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IM CAFÉ schaute John auf die Tafel mit der Speisekarte. Was zum Teufel trinkt ein Teenager? Er bestellte sich einen Tee und setzte sich hin, um auf Adam zu warten. Er drehte den kleinen Salzstreuer zwischen den Fingern und sah zu, wie sich die feinen weißen Körnchen in dem Glasgefäß bewegten. Mehrmals blickte er auf, wenn Gäste kamen oder gingen; er konnte sich nicht einmal ansatzweise vorstellen, wie David sich fühlte. Seit ihrem Gespräch war er schweigsam gewesen, hatte kaum ein halbes Dutzend Wörter gesprochen. Er hatte höflich seine Hälfte des Sandwichs abgelehnt und sich sanft gegen Jamies Geplapper gewehrt, aber wenigstens hatte er sich nicht in seinen Sessel zurückgezogen. Das musste doch ein gutes Zeichen sein, eine Verbesserung, dachte John, verglichen mit dem zwanghaften Zeichnen und „Verstecken“ in dem ramponierten Ledersessel, an das er sich erinnerte.

Seine Gedanken wurden unterbrochen, als die Kellnerin eine Tasse Tee auf den Tisch stellte. „Bitteschön“, lächelte sie. Offenbar hatte sie ihm angesehen, dass er Sorgen hatte. „Ich habe Ihnen ein paar Kekse auf die Untertasse gelegt.“

„Danke“, antwortet John, dann runzelte er die Stirn. „Ach ja, könnte ich bitte noch einen Saft bestellen?“

 

 

ES WAR kein großes Problem, sich in der Pause davonzustehlen, seine Tasche aus dem Spind zu holen und sich durch den Seiteneingang aus der Schule zu schleichen. Er hatte seine Freunde gebeten, ihn zu decken, sollte jemand nach ihm fragen. Aber statt ihnen zu sagen, wo er hinging, hatte er sie glauben lassen, er würde sich mit einem Mädchen treffen. Sie hatten über seine Rastlosigkeit gelacht, wie er ständig auf seinem Handy nach der Uhrzeit gesehen hatte, bis er unter geflüsterten Zoten und anzüglichen Ratschlägen endlich flüchten konnte.

Es war eine Erleichterung, seinen Freunden entkommen und auf dem Weg zum Café zu sein. Während er über den rissigen Gehsteig eilte, achtete Adam auf seine Füße und fragte sich gleichzeitig, wie er damit klarkommen würde, falls dort sein Dad auf ihn wartete und nicht John. Er verdrängte den Gedanken, schob die Hände in die Taschen und marschierte zielstrebig weiter.

John kaute gerade abwesend an einem Keks, als er den Teenager hereinkommen sah. Er ignorierte das nervöse Grummeln im Bauch, stand auf und winkte ihn zu sich an den Tisch. Adam bedachte ihn mit einem halben Lächeln, setzte sich und schob seine Schultasche unter den Stuhl. „Danke, dass du für mich mit ihm gesprochen hast, John“, sagte er und gab sich dabei alle Mühe, erwachsen zu klingen.

John nickte. „Ich bin hier in einer schwierigen Lage, Adam. Ich habe das Gefühl, auf David aufpassen zu müssen, aber ich kann auch verstehen, warum du Kontakt mit ihm brauchst.“

„Es ist nur …“, fing Adam an, dann stockte er und holte Luft. „Ich will wissen, warum er uns verlassen hat. Warum er …“ Die Frage blieb unvollendet, da die Worte einfach nicht kommen wollten. Adam schaute rasch weg von John und stattdessen auf seine Hände.

„Das kann ich nicht beantworten, Adam“, sagte John traurig. Er wünschte, er hätte dem Jungen mehr anzubieten. „Ich weiß nur, dass er abwechselnd auf der Straße und in einem Obdachlosenheim gelebt hat, als ich ihn kennengelernt habe.“

Adam starrte ihn sichtlich verwirrt an. „Aber meine Mum hat gesagt, dass er uns für eine andere Familie verlassen hat.“

„Ich glaube, das stimmt nicht“, entgegnete John rasch und rätselte dabei, warum Adams Mutter ihn wohl angelogen hatte. „David redet eigentlich nicht darüber, aber hin und wieder mal lässt er das eine oder andere durchblicken. Deshalb bin ich ziemlich sicher, dass er alleine war, als er weggegangen ist. Er sagte, er wäre verwirrt gewesen und hätte anfangs nicht gewusst, was los ist.“

John beobachtete Adam, während er sprach, und der Junge schien sich gerade mühsam durch seine Erinnerungen an seine letzten gemeinsamen Tage mit seinem Vater durchzuarbeiten.

„Ehe er verschwand, ging’s ihm nicht so gut“, sagte Adam und schaute ein wenig verloren auf das Glas Saft, das vor ihm stand.

„Wie meinst du das?“, drängte John behutsam.

„Dad hat immer sehr hart gearbeitet. Ich meine, wirklich hart, und ich weiß, dass er es gehasst hat, so oft von mir getrennt zu sein. Ich weiß noch, wie ich eines Nachts mal aufgewacht bin und er saß schlafend in dem Sessel in meinem Zimmer. Beim Zubettgehen war ich so sauer auf ihn gewesen, weil er ein Meeting oder so was hatte und deshalb mein … Scheiße, ich weiß nicht mehr, irgendwas mit der Schule … verpasst hat.“ Adam blickte schuldbewusst zu John auf, weil er geflucht hatte, doch John bedeutete ihm nur mit einem Nicken, weiterzusprechen. „Jedenfalls ist er eines Morgens nicht aufgestanden. Als ich von der Schule gekommen bin, war die Tür immer noch zu … und am nächsten Tag auch noch. Ich wollte ihn fragen, wie’s ihm geht, aber Mum hat gesagt, dass er krank wäre und dass ich ihn in Ruhe lassen soll.“ Er zögerte eine Zeit lang, wie um alles im Kopf auf die Reihe zu kriegen, und fügte dann hinzu: „Ich habe an der Tür gehorcht, John … und ich glaube, ich habe ihn weinen gehört.“

Bei diesem Bild von David, alleine und weinend in seinem Zimmer verkrochen, tat John das Herz weh. Das Gefühl malte sich kaum eine Sekunde lang auf seinem Gesicht, ehe er es unterdrücken konnte. Doch Adam sah es trotzdem. „Ich bin nicht reingegangen und hab‘ nicht nach ihm gesehen. Ich glaube, das hätte ich vielleicht tun sollen“, sagte er leise.

„Du warst jung, Adam, und er war dein Dad“, sagte John freundlich. „Es ist eine verdammt harte Lektion – zu erfahren, dass dein Dad nicht perfekt ist. Sei nicht so streng mit dir.“ Er beugte sich vor und klopfte Adam auf die Schulter, da er ganz genau wusste, wie der Junge sich fühlen musste.

„Er hatte so was wie eine Nervenzusammenbruch, oder, John?“

„Ich glaube schon“, antwortete John. „Inzwischen geht es ihm etwas besser, aber er hat immer noch seine schlechten Tage.“

„Deshalb ist er verschwunden“, stellte Adam fest, eine Bestätigung mehr für sich selbst als für John. „Ich habe ihn gehasst, weil er uns verlassen hat, weil er mich verlassen hat, ohne was zu sagen. Weil ihm alles egal war, sonst wäre er ja dageblieben. Wie oft hätte ich ihn am liebsten angeschrien, aber dann gab es auch wieder Zeiten, da … ich glaube, ich wollte einfach nur mit ihm reden können. Aber er war nie da.“

„Es hat ihm wehgetan, kein Teil deines Lebens zu sein, Adam“, murmelte John. „Aber er war da. Er hat viel auf sich genommen, nur um dich sehen zu können.“

Adam runzelte die Stirn. „Wie meinst du das? Ich habe ihn nie wieder gesehen, nachdem er weggegangen ist; erst an dem Tag in der Kunstgalerie.“

John holte tief Luft und überlegte sich, wie er es am besten in Worte fassen sollte, ohne zu viel preiszugeben. Er fing langsam an. „David hat sich immer davon überzeugt, ob es dir gut geht, Adam. Er hatte nur selten Geld, aber das Bisschen, was er hatte, das hat er für den Bus ausgegeben, um dich sehen zu können. Er war immer da, auch wenn du ihn nicht gesehen hast.“

Adam schüttelte den Kopf und war schon drauf und dran zu wiedersprechen, da stockte er und wurde blass. Er starrte John an, als ihm die unwillkommene Erkenntnis dämmerte. „Das Buswartehäuschen in der Nähe der Schule; die Jungs haben manchmal Witze gerissen über den alten Penner da drin …“ Seine Stimme verklang und er wandte sich rasch ab, um aus dem nächsten Fenster zu schauen.

„Schon okay, Adam“, flüsterte John. „Du hast es nicht gewusst, weil er nicht wollte, dass du es weißt.“

Adam blinzelte heftig, um die Tränen zurückzuhalten. Das Gesicht weiter dem Fenster zugewandt sagte er mit leicht brüchiger Stimme: „Sie haben ihn wie Dreck behandelt, John.“

John beugte sich vor, fasste Adam erneut am Arm und sagte: „Das hab‘ ich auch getan, Adam; ganz am Anfang.“

„Scheiße“, fluchte Adam fast im Flüsterton und wischte sich mit dem Handrücken zornig eine verirrte Träne weg. John trank einen Schluck von seinem Tee und ließ Adam ungestört. Er lächelte und nickte der wachsamen Kellnerin zu, um ihr zu signalisieren, dass alles okay war.

Schließlich holte Adam zittrig Luft und wandte John das Gesicht zu. „Darf ich dich fragen, seit wann du ihn kennst?“

„Noch gar nicht so lange, eigentlich. Erst seit Mitte des Jahres“, antwortete John, ein bisschen überrascht, dass es erst so kurz war. „Er … war Stammkunde in dem Laden, den ich übernommen habe.“

Adam schaute ihn stirnrunzelnd an, bis John erklärte: „Es war kalt, und die Vorbesitzerin hat ihn immer hinten im Laden die Secondhand-Bücher lesen lassen, damit er im Warmen war. Sie hat eine Weile gebraucht, um ihn davon zu überzeugen, dass es okay war. Aber sie war ziemlich hartnäckig.“

Da Adam nur mit einem leichten Nicken antwortete, hielt John eine ausführlichere Erklärung für angebracht: „Er hatte einen alten Ledersessel hinten bei den Büchern. Genau genommen steht der immer noch da, und dort saß er immer den ganzen Tag und hat gelesen.“

„Dad hat gern gelesen“, bestätigte Adam mit dem leichten Hauch eines Lächelns.

John erwiderte das Lächeln. „Es hat ihm gutgetan, in einem Buch zu verschwinden; das hat er gebraucht.“ Er trank einen Schluck Tee; was als Nächstes kam, gab er nur sehr ungern zu, doch er wusste, dass Adam die Wahrheit hören musste. „Als ich den Laden gepachtet habe, wollte ich ihn nicht dort haben“, sagte er verlegen, ja geradezu beschämt. „Ich dachte, er vergrault mir womöglich noch die Kundschaft, weil er so ungepflegt war und ziemlich schlecht gerochen hat. Aber dann habe ich ihn näher kennengelernt und ihm, äh, eine Möglichkeit geboten, sich zu waschen.“ Angesichts von Adams unglücklicher Miene sagte John hastig: „Es geht ihm jetzt besser, Adam … auch wenn er immer noch nicht viel redet.“

Adam ließ sich ein paar Minuten Zeit, um die Information zu verarbeiten; er lehnte sich zurück und folgte mit den Augen den Wassertröpfchen, die auf seinem Orangensaftglas kondensierten. So viele Fragen drängten sich in seinem Kopf; bei einigen war er sich nicht mal sicher, ob er die Antwort wissen wollte. Schließlich blickte er seufzend auf und fragte: „Aber er weiß, dass du jetzt hier mit mir zusammen bist?“

„Ja, das weiß er“, sagte John geduldig. „Du musst bitte verstehen, dass selbst das ein gewaltiger Schritt für ihn ist, Adam. Sogar dass du mit mir redest, versetzt ihn in Angst und Schrecken.“

„Warum? Warum hat er Angst vor mir?“ Vor lauter Verwirrung machte Adam ein finsteres Gesicht und John versuchte sofort, ihn zu beschwichtigen.

„Ich glaube wirklich nicht, dass es daran liegt. Ich glaube, er hat Angst davor, was du sagen könntest. Er schämt sich, Adam. Er schämt sich, dass er dich verlassen hat, er schämt sich für das, was er tun musste, um zu überleben …“ John schüttelte den Kopf, wohl wissend, dass er diesen Gedankengang mit Davids Sohn nicht weiter verfolgen konnte. Stattdessen sagte er: „Dein Dad hat nie aufgehört, dich zu lieben, Adam.“

Eine Träne bahnte sich ihren Weg über Adams Wange. „Wird er je mit mir reden, John?“

„Ich glaube schon“, sagte John mit einiger Zuversicht, denn nachdem er Adam kennengelernt hatte, glaubte er wirklich daran, dass es möglich war.

Adam beugte sich vor, trank den ersten Schluck von seinem Saft und fragte: „Können wir mal wieder miteinander reden?“

„Ja“, antwortete John mit einem breiten Lächeln. „Das können wir.“

 

 

BIS JOHN sein Auto geparkt hatte, war der Laden bereits geschlossen. Er spähte trotzdem durch die Eingangstür, um nachzusehen, ob wirklich niemand drinnen war. John schaute kurz zu den Vorderfenstern der Wohnung auf. Kein Lebenszeichen. Er ging hinauf.

Das Wohnzimmer war still; immer noch keine Spur von David. Er blieb stehen und lauschte. Irgendwie wusste er, dass David da war. Ein kaum wahrnehmbares Plätschern führte ihn zur Badezimmertür; John klopfte leise und probierte dann den Türgriff. Es war nicht abgeschlossen.

Das Bad war warm und voller Dampf, als John den Kopf hineinsteckte. „Ich bin zuhause“, sagte er. David schaute ihn an, lächelte leicht und nickte.

„Damit sag‘ ich dir nichts Neues, ich weiß.“ John erwiderte das Lächeln, kam herein und setzte sich auf den Badewannenrand. Er tauchte seine Fingerspitzen in das warme Wasser und sagte leise: „Ist schon eine Weile her, seit wir das zum letzten Mal gemacht haben.“ David seufzte und nickte erneut, während John den Schwamm ins Badewasser tauchte und über Davids Schultern ausdrückte. Der intime Moment gab ihnen eine Chance, einfach nur zusammen zu sein, ehe das Gespräch begann.

David schloss die Augen und wartete.

„Adam ist ein guter Junge, Dave“, begann John mit ruhiger Stimme. „Er vermisst dich, aber ich glaube, er versteht.“ Bei den ersten Worten sank David nach vorn und starrte auf die Wellen, die er im Wasser gemacht hatte. John musterte ihn aufmerksam und flüsterte: „Macht’s dir was aus, wenn ich mit reinsteige?“ David blickte nicht auf und antwortete nicht, aber er rückte weiter nach vorn, sodass eine kleine Welle entstand, die bis an die Kante der Badewanne schwappte – und genug Platz für John, um sich hinter ihm niederzulassen. Zum Dank berührte John ihn leicht an der Schulter, dann stand er auf, zog sich aus und warf seine Sachen über Davids Klamotten auf den Stuhl.

Das Wasser drohte überzulaufen, als er sich in dem warmen Bad niederließ, aber es tat seinen angespannten Muskeln gut. John stieß einen tiefen, wohligen Seufzer aus und lehnte sich an das warme Porzellan. „Komm her“, murmelte er, legte die Arme um David und zog ihn sanft zwischen seine Beine. Ohne ein Wort lehnte David sich in Johns Umarmung zurück, bis er an seiner Brust ruhte. Um sie herum herrschte fast völlige Stille, bis auf ein gelegentliches Plätschern, wenn John David auf die Schläfe küsste, wo sein Haar in nassen Strähnen klebte.

Als David den Kopf drehte und ihn ansah, sagte John: „Er hat nicht verstanden, warum du weggegangen bist, Dave. Deine Frau hat ihm erzählt, dass du jemand anderen gefunden hättest.“

„Nein“, sagte David – erst leise, dann wiederholte er es mit einem Anflug von Zorn in der Stimme.

„Schon okay“, beschwichtigte John. „Ich habe Adam gesagt, dass es nicht wahr ist.“

„Damals gab es niemanden“, flüsterte David erneut.

„Ich weiß“, murmelte John und legte seine Wange auf Davids Haar. John hatte gewusst, dass das hart werden würde, aber er war nicht darauf gefasst gewesen, wie weh Davids Leid ihm tun würde. Er atmete langsam aus, da ihm klar war, dass es sein musste, und wartete.

„Ich hatte Angst. Ich konnte nicht mehr denken und je mehr ich es versucht habe, desto verwirrter wurde ich. Es war … es war, als wären keine Verbindungen mehr in meinem Hirn. Ich wusste, dass sie eigentlich da sein müssten, aber sie waren weg.“ Die Furcht war ihm deutlich anzuhören, als David seine Gefühle in Worte zu fassen versuchte, sie so zu verarbeiten versuchte, wie er es von Barbara gelernt hatte. „Ich kann mich nicht daran erinnern, wie ich weggegangen bin. Ich wusste, dass ich weg musste … dann war mir kalt, und …“

John fühlte, dass David sich immer mehr verspannte, und streichelte ihm zärtlich den Kopf. „Adam weiß, dass etwas nicht in Ordnung war“, versicherte er und lenkte ihn damit ab. „Er hat mich gefragt, ob du krank warst. Ich habe ihm gesagt, dass ich das denke.“

„Ich hätte stärker sein sollen. Für ihn.“

„Scheiße, Dave“, seufzte John. „Wir wollen alle stärker und besser sein. Manchmal nur, um zu beweisen, dass wir Respekt verdienen … oder Liebe.“

David nickte still und nahm Johns Hand.

John holte tief Luft und sagte: „Aber inzwischen ist mir der Arsch eingeschlafen und das Wasser wird langsam kalt.“ Er küsste David und gab ihm einen Wink, sich aufzusetzen. „Ich glaube wir sollten uns jetzt abtrocknen, uns was zu essen machen und uns überlegen, was ich deinem Sohn bei unserem nächsten Treffen von dir ausrichten soll.“