28

 

 

DIE KABINEN-CREW bewegte sich den Gang entlang, um das Flugzeug für die Landung bereit zu machen. John warf seinen leeren Plastikbecher in den Müllsack.

Er warf einen Blick auf die Uhr, da er die beruhigende Zigarette schon kaum noch erwarten konnte, und fing ein mitfühlendes Lächeln von einem genauso nervösen Geschäftsmann in der Nähe auf. John erwiderte das Lächeln, schloss die Augen und holte tief Luft.

Ans Kofferpacken erinnerte er sich nur noch verschwommen.

David saß auf der Bettkante und sah schweigend zu, wie John geschäftig hin und her eilte, seine Sachen zusammensuchte, faltete und mehr als nur ein bisschen verloren wirkte.

„Ich muss nicht gehen, Dave, weißt du?“, murmelte John, als er schon das ausgedruckte E-Ticket in der Hand hielt.

„Oh doch.“ Davids Stimme war ruhig und fest.

„Ich lass dich nicht gern allein.“

„Ich komm‘ schon zurecht, John. Du musst gehen.“

John wusste, dass David recht hatte, doch das machte ihm den Abschied nicht leichter. Er warf einen Blick auf den vollen Rucksack, der an der Kommode lehnte, und verspürte einen Anflug der alten Furcht. David folgte seinem Blick und sagte einfach nur: „Ich werde hier sein, wenn du zurückkommst, John.“

John nickte und massierte sich mit Daumen und Zeigefinger die Nasenwurzel, kämpfte gegen die Kopfschmerzen an, die er schon den ganzen Morgen zu bekommen drohte. Seine Augen waren immer noch geschlossen, als er sich von Armen umfasst fühlte und Davids warmer Atem seine Wange streifte. John ließ sich halten und schmiegte sich an David, dann wich er zurück und räusperte sich. „Lass dein Handy an, dann rufe ich dich an, wenn ich dort bin“, sagte er in geschäftsmäßigem Ton, nur um zu seufzen, da ihm das nur ein ziemlich kleinlautes Schulterzucken einbrachte. „Du hast keine Ahnung, wo es ist, stimmt‘s?“

Darauf erwartete er erst gar keine Antwort. Mit einem schiefen Grinsen schüttelte John den Kopf und zog sein eigenes Handy aus der Tasche. „Verlier’s nicht … ich besorge mir ein neues und ruf‘ dich an, sobald ich in Heathrow bin.“

Das „Ping“ des Anschnallzeichens holte John wieder in die überfüllte Kabine zurück. Er seufzte bei der Erkenntnis, dass David eine halbe Welt weit weg war. Sofort traf ihn eine Welle von Hilflosigkeit. Und was noch schlimmer war – John fühlte sich allein.

 

 

DAVID BLIEB noch eine Zeit lang auf dem Gehsteig stehen, nachdem Johns Taxi weggefahren war. Es widerstrebte ihm, wieder hineinzugehen. Die Wohnung würde leer sein.

Er lehnte sich an die kalten Ziegel und ignorierte die merkwürdigen Blicke der frühmorgendlichen Passanten, die auf dem Weg zur Arbeit waren. Den Blick sicherheitshalber zu Boden gerichtet scharrte David rhythmisch mit dem Absatz an der Mauer, um den Mut zum Hineingehen zusammenzuraffen.

Du hast John versichert, dass du zurechtkommst … also komm auch zurecht. David runzelte die Stirn, stieß sich von der Wand ab und ging die Treppen hinauf in die Wohnung.

Nun, da die Hetze des Packens vorüber war, war die Wohnung still, leer. Nachdem er eine Zeit lang verloren an der Tür gestanden hatte, ertappte sich David beim Herumwandern im Wohnzimmer, wie er es in seiner ersten Zeit mit John getan hatte; wie damals schaute er sich die Sachen des anderen Mannes an. Vermisste ihn. Sehnte sich danach, ihn sagen zu hören, dass alles in Ordnung war.

Er stieß ein frustriertes Schnauben aus. Das habe ich doch inzwischen hinter mir. Er sammelte sich und schaute die Fotos richtig an. Die Dinge lagen wirklich anders. Neben dem Foto von John und seinen Großeltern stand ein silberner Bilderrahmen mit einem Schnappschuss von John und David, wie sie auf der Couch saßen und Chinesisch direkt aus dem Karton aßen. David lächelte bei der Erinnerung, wie Jamie das Foto geknipst hatte, ehe sie es überhaupt merkten. Seine Fingerspitze strich über das unscharfe Bild.

Vielleicht konnte er jetzt wirklich ein Teil von all dem sein?

Ein plötzliches Klopfen an der Tür schreckte ihn auf. David trat rasch vom Regal zurück und lehnte sich an die Küchenzeile. Er hatte nicht vor, die Tür zu öffnen.

Jamie lauschte eine Zeit lang, doch anstatt nochmal zu klopfen, sagte er leise, aber doch deutlich hörbar: „Dave, ich bin’s … Jamie.“

David grinste, ging an die Tür und öffnete sie einen Spalt breit. „John hat dich angerufen, was?“

„Natürlich. Wenn der Boss weg ist, muss er schließlich dafür sorgen, dass ich nicht aus der Reihe tanze“, scherzte Jamie. Er war gespannt, ob David ihn hereinlassen würde. „Und ja, bevor du fragst, er hat mich gebeten, ein Auge auf dich zu haben. Du weißt ja, wie er ist.“

„Ich weiß.“ David lächelte; der Gedanke gab ihm gleich ein bisschen mehr Sicherheit.

Jamie hob eine Augenbraue und hielt eine wohlbekannte braune Bäckertüte hoch. „Da bin ich also, Frühstücksbagel zum Teilen bereit, und hätte gerne eine Tasse Tee.“

 

 

IM WOHNZIMMER roch es irgendwie altmodisch – nach schalem Potpourri und nach Tee, der zu lange gezogen hat. Nirgendwo gab es eine freie Oberfläche; die Regale waren vollgestellt mit verblichenen Fotografien und nicht zusammenpassendem Zierrat. John blickte sich um. Er erinnerte sich an Besuche bei seiner Tante als kleiner Junge, als seine Oma ihn ermahnt hatte, nur zu schauen, aber nichts anzufassen. Es war eine ganz andere Welt und eine, die er längst hinter sich gelassen zu haben glaubte.

Tante Annie setzte sich neben ihn auf das alte, aber gepflegte Sofa und nahm seine Hand. „Er wollte dich nie verlassen“, sagte sie in ihrem Geordie-Akzent, der ihm jetzt längst nicht mehr so exotisch erschien wie damals in seiner Kindheit, als er noch kaum über den Schrebergarten seines Großvaters in Yorkshire hinausgekommen war. „Damals war alles anders.“

John schaute auf die bleiche, durchscheinende Haut ihrer faltigen Hand und schüttelte den Kopf. „Das spielt heute keine Rolle mehr.“

„Natürlich spielt es eine Rolle, und komm du mir jetzt bloß nicht so, John McCann.“ Tante Annie schaute ihn über ihre Brille hinweg an – ein Blick, an den John sich nur allzu gut erinnerte.

Er lachte leise. „Ich konnte dir noch nie was vormachen, stimmt‘s?“

„Stimmt.“ Sie tätschelte ihm die Hand und stand auf, um ihm aus der in einen Teewärmer gehüllten Kanne Tee nachzuschenken.

John schmunzelte beim Anblick der zarten, bemalten Porzellandame, die über dem weiten, gehäkelten Rock thronte. Der Teewärmer zierte immer die „gute“ Kanne; wie die, aus der er nur dann trinken durfte, wenn er krank zuhause bleiben musste und seine Oma ihn warm eingepackt vor den Fernseher setzte.

„Die gute Teekanne“, lächelte John.

Annie lachte leise und stellte die Kanne wieder auf die Anrichte. „Ich glaube, die hast du heute verdient.“

„Ja“, murmelte John und nahm seine Tasse in die Hand.

„Du warst immer sein Sohn, John“, sagte Annie leise. „Auch wenn er nicht immer ein Teil deines Lebens sein konnte, bist du sein kleiner Junge geblieben.“

John schaute einfach weg. „Wenigstens habe ich diesmal Gelegenheit, mich zu verabschieden.“

 

 

FRUST UND Zorn kämpften um Vorherrschaft über die Angst. David saß am Tisch und starrte den Teller mit den Keksen an. Seine Sessions mit Barbara waren nie einfach und heute hätte er sich beinahe gedrückt.

Zu schwer …

„Was denkst du gerade, David?“, fragte Barbara, nachdem sie ihn eine Weile beobachtet hatte.

David zuckte die Achseln und brummte: „Nichts.“

Sie seufzte und wartete. Er konnte manchmal ganz schön stur sein, wenn er nicht reden wollte, aber abwarten brachte häufig mehr als drängen.

„Manchmal hab‘ ich das Gefühl, als hätte ich alles fast wieder im Griff“, murmelte er so leise, dass Barbara sich anstrengen musste, um ihn zu verstehen. „Ich kann klar denken … und dann ist es wieder weg.“

„Was kommt in den Weg?“

Jetzt endlich schaute David auf und warf ihr ein wehmütiges Lächeln zu. „Ich.“

„Aha.“ Barbara lächelte ebenfalls. „Und wir wissen beide, dass du es schaffen kannst … falls du dich lässt.“

 

 

SICH IM Zimmer umzuschauen war befremdlich. John kannte nur sehr wenige Mitglieder seiner väterlichen Familie, und nun, umgeben von Cousins und Cousinen, war er ein bisschen überwältigt davon, wie ähnlich er ihnen sah. Er lächelte, schüttelte Hände und machte Smalltalk. Die älteren erzählten ihm Geschichten über seinen Vater, während die jüngeren mehr an seinem Leben in Australien interessiert waren. Annie sah zu und wartete, bis sie ihm mit dem Vorwand, in der Küche seine Hilfe zu brauchen, einen höflichen Rückzug ermöglichen konnte.

„Danke“, lächelte er und schüttelte den Kopf. „Es ist alles ein bisschen viel auf einmal.“

„Die wollen alle den reichen Onkel aus Australien kennenlernen.“ Annie erwiderte sein Lächeln und holte die Teedose aus dem Schrank. „Aber sag mal, hast du eigentlich je darüber nachgedacht, wieder zurückzukommen, John?“

John schüttelte den Kopf. „Es war einfacher, wegzugehen; hier haben die Leute so viele Vorurteile, und ich wollte nie …“ Er verstummte, hielt den Kessel unter den Wasserhahn und sah zu, wie er sich füllte, während er über seine nächsten Worte nachdachte. „Ich wusste, dass es für meine Großeltern schwierig sein könnte.“

Annie nahm ihm den Kessel weg und stellte ihn auf den Herd. Sie führte John zum Tisch und bedeutete ihm, sich zu ihr zu setzen. „John, mein Lieber, deine Oma hat es schon immer gewusst.“

„Sie hat nie was gesagt“, flüsterte John und starrte stirnrunzelnd auf die gestärkte Tischdecke.

„Du warst schon als Junge immer sehr zurückhaltend, und deine Oma hat das verstanden“, meinte Annie. „Aber das heißt nicht, dass sie nicht auf dich achtgegeben hat. Als du in Australien mit diesem Mädel zusammen warst, da hatte sie Angst, dass du dir selber was vormachst.“

John stieß ein kurzes, nervöses Lachen aus. „Marian und ich waren nicht … also, wir waren nie wirklich ein Paar.“

Annie nickte. „Ehe sie gestorben ist, hat deine Oma zu mir gesagt, dass du den Richtigen noch nicht gefunden hättest … aber das würdest du schon, du müsstest es nur zulassen.“ Als John die Farbe in die Wangen stieg, beugte Annie sich vor und fragte: „Was ist, willst du deiner alten Tante nicht seinen Namen verraten?“

„David.“ John lächelte, als die Röte sich noch weiter über sein Gesicht ausbreitete. „Sein Name ist David.“

„Ein guter Name.“ Annie zwinkerte.

 

 

DER TAG war ihm lang vorgekommen. Ein Skizzenbuch lag auf der anderen Seite des Bettes; der abgenutzte Bleistiftstummel ruhte auf einem halb gezeichneten Gesicht. Das Licht war verblasst und obwohl David nur die Hand auszustrecken und die Nachttischlampe anzuknipsen brauchte, fehlte ihm dazu sowohl die Motivation als auch die Energie.

Er schloss die Augen und seufzte. David hatte lange allein gelebt, aber in letzter Zeit hatte er sich daran gewöhnt, einen warmen Körper neben sich zu spüren, Teil von jemandes Leben zu sein.

Er vermisste John.

Langsam trieben Davids Gedanken davon, bis sein Atmen langsamer wurde und seine Augenlider schwer.

Das Summen seines Handys schreckte ihn auf. Er saß ein paar Sekunden lang aufrecht im Bett, ehe das Rauschen des Blutes in seinen Ohren soweit nachgelassen hatte, dass er begriff, was das für ein Geräusch war.

John. Er schnappte sich das Telefon und klappte es erwartungsvoll auf. „John? Hallo?“

Adam hatte nicht damit gerechnet, die Stimme seines Vaters zu hören. „Äh … Dad?“

David war wie gelähmt; er konnte weder sprechen noch sich bewegen.

„Dad? Du bist es doch, oder?“, wisperte Adam und lauschte auf das Atmen am anderen Ende der Leitung. Als außer panischem Keuchen keine Antwort kam, flehte Adam leise: „Bitte, leg nicht auf.“

Der Schmerz in Davids Brust war greifbar, als er das hörte. Er wollte antworten, wollte Adam sagen, dass es ihm gut ging, aber dafür hätte er sprechen müssen, und sprechen war völlig unmöglich.

Die Augen fest zusammengekniffen, um die drohenden Tränen zurückzuhalten, umklammerte Adam das Telefon. Aber dann hörte er es. Ein leises Klopfen drang aus dem Hörer, und Adam erlaubte sich ein klein wenig Hoffnung.

Als Kind war Adam manchmal so zornig auf seine Eltern gewesen – wegen Dingen, die ihm damals ganz wichtig erschienen – dass er nur noch an seinem Schreibtisch sitzen konnte, so angespannt, dass er ganz sicher explodiert wäre, hätte man ihn zum Reden gezwungen. Seine Mutter flippte dann immer aus und ließ ihm keine Ruhe, aber sein Dad versuchte nie, ihn zu einer Antwort zu zwingen. Stattdessen ließ er Adam einfach die Wahl, auf den Tisch zu klopfen; einmal für ja und zweimal für nein. Adam haute zwar dann gewöhnlich so heftig auf den Tisch, dass die Wände wackelten, aber es funktionierte. Während sein Dad redete, wurden die Schläge immer leichter, bis Adam seine Gefühle in Worte fassen konnte, ohne komplett die Beherrschung zu verlieren.

„Danke“, murmelte Adam ins Telefon. Er ließ sich rücklings auf sein Bett fallen und fragte: „Kann ich mit dir reden, Dad? Vielleicht über die Schule oder so? Wäre das okay?“

Davids Finger berührte das Telefon einmal. Nicht sehr laut, aber es reichte, um Adam zum Lächeln zu bringen. Er begann, seinem Vater von seinem Tag zu erzählen.

 

 

IN EINEM Einzelbett weit, weit weg schlief John endlich ein. Sein gepackter Koffer lehnte in Erwartung des frühen Langstreckenflugs morgen an der Wand.