AUF DER Straße lernt man schnell. David wanderte schon seit Tagen ziellos herum, ohne auch nur zu verstehen, warum er dort war. Er wusste nur, dass er weiterlaufen musste.
Aber er lernte bald, den Blick gesenkt zu halten, wenn er in der Nähe einer größeren Gruppe von Jugendlichen geriet, die freitags abends ihre Freiheit feierten. Kommunikation mit anderen Menschen war selten und generell besser zu meiden.
Verrate nichts über dich selbst, und vielleicht passiert dir dann nichts.
David wusste, wann die öffentlichen Toiletten nach Einbruch der Dunkelheit geschlossen wurden; dann blieben noch Parks, Seitengassen und unbebaute Grundstücke. Er sah, dass die Veteranen der Straße sich in bitterkalten Nächten alte Zeitungen unter die Kleidung stopften und tat es ihnen nach. Alles, um sich warmzuhalten und bis zum nächsten Tag zu überleben, wenn die Sonne vielleicht wieder schien.
David wusste, dass er nie wieder vergessen würde, was er gelernt hatte. Selbst hier, wo John leise an seinem Rücken schnarchte, würde ihm das bleiben, obwohl sie sich im ersten Morgengrauen gegenseitig wärmten.
„GESTERN NACHT lag ich im Bett und habe ihm beim Schlafen zugesehen“, murmelte John mit einem verlegenen Achselzucken; er war sich nicht einmal sicher, warum er das so wichtig fand. Doch Barbara lächelte nur. Sie wusste, dass er schon noch sagen würde, was er eigentlich sagen wollte, sobald er soweit war.
„Gestern Abend …“ John verstummte und warf einen leicht frustrierten Blick an die Decke. „In letzter Zeit lief’s nicht so gut. Und gestern Abend hab‘ ich ihn … David … dann zu sehr bedrängt. Wir haben, äh, herumgespielt und uns mitreißen lassen. Ich habe ihn an die Wand gedrückt, und da ist er irgendwie verschwunden. Es war, als würde er sich in sich selbst verkriechen. Er hatte Angst vor mir, Barb, und erst als ich aufgehört und mit ihm geredet habe, konnte er wieder zurückkommen.
Barbara schüttelte den Kopf und fasste nach seiner Hand. „Nein, John. Das stimmt so nicht ganz. Er hatte nicht vor dir Angst. In Davids Erinnerung gibt es Orte, wo ganz bestimmt keiner von uns sein wollte. Die werden von Zeit zu Zeit an die Oberfläche kommen, und so erschreckend es sich anhört, das muss auch so sein.“
Jetzt war es John, der den Kopf schüttelte. „Das verstehe ich nicht. Wie kann ihm so was wie das, was er letzte Nacht durchgemacht hat, helfen?“
„Dinge in sich hineinzufressen hilft nicht. In dieser Hinsicht seid ihr zwei euch sehr ähnlich. Viel zu ähnlich sogar“, sagte sie, und dabei spielte ein beinahe freches Lächeln um ihre Mundwinkel. „Der größte Unterschied ist, dass du einen guten Rat bekommen und deinen kleinen Laden gefunden hast, ehe dir alles zuviel wurde.“
Sie lehnte sich zurück und trank einen Schluck Kaffee, um John Zeit zum Grübeln zu lassen. Schließlich nickte er zustimmend, und sie fuhr fort: „Er lernt, John; er lernt gerade, sowohl mit seiner Vergangenheit als auch mit seiner Gegenwart klar zu kommen. Ich glaube nicht, dass er schon bereit ist, sich mit seiner Zukunft zu befassen. Du weißt, dass ich dir nicht sagen kann, worüber wir uns in unseren Sessions unterhalten, aber er arbeitet unheimlich hart daran. Und nach dem, was du mir gerade erzählt hast, hilft es … hilfst du ihm. Schau nicht so überrascht! Was du instinktiv getan hast – mit ihm zu reden – war genau das, um wieder nach Hause zu finden, als er sich verirrt hatte.“
Als er sich verirrt hatte … John wusste, dass das stimmte, denn genau so hatte er es empfunden. Er schaute auf seine Hände und fasste die eine Furcht in Worte, die immer noch an ihm nagte: „Was, wenn ich das nicht immer schaffe?“
„Dann schaffst du’s eben nicht, John“, antwortete Barbara mit vollkommener und entnervender Ehrlichkeit. „Aber ich glaube, er ist nicht mehr derselbe Mann, der hier geschlafen und dabei seine Skizzenbücher umklammert hat. David versteckt sich nicht mehr nur. Er sucht jetzt zuerst nach dir, John.“
„Scheiße“, fluchte John leise und umklammerte seinen Becher fester.
Doch Barbara hatte darauf nur ein leises Lachen und fragte: „Und wie geht es dir so, John?“
„Mir? Oh, mir geht’s gut“, erwiderte John, als könnte er seine weißen Knöchel leugnen.
„Aber natürlich“, kommentierte Barbara und zog eine Augenbraue hoch, was John zum Lachen brachte.
JAMIE LEHNTE mit hochgezogenen Schultern auf der Ladentheke und blätterte in einer Zeitschrift, ohne sich für die einzelnen Artikel richtig Zeit zu nehmen; er überflog vielmehr ziellos die Seiten, wie man es tut, um lästigen Arbeiten aus dem Weg zu gehen.
Ein Schatten huschte über das Bild einer Prominenten, die zu beweisen versuchte, dass sie wenigstens einmal in ihrem Leben etwas gegessen hatte. Jamie blickte auf und bedachte die ältliche Kundin mit seinem besten Lächeln. „Adele, was kann ich für Sie tun?“
Mit leicht verwirrtem Gesicht legte sie stirnrunzelnd ein kleines Päckchen auf den Tresen. Jamie streifte es mit einem Blick und schaute dann wieder die Frau an, die anscheinend davon ausging, dass er darüber Bescheid wusste. „Ist das für mich?“
Adele schüttelte den Kopf und deutete zum Eingangsbereich des Ladens. „Da draußen saß ein junger Mann, der hat es mir gegeben und mich gebeten, es seinem Vater zu bringen. David, hat er glaube ich gesagt. Das ist der stille Mann, der immer hinten bei den alten Büchern ist, oder? Hat nicht groß genug ausgesehen, um gefährlich zu sein – das Päckchen, meine ich – also hab ich’s reingebracht.“
Jamie schaute sofort in die Richtung, in die sie gezeigt hatte, sah aber niemanden durch das Schaufenster. „Ähm, könnten Sie mir einen Gefallen tun und mal für eine Minute auf den Laden aufpassen?“, fragte Jamie, schon auf dem Weg zur Tür.
„Auf den Laden aufpassen“, grummelte Adele und ging mit selbstsicherer Miene hinter den Ladentisch. „Ich habe über vierzig Jahre lang im Verkauf gearbeitet; ich könnte diesen Laden führen.“
Jamie rannte auf die Straße hinaus, sah aber nur eine Gruppe Mütter, die mit ihren Kindern nach Hause gingen und sich dabei Pausenhofgeschichten anhörten. „Scheiße“, fluchte er leise, bekam aber trotzdem einen mahnenden Blick von einer der Frauen. Jamie murmelte schnell eine Entschuldigung und warf ihr ein Lächeln zu. Und dabei fiel sein Blick auf den Rücken eines Teenagers, der hinter der Gruppe um die Ecke verschwand.
Der eine flüchtige Blick reichte, um Jamie im Laufschritt die Straße entlangjoggen zu lassen, bis er den Arm ausstrecken und dem Jungen auf die Schulter tippen konnte. „Adam? Du bist doch Adam, oder?“, fragte Jamie hoffnungsvoll, als der junge Mann stehen blieb und sich zu ihm umdrehte.
Adam maß Jamie mit einem langen Blick, dann nickte er. „Ja. Ich, ähm, ich will keinen Ärger machen. Ich weiß, dass ich eigentlich nicht hier sein sollte.“
„Schon okay“, sagte Jamie schnell. Adam war offensichtlich ganz durcheinander, weil er ihn angesprochen hatte. Jamie nickte in Richtung einer nahen Bank und ging darauf zu, wobei er darauf achtete, ob der Teenager ihm auch folgte. „Ich bin nur überrascht, dass du wusstest, wo du uns findest.“
„Das war ganz leicht“, behauptete Adam. „Ich meine, ich wusste Johns Namen und dass er einen Buchladen hat, also habe ich nicht lange gebraucht, um ihn im Netz zu finden.“ Er warf Jamie einen Seitenblick zu und zuckte die Achseln.
„Verdammt, und ich weiß kaum, wie man ‘ne E-Mail schickt“, kicherte Jamie, obwohl er sich eigentlich ganz gut mit Computern auskannte. „Also hast du deinen Dad gefunden?“
„Ja, aber ich weiß, dass ich ihm Zeit geben muss; John hat mit mir darüber gesprochen.“ Adam schaute auf seine Hände und zupfte an einem Stück trockener Haut neben dem Fingernagel, sodass es zu bluten drohte. Jamie nickte ein wenig traurig. „Dein Dad ist ein guter Mensch, Adam. Es lohnt sich, auf ihn zu warten, und er kommt schon noch soweit. Also, warum das Geschenk?“
Inzwischen hatte Adam festgestellt, dass er diesen Jamie mochte. Sein Dad hatte ihn in der Skizze genau richtig getroffen. Er sagte lächelnd: „Heute hat er Geburtstag.“
Jamie staunte. „Ja? Mist, davon hat er kein Wort gesagt. Aber so wie ich Dave kenne, sollte mich das eigentlich nicht überraschen.“
„Ich wollte nur, dass er was hat. Damit er weiß, dass ich an ihn denke“, wagte Adam sich vor, wobei er sich nicht sicher war, ob er seine Gefühle richtig ausdrückte. „Das ist doch okay, oder? Oder ist das ein Problem für ihn?“
Jamie hatte keine Ahnung, wie David auf die Erkenntnis reagieren würde, dass sein Sohn wusste, wo er war. Doch er beschloss, den besorgten Teenager zu beruhigen. „Ich glaube, das wird ihm viel bedeuten, Adam.“
Adam nickte und schaute die Straße entlang, wo die Schaufenster des Ladens gerade noch zu erkennen waren. „Ist er jetzt da drin?“
Jamie folgte Adams flüchtigem Blick und bestätigte gelassen: „Ja. Dave sitzt in seinem alten Lieblings-Ledersessel und hat die Nase in einem Buch vergraben.“
Adam musste mehrmals heftig blinzeln, weil er sich diese Szene so gut vorstellen konnte, dass ihm das Wasser in die Augen stieg. Es tat weh, zu wissen, dass sein Dad so nahe war und er nicht mit ihm reden konnte. „Ich vermisse ihn.“
Für einen kurzen Moment wollte Jamie Adam nur noch an der Hand nehmen, mit ihm ins „Margins“ marschieren und ihn in den ramponierten Ledersessel neben seinen Vater setzen. Aber er wusste, dass er das David nicht antun konnte. Er war im letzten Jahr so weit gekommen; jeder kleine Schritt erforderte Mut und er musste diese Schritte selbst tun. „Er vermisst dich auch, Adam“, seufzte Jamie. „Er will ein Teil deines Lebens sein, aber lass ihm noch ein bisschen Zeit, ja?“
Adam nickte und stand auf. „Ich weiß, mehr Zeit. Ich geh‘ dann mal lieber. Meine Mum wartete zuhause schon auf mich. Sag meinem Dad von mir herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, okay?“
„Das mache ich … und ich zieh‘ ihm die Ohren lang, weil er’s uns nicht gesagt hat“, lächelte Jamie und klopfte Adam auf den Rücken. Dann ging er wieder zum „Margins“ zurück.
„Der Wanderer kehrt heim.“ John grinste Adele an, machte aber deutlich, dass die Bemerkung Jamie galt. Ohne den Seitenhieb zur Kenntnis zu nehmen beugte Jamie sich vor, gab Adele rasch einen Kuss und sagte: „Dankeschön. Ich hab’s geschafft, mit ihm zu reden, und es ist alles in Ordnung.“
„Das ist gut“, flüsterte sie, als hätten er ihr ein Geheimnis verraten. Dann sagte sie etwas lauter: „Denkt an mich, wenn ihr mal einen Tipp zum Verkauf braucht; hab‘ ich jahrelang gemacht, wisst ihr.“ Sie warf ihnen ein vorwitziges Lächeln zu und spazierte mit hocherhobenem Kopf aus dem Laden.
„Was sollte das denn jetzt heißen?“, fragte John mit einem neugierigen Lächeln und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Es geht um Adam“, flüsterte Jamie und schubste John auf ihre kleine Küche zu. „Er war hier.“
John wich sichtlich die Farbe aus dem Gesicht. „Scheiße. Was ist passiert? Ist Dave okay?“ Er bewegte sich sofort auf die Tür zu, aber Jamie hob rasch die Hände. „Dave weiß es nicht. Adam ist nicht reingekommen.“
Dave weiß es nicht. „Okay … okay.“ John rieb sich mit den Fingern über den Mund und nahm sich einen Moment Zeit, die Situation zu überdenken. „Warum war er hier? Was wollte Adam?“
Jamie fischte das kleine Päckchen aus der Tasche, zeigte es John und sagte: „David hat heute Geburtstag.“
John schaute von dem Päckchen zu Jamie und dann hinaus in den Laden. „Er hat kein Wort gesagt.“ Johns Stimme war leise und klang ein wenig gekränkt.
„Vielleicht weiß er’s nicht?“, meinte Jamie. „Ich meine, er scheint nicht auf den Kalender zu achten. Vergiss nicht, er hat damals nur zufällig herausgefunden, dass es kurz vor Adams Geburtstag war. Und das würde er als wichtiger ansehen als seinen eigenen Geburtstag.“
John nickte traurig; daran erinnerte er sich nur zu gut … und auch, zu welchen Mitteln David gegriffen hatte, um seinen Sohn zu sehen. Schließlich wandte er sich wieder zu Jamie um und sagte mit entschlossener Miene: „David hat ein Geschenk von seinem Sohn zu öffnen.“
David war in den zweiten Band einer Trilogie vertieft, Stiefel neben sich auf dem Fußboden, ein Bein untergeschlagen. Der Anblick war John vertraut, hatte aber immer noch die Macht, ihm einen Kloß in der Kehle zu bereiten. „Weißt du, was heute für ein Tag ist, Dave?“, fragte er leise und setzte sich neben ihn. Als David nur nickte, drückte John ihm das Päckchen in die Hand und bekannte: „Ich wusste es nicht, aber Adam schon.“
Sofort verspannte sich Davids ganzer Körper; er starrte das Päckchen an, als enthielte es alle Übel der Welt.
„Er hat es für dich gebracht“, erklärte John mit Bedacht. „Er ist nicht reingekommen, Dave … Adam ist ein guter Junge.“
Da David sich nicht bewegte, begann John sanft die verkrampften Muskeln in Davids Genick zu massieren. „Soll ich dich lieber damit alleine lassen?“
Es dauerte eine Weile, bis die Frage zu David durchgedrungen war. Er schaute John in die Augen und richtete den Blick dann wieder auf seine Hände. Langsam begannen seine Finger das Klebeband abzuziehen; drei Streifen insgesamt. Als Nächstes schlug er das blaue Geschenkpapier zurück, und dann hielt David ein winziges Buch in der Hand.
John beugte sich vor, um besser sehen zu können. „Das ist ein Elfen-Buch“, sagte er im Flüsterton, aber genauso ehrfürchtig wie Adam früher; David erinnerte sich noch gut daran. Er lächelte John an. „Ja, stimmt.“
Gemeinsam saßen sie in den Ledersesseln und lasen die Geschichte über einen Teenager namens Adam, der überall nach einem verschwunden geglaubten Schatz suchte, nur um festzustellen, dass er ihn gar nicht verloren hatte.
DAS BEHARRLICHE Klingeln drang schließlich durch seine Träume. Mit einem Stöhnen schlug John die Decke zurück und grummelte auf dem ganzen Weg ins Wohnzimmer vor sich hin. Der Anrufer konnte was erleben.
„Hallo, kann ich bitte John McCann sprechen?“ Die Stimme gehörte einer älteren Frau, die sich Mühe gab, einen auffälligen Akzent zu unterdrücken und am Telefon „anständig“ zu sprechen.
„Am Apparat.“ John runzelte die Stirn; die Stimme kam ihm bekannt vor, auch wenn er sie nicht ganz zuordnen konnte, aber sein Ärger war inzwischen vergangen.
„Hallo, Spatz. Hier ist deine Tante Annie.“
John war schweigsam, als er wieder ins Bett schlüpfte. David lag auf der Seite und sah zu, wie John es sich bequem machte, ohne auch nur ein Wort über den Anrufer zu sagen. „Alles okay?“, flüsterte er, da er es hasste, wie seine Stimme in dem stillen Zimmer widerhallte.
Zuerst bekam er keine Antwort, und die Frage schien zwischen ihnen zu schweben, aber dann sagte John mit merkwürdig sachlicher Stimme: „Mein Dad ist gestorben.“
Als nichts weiter kam, rückte David ganz an ihn heran und kuschelte sich an Johns Rücken. Seine Finger wühlten sich behutsam in das feine blonde Haar, das im Mondlicht der offenen Vorhänge einen silbrig-blauen Schimmer hatte. Die Lippen nur wenige Zentimeter über Johns blasser Ohrmuschel raunte David: „Du musst nach Hause, John.“
John antwortete mit einem kaum wahrnehmbaren Kopfschütteln und einem leisen: „Ich weiß nicht.“
Statt auf seine Übelkeit zu achten konzentrierte John sich lieber auf das zärtliche Streicheln. Irgendwann hörte er auch das leise Summen einer unbekannten Melodie. Als die Worte einsetzten, erkannte er sie nicht, doch er ließ sich davon berieseln, bis die Bauchkrämpfe nachließen.
Er hauchte: „Ich wusste gar nicht, dass du Spanisch kannst.“
„Ich spreche Spanisch.“
Vielleicht kann man ja manches auch wieder verlernen und vielleicht ist Überleben mehr als sich warm zu halten? Manchmal muss man in seiner Wachsamkeit nachlassen und ein bisschen mehr von sich preisgeben.