JOHN STELLTE den Motor ab, stieg aber nicht aus. Er blieb in der Dunkelheit auf dem Parkplatz im Auto sitzen und zog eine Zigarette hervor. Das Feuerzeug flammte auf und erhellte flüchtig den Innenraum, ehe er wieder in Dunkelheit versank. John blies einen langen Strom von Rauch aus, lehnte sich zurück und schloss die Augen. Er hatte einen früheren Flug genommen, um bald wieder bei David zu sein, doch jetzt, wo er hier war …
Er hat versprochen, da zu sein, wenn du zurückkommst, McCann.
John drückte seine Zigarette im Aschenbecher aus. Er wird da sein.
In der Wohnung war es dunkel, als John die Tür hinter sich schloss. Er ließ das Licht aus und ging direkt zum Schlafzimmer. Die Tür war nur angelehnt. John blieb stehen und spähte in die Finsternis. Doch sogar noch ehe er den vollen Rucksack an der Kommode lehnen sah, wusste er, dass David da war.
Vorsichtig und langsam zog sich John aus, die ganze Zeit seinen schlafenden Geliebten im Blick, bis er merkte, dass Davids Augen gar nicht zu waren und dass er ein liebevolles Lächeln auf den Lippen hatte. John legte seine Hosen über einen Sessel und flüsterte lächelnd: „Ich wollte dich nicht wecken.“
David nickte nur und wartete, bis John sich zu ihm ins Bett legte. Als die Matratze sich senkte, entspannte David sich zum ersten Mal seit Tagen.
„Alles okay?“, fragte John leicht verlegen.
„Mir geht’s gut“, flüsterte David, immer noch lächelnd.
John nickte und streckte zögernd die Hand aus, um David eine Haarsträhne aus dem Gesicht zu streifen. Er wollte ihn berühren, doch etwas – vielleicht der Abstand der halben Welt, die er gerade durchquert hatte – hielt ihn davon ab.
Die beiden Männer lagen schweigend da und sahen einander an, bis David murmelte: „Ich habe dich vermisst, John.“
„Oh Scheiße, Dave.“ John rückte schnell ganz nah an ihn heran und nahm sein Gesicht in die Hände. „Ich hab‘ dich ja so vermisst, verdammt noch mal.“ Ihr Kuss war zärtlich, doch die sanfte Berührung ihrer Lippen enthielt all das Verlangen und all die Sorgen der letzten paar Tage.
Langsam bewegten sich Davids Hände auf Johns Körper zu. Seine Finger schlossen erneut Bekanntschaft mit der glatten, hellen Haut, Berührung für Berührung. Obwohl Johns Zunge im Kuss zwischen Davids Lippen glitt, hielt er sich zurück und ließ den anderen Mann die Führung übernehmen.
Bei Davids beinahe zaghaften Berührungen wich John ein kleines Stück zurück und flüsterte: „Es ist alles okay, Dave.“ David deutete ein Nicken an und begann ihn wieder zu küssen, doch diesmal stärker und mit mehr Nachdruck. Sein Bein schob sich vorsichtig zwischen Johns Beine, bis ihre Oberschenkel über Kreuz lagen.
„Fühlt sich gut an“, stöhnte John, als David sich langsam an ihm zu reiben begann. Er umfasste mit beiden Händen Davids Hinterbacken, um ihn an sich zu drücken; seine Nase streifte die zarte Haut, wo unter dem stoppeligen Kinn die Pulsader pochte. John fühlte sich in Davids Geruch versinken.
Sie bewegten sich im Einklang, ohne die Verzweiflung der Wiedervereinten, sondern wie ein Paar, wo beide einander kannten und sich wohlfühlten in dem Wissen, dass sie sich kannten.
Als sie kamen, geschah das leise, nur mit kurzen Atemstößen in den Mund des anderen.
BEIM ERSTEN Schein der Morgendämmerung begannen sie dann zu reden, jenes „echte“ Reden, das anscheinend nur in den frühen Morgenstunden stattfinden kann. „Es war … ich weiß nicht, seltsam“, sagte John. Er starrte in das heller werdende Licht und versuchte zu begreifen, wie es denn nun genau gewesen war. „Es war wo ich herkomme, aber nicht, wo ich jetzt bin. Ergibt das überhaupt einen Sinn?“
David nickte, rückte näher und schob sich unter Johns Arm. „Absolut“, versicherte er, beugte und streckte seine Finger, bis sie Johns Wange gerade eben berührten und die Fingerkuppen über ein Lachfältchen strichen.
John lächelte dieses halbe Lächeln, das David inzwischen als Zeichen für Unsicherheit erkannte. „Ich habe meiner Tante Annie von dir erzählt … dass ich dich liebe.“ In Johns Stimme schwang ein leises Staunen mit, als hätte er etwas besonders Tapferes getan – oder etwas besonders Dummes. „Ich hatte fürchterlichen Schiss, aber sie sagte nur, sie hätte immer gewusst, dass ich ‚nicht der Typ zum Heiraten und Kinderkriegen‘ bin – selbst als ich es noch gar nicht wusste.“ John lachte leise über den Euphemismus, den sie benutzt hatte und drehte den Kopf, um David einen Kuss auf die Handfläche zu drücken.
„Ich glaube, ich wusste es schon immer“, flüsterte David, als würde er ein lang gehegtes Geheimnis verraten.
John runzelte die Stirn, und obwohl er selten in Davids Vergangenheit herumstocherte, musste er einfach fragen: „Warum hast du dann geheiratet?“
David brauchte nicht über seine Antwort nachzudenken, weil sie für ihn klar auf der Hand lag. „Ich habe sie geliebt. Auch noch als ich sie verlassen habe, glaube ich.“ Er zuckte leicht die Achseln bei dem Blick, den John ihm zuwarf. „Ich war … bin schwul, John, aber das hat mich nicht daran gehindert, sie zu lieben. Und ich war gern verheiratet, hatte gern eine Familie.“ Er hielt inne und runzelte die Stirn, wohl wissend, dass das, was er als Nächstes sagen würde, noch nie laut ausgesprochen worden war. „Aber ich glaube nicht, dass sie mich je geliebt hat.“
Es war ein einfacher Satz, in dem jedoch so viel Schmerz lag, dass John nicht antworten konnte. Wie konnte sie dich nicht lieben? Die Frage sprang geradezu ins Auge, und doch konnte John sie nicht stellen.
Nach einigen Momenten des Schweigens fragte er stattdessen: „Warum hat sie dich dann geheiratet, Dave? Wegen Adam?“
David schüttelte den Kopf. „Darüber habe ich viel nachgedacht und ich weiß es nicht. Ich nehme an, von mir hat sie bekommen, was sie damals gebraucht hat. Ein Zuhause, eine Familie, einen Ehemann mit einem guten Job. Ich war nützlich.“
Nützlich? Was zum Teufel sollte das heißen? John ignorierte seine frühere Sicht auf seine Beziehung mit Marian und sehnte sich danach, seine Abscheu in Worte zu fassen. Doch die Gelegenheit war dahin, als David fragte: „Und, hast du erfahren, warum dein Vater weggegangen ist?“
„Ich glaube schon“, murmelte John und seufzte dann.
David nickte und beobachtete schweigend das stete Heben und Senken von Johns Brustkorb.
„Ich habe meinen Dad vermisst, als ich ein Kind war. Nicht ständig, nur manchmal“, sagte er und strich David mit den Fingern durchs Haar. „Manchmal hätte ich ihm gerne etwas erzählt oder ihm einfach nur gesagt, wie es mir geht. Es waren selten wirklich wichtige Dinge, denn dafür hatte ich meine Großeltern, mehr so alltäglicher Kram.“ Er rutschte auf dem Bett herum und zog David enger an sich. „Nachts bin ich oft wach gelegen und habe mich gefragt, wo er ist; ob er eine neue Familie hat, ob er je an mich denkt. Das habe ich meine Oma natürlich nie erzählt. Vielleicht hätte ich das tun sollen. Vielleicht hätte ich dann nicht erst jetzt herausgefunden, dass seine neuen Kinder auch meine Familie sind und dass er nicht weggegangen ist, weil er mich nicht mehr wollte.“
Zärtliche Finger streichelten Johns Brust. Er schaute hin, wohl wissend, woran David gerade dachte, und drückte seine Lippen auf das Haar, das David schon wieder ins Gesicht gefallen war. „Er ist ein guter Junge, Dave. Er wird warten.“
„Er hat mit mir geredet, John.“
Die Worte waren so leise, dass John nicht sicher war, ob er sie richtig verstanden hatte. Er lehnte sich – und David – ein wenig aufrechter an die Kissen und fragte: „Was soll das heißen, er hat mit dir geredet?“
David zuckte die Achseln, als wäre es nichts, wo doch beide wussten, dass das nicht stimmte. „Am Telefon. Er hat angerufen. Ich dachte, das bist du.“
Scheiße! John nahm sich einen Moment Zeit, um David – und sich selbst – eine Atempause zu gönnen, dann fragte er so beiläufig er nur konnte: „Und, war’s okay? Ich meine, worüber habt ihr euch unterhalten?“
Davids Kiefermuskeln arbeiteten einen Moment in Stille, dann murmelte er: „Ich hab‘ eigentlich gar nichts gesagt, aber ich hab‘ zugehört und er wusste, dass ich da bin.“ John lag ganz still; angespannt bis zur Schmerzgrenze wartete er auf die nächsten Worte, wünschte er sich nichts dringender, als Fragen zu stellen. Doch er konnte nur zuhören. David fielen die Augen zu und sein Atem streifte über Johns Haut. Langsam begannen die Worte erneut. „Er hat mir von der Schule erzählt, von einem Mädchen, das er mag und …“ Er verstummte, das Gesicht im Kampf gegen die Tränen verzerrt.
„Oh, verdammt. Das ist gut, Dave. Das ist sehr gut“, flüsterte John eindringlich. „Er liebt dich. Er will dich in seinem Leben haben, und das ist ein Anfang.“ John holte tief Luft und drückte seine Wange an Davids Haar. „Verdammt, Dave. Das hätte ihm so viel bedeutet.“
David konzentrierte sich auf den Rhythmus von Johns Atem, der ihm sachte durch die Haare strich. Langsam begann sich der Kloß in seinem Hals aufzulösen. „Hast du gewusst, dass dein Dad dich liebt, John?“
„Gute Frage“, sagte John beinahe flapsig. Früher hätte er es dabei belassen – mit den Jahren war er darin recht gut geworden – doch jetzt kämpfte er gegen diesen Drang an. „Um ehrlich zu sein, Dave, ich weiß es eigentlich gar nicht.“ Er verlagerte sein Gewicht ein wenig, sodass sie beide bequem lagen, und zog den Quilt über ihre Schultern. „Manchmal habe ich meiner Oma geglaubt, wenn sie das behauptet hat, aber manchmal …“ Er seufzte, da ihn die Erschöpfung schließlich doch einholte. „Aber vielleicht kann ich jetzt damit leben?“
ADAMS GRINSEN sagte alles. John konnte sich ein gutmütiges Kopfschütteln nicht verkneifen, als er ihnen etwas zu trinken bestellte und sie sich an den Tisch setzten, der inzwischen ihr Stammplatz war. „Ich hab‘ gehört, dass du mit deinem Dad gesprochen hast.“ Er lachte leise, immer noch mit Lachfältchen in den Augenwinkeln.
„Hat er’s dir erzählt? Was hat er gesagt?“ Adam beugte sich vor. Er konnte seine Freude kaum zurückhalten.
John dachte an das leise Gespräch in den frühen Morgenstunden zurück und sagte: „Nur, dass du angerufen hast. Er dachte, das wäre ich.“
Adam nickte. „Er hat deinen Namen gesagt, als er rangegangen ist … ich dachte, er legt gleich wieder auf, wenn er merkt, dass ich dran bin. Aber das hat er nicht.“ Adam lächelte die Kellnerin an und nahm sein Getränk entgegen. Er spielte mit dem Strohhalm herum und sah zu, wie die Bläschen im Glas aufstiegen. „Ich hatte solche Angst, dass er einfach auflegt. Es war, als könnte ich nicht mehr atmen, als ich seine Stimme gehört habe und ich wusste nicht, was ich tun sollte, John. Als ich klein war, haben wir ständig miteinander geredet und jetzt war das mein Dad, aber zugleich war er’s nicht.“
„Er ist immer noch dein Dad, Adam“, sagte John, der hundertprozentig nachvollziehen konnte, womit der Teenager gerade klarzukommen versuchte. „Ganz egal, was er durchgemacht hat, er ist immer noch dein Dad. Auch wenn er nicht mit dir zusammen sein kann, weiß ich, dass es ihm gefallen hat, deine Stimme zu hören, Adam, ein Teil deines Lebens zu sein.“
Adam hob den Kopf und fragte: „Hat er das gesagt?“
John stieß ein kurzes, trauriges Lachen aus. „Du kennst David; er sagt überhaupt nicht viel. Aber es war ziemlich klar, was er empfunden hat.“
Mit einem Gesichtsausdruck, der halb Grimasse, halb Lächeln war, ahmte Adam David perfekt nach.
„Oh, diesen Blick kenn‘ ich nur zu gut“, lachte John. „Aber glaub mir, Adam, es hat ihm viel bedeutet und er vermisst dich.“
„Warum zum Teufel kann er dann nicht mit mir reden?“, platzte Adam heraus, bereute es aber sofort. Er hatte sich so viel Mühe gegeben, solche Gedanken zu unterdrücken. „Tut mir leid, tut mir leid. Ich versteh’s ja, ich versteh’s wirklich, aber er ist mein Dad, John. Manchmal brauche ich ihn einfach als meinen Dad. Ich war noch ein Kind, als er weggegangen ist. Ich bin immer noch ein Kind. Er hätte der Starke sein müssen …“
„Ich weiß“, flüsterte John. Er beugte sich vor und berührte Adam kurz an der Schulter. „Manchmal funktioniert das Leben eben einfach nicht so, wie es soll.“
AUF DER Rückfahrt zum Buchladen dachte John viel über Adam nach. Er hatte das alles so gut aufgenommen, dass John beinahe vergessen hätte, wie jung er noch war. Adam war ein Junge, der im Grunde seinen Vater verloren hatte. Das erinnerte ihn wieder mal daran, dass das Leben kein akkurates Puzzle war, bei dem am Ende ein perfektes Bild herauskam.
Als er am Straßenrand hielt, waren seine Gedanken immer noch nicht klar genug, um David von seinem Gespräch mit Adam erzählen zu können. John stieß einen lang gezogenen Seufzer aus. Wie hast du dir eigentlich vorgestellt, dass es weiter gehen soll? David geht es immer besser, er trifft sich mit Adam, und … und dann?
Darauf wusste John keine Antwort.
DIE LADENGLOCKE bimmelte, der Straßenlärm war sofort nur noch gedämpft zu hören, und die Nervosität, die sich in Johns Brust zusammengeballt hatte, verschwand bis auf einen winzigen Rest. Im „Margins“ war es warm, und er blieb einen Moment stehen, um sich von dem Duft nach Papier und frisch gekochtem Tee einhüllen zu lassen. John lächelte und marschierte in die Küche, um seinen Becher aus der Teekanne zu füllen, in der der Tee jetzt genau die richtige Temperatur zum Trinken haben würde.
David und Jamie saßen in den alten Sesseln, als John um das Bücherregal herumkam. Er zwinkerte David zu, dem Jamie gerade mit weit aufgerissenen Augen erzählte: „Und dann hat er mich verdammt noch mal gebissen!“
John verdrehte die Augen und warf dem Geschichtenerzähler eine Tüte in den Schoß. „Da, ich hab‘ Donuts mitgebracht. Vielleicht stopfen die dir für eine Weile den Mund; wobei ich da so meine Zweifel habe.“
Jamie grinste nur, zog einen Donut aus der Tüte und legte ihn neben Davids Hälfte ihres Sandwichs.