DER WIND zerrte bitterkalt an John. Er neigte sich zu David und murmelte. „Und … lässt du dir jetzt von mir diese Jacke kaufen?“ David lächelte, schüttelte aber den Kopf und ging weiter den Gang zwischen den Marktständen entlang. Als sie an einem Ständer mit Winterjacken ankamen, warf John ihm einen Seitenblick zu und brummte: „Du bist vielleicht ein sturer Bock.“
David grinste und schnitt eine Grimasse, ohne zu merken, dass der Inhaber des Stands sich ihm von hinten genähert hatte. Die Hand auf seiner Schulter war völlig harmlos, doch David erstarrte bei der Berührung; seine Augen hefteten sich auf den leeren Raum vor seinen Füßen.
John brauchte einen Moment, um zu erkennen, was geschehen war, aber dann lenkte er die Aufmerksamkeit des Verkäufers sofort auf einen anderen Kunden und brachte Abstand zwischen ihn und David.
. Während der Mann zwischen seinen Waren nach der verlangten Größe kramte, trat John zu David und sagte leise: „Er hat sich nichts dabei gedacht, David.“
David schaute auf seine Füße und nickte. „Ich weiß.“
John beobachtete ihn aufmerksam. Er wartete, bis Davids Augen nicht mehr ins Leere schauten, und versicherte ihm mit leiser, ruhiger Stimme: „Er ist weg.“
Ein weiteres leichtes Nicken und ein geflüstertes. „Ich weiß.“ Diesmal jedoch blickte David auf und sah John in die Augen.
„Aber du brauchst wirklich eine neue Jacke.“ John lächelte und beugte sich vor, stupste David sachte mit der Schulter an und war erleichtert, als sein Lächeln erwidert wurde.
David atmete einmal tief durch, zuckte die Achseln und gab zu: „Kann schon sein.“
„Also …“ begann John in scherzhaftem Ton, da er erkannte, dass David wieder bei ihm war. „Lässt du mich dir eine kaufen?“
David schaute ihn nur an, neigte kess den Kopf zur Seite und machte eine Show daraus, sein eigenes Portemonnaie herauszuholen.
MIT DER neuen Jacke sicher verstaut in einer schlichten weißen Plastiktüte machten sie sich auf in ein Café, um sich aufzuwärmen. Kurz vor der Tür warf David einen Blick auf die nahe öffentliche Toilette und sagte: „Muss nur kurz pinkeln. Ich komm‘ gleich.“
„Okay. Möchtest du einen Tee?“, fragte John, den an der offenen Tür des Cafés bereits den einladend warmen Luftstrom spürte. David hob zustimmend die Hand und verschwand dann durch die ramponierte, von Graffitis übersäte Tür der Herrentoilette.
David lächelte sein leicht verschwommenes Gesicht zwischen den Kratzern auf dem Spiegel in der Toilette an und machte sich dann daran, seine Hände zu waschen. Er war fast fertig, als er eine Bewegung in seiner Nähe wahrnahm; ein weiterer Blick in den Spiegel zeigte ihm eine Gestalt, die ganz dicht hinter ihm stand.
„Neues Gebiet?“, fragte der Mann unverständlicherweise. Die Frage klang vertraulich, aber eindeutig nicht so, als sei er ein Freund.
David senkte sofort den Blick und konzentrierte sich auf die letzten paar Seifenblasen auf seinen Händen, die unter dem Wasserstrahl zerplatzten und sich auflösten. „Tut mir leid, ich weiß nicht, wovon Sie reden“, murmelte er.
Das Lachen, das David hörte, war reiner Hohn und ließ ihm die Galle in die Kehle steigen. „Oh doch, das weißt du sehr wohl“, flüsterte der Mann. Sein warmer Atem traf die Rückseite von Davids Ohr. „Verlangst du jetzt mehr fürs Blasen, so hübsch und glattrasiert wie du bist?“
„Ich weiß nicht, wovon Sie …“ stieß David mit zusammengebissenen Zähnen hervor, doch der andere schnitt ihm das Wort ab.
„Halt’s Maul“, zischte der Mann. „Du warst mir lieber, als du noch nicht geredet hast; als du’s nicht konntest, weil du mit meinem Schwanz im Mund in der Pisse gekniet hast.“
Nein! David richtete sich auf und schüttelte den Kopf. „Nein … nicht ich.“ Er wirbelte herum und funkelte den Mann wütend an, der nur den Zorn sah und nicht die Furcht. „Das bin ich nicht mehr!“
Der Mann verstand Davids Reaktion nicht; er trat rasch zurück. So etwas war er nicht gewöhnt; mürrisches Sich-Abfinden oder widerspenstige Scham, aber nicht, was er als Aggression wahrnahm. „Na, gibt ja genug andere Stricher.“ Er zog verächtlich die Oberlippe hoch, spuckte David vor die Füße und verließ schnell das Toilettenhäuschen, wobei er so zu tun versuchte, als hätte er alles unter Kontrolle.
Wasser tropfte von zitternden Fingern. David stand da und starrte in den jetzt leeren Vorraum. Eine Welle von Übelkeit erfasste ihn und David rang nach Luft, bis er sich soweit erholt hatte, dass er sich wieder zum Waschbecken umdrehen konnte.
Er stützte sich schwer auf das Porzellanbecken; das Wasser lief noch, und David sah zu, wie es in den rostfleckigen Abfluss rauschte. Als seine Knie schließlich aufhörten zu zittern und ihn wieder tragen konnten, ließ David sich Wasser in die hohlen Hände laufen. Er tauchte sein Gesicht hinein, bis das Wasser ihm durch die Finger geronnen war, dann blieb er so stehen, atmete in seine nassen Hände und dachte wieder und wieder dasselbe. Nicht mehr ich.
Die Augen fest geschlossen ließ Dave die Hände sinken. Es dauerte eine Weile, bis er den Mut fand, die Augen zu öffnen und in den Spiegel zu schauen. Nicht der lächelnde Mann von vor nur wenigen Minuten blickte ihm entgegen, aber auch nicht der ungepflegte Obdachlose, der auf den Strich ging, um zu überleben. David riss ein Stück von einem Papierhandtuch ab und schrubbte sich damit Gesicht und Hände trocken, ohne den Blick von seinem Spiegelbild zu wenden.
Nicht mehr ich.
Helle Augen starrten trotzig zurück, als wollten sie ihm wiedersprechen. Du hast dich nicht verändert. Ja, du bist sauber und entlaust, aber er hat dich als das erkannt, was du bist.
David schüttelte den Kopf. Nein. Bitte … das bin ich nicht mehr.
Wie um sein Flehen zu unterstützen, riss David sich seine alte Jacke vom Leib und warf sie in den Mülleimer. Die dünne Plastiktüte klebte an seiner feuchten Hand, als er hineingriff. Er musste mehrmals schütteln, aber schließlich rutschte der Stoff heraus und die Tüte flatterte zu Boden.
In der neuen Jacke, den Reißverschluss geschlossen, konnte er sich dem Spiegel stellen. Die habe ich gekauft. Ich habe sie mir verdient. Davids Brustkorb hob und senkte sich heftig, während er sich das in Gedanken wiederholte.
Langsam löste sich sein Blick vom Spiegel, und er wandte sich vom Waschbecken ab.
JOHN BRACHTE gerade den Tee an einen Tisch, als David das Café betrat. Es ist okay. Setz dich zu John. Jetzt ist alles okay. Als er sich auf den alten Holzstuhl setzte, klammerte er sich verzweifelt an diesen Gedanken.
„Sieht gut aus, die Jacke.“ John grinste und schob eine Tasse über den Tisch. Er nahm einen Schluck, zog eine Grimasse und griff nach der Zuckerdose. Er schaufelte sich zwei Löffel Zucker in den Tee, schaute David an und sagte: „Weißt du, Adam war ziemlich begeistert, weil er mit dir reden konnte. Ich habe mir überlegt, ob ihr das nicht regelmäßig machen könntet?“
Das rhythmische Klirren des Löffels, mit dem John seinen Tee umrührte, übertönte beinahe seinen Vorschlag. David wusste, dass es um Adam ging, aber mehr bekam er nicht mit, so fixiert war er auf das Wirbeln des silbrigen Löffels in der Tasse.
Ohne zu merken, dass David ihm gar nicht richtig zuhörte, sprach John weiter über mögliche Szenarien für die einseitigen Gespräche mit Adam und machte Andeutungen, wie David sich vielleicht nach und nach daran beteiligen könnte. Der Löffel stoppte; John legte ihn auf die Untertasse und nahm den ersten Schluck. „Die machen guten Tee hier“, sagte er anerkennend. Er lächelte und zwinkerte David zu. „Weißt du, ich glaube, es hilft ihm wirklich, zu wissen, dass du wieder ein Teil seines Lebens sein willst.“
Wieder ein Teil seines Lebens. Das Licht im Café war ekelhaft gelblich und zu grell; es reizte Davids äußeres Gesichtsfeld. Er versuchte dagegen anzublinzeln, während er an einer kleinen Faser herumzupfte, die in einem Splitter an der Tischkante hing. Je öfter seine kalten Finger abrutschten, desto nervöser wurde er.
Johns Lächeln erstarb; er griff bedächtig über den Tisch und schloss seine Finger um Davids Hand, um sie still zu halten. „Trink deinen Tee, Dave; der wird dich aufwärmen.“
David zog langsam seine Finger unter Johns Hand hervor und legte sie um seine warme Tasse.
Er blickte nicht auf.
Was ist los, David? John beobachtete schweigend seinen Geliebten. Ihm war sehr wohl bewusst, dass die Stimmung erneut gekippt war und David zu kämpfen hatte. Doch nicht etwa immer noch wegen der Sache vorhin auf dem Markt …
Er wollte gerade fragen, als eine Gruppe von Mädchen im Teenageralter lachend und schwatzend das Café betrat. Das harmlose, fröhliche Stimmengewirr zerrte an Davids bloßliegenden Nerven, und er stand so abrupt auf, dass Tee in die weiße Untertasse schwappte.
Es war zu laut, zu … zu viel, und er musste hier raus.
Die Mädchen beschimpften ihn hinter vorgehaltener Hand, als er sich an ihnen vorbei aus dem Café drängte, aber John, der immer noch seine Teetasse umklammerte, saß da wie erstarrt. Was zum Teufel ist da eben passiert?
Als die Tür zufiel, gab John sich mental einen Tritt, warf ein paar Geldscheine auf den Tisch und lief David nach. Halb erwartete er, den Bürgersteig leer vorzufinden.
David tigerte mit großen Schritten auf und ab. Er musste sich bewegen, wollte aber nicht weglaufen. Verwirrung lag im Zwiespalt mit Vernunft.
Johns Erleichterung darüber, dass David noch da war, wich rasch großer Besorgnis; er hatte David schon früher aufgewühlt gesehen, aber noch nie so. „Was ist los, David?“, fragte er und schob sich behutsam in sein Blickfeld. „Es wird doch alles besser. Du hast ein Zuhause, du stehst mit Adam in Verbindung …“
David nahm nur Wortfetzen wahr, doch was John sagte, ergab vor dem statischen Rauschen seiner wirren Gedanken keinen Sinn. Seine Arme schmerzten und er rieb sie, kehrte John den Rücken. John sollte aufhören … musste aufhören, ihn in Ruhe lassen …
Da er nicht wusste, was er sonst tun sollte, legte John eine Hand auf Davids Rücken. Bei früheren Gelegenheiten hatte Körperkontakt geholfen und David zu ihm zurückgeholt. Aber diesmal hatte die Berührung den gegenteiligen Effekt. David entzog sich ihr ungestüm und bedeutete John mit warnend erhobener Hand, sich zurückzuhalten. Auf Davids Gesicht malte sich eine Mischung aus Furcht und Frust, aber auch etwas, was John noch nie bei ihm gesehen hatte: Zorn.
„David?“ John sprach leise, aber sein Schmerz und seine Verwirrung waren deutlich.
David drehte sich zu ihm um. Er wollte, dass alles wieder okay war, wollte diesen Ausdruck von Johns Gesicht nehmen, aber zum jetzigen Zeitpunkt schien ihm das völlig unmöglich.
Mit einem frustrierten Kopfschütteln hob David eine Hand, rieb sich unruhig über Wange und Lippen und ließ sie schließlich über seinem Mund liegen.
Scheiße, nein. Lass das nicht passieren. John wurde es innerlich ganz kalt. Er konnte sehen, wo das hinführen würde, und fühlte sich völlig hilflos, weil er es nicht aufhalten konnte. „Komm nach Hause, David. Bitte“, flehte er leise und streckte die Hand aus.
Diesmal nickte David, doch er bewegte sich nicht auf John zu. Langsam wandte er sich ab und ging weg.
John stand auf dem Bürgersteig und sah dem Mann, den er liebte, nach, bis er aus seinem Blickfeld verschwand.