18

 

 

JOHN RUNZELTE die Stirn und versuchte seine Kleider mit Gewalt in die Schublade zu stopfen, aber sie war und blieb zu voll und ließ sich nicht schließen. Er zog frustriert an den Griffen und zerrte einen hellbraunen Zopfmusterpulli heraus. Scheiße, ich kann mich nicht mal mehr daran erinnern, dass ich den gekauft habe. Er warf den Pulli aufs Bett und ging die Schublade durch, sortierte noch einige weitere Sachen aus. Auf dem Bett hatte sich ein kleiner Kleiderhaufen angesammelt, bis er endlich drei der vier Schubladen schließen konnte.

Er schaute lächelnd in die leere unterste Schublade. Perfekt.

John nahm die weiße Einkaufstüte aus Papier in die Hand, die Davids wenige Besitztümer enthielt. Sie war nicht für den Langzeitgebrauch gedacht; eine Ecke war eingerissen, und an den Kanten ging sie bereits aus dem Leim. John stellte sie vorsichtig neben die leere Kommodenschublade.

 

 

DAVID HATTE sich ziemlich früh in seinen Sessel zurückgezogen. Er hatte bereits die gesamten Science-Fiction-Abteilung umgeräumt und nebenbei die Regale abgewischt, dabei aber irgendwann einfach den Faden verloren. Er hatte dagestanden, ganz aufgewühlt, hatte die ordentlichen Regale angestarrt und nicht mehr gewusst, was als Nächstes zu tun war. Als ein Kunde an ihm vorbei nach einem Buch gegriffen hatte, war David zurückgeschreckt und hatte sich in die Sicherheit des ramponierten Ledersessels geflüchtet.

Es überraschte Jamie nicht, David in seinem Sessel zusammengerollt vorzufinden, die Nase in einem Roman vergraben. Jamie schnappte sich die Keksdose und spazierte in die Secondhand-Abteilung.

„Du warst schnell durch mit Sci-Fi“, sagte er, ließ sich in den Sessel neben David fallen und machten die Keksdose auf. David nickte nur, ohne von seinem Buch aufzublicken.

„Keks?“, fragte Jamie. Er nahm sich selbst einen und wartete. Als David nicht auf das Angebot einging, seufzte Jamie und fragte: „Also, wann bekommst du die Ergebnisse?“

„Morgen“, antwortete David ein wenig zu schnell. Er schloss das Buch, legte es auf den Boden und schob es etwas unter seinen Sessel. „Ich muss nach elf anrufen.“

Jamie legte ihm sanft eine Hand auf den Arm und log: „Ich bin sicher, dass alles okay ist, Dave.“

Davids Atem kam kurz ins Stocken und er schaute weg, immer noch an der Verleugnung festhaltend, die er nicht aussprechen konnte. Es fiel Jamie schwer, das mitanzusehen. Er wusste, dass David sich Sorgen machte, doch nun verstand er zum ersten Mal, wie verängstigt David tatsächlich war. Er ließ seine Hand an Davids Unterarm entlang gleiten und verschränkte sie mit Fingern, die zu einer lockeren Faust geballt waren. Der Druck seiner Hand wurde erwidert, und David warf ihm ein schwaches Lächeln zu. Jamie lächelte ebenfalls, doch er musste fragen: „Hast du mit John darüber geredet?“

David schaute auf ihre verschränkten Hände hinab und schüttelte den Kopf.

„Du kannst das nicht alleine durchstehen, Dave, weißt du … falls nicht alles okay ist. Obwohl ich das nicht glaube.“

„Ich werde es bald wissen, und John macht sich auch so schon genug Sorgen“, sagte David monoton, aber bestimmt. Er zögerte und fügte dann mit einem Blick in Richtung Ladentheke hinzu: „Du wirst John doch helfen, oder, Jamie?“

Du wirst John doch helfen, oder? Jamie setzte bereits zu einer Antwort an – dass er John natürlich helfen würde – als ihm schlagartig klar wurde, was genau David da fragte. „Denk nicht mal dran, David. Wag‘ es ja nicht, verdammt noch mal!“, knurrte er verärgert, wenn auch mit gedämpfter Stimme.

Als David nicht antwortete, wurde Jamie noch deutlicher. „Er liebt dich, David. Du tust ihm keinen Gefallen damit, wenn du ihn nicht mit einbeziehst. John muss da mit dir gemeinsam durch. Schließ ihn nicht aus.“ Jamie stand auf und küsste David leicht auf die Schläfe, dann sagte er: „Schließ keinen von uns aus, okay?“

Auf dem Weg nach vorn zum Ladentisch fuhr er sich mit einer Hand über die Augen, um einen imaginären Reiz wegzuwischen. John hob den Kopf und schaute ihn stirnrunzelnd an, als wollte er fragen, was los war, aber Jamie schüttelte nur den Kopf und sagte leise: „Lass ihn, John. Nur für eine Weile.“

 

 

DIE BRAUNE Papiertüte, die vor ihm auf den Ladentisch landete, ließ John zusammenzucken. Doch dann wurde ihm klar, dass es nur sein Mittagessen war. Er holte sein Sandwich aus der Tüte und sah zu, wie Jamie sich, seinem alltäglichen Ritual folgend, in den hinteren Teil des Ladens aufmachte, um sein Mittagessen mit David zu teilen. John hatte ihm vorgeschlagen, David ein eigenes Sandwich zu holen, aber daraufhin hatten beide Männer ihn angeschaut, als hätte er etwas besonders Dämliches gesagt.

„Mittagessen, Davey.“ Jamie grinste und setzte sich neben ihn. David hatte sein Skizzenbuch vor sich, doch er schrieb etwas, statt zu zeichnen. Er blickte auf und entgegnete: „Das lass‘ ich heute vielleicht lieber aus. Ich dachte, ich könnte stattdessen mal in die Bücherei gehen.“

„Was hast du vor?“, fragte Jamie und versuchte die Liste zu entziffern, die in eine Ecke einer Seite voller Worte gekritzelt war.

„Ich bin nicht sicher.“ David zuckte die Achseln und klappte ostentativ das Buch zu. „Aber ich hab‘ mir seit gestern ein paar Gedanken gemacht und Barbara hat was gesagt, was ich mal austesten will.“

Jamies Neugier war definitiv geweckt, aber er wusste aus Erfahrung, dass er warten musste, bis David ihm freiwillig von seinen Plänen erzählte. Er warf ihm einen frechen Blick zu und sagte: „Okay, behalt‘ deine Geheimnisse … aber nimm dir ein Pausenbrot mit, ja?“ Ehe David antworten konnte, hatte Jamie beide Sandwichhälften wieder in die Tüte gesteckt und die Ecken fest zusammengedreht. David nahm die Tüte und lächelte ein Dankeschön.

 

 

MIT SEINEM Sandwich sicher in der Jackentasche ging David die Straße entlang, die er schon so oft entlang gegangen war. Aber diesmal war es anders: er hatte etwas zu essen, Geld, einen Ort zum Leben und, was am Wichtigsten war, so etwas wie ein Ziel. Er hatte nicht alles vollständig durchdacht. Dies war nur der Anfang, und das war an sich schon ein sehr großer Schritt.

Obwohl es immer noch kalt war, schien doch die Sonne und wärmte David den Rücken, als er sich der ziemlich imposanten Fassade der Stadtbücherei näherte. Er war froh, dass man sie nicht in „Gemeindeinformationszentrum“ umbenannt hatte wie so viele andere; das Wort „Bücherei“ hatte so etwas Solides und Beständiges. Er lächelte beim Anblick der massiven Säulen und beschloss, vorerst noch nicht hineinzugehen.

David holte die braune Papiertüte aus der Tasche und setzte sich auf den Betonsockel einer der Statuen am Fuß der Treppe. Er blickte zu dem verfärbten Kavalleriesoldaten aus Bronze auf. Sein Pferd hatte in einer edlen, trotzigen Geste den Vorderhuf erhoben. David kaute nachdenklich an einem Bissen Sandwich und breitete die Finger unter dem Huf aus, tastete nach den realistisch geformten Einbuchtungen in der Sohle. Seine Fingerspitzen reichten kaum bis an die Ränder des Hufs. Überlebensgroß, sinnierte er und schaute erneut zu dem berittenen Helden auf. Er zog die andere Hälfte des Sandwichs aus der Tüte und lächelte. Jamies Hälfte.

Nachdem er das Sandwich aufgegessen hatte, faltete David die Papiertüte sorgsam zusammen und steckte sie wieder in die Tasche. Er tätschelte dem Pferd abwesend die Fessel und ging die Treppe hinauf zum Eingang der Bücherei.

Wie in allen großen Büchereien gab es hier jede Menge Leseecken; vom Polstersessel bis zur Einzelkabine war alles vorhanden. Das weckte Erinnerungen. Zu Beginn hatte David versucht, hier Zuflucht zu finden. Es war ruhig und er hatte die Stille gebraucht. Eine Zeit lang hatte er es geschafft, sich zwischen den hohen Regalen und unter den alten Leuten zu verstecken, die regelmäßig in die Bücherei kamen, um der Einsamkeit ihrer eigenen vier Wände zu entgehen. Doch als David immer schmutziger und hoffnungsloser wurde, machte man ihm klar, dass er nicht mehr willkommen war. Anscheinend hatte selbst eine Tages-Oase für Gelehrte und Einsame ihre Grenzen.

Die Auskunftsbibliothekarin lächelte ihn an und wartete geduldig, bis er seine Gedanken gesammelt hatte. „Ich bin nicht sicher, ob Sie mir helfen können“, sagte er leise und schaute dabei auf die säuberlich gestapelten Papierquadrate, die auf dem Schreibtisch für hastig gekritzelte Dewey-Nummern bereitlagen.

Die Bibliothekarin lächelte und zog eine Augenbraue hoch.

David fühlte sein Herz pochen. Er musste sich zum Reden zwingen. „Das Obdachlosenheim … äh, ich suche alte Bücher als Spende für das Obdachlosenheim.“ Die Frau musterte ihn, während sie über seine Bitte nachdachte.

„Okay.“ David blickte kurz auf, als sie antwortete. „Einen Moment bitte. Ich rufe mal im Büro an, vielleicht kann man Ihnen dort weiterhelfen.“ Er holte tief Luft, nickte kaum wahrnehmbar und wartete.

Nachdem er mehrere Minuten lang vor dem Empfangstisch gestanden hatte, zog David seine Jacke etwas fester um sich und beschloss, aufzugeben. Er war erst zwei Schritte weit weg, als eine Frauenstimme ihn zurückrief. „Es tut mir leid, dass Sie warten mussten, Sir. Wie kann ich Ihnen helfen?“

David grüßte sie mit einem nervösen Lächeln und schilderte ihr mit leiser Stimme seine Idee. Sie hörte aufmerksam zu, während er seine Bitte vorbrachte, und nickte nachdenklich, als er fertig war. „Wissen Sie was, das könnte die Lösung für ein Problem sein, das mich schon seit einer Weile plagt. Kommen Sie mit.“ Ohne auf eine Antwort zu warten, drehte sie sich um und marschierte schnurstracks in die Werkstatt. Leicht verdattert über ihren plötzlichen Abgang musste David ein paar Schritte joggen, um sie einzuholen. In der Werkstatt herrschte dasselbe Durcheinander wie überall, wo es zu viel Arbeit gab und zu wenig Personal; Bücher in verschiedenen Stadien der Verarbeitung lagen stapelweise auf Regalen, und das Bibliothekspersonal warf ihm lediglich im Vorbeigehen den einen oder anderen neugierigen Blick zu und machte dann weiter. Er wurde in einen angrenzenden Raum geführt, an dessen Tür ein höchst inoffizieller Computerausdruck mit der Aufschrift „Fegefeuer“ klebte.

„Regale ausmisten ist ein kontinuierlicher Prozess, und die Bücher hier sollen eingestampft werden“, verkündete sie mit einer ausholenden Geste in Richtung der Regale, die teilweise verdeckt waren von großen, mit Abdeckband zugeklebten Kartons. „Aber ich hasse den Gedanken, dass Bücher zerstört werden, ganz gleich, wie alt sie sind. Also, falls Sie sie noch irgendwie verwenden können – bitte, bedienen Sie sich.“

Je weiter David in den kleinen Raum vordrang, desto mehr wich der Geruch nach frischer Druckerschwärze ähnlich wie im Laden einem, der ihm vertrauter war: nach einst sorgsam ausgewählten und gelesenen, doch jetzt ins Secondhand-Regal verbannten Bücher. Nach einer Kombination von Staub, altem Buchbinderleim und abgegriffenem Papier. Er sah sich umgeben von Kisten über Kisten und wusste: das war größer als seine eigenen kleinen Probleme. Damit konnte er etwas anfangen.

Als David endlich wieder zum Vorschein kam, hatte er zwei große Taschen voller Bücher und, was noch wichtiger war, eine Idee.

 

 

„WILLST DU das Licht aus haben?“, fragte John freundlich, als er auf seiner Seite ins Bett stieg. David war schon eine Stunde zuvor ins Bett gegangen, lag aber mit dem Gesicht zur Wand immer noch wach. Er drehte sich auf den Rücken, lächelte John an und nickte. John knipste die Lampe aus und ließ sich neben ihm nieder. Beide Männer schwiegen, während John sich damit herumplagte, wie er fragen sollte, was er fragen musste. Schließlich stützte er sich auf den Ellbogen und legte David eine Hand auf die Brust. „Wir haben nicht viel geredet Dave … über morgen, meine ich.“

David musterte ihn im Halbdunkel des Zimmers und sagte ehrlich: „Das konnte ich noch nie besonders gut.“

John lachte etwas traurig über die Ironie der Bemerkung. „Wir sind vielleicht so ein Paar, was? Ich bin verdammt noch mal unfähig, zu sagen, was ich fühle … das war ich schon immer.“

„Neulich hast du eine Menge gesagt“, flüsterte David.

John zeichnete mit der Fingerspitze Davids Kieferlinie nach und grinste. „Das hab‘ ich, nicht wahr?“ Er neigte den Kopf, folgte dem Weg seiner Fingerspitze mit den Lippen und murmelte: „Das hab‘ ich ernst gemeint.“ John richtete sich wieder auf und flüsterte: „Manchmal kann ich mein Glück kaum fassen, dass ich dich gefunden habe, dass du mich ein Teil deines Lebens sein lässt.“

Er hatte die Worte kaum ausgesprochen, da fühlte er, wie David sich anspannte. Ein Schatten schien zwischen ihnen hindurchzugleiten, und John wusste, dass es Zeit war, die Frage zu stellen. „Du denkst, dass du positiv bist, stimmt‘s?“

Eiskalte Furcht packte ihn, als er das leise „Ja“ hörte.

John war sich nicht sicher, ob er die Antwort auf seine nächste Frage überhaupt wissen wollte. Er sah zu, wie sein Daumen langsam Davids Brusthaare glattstrich. „Kannst du mir sagen warum?“

David kämpfte darum, seine zunehmende Angst unter Kontrolle zu behalten. Plötzlich konnte er Johns Berührung nicht mehr ertragen. Er schlüpfte aus Johns Reichweite und setzte sich auf die Bettkante. Seine Kiefermuskeln verkrampften sich und entspannten sich wieder; er wollte die Wahrheit, wie er sie sah, nicht aussprechen. Ich muss ihn daran teilhaben lassen. John muss es wissen. Mit überraschend emotionsloser Stimme sprach er aus, was er als simple Tatsache ansah. „Du hattest neulich recht, John … Ich bin ein Stricher.“

Die Worte trafen John mit der Wucht eines Faustschlags. Er blieb auf seiner Seite des Bettes und starrte auf den Rücken des Mannes, den er liebte, zutiefst bestürzt darüber, seine eigenen Worte zu hören und schlimmer noch, dass David sie für die Wahrheit hielt. Zaghaft legte er David eine Hand auf den Rücken und murmelte: „Du hast das getan, um zu überleben und um deinen Sohn sehen zu können. Das bist du nicht. Es sagt nichts über dich als Mensch aus, David.“

„Vielleicht habe ich dich in Gefahr gebracht, John“, sagte David. Sein Kummer war nicht mehr zu übersehen.

Johns Lippen streiften seinen Nacken; Johns Hände schoben sich um ihn herum und streichelten langsam über Davids Brust. Er ließ sich hinter David nieder und sagte: „Ich bin okay … wir waren immer vorsichtig, haben uns immer geschützt.“

David nickte und lehnte sich leicht zurück. Er wusste, dass Jamie recht gehabt hatte; sie mussten miteinander reden. Seine ersten Worte kamen zögernd. „Ein Mann … ein Kunde … hat sich geweigert, ein Kondom zu benutzen. Ich habe Nein gesagt, aber er sagte, er hätte bereits bezahlt und ich hätte keine Wahl mehr.“ David verstummte. John dachte, er wäre fertig und war überrascht, als David sich räusperte und weitersprach: „Er hat gelacht, während er mich gefickt hat und gesagt, dass er noch nie Gummis benutzt hätte und mir wahrscheinlich ein kleines Andenken hinterlassen würde. Dass er Liebe verbreiten wolle. Das fand er wohl witzig.“

John senkte den Kopf, bis seine Stirn leicht auf Davids Schulter ruhte. Mit etwas gedämpfter Stimme fragte er: „Ist es das, wovon du träumst?“

David war zum Reden entschlossen, wo er jetzt schon einmal angefangen hatte, doch die Worte dafür wollten nicht kommen. Er schüttelte den Kopf und blieb stumm. John spürte die Veränderung und musste ihm näher sein. Er wich gerade weit genug zurück, um sich hinter David auf das Bett zu setzen, dann rutschte er nach vorn, nahm David zwischen seine gespreizten Beine und schmiegte sich eng an seinen Rücken. Er drückte ihn an sich, umarmte ihn fest und fragte: „Kannst du’s mir sagen?“

Johns Haut berührte ihn überall; David spürte seinen warmen Atem im Genick. Er ließ sich in Johns Umarmung treiben.

Ich kann es sagen. Hier kann es mir nichts anhaben.

„Vom ersten Mal, als mich jemand verletzt hat“, sagte David leise, dann verbesserte er sich: „… mich körperlich verletzt hat.“

John fuhr ihm mit den Fingern durchs Haar, küsste ihn sanft auf den Hals und flüsterte: „Erzähl’s mir, Dave.“

Davids Stimme klang irgendwie verrenkt, als er sich in Johns Armen zurücklehnte und zu sprechen begann. „An die ersten paar Wochen kann ich mich gar nicht mehr richtig erinnern. Ich weiß noch, dass ich verwirrt war. Ich wusste nicht, wohin ich gehen sollte. Ich bin viel herumgelaufen. Hab‘ mich nicht zu schlafen getraut, bis ich so erschöpft war, dass ich musste …“ David hielt inne, Augen geschlossen, und ließ sich von Johns Atem wärmen, bis er fortfahren konnte. „Die haben mich mit einem Fußtritt geweckt … haben mich immer wieder getreten und geschlagen. Dann stand ich an einer Mauer. An der hab‘ ich mir das Gesicht zerkratzt.“ David runzelte die Stirn. Die Hände, die ihn jetzt berührten, waren weich, nicht wie damals. John atmete zittrig aus und streichelt mit den Fingerrücken über Davids Wange. „Ich hab’s nicht verstanden, John“, sagte David. „Ich hab‘ nicht verstanden, warum die mir das angetan haben.“

John konnte kaum mehr tun als nicken und ihm einen sanften Kuss geben, da er es auch nicht verstand.

„Jemand hat mir geholfen … hinterher. Ich habe versucht, meine Hose anzuziehen, aber der Knopf war abgerissen und sie war voller Blut. Ganz gleich, wie sehr ich mich bemüht habe, ich hab‘ sie einfach nicht angekriegt und ich hab‘ mich so geschämt.“ Er hörte auf zu sprechen und saß reglos in Johns Armen, nahm nur ganz entfernt die Tränen des anderen Mannes wahr. Dann flüsterte er: „Ich schäme mich immer noch so sehr.“

Diese leisen Worte rüttelten John auf und er wischte sich schroff mit der Hand über das Gesicht. Mit verhaltener, etwas heiserer Stimme stieß er hervor: „Nein, David. Verfluchte Scheiße, nein. Diese Dreckschweine haben dir das angetan. Du hast nichts falsch gemacht … überhaupt nichts, verdammt noch mal.“ Er rückte unbeholfen ein Stück weiter nach hinten, bis er ein Bein um David herum schwingen konnte, dann kroch er an die Bettkante und setzte sich neben ihn. Er nahm Davids Hand, hielt sie zwischen seinen Händen fest und sagte: „Die hatten kein Recht, dir das anzutun, keiner von denen.“

Eine gefühlte Ewigkeit lang saßen sie so da. John wusste, dass es für David ein Riesenschritt gewesen war, ihm von dem Überfall, von der Vergewaltigung zu erzählen. Er musste mit klarem Kopf darauf reagieren. Selbst in dem verdunkelten Zimmer konnte er sehen, wie das angespannte Zucken von Davids Beinmuskeln langsam nachließ und seine Schultern nach vorne sackten. John neigte sich zu ihm, küsste ihn leicht auf die Schulter und sagte: „Das kann ich alles nicht für dich in Ordnung bringen, aber eins musst du unbedingt einsehen: ganz gleich, was morgen passiert, bitte lass mich mit dir zusammen sein.“

David beobachtete Johns Daumen, der zärtlich seinen Handrücken streichelte, und nickte langsam.

Argwöhnische Entschlossenheit lag in Johns Augen, als sich ihre Blicke trafen; David nickte noch einmal und setzte ein schiefes Lächeln auf, gefolgt von einem Achselzucken. „Willst du hören, was ich mit diesen Büchern vorhabe?“

John lachte und wischte sich erneut die Augen. „Ja … das will ich hören.“