ES IST so weit. Ein gemeinsamer Gedanke, als alle drei Männer von verschiedenen Teilen des Ladens aus auf diverse Uhren schauten. Wortlos zog David die Karte mit der Telefonnummer aus der Tasche und ging in die Küche. Die anderen folgten ihm nicht. Stattdessen taten sie so, als gingen sie weiter ihren täglichen Pflichten nach und ignorierten die Tatsache, dass die Zahlen im Kassenbuch keinen Sinn ergaben und dass sämtliche Autorennamen aus dem Gedächtnis verschwunden zu sein schienen.
„Es tut mir leid, Mr. Robinson, ich habe Ihre Ergebnisse nicht vorliegen. Der Arzt hat in ihrer Akte vermerkt, dass Sie in die Klinik kommen sollen“, erklärte die Stimme am anderen Ende der Leitung mit ruhiger Sachlichkeit.
David bedankte sich und legte auf. Er stand ganz still, eine Hand noch auf dem Telefonhörer, der auf der Gabel lag. Als John im Türrahmen auftauchte, sagte David mit ausdrucksloser Stimme: „Ich muss in die Klinik, John.“
Ohne zu zögern, schnappte John sich seine Jacke von der Stuhllehne und erklärte: „Komm. Ich fahr‘ dich hin.“ David widersprach nicht und ließ sich von John durch den Laden zum Auto lotsen.
„Geht es Ihrem Freund gut?“, erkundigte sich eine ältliche Kundin. „Sieht so aus, als hätte er gerade eine schlimme Nachricht bekommen.“
Mit einem ganz mulmigen Gefühl in der Magengrube sah Jamie den beiden andern Männern nach.
DIE FAHRT zur Klinik verlief in Schweigen.
Als John schließlich auf dem Parkplatz den Motor abstellte, saß er einfach nur da und starrte auf das Graffiti an der Mauer gegenüber. Die schrillen Farben schienen mehr Sinn zu ergeben als das Durcheinander von Szenarien und Gefühlen, die in seinem Verstand um Aufmerksamkeit wetteiferten.
Er konnte sich nicht bewegen. Der Bann seines Entsetzens brach erst, als eine sanfte Hand sich über seine legte, die immer noch das Lenkrad umklammerte. „Schon okay, John“, sagte David leise. „Ich kann reingehen.“
Ob es nun die Berührung war oder die ruhige Stimme – vielleicht auch beides – aber John war fähig, den Blick zu senken und tief Luft zu holen. Er lächelte, schüttelte den Kopf und bekräftigte seinen Standpunkt vom Vorabend. „Zusammen, Dave. Zusammen kriegen wir das hin.“ Er zog den Zündschlüssel ab, löste seinen Sicherheitsgurt mit mehr Tapferkeit als er eigentlich empfand und sagte: „Bringen wir’s hinter uns.“
Im Wartezimmer war genauso viel los wie vor ein paar Tagen, aber da Barbara nicht da war, um seinen Termin zu organisieren, trat David selbst an den Empfang und sagte seinen Namen sowie den des Arztes. Er erklärte leise, warum er hier war und setzte sich dann auf denselben Plastikstuhl wie bei seinem letzten Besuch … nur dass er diesmal John neben sich hatte.
Dr. Coulson musterte die beiden Männer mit milder Neugier, als sie sein Zimmer betraten. Er holte die erforderliche Akte heraus und tippte den Code in den Computer. Niemand sprach, während er durch einige Bildschirme scrollte, um sich daran zu erinnern, warum sie hier waren. Schließlich stand er auf und holte eine Handvoll Broschüren aus einer Schublade des Aktenschranks. Er wandte sich an die beiden – er wusste zwar immer noch nicht genau, wer der Patient war, tippte aber auf David – und sagte: „Gut, dass Sie heute vorbeigekommen sind. So können wir mit Ihrer Behandlung sofort beginnen.“
David nickte und widerstand dem Drang, sich nach John umzuschauen, der auf einem Stuhl neben, aber leicht hinter ihm saß.
„Zunächst einmal habe ich hier einige Informationen zu Ihrer Erkrankung und den Behandlungsmöglichkeiten.“ Er reichte David ein Hochglanz-Merkblatt mit der dunkelroten Überschrift „Was ist Anämie?“ Der Arzt sprach weiter über die Ursachen von Anämie, während er noch einige weitere Merkblätter aus der Schublade holte. Dabei entging ihm der völlig verwirrte Ausdruck auf Davids Gesicht, der zu verstehen versuchte, was auf dem Merkblatt stand, ohne wirklich zu begreifen, worum es überhaupt ging. John legte David eine Hand auf die Schulter und fragte mit kaum verhohlenem Ärger: „Stopp. Wovon reden Sie eigentlich? Was genau versuchen Sie uns hier zu sagen?“
Die Hand im Aktenschrank hielt inne. Dr. Coulson drehte sich um und warf John einen gereizten Blick zu. „Ich versuche hier mit Ihrem Freund über seine Behandlung zu reden.“
David spürte, dass John sich von seinem Stuhl zu erheben begann; er hob die Hand, sprach aber direkt mit dem Arzt. „Meine Blutergebnisse. Am Telefon wollte man sie mir nicht sagen.“
Coulson runzelte die Stirn und wandte sich wieder seinem Bildschirm zu. „Ihrer Akte zufolge sind Sie anämisch und haben milden Parasitenbefall; beides werden wir behandeln. HIV negativ, Hepatitis B und C negativ.“
Negativ. Johns Blick schweifte von Dr. Coulton zu David, der mit starrem Blick dasaß, als hätte er noch gar nicht richtig begriffen, was er eben erfahren hatte. John rieb David sanft den Rücken und versuchte, den Ausführungen des Arztes zuzuhören, aber er konnte nur grinsen und seine Hand in Bewegung halten.
DIE MITTAGSZEIT kam und ging, aber Jamie hatte den Laden nicht geschlossen, um wie üblich Sandwiches kaufen zu gehen. Es kam ihm nicht richtig vor, da David nicht da war, um sie mit ihm zu teilen. Stattdessen lungerte er in der Küche herum und wartete, bis das Wasser kochte – mehr um etwas zu tun zu haben, als dass er wirklich einen Tee brauchte. Die anderen waren schon vor zwei Stunden zur Klinik gefahren und Jamie hatte glücklicherweise genug zu tun gehabt, aber am frühen Nachmittag war es ruhig, also hatte er Zeit genug, um sich Gedanken zu machen.
Als endlich die Türglocke bimmelte, hob er ruckartig den Kopf und ging schnell zurück in den Laden, um John und David zu empfangen. Beide lächelten. Er wusste sofort, dass mit David alles in Ordnung war, doch statt das Lächeln zu erwidern, blieb Jamie einfach nur stehen, die Arme eng um den Körper geschlungen. Er sagte mit ganz dünner Stimme: „Ich hatte solche Angst, Dave.“
Ohne zu zögern, wich David von Johns Seite und nahm Jamie fest in die Arme. Er flüsterte: „Ich weiß … aber alles wird gut.“ Er streichelte Jamie sanft über den Kopf und fügte mit einem leichten Lächeln hinzu: „Ich bin jetzt entwurmt und geimpft.“
Jamie schlang ihm die Arme um die Taille und ließ ein zittriges Lachen hören. „Das heißt dann wohl, dass wir dich behalten können.“
Als John zusah, wie David seinen jungen Freund tröstete, begriff er zum ersten Mal, welche Auswirkungen das alles auf Jamie haben musste. Jamie kannte David schon länger als John; er hatte Maggie geholfen, ihn in den Laden zu holen und langsam sein Vertrauen gewonnen. War sein Freund geworden. Verdammt, wenn Jamie nicht so hartnäckig gewesen wäre, hätte ich David gleich an diesem ersten Morgen rausgeschmissen, erkannte John und schämte sich nicht wenig, weil er Jamie kein einziges Mal als Teil des Ganzen gesehen hatte. John ließ David und Jamie allein und ging schweigend in die Küche. Die letzten paar Tage trafen ihn mit einem Schlag. Er sackte an der Wand in sich zusammen, massierte sich mit Daumen und Zeigefinger die Nasenwurzel und ließ still die Tränen laufen.
„LASS DAS bis morgen früh, Dave.“ John schaute lächelnd auf die fettigen Pappschachteln, Schalen und Essstäbchen, die über dem Kaffeetisch verstreut waren. Die Überbleibsel einer Art Feier konnten bis anderntags warten. Er schüttelte den Kopf vor Erstaunen, dass er so etwas überhaupt in Betracht ziehen konnte. Alles hat seinen Platz und das Leben muss in gewohnten Bahnen laufen und säuberlich mit Etiketten versehen sein. Wo ist dieser John hingekommen? Denn hier lebt er bestimmt nicht mehr. Er blickte zu David auf, der neben dem Sessel stand und ihn mit leicht verwirrter Miene beobachtete. John lachte leise. „War nur für einen Moment ganz in Gedanken … hab nur an den Mann gedacht, der ich früher mal war. Der wäre lieber mitten in der Nacht aufgestanden und hätte aufgeräumt als das alles einfach stehen zu lassen.“ Er zuckte die Achseln; das Geständnis war ihm peinlich. David nickte nur, aber sein Lächeln war warm und offen.
„Na, komm. Es war ein schwerer Tag.“ John lachte, kehrte dem Durcheinander den Rücken und ging ins Schlafzimmer.
Während sie sich auszogen, quasselte John in einem fort über Gott und die Welt; noch als sein Kopf das Kissen berührte, lachte er über seine aufkeimende Beziehung mit der Frau im örtlichen chinesischen Restaurant. Er war auf einem absoluten Höhenflug und fühlte sich schier zum Bersten erfüllt von plötzlich grenzenloser Energie.
David lag neben ihm, lächelnd über seine unübersehbare Freude. Doch als es so aussah, als wollte John sich in die nächste Geschichte stürzen, hob David die Hand und legte sie ihm sanft auf den Mund. Er spürte unter seiner Handfläche, wie Johns Lippen sich verzogen, als er zum Schweigen gebracht wurde. David nahm langsam seine Hand weg und beugte sich vor, um die immer noch zu einem Lächeln gebogenen Lippen zu küssen, wobei er selbst in ein breites Grinsen ausbrach. Der Kussversuch wurde unter Gekicher zu einer Umarmung; sie hielten einander umschlungen, keiner von beiden ganz imstande, zu begreifen, dass ihnen jetzt der Weg in eine gemeinsame Zukunft offen stand.
Das Gelächter erstarb und wich zärtlichen Berührungen, dieselbe glückliche Fassungslosigkeit zum Ausdruck gebracht durch Finger und Lippen.
Johns Mund bewegte sich über Davids Haut, nicht direkt küssend, eher tastend und forschend. Anders als sonst hatte er es kein bisschen eilig, denn jetzt wusste er, dass er Zeit hatte, es langsam angehen zu lassen. Als seine Zunge träge über eine bereits aufgerichtete Brustwarze leckte, blickte er kurz auf, um Davids Reaktion zu sehen. Er hielt kurz inne; David hatte die Augen zu schmalem Schlitzen zusammengekniffen und beobachtete ihn. Als sich ihre Blicke trafen, spürte John, wie David ihm leicht die Hand auf den Kopf legte, ihm dann mit den Fingern durchs Haar strich. John lächelte ein bisschen boshaft und ließ seine Zungenspitze langsam weiter nach unten wandern. Dann und wann machte er eine Pause und drückte mit offenem Mund Küsse auf beliebig ausgewählte Hautstellen.
David bewegte die Hüften unter Johns Berührung; plötzlich war es ihm viel zu bewusst, dass seine Erektion nicht zu übersehen war. John wich zurück und stützte sich auf den Ellbogen. Sanft hielt er die Hand fest, die nach dem Rand des Bettlakens griff, und sagte leise: „Lässt du mich dich ansehen, David? Bitte.“
David zögerte, ließ aber den Stoff los und wieder auf die Matratze fallen, blieb schutzlos entblößt im warmen Licht der Nachttischlampe liegen. In diesem Moment fühlte Johns Herz sich zu groß für seinen Brustkorb an und er zog Davids Hand flüchtig an seine Lippen, ehe er sie auf das Laken zurücklegte.
John beugte sich vor und streifte einen immer noch hervorstehenden Hüftknochen mit den Lippen, fuhr mit gespreizten Fingern durch das dunkle Haar daneben. Dicht daneben, jedoch noch nicht zu einer Berührung bereit, blickte John auf und sagte mit einem Hauch von Farbe auf den Wangen: „Weißt du was, ich habe noch nie groß auf den … äh, Penis … eines anderen Mannes geachtet.“
David antwortete nicht, zog aber eine Augenbraue hoch und lachte leise, als John fortfuhr: „Meinen eigenen kenne ich gut genug, aber ich hab‘ keinen Grund gesehen, den von jemand anderem … äh, kennenzulernen.“
Obwohl sein Herz hämmerte wie wild, zuckte David nur leicht die Achseln, fasste nach Johns Hand und schob sie näher heran.
Sanft, beinahe zaghaft strich John mit den Fingerkuppen über die seidige Haut von Davids Schaft, verfolgte aufmerksam die Furchen und Adern. Ein Tropfen klarer Flüssigkeit bildete sich an der Spitze und rann neben Johns Fingern herab. Er verfolgte den Lauf des Tropfens mit den Augen, dann fing er ihn mit der Zungenspitze auf, um die Flüssigkeit zu schmecken, um David zu schmecken. John blickte zu David auf, der ihn eindringlich und mit leicht verwirrtem Gesichtsausdruck beobachtete. Dieser Akt hatte für David eine ganz andere Bedeutung angenommen, und er fand es schwer zu begreifen, dass John ihn so lustvoll genießen konnte. John lächelte, ein wenig unsicher, und fragte: „Ist das okay, Dave? Du musst es mir sagen.“
David nickte leicht, woraufhin John zwischen seine Beine kroch und sich gemütlich zwischen seinen Schenkeln niederließ. Johns Lippen schlossen sich um seine Eichel; auf das Gefühl war er nicht gefasst und schnappte unwillkürlich nach Luft. Fühlen sie dasselbe, wenn ich vor ihnen auf dem Beton knie? Der Gedanke schoss ihm ungebeten durch den Kopf und er hätte John beinahe weggestoßen; es war falsch, ihn das tun zu lassen, es war falsch, dass es sich so gut anfühlte. Aber dann schaute er auf den blonden Kopf hinab, der sich ohne Zwang und ohne zu würgen langsam auf und ab bewegte, und erlaubte sich, mit dem Denken aufzuhören.
John nahm ihn nach und nach tiefer in den Mund und steigerte das Tempo. Er hatte keine Ahnung, ob er es richtig machte; er versuchte einfach, das nachzuahmen, was er selbst mochte. Es war schwieriger als gedacht, seinen Würgereflex zu unterdrücken und er wünschte, er könnte seine Zunge besser gegen den Druck von Davids Schwanz einsetzen.
Hör auf, dich so anzustrengen, ermahnte er sich. Geh‘ es ruhiger an, dann kannst du’s besser genießen.
John umfasste den unteren Teil von Davids Schwanz mit den Fingern und begann einen langsamen Rhythmus aus Drücken und Nachlassen im Gleichtakt mit seinem Mund. Er fühlte, dass David sich mit ihm bewegte und hörte seine leisen, angestrengten Atemzüge. Bei dem Laut begann Johns Schwanz ebenfalls zu pulsieren und er presste seinen Unterleib heftig gegen die Matratze, versuchte sich am Bettzeug zu reiben. Seine Beine hingen über die Bettkante hinaus und die Position war ungeschickt, aber das war ihm egal. Hier ging es nicht um ihn.
Davids Hand verkrampfte sich in Johns Haar; seine Finger packten fester zu und zogen heftig. „Gleich soweit, John“, stöhnte er und versuchte erneut, John wegzuziehen. Er fürchtete sich davor, ihm in den Mund zu spritzen. Johns Finger streichelten beschwichtigend über seine Hüften und seinen Bauch, und als David hinschaute, begegnete er Johns Blick. Mehr sah er nicht, ehe die Gewalt seines Orgasmus ihm die Augen schloss.
John hielt seine Hände und Lippen still und konzentrierte sich aufs Schlucken, bis aus den krampfhaften Zuckungen ein leichtes Zittern geworden war. Mit einem letzten sanften Lecken gab er den erschlaffenden Schwanz frei und schmiegte sein Gesicht an Davids Schenkel. Mit dem Geruch von Schweiß und Sperma in der Nase griff er nach seinem eigenen qualvoll steifen Schwanz. Es brauchte nur ein paar rasche reibend-drehende Handbewegungen, dann kam er.
Ganz allmählich wurde John bewusst, dass Davids Finger zärtlich durch sein Haar strichen. Er blickte auf, und da er nicht wusste, was er sagen sollte, rückte er einfach etwas weiter nach oben, sodass er seine Wange auf Davids Bauch legen konnte. Er spürte Davids kräftigen Pulsschlag unter der warmen Haut und hörte ein leises Gurgeln. John lächelte schläfrig, weil ihm das alles so richtig vorkam, küsste David leicht und ließ sich davontreiben.