DIE HERBSTSONNE schien warm auf Davids Schultern. Rund um das Gartencafé herrschte reger Betrieb; Menschen plauderten angeregt miteinander und zeigten sich gegenseitig postkartengroße Reproduktionen der Kunstwerke, die sie gerade besichtigt hatten. Doch David begnügte sich damit, den Mann zu betrachten, der ihm gegenüber saß.
John blickte von seinem Ausstellungskatalog auf und sah David lächeln; er konnte fühlen, wie ihm die Röte in die Wangen stieg. „Was?“, fragte er.
David zuckte nur die Achseln und lächelte weiter, bis John ein verlegenes Lachen ausstieß und knurrte: „Komm mir bloß nicht so. Sag’s mir!“
„Ich schau‘ dir nur dabei zu, wie du die Gemälde studierst; ich hatte wohl einfach nicht erwartet, dich so zu sehen … du weißt schon, völlig vertieft. Ganz versunken in den Bildern. Du scheinst nicht so der Typ für Kunst zu sein.“
John wand sich ein wenig und machte Anstalten, das Buch zu schließen, aber David legte ihm sanft eine Hand auf den Arm und hielt ihn davon ab. „Warum diese Bilder, John? So schön die Präraffaeliten auch sind, ich hätte nie gedacht, dass du so was magst.“
„Was dachtest du denn, dass ich mag?“
David grinste und sagte: „Keine Ahnung. Kreative Buchhaltung?“
John zog ein Gesicht und tat so, als wollte er nach ihm schlagen, aber dann sagte er: „Als ich noch jung war, so ungefähr siebzehn, hatte ich mal einen halben Tag frei und bin mit dem Zug nach Birmingham gefahren. Ich hatte gerade meinen Lohn bekommen und wollte mal gucken, was neue Fußballschuhe kosten oder so. Ich weiß nicht mehr genau was. Jedenfalls wusste ich, dass ich sowieso nicht genug Geld hatte und noch mindestens eine Woche warten muss.“ David sah, dass John einen ganz versonnenen Blick bekam. Das war immer ein gutes Zeichen, eine Chance, das Rad der Zeit zurückzudrehen und einen Blick auf Johns Lebensweg zu erhaschen.
„Ich hatte ein Sandwich dabei – meine Oma hat mir immer was zum Mittag eingepackt – und ich habe mich zum Essen in den Park gesetzt. Ich hatte gerade angefangen, da ging die Sintflut los. Herrgott, es hat geschüttet wie aus Eimern. Ich hatte keine Jacke dabei und es gab nirgendwo was zum Unterstellen, also habe ich mir meine Sachen geschnappt und bin zum nächsten Gebäude gerannt.“ John hielt inne und schüttelte den Kopf. Er lächelte bei der Erinnerung. „Es war eine Kathedrale, eine riesige Scheiß-Kathedrale mitten in der Stadt. Da hätte ich mich normalerweise nie reingetraut.“ Er hob die Hände zum Himmel, um seine Worte zu unterstreichen, was David zum Lachen brachte.
„Ich kann mich noch erinnern, wie ich da zusammengekauert im Eingang stand, mir mein Sandwich in den Mund gestopft und rausgeschaut habe in den Regen. Es sah aus, als würde es so bald nicht aufhören, also habe ich den letzten Bissen runtergeschluckt und beschlossen, mich drinnen umzuschauen.“ Mit Ehrfurcht in den Augen versuchte John das Staunen in Worte zu fassen, das er damals empfunden hatte. „An so einem Ort war ich vorher noch nie gewesen und … es war atemberaubend. Die bunten Fenster … alles war in Farbe getaucht. Ich weiß noch, wie ich auf meine Hand geschaut habe; meine Haut war voller Rot- und Goldtöne, und ich konnte nicht glauben, wie schön das aussah.“ Als er aufblickte, starrte David die nach oben gewandte Handfläche an, als wären die Farben nach all den Jahren immer noch dort gefangen, und John murmelte: „Bis dahin hatte ich nie auch nur geahnt, dass es solche Schönheit überhaupt geben kann. Ich hatte wohl nicht damit gerechnet.“
David sah ihm in die Augen und lächelte. John musste sich räuspern und wandte sich wieder seinem Buch zu. „Also … äh, jedenfalls habe ich dann herausgefunden, dass diese Fenster von einem Künstler namens Burne-Jones waren.“
Der Lärm einer gelangweilten Schulklasse unterbrach ihn kurz und er warf ihnen einen missmutigen Blick zu. David zuckte lediglich die Achseln und sagte: „Die Bilder bewegen sich nicht und es gibt weder Schießereien noch Autoverfolgungsjagden, aber man weiß ja nie, John. Vielleicht findet einer von ihnen unerwartete Schönheit in der Ausstellung und erinnert sich noch als Erwachsener daran. Und schlimmstenfalls werden sie sich daran erinnern, wie sie mit den Fingern über das Wasserfall-Fenster gefahren sind und vielleicht zu dem Schluss kommen, dass Kunstgalerien eigentlich ganz okay sind.“
John lauschte den leise gesprochenen Worten und war überwältigt von Davids Schönheit; er konnte sie deutlich sehen, körperlich und geistig. John setzte gerade zu einer Antwort an, als er merkte, dass Davids Aufmerksamkeit ins Wanken geriet. Irgendetwas hinter John war ihm anscheinend ins Auge gefallen. Das Lächeln verschwand von Davids Gesicht; er packte die Tischkante mit beiden Händen und stemmte sich hoch, den Blick immer noch starr über Johns Schulter gerichtet.
„Dave? Was ist denn?“, fragte John und schaute sich nach dem Grund für Davids Reaktion um.
David entfernte sich langsam rückwärts vom Tisch und murmelte so etwas wie: „Ich muss gehen.“
„David?“ John stand auf und streckte den Arm nach ihm aus, aber David hatte sich bereits umgedreht und ging mit raschen Schritten auf den Ausgang zu, bahnte sich seinen Weg durch die sommerliche Menge, ohne auf Johns Rufen zu reagieren.
John raffte rasch seine Sachen zusammen, um ihm zu folgen, doch da merkte er, dass jemand hinter ihm stand. Der junge Mann starrte David nach, dann wandte er sich an John. Eine Mischung von Schmerz und Verwirrung spiegelte sich in seinem Gesicht.
John war hin- und hergerissen; er wollte David hinterherlaufen, aber er hätte auch gerne mit dem jungen Mann geredet, dessen Gesicht ihm von den zahlreichen Porträts in Davids Skizzenbuch so vertraut war.
„Das war mein Dad, oder?“, fragte der Junge leise.
John schaute in die Richtung, in die David verschwunden war. Er seufzte, wandte sich wieder zu Adam um und nickte.
Adam stand völlig ratlos da und suchte nach Worten; erst nach mehreren vergeblichen Anläufen brachte er schließlich heraus: „Warum ist er weggegangen? Was hab‘ ich gemacht?“
John schüttelte den Kopf und hob die Hand. „Du hast gar nichts gemacht, Adam. Dein Dad hatte einige Probleme. Hör mal, ich muss ihm unbedingt nach und schauen, ob er okay ist.“ John holte sein Portemonnaie heraus und gab Adam eine kleine, cremefarbene Visitenkarte, auf der mit Bleistift eine neue Telefonnummer über der säuberlich aufgedruckten alten Nummer stand. Er legte Adam eine Hand auf den Arm und sagte: „Bitte ruf mich an … Ich werde mein Bestes tun, um es dir zu erklären.“ Dem Teenager war seine Verwirrung deutlich anzusehen. Aber damit konnte John sich im Moment nicht befassen, weil er David folgen musste.
Ohne auf eine Antwort zu warten drängte John sich durch die Menschenmenge im Durchgang und joggte durch den Ausgang zum Parkhaus. Er wurde erst langsamer, als er um die Ecke kam und sein Auto in Sicht war. Von David war keine Spur zu sehen.
John wartete über eine Stunde lang beim Auto, schaute jedes Mal hin, wenn jemand den Parkplatz betrat und lief mehrmals die ganze Fahrbahn entlang bis zur Einfahrt und wieder zurück. Er schaute in die beiden Herrentoiletten auf dieser und auf der oberen Ebene nahe der Galerie und kehrte dann mit erwartungsvoll flatternden Nerven zum Auto zurück, da er sich ausmalte, wie David dort still auf ihn wartete.
Aber David war nicht da.
John hatte ein mulmiges Gefühl im Bauch, als er endlich den Zündschlüssel umdrehte und rückwärts aus der Parklücke fuhr. Wegzufahren kam ihm falsch vor, als würde er aufgeben und als könnte David trotzdem vielleicht noch auftauchen, obwohl er logischerweise wusste, dass das nicht so war. Auf der ganzen Fahrt nach Hause schaute er nach Fußgängern, spähte durch die Windschutzscheibe in Hauseingänge und verpasste grüne Ampeln, weil er sämtliche Gesichter musterte. Die ganze Zeit über redete er sich ein, dass David nach Hause unterwegs war … in ihr gemeinsames Zuhause.
Als er vor dem Laden parkte, glaubte er das schon fast.
In der Wohnung war es ruhig, als John die Tür öffnete, aber das musste nicht unbedingt heißen, dass David nicht dort war. Es hatte eine ganze Weile gedauert, bis John die Stille, die David oft umgab, verstand und zu schätzen wusste. Er ging von Zimmer zu Zimmer, und mit jedem leeren Raum wuchs seine Furcht.
Auf dem Küchentresen fand er neben einem Stapel von Briefen und bezahlten Rechnungen das, was er dort zu finden erwartet hatte: ein kleines, silberfarbenes Handy. John hatte es schon vor Wochen für David gekauft. Er hatte gelächelt und sich bedankt, es aber nie mitgenommen, es nicht einmal in seinen Rucksack gesteckt. Wahrscheinlich hatte er es noch nicht einmal angeschaltet. John schob das Handy auf der Arbeitsfläche ganz nach hinten und flüsterte: Hilf mir doch, Dave.
DIE SONNE war untergegangen und abgesehen vom unablässigen Ticken der Wanduhr war es still in der Wohnung. John saß in seinem Sessel und starrte in den dunklen Raum. Seine reglose Haltung stand im krassen Gegensatz zu dem Aufruhr in seinem Inneren. In seinem Schädel pochte es und jeder Muskel drohte zu zucken. Er musste unbedingt etwas tun. Er wusste nur nicht was. Als das Telefon klingelte, flog John buchstäblich aus dem Sessel und umklammerte den Hörer. „Hallo, David?“, sagte er atemlos, mehr hoffend als wissend, wer der Anrufer war.
Eine stockende Stimme am anderen Ende der Leitung sagte: „Hi, äh … John. Ist mein Dad okay?“
John schloss die Augen und atmete tief durch. Er wusste, dass er dem Jungen eine Antwort geben musste, fand jedoch diese spezielle Frage extrem schwer zu beantworten. Am Ende antwortete er mit ruhiger Stimme: „Soweit ich weiß, Adam.“
Da ist es wieder, dachte Adam. Er sagt meinen Namen, als ob er mich kennen würde ... „Hat mein D… hat er je von mir gesprochen?“
John schüttelte den Kopf; ein leichtes, trauriges Lächeln spielte um seine Lippen. „David redet nicht viel, mein Junge, aber er hat mir von dir erzählt. Er vermisst dich sehr.“
Warum ist er dann gegangen? Die Frage hing zwischen ihnen, obwohl keiner sie stellte. John hörte Adam seufzen, dann fragte er: „Kann ich ihn sprechen? Wird er mit mir reden?“
Wie zum Teufel soll ich das beantworten? Was kann ich ihm sagen? Dass sein Vater bei dem bloßen Gedanken, von ihm gesehen zu werden, in einem Buswartehäuschen eine ausgewachsene Panikattacke bekommen hat? John drückte sich den Hörer für einen Moment an die Stirn, um sich zu sammeln; er war sich darüber im Klaren, dass er dem Jungen nicht die ganze Wahrheit sagen konnte, wollte ihn aber auch nicht anlügen. Er holte tief Luft und sagte so ruhig wie möglich: „Das weiß ich nicht … Ähm, er ist im Moment nicht da. Es tut mir leid.“
Ein Kloß im Hals schnürte Adam die Luft ab. Bitte, John. Er ist mein Dad. Mit sehr dünner Stimme fragte er: „Erzählst du mir von ihm?“
Das möchte ich ja, Adam … sehr gerne. Ich möchte dir gern erzählen, wie sehr er dich liebt. Was er auf sich genommen hat, um dich zu sehen. Die Zeichnungen und die Briefe, die er geschrieben hat. Dass David ein freundlicher, sanfter Mann ist, der trotz allem eine solche Würde hat … Tränen brannten hinter Johns Augenlidern, und er unterbrach den Gedankengang. Das half nicht weiter. Mit sanfter Stimme sagte er zu Davids Sohn: „Adam, hab‘ bitte Verständnis dafür, dass ich zuerst mit David reden muss.“
„Was, wenn er Nein sagt?“
Was, wenn er Nein sagt? Scheiße! John rieb sich mit den Fingern über die Augen. Es tat weh, Adams Verzweiflung zu hören.
Als John nicht antwortete, flehte Adam leise: „Bitte, John.“
„Gib mir deine Nummer, Adam“, antwortete John. Er wusste, dass er es versuchen musste.
Als John den Hörer auflegte, rannen ihm die Tränen über die Wangen. Er machte keinen Versuch, sie wegzuwischen. Dir ist es so gut gegangen, Dave. Uns ging es so gut. Er lehnte sich an den Küchentresen, rieb sich mit einer Hand über das Gesicht und schaute seinen Sessel an. Ich kann nicht auf dich warten, Dave. Ich werde dich finden. John schüttelte den Kopf und schnappte sich seine Autoschlüssel vom Tisch.
INZWISCHEN WAREN die Straßen voller Menschen, die auf dem Heimweg in ihr eigenes Leben waren. Die keines hatten blieben zurück und suchten sich etwas, um ihre Nacht zu füllen. Er hatte es an einigen von Davids Stammplätzen versucht, bisher ohne Erfolg, und jetzt blieb nur noch einer übrig. Dann würde er sich wieder auf den Heimweg machen. John parkte, stellte den Motor ab und schaltete die Scheinwerfer aus. Er blieb hinter dem Lenkrad sitzen und schaute aus dem Fenster. Der Mond schien hell, sodass die vorderen Gärten des Parks gut zu sehen waren. Die Blumen, rot und gelb in der Sonne, leuchteten hell und farblos am Wegesrand.
John schaute auf die Blumen, als er aus dem Auto stieg und in den Park ging.