AUFWACHEN WAR einfacher als früher; es gab keinen Groll mehr gegen den Morgen, der ihn aus der Zuflucht des Schlafes vertrieb. David lehnte sich zurück an das stetige Heben und Senken von Johns Brust und den warmen Atem, der sein Haar kaum streifte. Die Sonne war schon aufgegangen und David wurde klar, dass sie verschlafen hatten. Du bist eingeschlafen, ohne den Wecker zu stellen. David lächelte. Was tue ich dir an, John?
Er schloss die Augen und seine Hand glitt langsam nach hinten, bis sie auf Johns Hüfte ruhte. Er lächelte, als John im Schlaf einige unverständliche Worte murmelte. Die Haut unter seiner Handfläche war glatt, als er behutsam die Konturen von Johns Hüftknochen erforschte. Feine Unterschiede in Temperatur und Oberflächenbeschaffenheit wurden hinter Davids geschlossenen Augenlidern zu Bildern, während seine Finger ihre Wanderung entlang von Johns Oberschenkel fortsetzten. Er spürte, wie John sich an seinen Hintern drückte und kniff die Augen noch fester zu, versuchte sich jede Berührung, jeden Duft und jeden Laut ins Gedächtnis einzuprägen. Er musste das für immer behalten.
Weiche Lippen streiften seinen Nacken, dann brummte Johns tiefe Stimme: „Morgen, Dave.“
„Hey“, antwortete David leise und zog seine Hand weg, peinlich berührt, dass er ertappt worden war.
„Du brauchst nicht aufzuhören.“ Er spürte Johns Grinsen an seinem Hals.
„Doch“, seufzte David. „Ich glaube, wir haben verschlafen.“
John stöhnte auf, löste sich von David und reckte den Hals, um über seine Schulter nach dem Wecker zu schauen. „Mist. Ich kann mich gar nicht erinnern, wann ich das letzte Mal meinen Wecker überhört habe.“
„Ich glaube, du warst zu erschöpft, um ihn zu stellen“, murmelte David mit einem leichten Lächeln.
„Mmmmh … oh ja, jetzt fällt’s mir wieder ein.“ John kicherte. „Weißt du was, vielleicht sollten wir den Laden einfach heute geschlossen lassen und den ganzen Tag hier verbringen?“
David lächelte zwar, als John das vorschlug, doch die Intimität dabei ließ ihn zögern. Er sah wohl ein, wie befremdlich solche Gefühle waren, nach allem, was sie durchgemacht hatten. Doch ein ganzer Tag ohne etwas, um John von ihm abzulenken, kam ihm beängstigend vor. Zu enthüllend. „Lieber nicht, John“, sagte er mit ganz dünner Stimme. „Sonst landest du am Ende noch draußen in meinem Zuhause, anstatt dass ich deines teile.“
Die Bemerkung, oder vielleicht auch ihr Tonfall, brachte John zum Innehalten. Er legte seine Stirn an Davids Nacken; er hätte ihm nur zu gern gesagt, dass dies hier auch sein Zuhause war, doch er wusste, dass das nicht stimmte. Die unterste Schublade blieb leer, ganz gleich, in welchem Zustand sich die einst weiße Papiertüte befand.
Er seufzte, rieb David sanft mit der Hand über die Schulter und sagte: „Ja, Zeit zum Aufstehen.“ David spürte einen kühlen Luftzug an seinem Rücken und das Nachgeben der Matratze, als John aufstand und ins Bad ging.
Das Frühstück hatte sich bereits zu einem gemütlichen Ritual entwickelt. David kümmerte sich um den Kaffee und deckte den Tisch, während John umständlich mit der Bratpfanne hantierte, Eier verquirlte und jede Menge unnötiger Zutaten dazugab. Volle Teller und dampfende Kaffeetassen wurden auf den Tisch gestellt und sie setzten sich, um ihr Essen und ein ruhiges Gespräch zu genießen.
David stand auf, um ihnen Kaffee nachzuschenken, und John fragte sich unwillkürlich, wie sein Leben vorher gewesen war. Wann hatte er wohl zum letzten Mal mit seinem Sohn gefrühstückt? Als David ihm seinen Becher reichte und sich wieder setzte, fragte John behutsam: „Hast du das mit Adam auch gemacht?“
David warf John einen flüchtigen Blick zu und schaute dann wieder auf seinen Teller. „Adam mag … mochte keine Eier. Er hat mich immer zu überzeugen versucht, dass er eine Allergie dagegen hat.“
„Und, hatte er eine?“, fragte John in der Hoffnung, David zum Weitersprechen zu kriegen.
David stieß ein leises, belustigtes Schnauben aus und blickte auf. „Nein, aber damit hat er mich immer dazu gekriegt, French Toast zu machen.“
„Aber … sind da nicht Eier drin?“ John runzelte die Stirn.
„Ja“, antwortete David mit einem breiten Grinsen.
John lachte und schüttelte den Kopf. „Klingt, als wärst du ein guter Vater.“
David hörte auf, seinen Toast zu zerschneiden und lehnte sich seufzend zurück. „Ich vermisse ihn.“
John wusste nicht, was er dazu sagen sollte. Er kannte Davids Geschichte nicht, wusste nicht, warum er am Leben seines Sohnes nicht mehr teilhatte. Er nickte traurig und schlug vor: „Nach gestern glaube ich, dass du ihn sehen musst, David. Du hast immer noch Zeit, den Bus zu erwischen. Nimm dir den ganzen Tag frei, wenn du willst … auch wenn das nur heißt, dass du Lesestoff aufholst.“
David schob seinen Teller ein Stück weiter weg und rieb mit dem Daumen an einem Kaffeefleck am Rand seines Bechers herum. John häufte geduldig einen weiteren Bissen Rührei auf seine Gabel, während er wartete. Tatsächlich dauerte es drei weitere Bissen, ehe David antwortete. „Danke, John“, sagte er leise. „Dann mache ich mich mal besser auf den Weg.“
DAVID STIEG in den Bus und zog eine Handvoll zerknüllter Geldscheine aus der Tasche. Es dauerte eine Weile, bis er sie glatt gestrichen und sortiert hatte – nicht anders als bei seinen sonstigen Busfahrten – aber diesmal drängte der Fahrer ihn mit einem genervten Blick zur Eile, statt an ihm vorbeizuschauen und jeden Kontakt, jedes Gespräch zu meiden, bis er ihm das angebotene Geld aus der Hand reißen konnte. David nahm sein Wechselgeld, murmelte ein „Dankeschön“ und setzte sich auf eine Bank nahe dem Ende des Busses.
Wie sonst auch starrte er abwesend aus dem Fenster und ließ die Welt an sich vorbeiziehen, aber diesmal war es ein anderes Gefühl. Er war sauber, er hatte zusammen mit jemandem, den er liebte, anständig gefrühstückt, und das Geld … nun, er war beinahe stolz darauf, wie er sich dieses Geld verdient hatte.
Als der Bus an der Haltestelle hielt, stieg David aus. Er hielt immer noch den Kopf gesenkt und schaute auf seine Füße, während die anderen Fahrgäste sich entfernten und er in seiner Ecke des Wartehäuschens Position bezog. Doch er fühlte sich so positiv wie schon lange nicht mehr. Die Morgensonne wärmte ihm die Beine, doch er hielt sich im Schatten, wo er hinausschauen konnte, ohne gleich bemerkt zu werden.
Die übliche Teenagerparade zog vorbei; einige stiegen rasch aus der Familienkutsche, um nur ja nicht von ihren Freunden gesehen zu werden, andere parkten kaum verkehrstüchtige, jedoch vielgeliebte alte Klapperkisten voller geschmackloser Aufkleber und Flecken von Rostschutzfarbe.
Zwei Jungs schlichen sich ins Buswartehäuschen und setzten sich auf die Bank. Sie warfen David einen Seitenblick zu, befanden aber offenbar rasch, dass er keine Bedrohung war für ihren Plan, die Schule zu schwänzen. Sie unterhielten sich angeregt; David hörte ihnen zu und lächelte über ihren jugendlichen Überschwang bei der Aussicht auf einen ganzen gestohlenen Tag.
„Hey, Robinson, komm hierher“, rief der größerer der beiden Jungen, als ein blaues Auto am Straßenrand hielt. Davids Herz begann zu pochen und plötzlich fiel ihm das Atmen schwer. Er wagte nicht aufzublicken, als er das zur Antwort gerufene „Was?“ hörte. Stattdessen versuchte er sich im Schatten seiner Ecke so klein wie möglich zu machen.
„Willst du nicht die ‚L‘-Kennzeichen dranlassen und uns in die Stadt fahren?“, rief der andere Junge dem Fahrer des Wagens zu, wobei er den Mann ignorierte, mit dem der Teenager gerade den Platz tauschte.
Adam schaute herüber und schüttelte den Kopf. „Nehmt den Scheiß-Bus, ihr Loser.“ Er lachte, als sie ihm den Stinkefinger zeigten und warf dann dem Mann, der jetzt am Steuer saß und rückwärts aus der Parklücke fuhr, einen betretenen Blick zu.
David nahm weder ihre abfälligen Bemerkungen über seinen Sohn wahr noch ihr halbwegs ernsthaftes Interesse, ob es ihm gut ging oder er kurz vor einem Herzinfarkt stand. Er blieb schweigend sitzen, den Kopf in den Händen, bis der nächste Bus kam.
Die Rückfahrkarte zitterte, als er sie dem Fahrer hinhielt, und David zog sich hastig auf den hintersten Sitz zurück. Er hatte sich in dem kleinen Buswartehäuschen wie in einer Falle gefühlt. Der Gedanken, dass Adam ihn sehen, ihn erkennen könnte, verursachte ihm körperliche Übelkeit. Was hätte ich getan, wenn er herübergekommen wäre? Hätte ich ihn ansprechen können, oder hätte er mich angesprochen? Hätte er überhaupt gewusst, wer ich bin? Fragen über Fragen jagten sich in seinem Verstand, bis er sie gewaltsam zum Schweigen brachte. Er richtete seine ganze Aufmerksamkeit auf die Fensterscheibe, vermerkte jeden einzelnen Kratzer und las die Spiegelschrift-Botschaften, die für Passanten außerhalb des Busses gedacht waren. Nach und nach atmete er wieder leichter, bis er soweit war, dass er wieder aufblicken und sein weiteres Umfeld in sich aufnehmen konnte. Er war nahe seiner Haltestelle.
Es war noch früh, als David aus dem Bus stieg und er überlegte, ob er gleich zum Laden zurückgehen sollte. Die beiden Teenager sprangen lachend die Stufen herunter und rannten den Gehweg entlang davon, wobei sie sich stritten, was sie jetzt, wo sie hier waren, eigentlich unternehmen sollten. David sah zu, wie sie sich gegenseitig schubsten und entgegenkommende Passanten anrempelten, ehe sie in einem Plattenladen verschwanden. Er wandte sich in die andere Richtung, die Hände tief in den Taschen vergraben, und ging auf das „Margins“ zu.
Die Vormittagssonne schien warm auf seine Schultern und half den kalten Schweiß vertreiben, der ihn plagte, seit die Jungs zum ersten Mal Adams Namen gerufen hatten. Doch der dicke Knoten in seinem Magen war immer noch da. Kaum zwei Blocks vom Laden entfernt hielt David an und setzte sich auf den Rand eines Zement-Blumenkastens. Er hob eine Handvoll Zigarettenkippen und eine leere Schokoriegel-Verpackung auf und warf sie in den Mülleimer neben dem Blumenkasten, dann schaute er zu dem kleinen Baum auf. Seine Zweige hatten das nackte Grau des Winters abgeworfen und frische, zarte Blättchen entfalteten sich bereits. David strich mit den Fingerspitzen über ein gesprenkeltes Stück Rinde, an dem offensichtlich ein anderer Passant auf der Suche nach einem ruhigen Moment herumgezupft hatte. Doch aller Vernachlässigung, aller unabsichtlichen Misshandlung zum Trotz folgte der Baum dem Lauf der Jahreszeiten und wuchs. David beugte sich vor und stützte die Unterarme auf die Knie. Es ist okay. Lass es los …
Nachdem er sich mit einer Hand müde durch die Haare gefahren war, stand David auf, holte tief Luft und setzte sich in Bewegung.
Seine Finger spielten im Gehen müßig an den restlichen Geldscheinen in seiner Hosentasche herum. Als er an einem kleinen Laden vorbeikam, der ein Sortiment von Rucksäcken draußen hängen hatte, blieb David stehen und musterte stirnrunzelnd die Auswahl an Farben, Marken und Logos. Er zog das Geld aus der Tasche und zählte sorgfältig den nötigen Betrag ab, ehe er einen blauen Rucksack mit mehreren Taschen, aber ohne schicken Markennamen vom Haken nahm.
SOBALD DAVID das „Margins“ betrat, wusste John, dass etwas nicht stimmte. Davids Körpersprache verriet ihn immer. „Hast du Adam gesehen?“, fragte John vorsichtig. David nickte nur, ohne den Kopf zu heben, und ging weiter durch den Laden. John und Jamie wechselten einen Blick.
Jamie machte Anstalten, hinter dem Ladentisch hervorzukommen und ihm zu folgen, aber John legte ihm rasch eine Hand auf den Arm und schüttelte den Kopf. „Ich rede mit ihm. Wie wär’s, wenn du das Türschild umdrehst und uns etwas zu essen besorgst?“ Jamie seufzte und sah John nach, als er nach hinten ging. Dann stellte er den Wasserkessel auf kleine Flamme, nahm sich etwas Geld aus der Registrierkasse und ging Sandwiches kaufen.
David saß still da, die Stiefel bereits Seite an Seite auf dem Fußboden. Er wusste, dass einer der beiden bald kommen würde, um nach ihm zu sehen, und machte sich auf Fragen gefasst.
John setzte sich schweigend in den anderen Sessel und nahm den Rucksack in die Hand. Er drehte ihn hin und her und versuchte erfolglos, einen plötzlichen Anfall von Übelkeit zu unterdrücken. Er gab sich große Mühe, die Furcht nicht in seiner Frage mitklingen zu lassen. „Willst du irgendwo hin, Dave?“
David schaute erst den Rucksack an, dann John. Mit einem leichten Stirnrunzeln schüttelte er den Kopf und nahm den Rucksack zurück. „Da will ich nur meine Sachen reintun, das ist alles.“
Es lag John auf der Zunge, ihm zu sagen, dass er dafür keinen billigen Rucksack brauchte, aber er ließ es sein. Stattdessen lächelte er, schloss seine Hand über Davids und sagte mit einem humorlosen Lachen: „Für einen Moment hast du mir eben richtig Angst gemacht.“
David zog behutsam seine Hand weg, um den Rucksack neben seinem Sessel abstellen zu können. Dann verschränkte er langsam seine Finger mit Johns. „Tut mir leid, John. Das wollte ich nicht.“ Er machte eine kurze Pause und fügte dann leise hinzu: „Ich habe Adam heute Morgen gesehen.“
John legte den Kopf schief und musterte aufmerksam Davids Gesicht. „Ich weiß, Dave“, sagte er. „Was war denn?“
„Er hätte mich fast gesehen“, kam die beinahe gehauchte Antwort.
„Wäre das denn so schlimm gewesen?“
David nickte und zog eine Grimasse. „Er darf mich so nicht sehen.“
„Wie, David? Hast du dich in letzter Zeit mal angeschaut?“, fragte John leicht überrascht.
David ignorierte die Bemerkung zu seinem Erscheinungsbild und murmelte: „Er ist ohne mich besser dran.“
John hatte dasselbe zu hören bekommen, als sein Vater ihn verlassen hatte. Bei der Erinnerung fühlte er Frust in sich aufsteigen. „Sollte er das nicht lieber selber entscheiden?“
David antwortete zwar nicht, aber John konnte ihm die Anspannung am Gesicht ansehen, und Davids Hand reagierte nicht mehr auf seine Berührung. Er verdrängte seine eigenen Probleme und drückte David die Hand. „Das liegt bei dir, David. Ich weiß, dass es mich nichts angeht.“
„Ich liebe ihn so sehr, John. Es tut höllisch weh, mich aus seinem Leben rauszuhalten, aber so muss es sein. Ich weiß, wie es heute war und ich weiß, ich hätte nicht mit ihm reden und ihm erklären können, wo ich gewesen bin … was ich getan habe.“ Er runzelte kurz die Stirn und fügte hinzu: „Vor einiger Zeit habe ich angefangen, ihm Briefe zu schreiben.“
John schaute ihn mit echter Neugier an, aber ehe er fragen konnte, schüttelte David den Kopf. „Nein, ich habe sie nicht abgeschickt.“
„Dann hast du sie also noch?“, forschte John.
David schaute an den Regalen voller Bücher entlang und zuckte niedergeschlagen die Achseln. „Sie waren auf leere Stellen in meinen Skizzenbüchern geschrieben … manchmal als Teil der Zeichnung. Die meisten davon habe ich verloren, als mein Zeug gestohlen wurde.“
John hatte nicht vergessen, wie erbittert David seine Skizzenbücher beschützt hatte, als er zusammengeschlagen wurde. Selbst bei dem einen, das er gerettet hatte, war die Spiralbindung halb herausgerissen und viele der Seiten zerfetzt. Mit einem leisen Seufzer legte John tröstend eine Hand auf Davids Genick und sagte: „Schreib weiter welche. Vielleicht wird er eines Tages deine Bilder sehen können und lesen, was du geschrieben hast.“ David setzte zu einer Antwort an. Aber die Vorstellung, dass Adam sein Buch sehen könnte, seine Gedanken, war zu viel, und er rang nach Luft. John zog ihn an sich, küsste ihn leicht auf den Kopf und flüsterte: „Er wird sie zu lesen bekommen … eines Tages ist es soweit.“
Als John aufblickte, stand dort Jamie mit ihrem Mittagessen auf einem Tablett und zögerte, wohl weil er nicht stören wollte. Auf John leichtes Nicken und Lächeln hin setzte Jamie ein Grinsen auf und sagte: „Mann, ihr zwei lasst aber auch keine Gelegenheit zum Rumknutschen aus. Na kommt schon, macht mal Mittagspause.“
Mit einem leicht beschämten Blick zu Jamie richtete David sich auf und atmete zittrig durch. Jamie stellte das Tablett einfach auf den Fußboden und setzte sich im Schneidersitz zu Davids Füßen, einen Arm über eins von seinen Knien gestreckt.
Die drei Männer aßen Sandwiches, tranken Tee und unterhielten sich gemütlich, bis John auf die Uhr schaute und sagte: „Wir drehen mal besser das Schild wieder um, ehe uns die Nachmittags-Senioren an die Tür hämmern.“ Mit einem flüchtigen Blick zu Davids Rucksack fügte er hinzu: „Bring deine Einkäufe rauf, Dave. Ich zeige Jamie inzwischen, wie echte Arbeit aussieht.“
David lachte leise und strich Jamie mit der Hand übers Haar, dann nahm er seinen Rucksack und ging nach vorn. Die beiden anderen Männer schauten ihm nach.
Sobald er hörte, wie die Ladentür geschlossen wurde, wandte Jamie sich an John und fragte: „Was ist passiert?“
John massierte sich mit einer Hand das Genick, um die Spannungskopfschmerzen zu lindern, die ständig zunahmen. Er schnitt eine Grimasse. „Adam hätte ihn heute fast gesehen. Hat ihn zu Tode erschreckt.“
Jamie schüttelte den Kopf; er konnte sich nicht einmal ansatzweise vorstellen, was David gerade durchmachte. Er spielte mit Davids leerem Becher und murmelte: „Armer Dave. Es muss ihm so wehtun, dass er sich vor seinem Sohn verstecken muss.“
„Ja“, sagte John leise. „Er hat sich heute einen neuen Rucksack gekauft.“
Der Sinn hinter Johns Bemerkung war offensichtlich. Jamie schaute auf und runzelte die Stirn. „Das muss nicht heißen, dass er fort will, John.“ Er stemmte sich hoch und setzte sich in Davids Sessel. „Vielleicht braucht er nur die Gewissheit, dass er könnte, wenn er müsste, ja?“
John wusste, dass Jamie recht hatte, doch er sackte leicht in sich zusammen und sagte: „Ich wünschte nur, er bräuchte das nicht.“
ALLEINE IN der Wohnung setzte David sich auf die Bettkante und starrte den Rucksack an. Warum gab ihm dieser kleine, billige Rucksack mehr Sicherheit als das Leben, das John ihm anbot?
John sagt, dass er mich liebt, aber …
Er öffnete den Reißverschluss und griff nach der Papiertüte mit seinen Habseligkeiten. Eins nach dem anderen holte er die Kleidungsstücke heraus, die John ihm gekauft hatte, jedes Stück frisch gewaschen und gefaltet. David legte sie säuberlich auf dem Bett aus und strich mit den Fingern über jedes einzelne. Er nahm sein Skizzenbuch und legte es daneben. Alles, was er besaß.
Es ist genug. David gab sich im Geiste einen Schubs und packte seine Kleider unten in den Rucksack. Er leerte methodisch seine Taschen – Kleingeld, Bleistiftstummel, ein paar süße Kekse – und stopfte es in die Lücken. Das Skizzenbuch wurde ebenfalls neben den Kleidern in den Rucksack geschoben, und schließlich wurde die zerfledderte Papiertüte gefaltet und kam obendrauf. David zog den Reißverschluss zu und stellte den Rucksack neben der Kommode auf den Boden.
IM ZIMMER war es still und dunkel, als David aufwachte. Selbst der anscheinend allgegenwärtige Straßenlärm war verstummt. Er drehte sich behutsam um und konnte gerade eben Johns schlafende Gestalt ausmachen. Ein Arm steckte unter seinem Kissen, den anderen hatte er vor sich gebeugt, sodass seine Finger gerade außerhalb der Reichweite seines offenen Mundes lagen. Wenn er lauschte, konnte David das leise, langsame Atmen hören, das zu dem gleichmäßigen Heben und Senken von Johns Brust passte.
David schob seine Beine über die Kante der Matratze und stand behutsam auf. Er blieb noch eine Zeit lang stehen und beobachtete John, um sicher zu gehen, dass er ihn nicht geweckt hatte, dann durchquerte er leise das Zimmer und ging zu seinem Rucksack.
David hob ihn am Schulterriemen hoch, wobei er sich alle Mühe gab, kein Geräusch zu machen. Erst im Wohnzimmer wurden seine Schritte sicherer und er ging rasch weiter in die Küche. Als er das Licht anknipste, schmerzte der plötzliche, grelle Schein des Neonlichts in seinen Augen und er kniff sie zusammen, während er seine Besitztümer durchsah.
Davids Finger schlossen sich um die Spiralbindung seines Skizzenbuchs und er setzte sich an den Tisch. Mehrere Minuten lang blätterte er darin herum und las die Einträge; einige davon waren einfache Listen, während andere nur zum mitten-in-der-Nacht-lesen gedacht waren. Er zog einen Stift heraus und schrieb in die dunkle Schattierung hinter dem lächelnden Gesicht eines Jungen im Teenageralter: Ich habe heute zugesehen, wie du das Richtige getan hast, Adam. Am liebsten wäre ich aufgestanden und hätte dir gesagt, wie stolz ich auf dich bin, statt mich feige in den Schatten zu verstecken, aber ich konnte es einfach nicht. John hat mir versichert, dass du das hier eines Tages lesen wirst …