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FINGER MIT abgebissenen Nägeln berührten das Bild mit einer Ehrfurcht, wie sie sonst für unschätzbar wertvolle Schätze reserviert war. Sie blätterten die Seite mit den zerfledderten Rändern behutsam zum nächsten Blatt um, das eine Montage von Skizzen zeigte; einige vollendet, einige nur grob angedeutet, aber alle von John. Adam betrachtete eine Skizze nach der anderen, registrierte die feinen Details um die Augen, die sanfte Rundung der Lippen. Er blickte zu John auf und stellte die Frage, die ihm seit jenem Tag in der Galerie im Kopf herumging: „Also, du und mein Dad?“ Er ließ den Satz so stehen und zuckte kurz die Achseln, da er nicht wusste, wie er ihn beenden sollte.

John lächelte, weil er sagen konnte: „Wir sind zusammen, Adam, falls du das wissen wolltest.“ Er hatte mit David hin und her diskutiert, was er sagen sollte und was nicht. Aber beide waren sich einig, dass sie mit Davids Sohn offen und ehrlich über ihre Beziehung reden mussten.

Adam nickte und schaute wieder auf die Buchseite. „Dachte ich mir“, sagte er ruhig. „An dem Tag in der Galerie … da habt ihr ausgesehen, als wärt ihr zusammen.“

„Als wären wir zusammen, hm?“, sagte John, und er konnte sich auch ein Grinsen nicht verkneifen.

„Du weißt schon … als ob ihr euch miteinander wohlfühlt“, sagte Adam und verdrehte die Augen. „Ich hab‘ euch eine Zeit lang beobachtet, weil ich nicht sicher war, ob das wirklich mein Dad war. Seine Haare sind viel länger und er ist so dünn.“

John machte große Augen und schüttelte den Kopf. „Dabei hat Dave in den letzten paar Monaten ganz schön viel zugenommen.“

„Nee, er ist dünn“, sagte Adam mit einer Bestimmtheit, die John zum Lachen brachte. „Nicht so wie früher, als ich noch klein war. Nicht dass er fett gewesen wäre oder so; nur, äh, stabiler.“

„Wie war er eigentlich, als du ein Kind warst? Kannst du mir das erzählen?“, fragte John. Das würde ihm vielleicht mehr über den alten David verraten, ehe die Depression und die Straße ihn in die Fänge bekommen hatten.

„Dad? Der war immer ein ziemlicher Scherzkeks.“ Adam grinste und lehnte sich zurück. „Als ich noch klein war, haben wir immer ganz makabre Witze erfunden. Du weißt schon, eklige Sachen, und Mum hat uns ständig deswegen geschimpft. Da haben wir’s natürlich erst recht gemacht.“

John lächelte und gab sich große Mühe, sich David lachend und Witze erzählend vorzustellen; es machte ihn traurig, dass er das nicht ganz hinbekam.

„Aber ich weiß nicht, in vieler Hinsicht war er nicht so wie die meisten Väter. Ich meine, er hat mit mir Fußball gespielt, aber er hat auch andere Sachen gemacht.“ Bei dieser speziellen Erinnerung wurde Adams Lächeln beinahe sehnsüchtig. „Meine Elfen-Bücher, zum Beispiel.“

Bei Johns fragendem Blick beugte Adam sich rasch vor, als wollte er John ein wichtiges Geheimnis verraten. Doch das Leuchten in seinen Augen sagte John, dass es eine schöne Erinnerung war. „Immer mal wieder kam er damit an, dass die Elfen uns besucht hätten, und dann haben wir immer im Garten herumgestöbert, unter jeden Busch und sogar in die Bäume geguckt, bis wir ein winziges Buch gefunden hatten. Wirklich winzig, ungefähr so groß wie eine Streichholzschachtel. Die waren immer voller Zeichnungen und Geschichten über einen Jungen namens Adam.“ Er schüttelte den Kopf, als wäre er immer noch voller Ehrfurcht für ihren Fund. „Die Bilder waren immer so detailliert, und ich habe ewig gebraucht, bis ich dahintergekommen bin, dass Dad die für mich gemacht hat. Ein paar davon hab‘ ich immer noch.“

John lächelte über die Freude in Adams Gesicht, sagte aber nichts, da er die kostbare Erinnerung nicht stören wollte. Nach einem kurzen Moment zuckte Adam die Achseln und vertiefte sich mit einem tiefen Seufzer wieder in das Skizzenbuch. „Wer ist das?“

John neigte den Kopf, um besser sehen zu können, und lächelte über den beinahe kindlichen, spitzbübischen Gesichtsausdruck, der Jamies einfühlsame Weisheit verbarg. „Das ist Jamie“, erklärte er. „Seine Mutter war es, die David in den Laden geholt hat. Jamie teilt jeden Tag sein Sandwich mit ihm und er war auch derjenige, der mich überredet hat, deinem Dad eine Chance zu geben.“

„Er sieht aus wie ein guter Mensch“, sinnierte Adam; David hatte den typischen großmütigen Ausdruck in Jamies Augen eingefangen.

„Das ist er“, stimmte John zu. „Er hat mir einiges über Menschlichkeit und Anstand beigebracht. Ich war bereit, den Profit über das Wohlergehen deines Vaters zu stellen. Um ehrlich zu sein, habe ich ihn am Anfang nicht einmal als Person gesehen.“ John fand es erschütternd, das Davids Sohn gegenüber laut auszusprechen. Doch seine eigenen Fehler zu akzeptieren war noch etwas, was er in letzter Zeit gelernt hatte. Er sah Adam an und gestand: „Dank Jamie habe ich zum ersten Mal darüber nachgedacht, wie kalt es nachts draußen wird und wie gefährlich es für Leute wie deinen Dad ist.“

„Leute wie mein Dad“, wiederholte Adam leise, wie um sich ganz klar zu machen, dass der Vater, den er gekannt hatte, von der Gesellschaft möglicherweise als eine ganz andere Sorte von Mensch gesehen wurde.

John streckte langsam die Hand aus und fuhr mit den Fingern über die verdrehte und geknickte Spiralbindung. „Seine Skizzenbücher waren das einzige, was er hatte; seine Verbindung zu dir und zu uns. Er hat sich zusammenschlagen lassen, um sie nicht hergeben zu müssen. Er hat alles andere verloren und nur dieses eine hier gerettet. Ich habe es heute mitgebracht, weil er mich gebeten hat, es dir zu geben, Adam.“

Adam saß reglos da, den Blick starr auf das Buch geheftet. Er antwortete nicht, aber John konnte sehen, wie fest er die Zähne zusammenbiss. Es war etwas, das er schon viel zu oft bei David gesehen hatte. Doch statt sich seiner früheren Gewohnheit gemäß einfach abzuwenden, sagte John sanft: „Schon okay, mein Junge. Er wollte nur, dass du weißt, dass er dich liebt … immer geliebt hat.“

Adam nickte und verstaute das Skizzenbuch sorgsam in seiner Schultasche. John verspürte unerwartet einen Stich von Besorgnis, als das Buch aus seinem Blickfeld verschwand, doch er beteuerte sich, dass David es so wollte und sein Sohn ein Recht darauf hatte.

 

 

SIE STANDEN Seite an Seite in der Küche am Spülbecken; einer spülte, einer trocknete ab, und John setzte David über die Einzelheiten seines Gesprächs mit Adam ins Bild.

„Er hat gesagt, dass du ein Scherzkeks warst, weißt du.“ John kicherte über den typisch australischen Ausdruck, den Adam benutzt hatte, und warf David einen Seitenblick zu, da er ihn sich immer noch nicht in dieser Rolle vorstellen konnte.

„Er hat recht.“ David grinste, hielt aber den Blick auf das Geschirrtuch gerichtet, das sich rhythmisch über den Rand des weißen Tellers bewegte.

„Er sagt, du hättest gern makabre Witze erzählt.“

„Stimmt“, erwiderte David, diesmal mit einem leisen Kichern.

John schüttelte den Kopf, schubste ihn sachte mit der Hüfte an und sagte leise: „Scherzkeks.“

Diesmal lachte David wirklich und schubste ihn ebenfalls. Es war eine kleine Geste, aber trotzdem wurde John dabei ganz warm ums Herz. Für einen Moment stand er einfach nur da und grinste David an, dann tauchte er die Finger ins Spülwasser auf und verpasste David eine wohlgezielte Handvoll Seifenblasen.

Nach einem Blick auf den feuchten, dunklen Fleck auf seinem T-Shirt, den die platzenden Blasen hinterlassen hatten, zog David die Augenbrauen hoch, schaute John gerade in die Augen und gab ihm einen Klaps mit dem Geschirrtuch.

„Oh, so sieht’s also aus, was?“, knurrte John und ging auf David los, der sofort einen Schritt zurückmachte, immer noch kichernd. Doch statt nach dem Geschirrtuch zu greifen, packte John ihn mit einer Hand am Hinterkopf und beugte sich vor, um sich einen Kuss zu stehlen. Ihre Zähne stießen leicht zusammen, da sie sich beim Küssen anlächelten, doch das störte sie nicht.

Davids Hände legten sich leicht auf Johns Hüften, und diesmal küsste er John zuerst; anfangs langsam und zögernd, aber dann mit mehr Leidenschaft, als ihre Zungen sich fanden. Das feuchte Geschirrtuch landete auf dem Boden. David zog John enger an sich und drückte sich an ihn. Aus ihrem spielerischen Gerangel wurde ein sinnlicher Tanz, bei dem ihre Hüften sich langsam aneinander rieben und sie einander atmeten.

Johns Hand glitt unter den Saum von Davids T-Shirt, streifte Rippen, die unter der glatten Haut gerade noch tastbar waren. Er biss David ganz leicht in die Unterlippe, während seine Finger sich weiter nach unten bewegten und durch den fadenscheinigen Stoff von Davids Jeans den Umriss seiner wachsenden Erektion nachzeichneten. John öffnete langsam den Reißverschluss und zwängte seine Hand zwischen Denim und warme Haut, presste die Handfläche auf das steif werdende Glied. Als David seinen Unterleib der Berührung entgegen schob, beugte John die Finger und wog den gierigen Schwanz in der Hand.

Davids Kopf sank in den Nacken; halb geschlossene Augen fixierten John, während er stöhnend seine Hüften jeder Bewegung von Johns Hand entgegendrängte. Die unverhohlene Lust in Davids Augen überraschte John, doch er gehorchte ihrem gemeinsamen Verlangen und manövrierte sie langsam die wenigen Schritte bis zur Wand. Kräftige Hände verschwanden aus der offenen Jeans und packten schlanke Hüften. In einer einzigen, beinahe hastigen Bewegung drehte John David mit dem Gesicht zur Wand, drückte ihn mit seinem Körpergewicht dagegen und streifte mit Lippen und Zunge über feinen Schweißfilm von Davids Nacken.

Die verschossene Tapete unter seiner Wange bewegte sich. Rauer Zement scheuerte an einer bereits blutig geschlagenen Wange. David verspannte sich und wartete auf den Schmerz.

Vor allem die plötzliche Reglosigkeit alarmierte John, mehr als alles andere. Er rang nach Luft und flüsterte: „Dave?“

Keine Reaktion.

Die Erkenntnis, was ihre momentane Position möglicherweise für David bedeutete, traf John wie ein Schlag und ließ angstvolle Übelkeit in ihm aufwallen. Unter flachen, stockenden Atemzügen versuchte er sich zu beruhigen, ohne David loszulassen. Denn obwohl er ihn im ersten Moment am liebsten unter gestotterten, aufrichtigen Entschuldigungen von der Wand weggezerrt hätte, zögerte John und hörte auf einen tieferen Instinkt. Er wich nur ein wenig zurück, um den Druck zu lindern, lehnte sich aber weiter behutsam an Davids Rücken und streichelte den reglosen, starren Körper mit sanften Händen.

Die ersten paar Worte kamen ton- und wahrscheinlich auch sinnlos, während John selbst noch um Fassung rang. Allmählich fand er seine Stimme wieder.

„Ich weiß nicht, wo du jetzt gerade bist, David, aber ich bin hier, wenn du mich brauchst. Such‘ nach mir, Davey. Ich bin hier“, brachte er schließlich flüsternd heraus. Er wiederholte diese und andere Worte immer wieder, gab sich Mühe, seine Stimme ruhig und gleichmäßig klingen zu lassen.

Zupackende, grapschende, verletzende Finger wurden langsamer … veränderten sich … behutsam und sanft, nicht aufdringlich, nicht reißend… drohende, schmutzige Worte verschwanden in einem Akzent … sie wisperten, streichelten, zwangen die anderen Worte zum Schweigen …

John.

Die Anspannung unter seinen Händen begann langsam nachzulassen und John drückte seine Stirn leicht an Davids Schulter. „So ist’s gut, Dave“, murmelte er, gab seiner eigenen Erleichterung nach. „Du bist hier, bei mir, und ich würde dir nie wehtun.“

John ließ langsam seine Hände um Davids Taille gleiten und zog ihn von der Wand weg, wobei er ihn eng an sich gedrückt hielt. David war völlig desorientiert. Er sah das Zimmer noch nicht, obwohl seine Augen offen waren. Er schloss sie und lauschte, lauschte auf den nordenglischen Akzent, den der sanfte Tonfall weicher machte. David lehnte sich an den warmen Körper, aus dem die warme, tiefe Stimme kann und begann zu begreifen, dass er zu John zurückgefunden hatte. Bewusst langsam und ruhig atmend, wie er es gelernt hatte, kappte David die letzten Verbindungen zu jener anderen Realität und flüsterte: „Es tut mir leid, John.“

„Oh David, du brauchst dich für nichts zu entschuldigen“, beteuerte John, wobei seine Stimme ein ganz klein wenig brach. Er holte tief Luft und hob den Kopf. „Für absolut gar nichts.“

Er strich David behutsam das Haar hinters Ohr und drückte ihm einen keuschen Kuss auf den Hals. „Möchtest du dich ein bisschen hinlegen? Ich kann Wasser aufstellen und uns was zu trinken machen.“

David hörte zu, atmete tief durch und richtete sich auf. Er schaute John an und nickte.

„Na, dann komm … du wirst dich in deinem eigenen Bett wohler fühlen. Ich mach‘ uns einen Tee und komm‘ in einer Minute nach“, plapperte John, während er mit David zum Schlafzimmer ging. Seine Hand ruhte leicht auf Davids unterem Rücken, bis David ihm ein müdes Lächeln zuwarf und im dunklen Schlafzimmer verschwand. Erst als er wieder in der Küche ankam, packte das Zittern Johns Körper. Er sackte über der Küchenzeile in sich zusammen, die Schultern gebeugt. Die Laute, die er von sich gab, widerhallten leise in dem ansonsten stillen Raum.

Langsam, ganz langsam, wurde John still und zitterte nicht mehr so heftig. Er war todmüde, erschöpft bis ins Mark und brauchte in diesem Moment nichts dringender als Davids Nähe.

Er richtete sich auf und schaute in Richtung Schlafzimmer, zögerte jedoch; ein Teil von ihm musste unbedingt zuerst Tee machen. Er rieb sich unsanft mit der flachen Hand über die Augen und stellte die Tassen auf den Küchentresen, jede mit eigener Untertasse und Löffelchen. Obwohl er wusste, dass der Tee morgen noch unberührt und eiskalt dort stehen würde, ließ er keinen Schritt bei der Zubereitung des Getränks aus.

Als der Tee fertig war, blieb John davor stehen und schaute ihn an. Er schüttelte den Kopf und verließ die Küche. Die vollen Tassen ließ er stehen.

Das einzige Licht im Schlafzimmer kam vom abnehmenden Mond in einer Ecke des Fensters. John konnte Davids Gestalt gerade so unter dem Quilt erkennen. Er zog sich langsam aus und kuschelte sich von hinten an David, legte vorsichtig einen Arm um ihn. Vielschichtige Ängste lösten sich in Luft auf, als David sich mit einem leisen „Hey“ an ihn schmiegte.

„Selber hey“, murmelte John und küsste Davids nackte Schulter. „Alles okay?“

David drehte den Kopf weit genug, um John ansehen zu können, und nickte kurz. „Mir geht’s gut.“

John stieß einen lang gezogenen Seufzer aus und umarmte David fester. „Beim Teekochen habe ich an unser erstes Mal gedacht. Als wir zum ersten Mal Liebe gemacht haben. Ich hatte solche Angst um dich … und um mich.“

David runzelte die Stirn, aber John fuhr fort: „Ich hatte solche Angst, dass ich dir wehtun würde. So haben wir dagelegen, ich hinter dir, und ich wollte dich so sehr.“ Seine Hand bewegte sich nach unten und streichelte zärtlich Davids Hüftknochen in einer unbewussten Nachahmung dessen, was er in jener Nacht getan hatte.

David schloss die Augen und ließ sich von Johns Stimme und Berührung alles wieder ins Gedächtnis rufen. „Ich wusste, dass du mir nicht wehtun würdest, John“, raunte er, denn das gehörte zu den wenigen Dingen, die er schon damals gewusst hatte.

John strich mit gespreizten Fingern über die blasse Haut, ertastete die Veränderungen darunter. Die Knochen standen nicht mehr ganz so weit vor, und seine Finger brauchten nicht über kaum verheilten blauen und grünen Flecken zu zögern. Diesmal zitterten Johns Hände nicht und er wusste, wen sie berührten; dies war David, der Mann, den er liebte und der seine Liebe erwiderte.