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„DAS HABEN wir gut gemacht“, verkündete Jamie, nachdem er die Registrierkasse geschlossen und die Schublade abgeschlossen hatte. „Weißt du, manchmal glaube ich, dass John denkt, wir würden ohne ihn nicht zurechtkommen. Und wir haben eben bewiesen, dass wir’s können.“

Gerade mal so, dachte David im Stillen. Trotzdem war er froh, dass sie es alleine durch einen weiteren Arbeitstag geschafft hatten.

„Also, was hast du heute Abend vor, David? Große Party?“, fragte Jamie, obwohl er sehr wohl wusste, dass David sich einfach in der Wohnung einschließen und warten würde, bis John wieder zuhause war. Und das würde voraussichtlich noch ein, zwei Tage dauern.

David grinste und sagte: „Riesenparty mit mir und meinen engsten Freunden.“

„Dann bin ich also eingeladen!“, lachte Jamie und begann, die Lichter im Laden auszuknipsen. „Um ehrlich zu sein hab‘ ich heute Abend noch gar nichts vor. Hast du vielleicht Lust auf ein bisschen Gesellschaft?“

„Mir geht’s gut, Jamie … wirklich“, beteuerte David mit einem warmen Lächeln.

„Ich weiß“, sagte Jamie und zog ein Gesicht. „Aber … ach, tu mir doch den Gefallen, ja? Könnten wir nicht einfach spazieren gehen oder vielleicht was essen?“

David wusste, dass Jamie es gut meinte, und außerdem – wobei er das nie zugegeben hätte – fühlte er sich manchmal ein bisschen einsam. „Ich hätte nichts gegen einen Spaziergang.“ Er zuckte lächelnd die Achseln und ging hinaus, während Jamie die Alarmanlage einstellte.

Der Spaziergang war eher ein Bummel, half David jedoch, sich zu entspannen und den Kopf klar zu bekommen. Er stieß den Atem aus und sah zu, wie die weiße Wolke sich langsam auflöste. „Es wird langsam Winter“, bemerkte er und zog seine Jacke enger um sich.

Jamie hakte ihn unter. „Ich bin froh, dass du jetzt ein warmes Plätzchen hast. Ich hab mir da draußen immer Sorgen um dich gemacht.“

David nickte nur und zog Jamie ein bisschen fester an sich.

„Ich hab meine Mum mal gefragt, ob du nicht bei uns wohnen könntest. Aber sie hat gesagt, dass du das sowieso nicht willst und dass es dir wahrscheinlich bloß peinlich wäre, wenn ich es dir anbieten würde.“ Jamie blieb stehen und schaute David an. „Hatte sie recht?“

Mit einem leichten Stirnrunzeln ging David auf das Sims vor einem Schaufenster zu und setzte sich hin. „Ich glaube schon“, sagte er, immer noch in Gedanken. „Gar nicht mal so sehr, weil ich mich geschämt hätte. Mehr, weil ich damals um niemanden herum sein konnte.“ Die Falten auf seiner Stirn wurden tiefer, weil er die Erklärung nicht ausreichend fand. David tippte mit der Stiefelspitze eine geschwärzte Zigarettenkippe an, dann schaute er wieder zu seinem Freund. „Du und deine Mutter, ihr wart seit Langem die ersten, die mich als Person gesehen haben. Ich habe mich im „Margins“ sicher gefühlt, und das wollte ich nicht vermasseln.“

„Wie vermasseln?“, fragte Jamie.

„Das Schlamassel ist hier drin, glaube ich“, brummte David und tippt sich an den Kopf. „Ihr seid gute Menschen, und ich …“ Er zuckte die Achseln; was gab es sonst schon zu sagen?

Jamie wirkte nicht ganz überzeugt, aber er lehnte sich an David und sagte: „Nun ja, John war wohl genauso verkorkst wie du, wenn auch auf andere Art, oder?“

Die Falten glätteten sich und David lachte: „Lass ihn das bloß nicht hören!“

„Ich werde mich hüten“, kicherte Jamie. „Aber es stimmt irgendwo schon. Als John ins „Margins“ kam, hatte er doch keine Ahnung, was Leben wirklich heißt. Immer nur Treffen mit Kunden und geschäftliche Besprechungen; echte Beziehungen standen nicht auf der Tagesordnung. Ich glaube, er hatte anfangs Angst vor dir, weil du ihn dazu gebracht hast, etwas zu fühlen – und dafür gab’s keine Spalte in seinem Rechnungsbuch.“

„Ich hatte auch ziemliche Angst“, gestand David. „Ich konnte nicht verstehen, warum er mit mir zusammen sein wollte. Ich meine …“ Er stockte und überlegte, ob er aussprechen sollte, was ihm durch den Kopf ging. Schließlich bekannte er: „Ich weiß, dass ihr zwei miteinander geschlafen habt. Du hast zwar gesagt, dass das nichts war, aber ich habe mich schon gewundert, warum er mich überhaupt anschaut, nachdem er mit dir zusammen war.“

Jamie war völlig perplex. Er schüttelte den Kopf und starrte David an. „Das war nicht mal eine ganze Nacht, Dave. John konnte gar nicht schnell genug aus meiner Wohnung verschwinden; Scheiße, er hat mich nicht mal geküsst. Wir hatten unseren Spaß, haben ein bisschen Dampf abgelassen und das war’s, aber dich liebt er. Du hast ihm unheimlich gutgetan.“

„Und umgekehrt“, murmelte David mit einem breiten und irgendwie belämmerten Grinsen.

„Oh Gott“, stöhnte Jamie zufrieden und drückte Davids Arm. „Komm, gehen wir weiter.“

David nickte, rührte sich aber nicht vom Fleck. Er fasste nach Jamies Hand und fragte: „Hat es dir was ausgemacht, dass John nicht geblieben ist?“

„Das eigentlich nicht“, sinnierte Jamie. „Hat mich nur dazu gebracht, mich zu fragen, was eigentlich mit ihm los ist. Ich habe ihm, glaube ich, geraten, seine Zeit lieber mit jemandem zu verbringen, den er liebt … oder hab‘ ich gesagt, dass er seine Zeit nicht mit jemandem verbringen soll, den er nicht liebt?“ Er zuckte die Achseln und legte seinen Kopf auf Davids Schulter. „Anscheinend hat er auf mich gehört.“

„Das denke ich auch.“ David lächelte und hoffte, dass Jamie einmal jemanden finden würde, der seine Liebe verdiente. „Hey, möchtest du mit mir wohin gehen?“

„Äh … ja?“, sagte Jamie misstrauisch.

„Na, dann komm.“ David stand auf und führte Jamie die Straße entlang.

 

 

NACHDEM JAMIE der letzten Person in der Schlange einen Teller gereicht hatte, drehte er sich um und grinste David an. Jemand anders lächelte ebenfalls und jemand fasste David leicht am Arm. „Ich war überrascht, als ihr zwei hier aufgetaucht seid“, flüsterte Barbara. „Aber zwei Paar Hände mehr zu haben war uns wirklich eine große Hilfe.“

David erwiderte das Lächeln. Obwohl er so müde war, dass ihm buchstäblich die Knochen wehtaten, fühlte er sich gut.

„Komm und trink‘ was mit mir“, schlug Barbara vor, die ihm mühelos ansah, wie erschöpft er war. „Ich glaube, Jamie hilft Brian ganz gerne beim Aufräumen.“

David warf einen Blick über die Schulter; sein Freund war gerade in ein lebhaftes Gespräch mit dem jungen Sozialarbeiter vertieft. Er folgte Barbara in die Personalküche.

Barbara reichte ihm einen Becher. „Danke für heute Abend; wir haben hier nie genug Freiwillige. Die meisten schauen nur am ersten Weihnachtstag vorbei und denken dann, das gibt ihnen das Recht, uns für den Rest des Jahres zu vergessen.“ David lächelte sein übliches, selbstironisches Lächeln und nippte an dem heißen Kaffee. Barbara lachte nur und griff nach der Keksdose. Bewaffnet mit einem Schokoladenkeks bemerkte sie: „Dir geht es besser, nicht wahr?“

David schaute in seinen Becher und bekannte: „Ich glaube schon.“ Er beugte sich vor und nahm sich einen Keks. „Als John weggegangen ist, da hab ich … ich weiß nicht.“

„Du hast dein Sicherheitsnetz verloren?“, schlug Barbara vor.

„Ja.“

„Aber du bist okay, oder?“ Das war zwar als Frage formuliert, aber beide wussten, dass es eher eine Feststellung war.

David lächelte und nickte. „Ich glaub‘ schon.“

„Nächste Frage“, verkündete sie und lächelte über Davids beinahe verspielte Grimasse. „Und zwar eine schwierige.“

„Okay, lass hören“, sagte er lässig und machte sich zugleich mental auf das gefasst, was Barbara vermutlich fragen würde.

„Wie geht’s jetzt weiter?“

Eigentlich eine ganz einfache Frage, dachte David. Warum ist sie dann so schwer zu beantworten? „Ich bin mir nicht sicher, Barb“, sagte er schließlich und rieb sich ein wenig nervös mit einer Hand das Genick.

„Na komm schon, Dave, du weißt doch, worüber du allmählich nachdenken musst.“ Ihre Stimme war ruhig, beherrscht, und gerade eindringlich genug, um David zur Konzentration zu zwingen.

„Adam.“ Der Name kam ihm leicht über die Lippen; leichter als gedacht. Er schaute sie an und nickte. „Ich glaube, ich bin bald soweit … soweit, dass ich mit ihm reden kann.“

Barbara lächelte, nahm seine Hand und drückte sie leicht. Sie berührte David nicht oft, aber er überwand gerade soviele Hindernisse, dass er aller Voraussicht nach nichts dagegen hatte. „Du brauchst nicht alles auf einmal zu machen, David; immer eins nach dem anderen. Sieh zu, dass du in Sicherheit bleibst – da drin.“ Sie tätschelte ihm den Kopf. „Und öffne dich nur für das, womit du umgehen kannst. Es wird irgendwann leichter.“

„Versprichst du mir das?“, fragte David mit einem Lächeln, das frech gewesen wäre, hätte seine Stimme nicht ein klein wenig traurig geklungen.

Barbara zog eine Augenbraue hoch und grinste. „Du müsstest mich doch wirklich langsam besser kennen.“