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VERGISS DIE Blumen in deinen Blumenkästen, das plötzliche Auftauchen von Eisverkäufern und die Weihnachtsdeko neben den Oberleitungen in den Straßen von Melbourne. Das sicherste Anzeichen dafür, dass es Sommer wird, ist die Tatsache, dass du keine Leute mehr wegschicken musst, ehe die Türen geschlossen werden.

Barbara blickte sich lächelnd im Haupt-Schlafsaal des Obdachlosenheims um. Die Betten waren frisch gemacht und bereit für den Abend, aber die Nächte waren warm, und viele von denen, die kein eigenes Bett hatten, schliefen lieber im Freien. Sie nahm es ihnen nicht übel; das Obdachlosenheim bot den einen Zuflucht und den anderen Schutz, doch wenn die Lichter aus waren und die Betten voll, dann hing Verzweiflung in der Luft. Sie verdrängte den Gedanken; draußen schien die Sonne und sie hatte einen Erfolg zu verbuchen.

Barbara brachte das Tablett mit den Bechern in den Empfangsbereich. Es hatte einige Sonntage lang gedauert, aber die Regale waren fast fertig. Sie musste grinsen, als sie David und Jamie sah. David vermaß gerade sorgfältig das restliche Holz, während Jamie im Schneidersitz neben ihm auf dem Boden saß und quasselte, wobei er gar nicht wahrzunehmen schien, dass David kaum jemals antwortete. Der Großteil des Morgens war nach diesem Muster verlaufen; David erledigte schweigend seine Arbeit, während Jamie durch die Gegend huschte, ihm Werkzeuge anreichte oder über die Schulter schaute.

Aber Barbara hatte bereits begriffen, dass der erste Eindruck von Jamie täuschte. Viele hätten in schnell als liebenswerten, wenn auch naiven jungen Mann abgetan; Barbaras erfahrenes Auge sah jedoch viel mehr. Ja, Jamie war liebenswert, aber er war auch sehr scharfsinnig und zeigte ein Einfühlungsvermögen wie kaum ein anderer.

Außerdem war nicht zu übersehen, dass David ihn mochte, und es war ein gewaltiger Fortschritt, dass David sich wohl genug fühlte, um ihn hierbei mit einzubeziehen. Barbara sah aufmerksam zu, wie sie miteinander umgingen und fand es interessant, aber wohl nicht überraschend, dass Jamie hier war und nicht John.

Jamie beobachtete sie bei ihrem vorsichtigen Gang durchs Foyer; wie sie fachmännisch das Tablett balancierte und dabei über ein Sortiment von Büchern, Holzresten und weggelegten Werkzeugen stieg. Er lächelte und stand auf, streichelte David sanft über den Hinterkopf und nahm ihr dann das Tablett ab.

„Teepause“, verkündete er und stellte das Tablett auf den Boden. David hörte auf zu werkeln, nahm sich einen Becher und lehnte sich an die Wand. Er war zufrieden mit seiner Arbeit und dem, was er heute geleistet hatte, das war ihm am Gesicht anzusehen, während er an dem heißen Tee nippte.

„Sieht gut aus, David“, erklärte Barbara, wobei sie sich nur zum Teil auf das Regal bezog, an dem sie gerade mit der Hand entlangfuhr.

„Wird schon“, lächelte er still.

 

 

SELBST IN seiner alten Wohnung mit ihrem umfassenden Haushaltsdienst hatte John immer selbst sein Bett gemacht und seine Wäsche organisiert. Er fragte sich oft, ob das nicht eins von den wenigen Dingen war, die er sich aus Yorkshire mitzubringen gestattet hatte: das Bedürfnis, sich um grundlegende Dinge selbst zu kümmern. Das hielt ihn vermutlich auf dem Boden. Er stopfte die letzten drei Kissenbezüge in den Wäschesack und ging dann weiter ins Badezimmer, auf der Suche nach feuchten Handtüchern.

Das erste, was er beim Betreten des Raums bemerkte, waren Davids Unterhosen, die zusammen mit seinen Socken über der Schiene des Duschvorhangs hingen. John schüttelte den Kopf. Jeden Abend wusch David seine Socken und Unterhosen im Waschbecken und hängte sie zum Trocknen ins Badezimmer. Als John ihm vorgeschlagen hatte, die Sachen doch einfach zu der übrigen Wäsche zu werfen, hatte David einfach nur gelächelt und gesagt, er komme schon klar.

John nahm die Sachen von der Schiene und legte sie zusammen. Er ließ den Wäschesack auf dem Fliesenboden und brachte Davids Unterwäsche ins Schlafzimmer. Die unterste Schublade war immer noch leer und John war schwer in Versuchung, die Sachen einfach dort reinzutun, aber ihm war klar, dass das Davids Entscheidung sein musste.

Mit einem Seufzer ging John neben dem Rucksack in die Hocke und öffnete den Reißverschluss an der Oberseite. Neben den wenigen Kleidungsstücken sah er jetzt zwei Skizzenbücher. Es juckte ihn in den Fingern, sich Davids neueste Zeichnungen anzuschauen. Er streckte sogar schon die Hand nach den Skizzenbüchern aus. Doch er hielt mitten in der Bewegung inne, als er die beiden Kekse sah, die neben dem Kleiderstapel im Rucksack versteckt waren. Oh David … du brauchst das doch nicht mehr zu machen.

Er schloss den Rucksack und legte die Unterwäsche obendrauf.

John richtete sich auf, setzte sich auf die Bettkante und schaute den Rucksack an. Solche Kleinigkeiten erinnerten ihn immer wieder daran, dass sein Leben mit David keine gewöhnliche Beziehung war; es gab immer etwas, das alles noch komplizierter machen konnte, Dinge, die sie aus dem Gleichgewicht bringen konnte, auch wenn sie noch so klein und unscheinbar scheinen mochten.

Er seufzte und fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. Hatte ich etwa wirklich von David erwartet, mir in mein wirkliches Leben zu folgen, womöglich als mein „Lebensgefährte“ an Führungskräftetreffen teilzunehmen? Aus seinem traurigen Auflachen wurde ein Stöhnen; John wusste genau, dass dafür nicht der kleinste Hauch einer Chance bestand. Abgesehen von der Tatsache, dass Bisexualität ab einer gewissen Gehaltsstufe keine Alternative war, würde David in diesem Umfeld nicht überleben. Und John würde ihm das nicht zumuten.

David machte Fortschritte. Das war ihm klar, und in letzter Zeit hatte es deutlich mehr Erfolge als Rückschläge gegeben. David hatte zwar nichts gesagt, aber John wusste, dass seine Gespräche mit Barbara inzwischen eher formell strukturiert waren. John schnüffelte ihnen nicht hinterher, aber als er sich einmal bei Barbara erkundigt hatte, wie es David so ging, hatte ihre leicht kryptische Antwort gelautet: „Ich glaube, das kannst du besser beurteilen als ich.“ Das hoffte er.

Die gefaltete Unterwäsche fiel ihm erneut ins Auge. Vielleicht ist das jetzt mein wirkliches Leben?

Als er endlich seinen Schlüssel im Schloss der Wohnungstür drehte, musste David zugeben, dass er völlig erschöpft war. Der Fußmarsch zum Obdachlosenheim und wieder zurück, die Regale zu bauen, mit Barbara zu reden, das alles hatte ihn müde gemacht. David wusste, dass seine Sessions mit Barbara hilfreich waren, doch jedes kleine Zugeständnis an Information war ein harter Kampf und zehrte an seinen Kräften. Da waren so viele Probleme, so viele Gefühle ineinander verstrickt – dieses Durcheinander zu entwirren war zeitaufwendig und anstrengend. David atmete tief durch, straffte die Schultern und stieß die Tür auf.

David konnte John nicht sehen, doch er hörte ihn in einem anderen Zimmer sprechen. Er folgte dem Klang von Johns Stimme in die Küche.

John lehnte am Küchentresen und telefonierte mit seinem Handy. Am Tonfall des Gesprächs, mehr noch als an dessen Inhalt, erkannte David, dass John über geschäftliche Dinge sprach.

„Hör mal“, sagte John mit kaum verhohlener Frustration. „Ich hab‘ dir doch gesagt, dass du das so nicht angehen kannst. So kriegen dich die Auditoren ganz sicher am Arsch und mich letztendlich auch.“

David warf ihm ein halbes Lächeln zu, da er ihn nicht stören wollte. John hob die Hand zu einem Winken, war aber eindeutig abgelenkt durch die Person am anderen Ende der Leitung. Mit einem leichten Nicken ging David wieder ins Wohnzimmer und ließ sich auf die Couch fallen. Es ärgerte ihn immer noch, wie schnell sein Körper ihn im Stich ließ; er hatte kaum einen halben Tag lang gearbeitet, und seine Muskeln protestierten. Er seufzte und sank in die Kissen.

John trat vom Küchentresen weg und beobachtete David, während er telefonierte; seine Ungeduld mit dem Anrufer wuchs von Sekunde zu Sekunde. Schließlich hatte er genug und blaffte: „Pass auf, rede mit Marian darüber. Nein, sie kennt alle Details und kann sie mit dir durchgehen.“ Er legte auf und massierte sich müde mit einer Hand das Genick. Sogar von einem blöden Telefonat dröhnte ihm der Schädel. Er schaute zu David, der mit geschlossenen Augen zusammengesackt auf der Couch saß und fragte: „Möchtest du einen Tee, Dave?“

„Mmm … ja bitte.“ Davids Antwort klang, als wäre er bereits am Eindösen. Er öffnete die Augen, blinzelte ein paar Mal und setzte sich auf.

Er hörte, wie John den Hahn aufdrehte und den Kessel füllte, und beugte sich vor, um seine Stiefel auszuziehen. Das Leder begann sich an einigen Stellen durchzuscheuern, und die Gummiteile waren völlig ausgeleiert. Er drehte einen Stiefel um und schaute sich die Sohle an; sie hatte ein kleines Loch. Das kann ich bis zum Winter gut mit Pappe abdichten, beschloss er und stellte die Stiefel ordentlich nebeneinander auf den Boden.

Mit einem leisen Ächzen zog David einen Fuß hoch, legte ihn sich aufs Knie und begann, wieder ein bisschen Leben hineinzukneten.

John stellte seinen und Davids Becher auf den Kaffeetisch. „Du hörst dich müde an“, sagte er freundlich.

„Ein bisschen“, log David.

John lächelte ihn ungläubig an und setzte sich ans andere Ende der Couch. „Hier … lass mich mal.“ Er klopfte sich aufs Knie, und David schwang gehorsam die Beine herum und lehnte sich zurück. John zog ihm die Socken aus und rieb mit der flachen Hand über die heißen Fußsohlen. „Ich weiß immer noch nicht, warum du dich nicht von mir fahren lassen willst“, grummelte er und begann David die Füße zu massieren, einen nach dem anderen.

„Ich schaff’ das schon … und ich laufe gern.“ David lächelte John mit müden Augen an.

Ohne mit der liebevollen Fürsorge aufzuhören, schniefte John und brummte vor sich hin: „Ich weiß, dass du das schaffst, aber vielleicht will ich ja helfen.“

David seufzte und nickte. Mit leiser und sehr zufrieden klingender Stimme sagte er: „Heute hat jemand eine ganze Kiste Orangen gespendet.“

Das wirkte zwar wie ein Themawechsel, aber John wusste es besser; das war Davids Art, ihn hereinzulassen.

„Ja?“, sagte er, nicht direkt fragend, sondern um David die Erlaubnis zum Weitersprechen zu geben, falls er wollte.

„Mmm … Nachdem die aufgeschnitten waren, hat es überall nach Orangen gerochen und das hat mich an meine Kindheit erinnern. Ich weiß noch, wie meine Mum in den Garten rausgekommen ist und uns eine Orange gebracht hat, in drei Stücke geschnitten für meine Brüder und mich. Wir saßen in der Sonne und haben sie gegessen. Ich habe gelacht, weil wir alle das ganze Stück in den Mund gesteckt haben, sodass man nur noch ein Orangenschalen-Grinsen sehen konnte. Mum hat mit uns geschimpft, aber sie war eigentlich gar nicht ärgerlich.“ Er stockte kurz und sagte dann einfach: „Es hat gut gerochen.“

Johns Finger bewegten sich kaum, während er David zuhörte. David hatte ihm gerade erzählt, dass er Brüder hatte. Als David verstummte und ihm in die Augen sah, sagte John ein Wort. „Geranien.“

David schaute ihn fragend an und lachte: „Was?“

„An den Geruch erinnere ich mich“, verdeutliche John wie selbstverständlich und drückte Davids Zehen. „Die kleine Topfpflanze mit den weißen Blüten, die auf dem dunkelgrünen Treppenabsatz stand; das ist die Stufe vor der Tür.“

David nickte und versenkte sich entspannt in der Geschichte. Er konnte sich den kleinen Jungen neben den Blumen mühelos vorstellen.

„Da habe ich immer gesessen und gewartet, bis mein Großvater von der Arbeit kam … oder aus dem Pub, wenn Zahltag war. Meine Oma hat geschimpft, weil ich immer die Blätter geknickt habe, aber ich mochte einfach den Geruch so gern. Als Erwachsener habe ich diesen Geruch gar nicht mehr bemerkt.“

„Gerüche sind anders, wenn du erwachsen wirst, aber sie sagen dir immer noch etwas“, sagte David, und seine Stimme wurde um einiges düsterer. „Ich habe es gehasst, schlecht zu riechen, aber ich konnte einfach nichts dagegen tun …“

„Ich weiß, Dave“, flüsterte John. Er sah ein, dass es sinnlos war, es zu leugnen.

„Es hat mir so viel bedeutet, dass du mir erlaubt hast, dein Badezimmer zu benutzen“, murmelte David. Er hielt inne, holte tief Luft und fragte dann: „Warum hast du das getan, John?“

„Das weiß ich gar nicht so genau“, antwortete John wahrheitsgemäß. „Wahrscheinlich aus einer Mischung von Mitgefühl und Scham.“

„Scham?“ Das Wort klang ganz falsch, wenn es von John kam, und verwirrte David.

„Ja, Dave, Scham. Ich hatte mir auf den ersten Blick ein Urteil über dich gebildet. Ich hatte dich abgeschrieben wegen deiner Kleider, wegen des Drecks auf deiner Haut und ja, auch wegen des Geruchs.“ Die Worte auszusprechen schmerzte John mehr als er je vermutet hätte, aber es war richtig, David das endlich einzugestehen. „Dem Himmel sei Dank für Jamie, was?“

David nickte.

„Er hat mich ständig bedrängt und an mir herumgekrittelt, dass ich das alles vergessen und mir den Menschen dahinter anschauen soll. Er hat mir immer wieder Tatsachen über dich vor Augen geführt, etwa dass du oft hungrig warst und im Winter nicht immer im Obdachlosenheim übernachten konntest. Ich habe einmal gesehen, wie du dir in einem Hauseingang ein Bett aus Pappkarton zu machen versucht hast, aber als ich zurückgekommen bin und dich holen wollte, hatte die Polizei dich schon weggeschickt.“ John zögerte gerade lang genug, um einmal tief Luft zu holen, und sagte dann leise: „Es war, als wärst du für mich plötzlich ganz real geworden.“

„Du bist zurückgekommen und wolltest mich holen?“, sagte David mehr zu sich selbst als zu John, aber John nickte und entgegnete: „Ja … Ich glaube, ich wusste damals schon, dass ich mit dir in der Patsche saß.“ Er drehte sich um und warf David ein leicht verlegenes Grinsen zu. „Die Nacht damals war der Anfang, und es wurde mit jedem Mal schlimmer. Als du hierhergekommen bist, nachdem du zusammengeschlagen wurdest, da war ich krank vor Sorge und trotzdem so verdammt erleichtert, dich zu sehen. Scheiße, du hättest Marians Gesicht sehen sollen, als ich sie fortgeschickt habe. Fast die ganze Nacht lang habe ich neben dir gesessen und dich beobachtet. Ich habe mir eingeredet, dass ich das nur mache, damit du mir nicht wegstirbst. Aber so gern ich es auch weiterhin geleugnet hätte ... da wusste ich, dass ich dich liebe.“

David senkte den Blick und ließ das Schweigen eine Zeit lang im Raum hängen. Seine Stimme war beinahe ein Murmeln, als er zu sprechen begann. „Du hattest fast den ganzen Tag über den Geschäftsbüchern gesessen; ich nehme mal an, dass Maggie in Buchhaltung nicht besonders gut war und dein Gesicht war die ganze Zeit so finster und ernst. Doch einmal hat deine Konzentration nachgelassen und deine Augen haben so einen entfernten Blick bekommen, beinahe traurig. Nur für einen kurzen Moment, aber lang genug, dass ich mich in dich verliebt habe.“ Seine Stimme verklang und wich dem Rauschen des Blutes in seinen Ohren, als er Johns verblüfftes Gesicht sah.

Falsch, falsch. Das hätte ich nicht sagen sollen. Panik wallte in David auf, und er hätte Johns geflüsterte Frage fast überhört: „Liebst du mich, David?“

Mit mehr Mut, als er sich selbst zugetraut hätte, hob David behutsam seine Füße von Johns Schoß, drehte sich um und kroch auf ihn zu. Seine sämtlichen Instinkte verboten ihm, dieses Risiko einzugehen, aber David nickte, beugte sich vor und streifte Johns Mund mit seinen Lippen.

John saß ganz still und ließ sich von David küssen. Doch als ihre Lippen sich öffneten, fanden seine Finger in Davids Haar, strichen es zurück, sodass John seine Augen sehen konnte. Das Staunen in Johns Gesicht wich einem Grinsen, das ihm fast das Gesicht zerriss. „Ich liebe dich wie verrückt, verdammt noch mal“, sagte er, immer noch mit einem Anflug von Ungläubigkeit in der Stimme.

David ließ die Furcht davongleiten und erwiderte Johns Lächeln genauso breit. Sie küssten sich erneut, aber diesmal – zum ersten Mal – als ebenbürtige Partner. Keiner führte, keiner folgte, während sie einander schmeckten und berührten. John rutschte auf der Couch langsam tiefer, bis er fast auf dem Rücken lag und David ausgestreckt auf ihm, schwer und solide und real. Sie rieben sich sanft aneinander, rollten die Hüften in einem gemächlichen Tanz, als gäbe es keine Textilien, die sie trennten.

Johns Haut war unter Davids Händen, sein Haar um seine Finger geschlungen. Alles andere verblasste außer einem lästigen Geräusch, das er ganz am Rande wahrnahm. Plötzlich erkannte er es: Johns Handy. David wich rasch zurück ans Ende der Couch; er atmete schwer. Verwirrt über seinen plötzlichen Rückzug setzte John sich auf, sodass er David in Reichweite hatte und sagte: „Dave? Das ist nur mein Handy. Lass es klingeln. Irgendwann hört es schon auf.“

David schaute auf seine jetzt gefalteten Hände hinab und sagte mit großem Ernst: „Es könnte wichtig sein, John. Es könnte deine Arbeit sein.“ John runzelte die Stirn, als er sah, wie sich David auf nur allzu vertraute Weise auch emotional von ihm zurückzog. Haben wir das nicht längst hinter uns gelassen, Dave? , dachte er. Das Klingeln ging ihm mehr und mehr auf die Nerven. „Scheiße“, fluchte John im Flüsterton, stand auf und klappte das Handy auf. „Was gibt’s?“

Die metallische Stimme am anderen Ende begann ihm von Problemen mit einem Vertragsabschluss zu erzählen, aber John hörte gar nicht richtig zu. Über Zahlen zu reden kam ihm einfach nicht wichtig vor und ihm wurde klar, dass ihm das Portfolio, das er das ganze letzte Jahr über zusammengestellt und gepäppelt hatte, völlig gleichgültig war. Es zählte einfach nicht. Er schaute David an, der schweigend auf der Couch saß und auf ihn wartete und wusste, dass es eigentlich gar nichts zu entscheiden gab.

John ließ den Anrufer ausreden und sagte dann mit überraschend ruhiger, fester Stimme: „Danke für deinen Anruf, Bob, aber um ganz ehrlich zu sein – das ist nicht mehr mein Leben. Ich habe etwas viel, viel Besseres.“