mit sex-rauer, heiserer Stimme. „Hab‘ ich gemerkt.“
John lachte leise und zog sich aus ihm zurück.
„Vorsicht!“, schrie David hektisch und vergewisserte sich mit einem raschen Griff nach unten, dass John das Kondom auch gut am Rand festhielt.
„Alles in Ordnung, Dave. Ich hab’s“, sagte John beruhigend. Das Kondom war immer noch an Ort und Stelle und intakt. Er zog es sorgsam ab, verknotete das Ende und stand auf, um es in den Mülleimer zu werfen. Er holte ein Handtuch und einen Waschlappen aus dem Bad, dann legte er sich wieder aufs Bett.
David lag immer noch auf dem Rücken, eine Hand über dem Gesicht. Als John mit dem feuchten Waschlappen sanft über Davids heiße, gerötete Haut wischte, drang eine leise Stimme hinter der Hand hervor. „Es tut mir leid, John.“
Der Waschlappen bewegte sich fast ohne Zögern weiter, obwohl John zusammenzuckte. Doch er verdrängte die wachsende Furcht schnell wieder. Er fuhr sich mit dem Waschlappen kurz selbst über den Bauch, trocknete David und sich mit dem Handtuch ab und warf dann beides auf den Boden, um seinen Platz neben David auf dem Bett wieder einnehmen zu können. John hob die Hand und drückte einen sanften Kuss auf die Lippen darunter. „Es gibt nichts, was dir leidtun müsste, David. Hörst du mich? Gar nichts.“
„ER IST still heute“, sagte Jamie, der David beim Sortieren der Kinderbücher zusah.
„Er ist immer still, Jamie“, antwortete John müde, ohne von den Rechnungen aufzublicken.
Jamie runzelte die Stirn. „Du weißt schon, was ich meine … Stiller als sonst.“
John hätte ihm fast entgegengehalten, dass David auch in den besten Zeiten kaum etwas sagte, doch er hatte keine große Lust auf weitere Diskussionen. Zu Johns Pech war es nicht Jamies Art, Dinge einfach auf sich beruhen zu lassen. Er neigte sich zu ihm und sagte: „Vielleicht sollte ich hingehen und mit ihm reden und …“
Doch inzwischen hatte John die Nase voll und fuhr ihn genervt an: „Lass ihn in Ruhe, Jamie … bitte.“
Jamie war etwas verdattert über Johns zornige Reaktion. Er trat zurück und sagte kleinlaut: „Tut mir leid, John; ich mach‘ mir eben Sorgen um ihn.“
John bekam sofort ein schlechtes Gewissen wegen seiner Ungeduld und sagte: „Nein, mir tut es leid. Er wird schon wieder. Wir müssen ihm nur heute ein bisschen Freiraum lassen.“
Mit einem widerwilligen Nicken marschierte Jamie durch den Laden zum Vorratstisch, um die neu eingetroffenen Bücher auszuzeichnen. Er hatte kaum damit angefangen, als das Telefon klingelte.
David wusste, seine Reaktion heute Morgen war irrational gewesen. Schließlich hatten sie beileibe nicht zum ersten Mal Liebe gemacht, aber jetzt kam ihm das Risiko für John viel realer vor und er hatte Panik bekommen. Er wusste, dass Barbara recht hatte. Er musste sich testen lassen, aber plötzlich gab es da eine Möglichkeit, der er sich stellen musste.
Das Buch, das er in den Händen hielt, geriet ins Rutschen und wäre fast auf den Boden gefallen. Seine Hände hatten wieder zu zittern begonnen und seine Gliedmaßen fühlten sich taub an. David schloss die Augen und versuchte, einfach zu atmen, bis es vorbei war. Er hatte das Gefühl, sich bewegen zu müssen, etwas tun zu müssen, irgendwas, um mit dem Denken aufhören zu können … aber sobald er sich bewegte, würde er sicher in tausend Stücke zerspringen …
David konzentrierte seine gesamte Energie auf das dünne Hardcover-Buch und darauf, wie sich der Einband anfühlte. Kühl und glatt unter seiner Berührung; in der Nähe des Buchrückens hatte die Glanzpappe einen leichten Knick. Besser. Was noch? Er öffnete die Augen und schaute auf den Buchdeckel des Bildbands. Ein Wolf blickte ihm entgegen. Er strich mit den Fingerspitzen über die gelben Augen des mit Wasserfarben gemalten Tieres, schlug die erste Seite auf und begann zu lesen: „Die Wölfe hielten mit hungrigen Augen Ausschau, aber niemand sonst konnte sie sehen …“
Er hatte das Kinderbuch beinahe ausgelesen, als er den Kopf hob und Jamie vor sich sah. „Telefon für dich, Dave.“
David brauchte einen Moment, um zu begreifen, was Jamie gesagt hatte. Anscheinend war ihm das am Gesicht anzusehen, denn Jamie legte seine Hand über Davids und schloss behutsam das Buch. „Komm, Dave. Komm ans Telefon.“
Er stellte das Buch zurück ins Regal und führte David in den vorderen Teil des Ladens, wo er den Hörer vom Tisch aufhob und an David weiterreichte. Jamie lächelte David beruhigend an, dann ging er weg, um ihn ungestört telefonieren zu lassen.
„Hallo, David. Hier ist Barbara“, sagte die Stimme am anderen Ende der Leitung. „Ich hab‘ dir für heute einen Termin gemacht, wenn das okay ist.“
David warf einen Blick zur Tür, wo John herumlungerte und sich die allergrößte Mühe gab, überzeugend so zu tun, als müsste er dieselben Rechnungen sortieren, die er schon vor einer Stunde fertig gemacht hatte.
„David?“, forschte Barbara leise, als er nicht antwortete.
David rieb sich mit einer Hand das Genick und seufzte. „Ja, geht in Ordnung. Um wie viel Uhr?“
„Ich hole dich in ungefähr zwanzig Minuten ab. Du brauchst nichts zu bezahlen. Die Klinik stellt eine Sammelrechnung aus, und das Obdachlosenheim unterzeichnet für dich, also brauchst du dir deswegen keine Gedanken zu machen. Aber der Arzt wird dich wahrscheinlich gründlich untersuchen wollen, also sag John besser Bescheid, dass es eine Weile dauern kann.“
David nickte, dann fiel ihm wieder ein, dass Barbara ihn ja nicht sehen konnte. Er sagte in schicksalsergebenem Tonfall: „Ich bin bereit.“ Nachdem sie aufgelegt hatte, hielt David sich noch mehrere Minuten lang am Telefon fest und versuchte, seine Nerven zu beruhigen, ehe er John gegenübertrat.
Bis er den Hörer wieder aufgelegt hatte, stand Jamie neben John an der Ladentheke und die beiden machten einen kläglichen Versuch, ein Gespräch zu führen. Als David zu ihnen trat, unterbrach sich Jamie mitten im Satz und fragte: „Das war die Frau vom Obdachlosenheim, oder? Was hat sie gesagt?“
„Jamie!“, warnte John und warf dem jungen Mann einen finsteren Blick zu.
„Schon gut“, sagte David mit einem Lächeln für Jamie. „Es war Barbara; sie holt mich gleich ab.“ Er gab sich große Mühe, seine Stimme ruhig klingen zu lassen, doch als er Johns Hand auf seinem Rücken spürte, die ihm mit sanftem Reiben schweigend Halt gab, wusste er, dass es ihm nicht gelungen war.
„Soll ich dir einen Tee machen, bevor sie kommt?“, fragte Jamie, da er keinen besseren Vorschlag wusste.
David schüttelte den Kopf. „Nein, danke. Ich glaube, ich gehe lieber rauf und mach‘ mich ein bisschen frisch, falls das okay ist?“
„Natürlich“, antwortete John, wohl wissend, dass David heute Morgen bereits geduscht hatte. „Ich ruf‘ dich, wenn sie da ist.“
Oben in der Wohnung setzte David sich auf die Kante der Couch, schloss die Augen und konzentrierte sich darauf, ruhig zu bleiben und zu warten.
Als Barbara den Laden betrat, lächelte sie den beiden Männern zu, die sie besorgt anschauten. „Ihr habt hier einen wunderschönen Laden, sehr einladend“, sagte sie, als sie am Ladentisch war.
„Danke“, sagte John und wandte sich dann an Jamie. „Kannst du bitte raufgehen und David Bescheid sagen, dass Barbara da ist?“
„Klar“, antwortete Jamie, lächelte Barbara kurz an und verließ den Laden. Barbara wartete, bis er draußen war und fragte dann: „Wie geht es dir, John?“
John verdrehte die Augen und schüttelte den Kopf. „Ich hab‘ die Hosen gestrichen voll, wenn du die Wahrheit wissen willst.“
„Das ist verständlich.“ Sie lächelte und tätschelte ihm den Arm. „Aber es muss sein. Euch beiden zuliebe.“
„Ja, ich weiß“, sagte John. „Obwohl ich mich manchmal fragen muss, ob Verleugnung nicht verdammt viel einfacher wäre.“
„Hat er mit dir darüber gesprochen?“, fragte sie mit einem Kopfnicken in Richtung der Wohnung über dem Laden.
„Nein, nicht direkt“, antwortete John. „Er hat eine Scheißangst, gibt sich aber die größte Mühe, mir das nicht zu zeigen.“
„Versuch, ihn zum Reden zu kriegen, John. Einer wie er tut sich schwer, wenn die Ergebnisse nicht gut sind.“
„Einer wie er?“, wiederholte John und musterte sie mit verengten Augen.
„Schon okay, John.“ Sie lächelte freundlich, als sie erkannte, dass sie sich falsch ausgedrückt hatte. „Einer, der so still ist wie er, wollte ich damit nur sagen. David kommt mir vor wie ein sehr insularer Mensch; er wird versuchen, mit allem allein fertig zu werden. Und glaub‘ mir, das ist keine gute Sache.“
John nickte, wohl wissend, dass sie recht hatte, wobei er zugleich an seiner Fähigkeit zweifelte, David zum Reden zu bewegen. Aber versuchen würde er es. Beim Bimmeln der Türglocke blickte er auf und lächelte David an. „Bist du sicher, dass ich nicht mitkommen soll? Wir wissen doch beide, wie gern Jamie hier mal den Laden schmeißen würde.“
David stand da, die Hände tief in den Taschen seiner alten Jacke vergraben, und schüttelte den Kopf. John war drauf und dran, ihn zu bedrängen, doch Barbara hob hinter David eine Hand um John zu signalisieren, dass er sich ein wenig zurückhalten sollte. Er hatte Verständnis für Davids Bedürfnis, das ohne ihn zu schaffen, aber es war trotzdem schwer, ihn den Laden verlassen zu sehen und zurückzubleiben. John blieb schweigend stehen, bis die Tür sich geschlossen hatte, dann wandte er sich Jamie zu und gab ihm einen Klaps auf die Schulter. „Komm. Ich glaube, wir haben uns eine Teepause verdient.“
BARBARA BEDEUTETE David mit einer Handbewegung, Platz zu nehmen, während sie ihn bei der Rezeptionistin anmelden ging. Er saß auf dem weißen Plastikstuhl und sah zu, wie sie mit der jungen Frau hinter dem Empfangstresen redete und lachte. David blickte sich zögernd im Wartezimmer um; die Verzweiflung und Resignation der anderen, die sich auf ihren eigenen Stühlen von der Außenwelt abschotteten, war zu einfach zu erkennen. Der Warteraum war voller Leute, die genauso waren wie er. Nein, nicht wie ich, dachte er verzweifelt. Ich will nicht mehr so sein. Der Gedanke machte ihm Schuldgefühle, denn trotz allem gehörte er zu den Glücklichen.
„Robinson.“
Beim Klang seines Nachnamens zuckte David zusammen und blickte auf. Die Rezeptionistin wiederholte seinen Namen und fügte hinzu: „Zimmer zwei, und nehmen Sie das hier mit.“ Er holte tief Luft und stand auf, wobei er den Drang unterdrückte, zur Eingangstür hinauszurennen. Barbara lächelte ihn ermutigend an. Er nahm den dünnen Aktenordner und ging den Flur hinunter zum zweiten Zimmer.
Gleich hinter der Tür zögerte er, unsicher, ober er einfach hineingehen oder warten sollte, bis der Arzt ihn ansprach. Schließlich sagte der Arzt: „Nehmen Sie Platz“, und ließ sich den Ordner geben. Ohne wirklich von der Checkliste aufzublicken rasselte er eine Serie von Fragen zu Davids Lebensstil, wie er es ausdrückte, herunter. Emotionslos beantwortete David jede einzelne Frage; irgendwie fühlte er sich wie abgekoppelt von den Worten, die sein Leben beschrieben. Der Arzt endete mit einer Aufzählung der nächsten paar Untersuchungen und fragte dann: „Kann man Sie irgendwo kontaktieren? Oder soll ich einfach das Obdachlosenheim eintragen?“
David runzelte die Stirn und wies darauf hin, dass seine Adresse bereits in den Papieren vermerkt sei. Der Arzt las das Formular minutenlang schweigend durch, dann sah er David zum ersten Mal an. „Gut. Also dann, fangen wir an.“
ES IST erledigt, dachte David, der im Auto saß und aus dem Fenster starrte, um dem Anblick des Pflasters mit dem kleinen Wattebausch darunter in seiner Ellbeuge zu entgehen. Es hatte zu regnen begonnen, während er in der Klinik war; nicht der klirrend kalte Winterregen, den er immer so gefürchtet hatte, sondern Frühlingsregen. Er hatte bemerkt, dass die Bäume in den Pflanzgefäßen vor den Läden bereits Knospen hatten, die kurz vor der Blüte standen. Aber heute war sein Blick auf die Außenwelt verschwommen, da er sich auf die Regentropfen konzentrierte, die über das Seitenfenster rannen. Es war immer einfacher, sich in den kleinen Dingen zu verlieren, statt ein „Gesamtbild“ zur Kenntnis zu nehmen, das ihn zu überwältigen drohte. Manchmal funktionierte das; manchmal nicht.
„Bist du okay?“, fragte Barbara freundlich.
„Ich weiß nicht“, antwortete er wahrheitsgemäß.
Barbara akzeptierte die Antwort als aufrichtig und sagte mit ähnlicher Offenheit: „Normalerweise kriegt man die Ergebnisse nach zwei Tagen. Hast du die Nummer, unter der du sie abfragen kannst?“
David nickte einmal mit dem Kopf.
„Selbst wenn du positiv bist, heißt das nicht, dass du AIDS hast. Das weißt du doch, Schatz. Mit den Medikamenten, die es heute gibt, ist eine HIV-Infektion längst kein sicheres Todesurteil mehr wie früher.“
„Kann John etwas passieren?“, fragte David leise.
„So lange ihr vorsichtig seid und immer Kondome benutzt nicht.“
David nickte erneut, aber er hatte längst beschlossen, stillschweigend zu verschwinden, falls durch ihn auch nur das kleinste Risiko für John bestehen sollte.
„Hey, das wollte ich vorhin schon sagen: Die Bücher, die du gestern vorbeigebracht hast, waren ein echter Hit.“ Barbara lächelte in der Hoffnung, David auf andere Gedanken zu bringen. „Meinst du, du könntest das regelmäßig machen?“
„Ich weiß nicht“, sagte er mit einem leichten Stirnrunzeln, aber die Idee war gesät und Barbara hatte es geschafft, einige seiner Gedanken in andere Bahnen zu lenken.