JOHNS FÜßE blieben auf den erleuchteten Wegen des Parks, doch sein Geist verirrte sich an Orte, von denen er zu Gott hoffte, dass David sich nicht hingewagt hatte. Lass das, knurrte er sich an und schüttelte diese Furcht ab. Irgendwie wusste er, dass David das hinter sich gelassen hatte.
Die Nacht war immer noch mild, doch John schob die Hände in die Taschen. Auf seinem Weg durch den Park suchte er unablässig die Schatten ab und schaute jeder einsamen Gestalt, die hier auf der Suche nach einem ruhigen Schlafplatz war, ins Gesicht. Ich kann dich nicht finden, wenn du nicht gefunden werden willst, Dave. Er seufzte, setzte aber entschlossen seinen Weg fort.
Schließlich kam er nahe der Mitte des Parks zu einem großen, runden Blumenbeet, von dem aus mehrere Wege wie die Speichen eines Rades in verschiedene Richtungen weiterführten. John blieb stehen und schaute die einzelnen Pfade entlang, bis sie zwischen Bäumen verschwanden. Er seufzte und rief aus Verzweiflung Davids Namen, woraufhin er prompt von einem jungen Pärchen beschimpft wurde, das hier fern von elterlicher Aufsicht einen ungestörten Abend verbringen wollte. Er entschuldigte sich schnell und entfernte sich. Und da hörte er die leise Antwort: „Ich bin hier, John.“
John wandte sich in Richtung der Stimme und kniff die Augen zusammen, bis er gerade eben Davids Gestalt ausmachen konnte, zusammengekauert auf einem Picknicktisch, die Füße auf der langen hölzernen Bank. David machte keine Bewegung in Johns Richtung; er saß nur da und beobachtete ihn.
Ohne ein Wort ging John zu ihm. Er setzte sich neben Davids Füßen auf die Bank, lehnte sich an die Tischkante und starrte reglos hinaus in den Park, obwohl er David am liebsten Vorwürfe gemacht oder wenigstens Fragen gestellt hätte. So blieben sie schweigend sitzen, bis John fühlte, dass die Anspannung des anderen Mannes langsam nachließ. Er seufzte leise, hob den Arm und drapierte ihn über Davids Knie. John blickte auf und fragte: „Bist du okay?“
David dachte ernsthaft über die Frage nach, dann nickte er langsam und sagte: „Er ist in den letzten paar Jahren sehr gewachsen.“
Davids Gesicht war ausdruckslos, aber John ließ sich dadurch nicht täuschen. Er stand auf und setzte sich neben David auf den Tisch – nah genug, um Davids Körperwärme zu spüren, aber ohne ihn wirklich zu berühren. Es war schwierig, still zu bleiben. Es gab so vieles, was er David gerne gesagt hätte, um ihn zu beruhigen. Aber wenn er eins in den vergangenen paar Monaten gelernt hatte, dann war das, David Zeit zu geben.
Nach langen Minuten des Schweigens bewegte John langsam seine Hand, legte sie zwischen den Schulterblättern auf Davids Rücken und begann sanft zu reiben. „Es eilt nicht, Dave.“
David schüttelte den Kopf und schaute weg. „Ich wäre nach Hause gekommen, John. Ich musste nur für eine Weile weg, aber ich wäre nach Hause gekommen.“
„Ich weiß“, log John.
DIE HEIMFAHRT war ruhig; David saß zusammengesunken auf dem Beifahrersitz, den Blick abwesend auf den vorbeiziehenden Gehsteig gerichtet. Er wirkte müde und niedergeschlagen, als John verstohlen einen Blick auf ihn warf. „Fast zuhause“, sagte er leise und umfasste das Lenkrad fester, als David seine Worte wiederholte: „Fast zuhause.“
Sobald John den Motor abgestellt hatte, stieg David aus und ging zur Haustür. Dort wartete er. „Möchtest du was essen? Vielleicht was trinken?“, fragte John auf dem Weg die Treppe hinauf und in die Wohnung.
Mit einem schlichten „Nein“ schüttelte David den Kopf. Er zögerte in der Mitte des Zimmers und schaute sich nach John um. Ein leichtes, irgendwie schuldbewusstes Lächeln huschte über sein Gesicht, als er sah, dass John ihn beobachtete. „Tut mir leid, John. Nein, danke. Ich glaube, ich muss ins Bett, wenn das okay ist.“
„Natürlich ist das okay“, sagte John und räusperte sich. „Geh schon mal vor; ich komm‘ auch bald.“ Er fasste nach Davids Arm, berührte ihn dann aber doch nicht und trat zurück. David nickte und ging mit müden Schritten ins Schlafzimmer.
John setzte sich auf die Couch und ließ den Kopf nach hinten sinken. Seine Augen waren geschlossen, doch er legte trotzdem noch den Arm vors Gesicht, wie um sich gegen das Licht abzuschirmen. Das hat uns gerade noch gefehlt, wo doch gerade alles so gut lief. Er wollte es dabei belassen, nicht über den Anruf zu reden und den Druck von David nehmen, aber John hatte Adams Gesichtsausdruck und die Verzweiflung in seiner Stimme nicht vergessen. Er ist ein Teenager, der mit seinem Vater reden will. Gedanken an seinen eigenen Vater spielten in seinen Zwiespalt mit hinein. Er liebte seinen Großvater, doch er hatte sich in all den Jahren oft gefragt, wie sein Vater so war und, vielleicht noch wichtiger, was er wohl von dem erwachsenen John halten würde. Wäre er stolz auf das, was aus seinem Sohn geworden war? Es hatte Zeiten in Johns Leben gegeben, als diese Frage vehement dementiert wurde, aber dennoch stets in seinen Gedanken lauerte.
Nicht heute, beschloss er. Kümmere dich morgen darum. Er raffte sich hoch, knipste das Licht aus und ging ins Schlafzimmer. David lag auf der Seite, sodass John nicht erkennen konnte, ob er schlief. Im Zimmer war es still. Er zog sich leise aus und legte sich ins Bett, das Gesicht Davids Rücken zugekehrt. Sein Atem wurde langsamer und seine Muskeln begannen sich bereits zu entspannen, da hörte er die leise gesprochene Frage: „Hat er mit dir geredet, John?“
John wurde es ganz eng um die Brust, obwohl er wusste, dass es nur einen richtigen Weg gab, hiermit umzugehen: mit Ehrlichkeit. „Ja. Er ist durcheinander, Dave, aber er möchte mit dir reden.“
David antwortete nicht.
John rückte näher und legte sein Kinn leicht auf Davids Schulter, sodass seine Wange an Davids Unterkiefer ruhte. Er holte kurz Luft und sagte: „Ich habe ihm meine Handynummer gegeben, und er hat mich heute Abend angerufen.“ John spürte, wie David sich verspannte. Er war in Versuchung, ihn an seine Brust zu ziehen, doch stattdessen hob er die Hand und streichelte Davids Schulter; langsame, gleichmäßige Bewegungen.
David war hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, von seinem Sohn zu hören und der panischen Furcht, dass Adam erfahren könnte, was aus ihm geworden war. „Ich schaff‘ das nicht, John“, flüsterte er.
„Er weiß nicht, wo du bist.“ John seufzte, küsste David auf den Hals und legte die Stirn an sein Haar. „Ich habe ihm versprochen, mit dir zu reden … ich habe ihm auch gesagt, dass du vielleicht noch nicht zum Reden bereit bist.“
Davids Atem wurde unregelmäßig und John wusste, dass er zu kämpfen hatte, doch er wusste auch, dass er weitermachen musste. „Er hat gefragt, ob ich mit ihm reden würde. Darf ich das?“
Es kam keine Antwort, abgesehen von einem zittrigen Schnaufen.
„Schon okay. Du brauchst es mir nicht jetzt gleich zu sagen“, flüsterte John, wobei seine Lippen den Mann vor ihm sanft berührten. David nickte, griff nach Johns Hand und zog sie um seine Brust. John nahm in fest in den Arm, drückte einen weiteren Kuss auf seine Haut und murmelte: „Verdammt, ich liebe dich so sehr.“
„SCHEIßE!“, SAGTE Jamie ein bisschen zu laut.
John warf ihm einen vernichtenden Blick zu und knurrte: „Nicht so laut, Jamie. Wie oft hab‘ ich dir das schon gesagt.“
Jamie warf einen Blick zum hinteren Teil des Ladens und hob die Hand, wie um sich zu entschuldigen. „Also hat Adam mit ihm geredet? Hat David mit Adam geredet?“, fragte er in einer vernünftigeren Lautstärke.
John schüttelte den Kopf und sagte traurig: „Nein, David hat Panik bekommen. Bis ich begriffen hatte, was los war, war es schon zu spät und er ist weggelaufen.“
„Mist“, sagte Jamie leise und lehnte sich an die Ladentheke. „Armer Dave. Das muss ihm ja einen Mordsschrecken eingejagt haben.“
Johns Haltung wurde etwas lockerer; Jamie verstand. „Ja. Ich habe nicht viel darüber aus ihm rausgekriegt.“ John schaute zum hinteren Teil des Ladens. Von dort war schwach das Herumschieben von Büchern zu hören; offenbar räumte David die Regale neu ein. John seufzte und sagte sehr leise: „Adam möchte mit ihm reden.“
Jamie folgte Johns Blick und runzelte die Stirn. Mit einem traurigen Kopfschütteln murmelte er, mehr zu sich selbst als zu John: „Er ist noch nicht soweit.“
„Ich weiß, Jamie.“ John massierte sich mit Daumen und Zeigefinger die Nasenwurzel; hinter seinen Augen drohten schon wieder die Kopfschmerzen. „Es ist so beschissen schwer, weil Adam auch leidet. Ich habe mit ihm telefoniert; er hat mich um ein Treffen gebeten.“
„Es ist ganz komisch, John“, sagte Jamie leise. „Ich mache mir schon so lange Sorgen um David, passe schon so lange auf ihn auf, dass es mir fast schwerfällt, mir Gedanken um Adams Gefühle zu machen. Aber andererseits weiß ich, dass ich es schlimm finden würde, David nicht mehr in meinem Leben zu haben.“
John schaute zu Jamie auf und nickte. „Ja.“ Doch in seinem Hinterkopf lauerte der lang unterdrückte Gedanke: aber ich war auch schon auf der anderen Seite.
„Hast du’s David gesagt?“, fragte Jamie.
John stieß einen lang gezogen, tiefen Seufzer aus. „Ich habe ihn gefragt, ob er okay ist. Er hat mir noch keine Antwort gegeben.“
„Das wird er“, sagte Jamie mit einer Gewissheit, die John beinahe zum Lächeln brachte.
„Um ehrlich zu sein, ich habe mir schwer überlegt, ob ich es nicht einfach machen soll, ohne ihm was davon zu sagen …“ John sah, dass Jamie kurz davor war, ihn zu unterbrechen, und hob die Hand. „Keine Sorge. Es war ein flüchtiger Einfall. Reiner Frust, aber das würde ich nie tun.“
„Vertrauen ist schwer zu verdienen“, sagte Jamie mit einer Weisheit, die jeden überrascht hätte, der ihn nicht gut kannte. „Vor allem von jemandem, der schon so viel durchgemacht hat.“
Diesmal lächelte John tatsächlich und strich sanft mit der Hand über Jamies Wuschelkopf.
OXFORD DICTIONARY, Webster’s Dictionary, Dictionary of Famous Quotes…. Die Sammlung von Nachschlagwerken war solide und greifbar; real. Etwas, das David herumschieben und woran er sich festhalten konnte. Jedes Mal, wenn sein Geist sich wieder zu dem Gartencafé oder dem Gespräch mit John verirrte, zog er ein weiteres Buch heraus und räumte das nächste Regal um.
„Du hast viel geschafft“, sagte John mit ruhiger Stimme und stellte einen Becher Kaffee auf ein frisch abgewischtes Regalbrett.
David unterbrach seine Tätigkeit und schaute aufmerksam den Becher an, eins der üblichen Werbegeschenke von einem Verlag mit grüner und blauer Aufschrift. Der Querstrich vom T ist ein bisschen verschwommen, als ob die Matrize beim Drucken abgerutscht wäre. Nicht perfekt, also macht der kleine Sprung vielleicht nichts aus … vielleicht ist es ja in Ordnung, dass der Buchstabe kaputt ist …
„Trink deinen Kaffee, David“, drängte John sanft.
David hob den heißen Becher an die Lippen, trank aber nicht. Über den Rand hinweg wisperte er: „Bitte sag ihm nicht, was ich getan habe.“
John blinzelte, als er das hörte. Ist das eine Erlaubnis? David nippte an seinem Kaffee, doch seine Hände umklammerten den dampfenden Becher ein wenig zu fest. John schob behutsam seine Finger durch den Griff, nahm ihm den Becher weg und stellte ihn auf ein nahes Regal. „Ich werde ihm nichts erzählen, was du mir nicht erlaubst“, sagte er und umschloss Davids Hände zärtlich mit seinen.
David starrte ihre miteinander verschränkten Hände an und nickte, dankbar für den Kontakt, der ihm Halt und Sicherheit gab. So standen sie schweigend da, bis John den Kopf senkte und Davids Blick einzufangen versuchte. „Bist du sicher, dass ich das tun soll?“, fragte er.
Ein Stirnrunzeln zuckte über Davids Stirn und seine Lippen wurden schmal, doch er nickte langsam und blickte auf. „Ich bin mir im Moment über gar nichts sicher“, sagte er. „Aber er braucht das.“
Ich glaube, das gilt für euch beide, ging John durch den Kopf.
JOHN FAND die Nummer auf seinem Handy und wartete, bis eine jugendliche Stimme sich meldete. „Was hat er gesagt?“
„Direkt zur Sache, was?“ John lachte nervös.
„Tut mir leid … entschuldige, John“, antwortete Adam. „Es ist nur, als ich deinen Namen gesehen habe, na ja …“
„Schon gut, mein Junge“, sagte John beschwichtigend. „Ich verstehe.“ Er holte tief Luft und fing an. „Ich habe mit David gesprochen … mit deinem Dad. Er ist noch nicht soweit, Adam … aber du und ich, wir können uns unterhalten.“
Am anderen Ende blieb es eine Zeit lang still, aber John wusste, dass es nicht an der Verbindung lag. Die war völlig in Ordnung. Schließlich fragte Adam: „Heute Nachmittag okay?“
John warf einen Blick auf die Uhr. „Das wäre gut. Sag mir nur wann und wo.“
Adam gab John die Adresse eines Cafés in der Nähe seiner Schule und schlug vor, sich in einer Stunde dort mit John zu treffen.
Nachdem John sich von ihm verabschiedet hatte, fragte eine leise Stimme von hinten: „Ist er okay?“
John nahm sich einen Moment Zeit, um sich zu fassen, dann drehte er sich um. Ein Blick auf Davids Körpersprache sagte alles. Ihm geht’s besser als dir im Moment, Dave. „Er ist enttäuscht, aber das wird schon“, sagte John, dann machte er ein paar Schritte auf David zu und lächelte. „Ich glaube allerdings, dass er heute die Schule schwänzt, um sich mit mir zu treffen.“
David versuchte zu lächeln, aber sein Gesicht verzerrte sich im Kampf gegen die Tränen, die ihm jetzt über die Wangen zu rinnen begannen. John zog ihn rasch an sich und flüsterte: „Eine verpasste Unterrichtsstunde können wir ihm ja vergeben.“