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„UND DANN ist er einfach weggegangen, verdammte Scheiße.“

Jamie sah John an. Sein Freund saß zusammengesunken im Sessel, den Kopf in den Händen und die Finger in seinem Haar vergraben.

„Aber er hat genickt, nicht? Als du ihn gebeten hast, nach Hause zu kommen?“, fragte Jamie, in einem Versuch, entweder die Situation zu klären oder wenigstens, wie John sie wahrgenommen hatte.

Johns Hände glitten über sein Gesicht bis zu seinen Lippen, wo sie für einen Moment liegen blieben, während er darüber nachdachte. Schließlich blickte er auf und sage mit wenig Überzeugung: „Ja, er hat genickt.“

„Und warum bist du dann hier bei mir, John?“

Die Frage war schwer zu beantworten, aber im Grunde wusste John warum. „Ich kann dort nicht allein sein. Nicht mehr.“

Bitte gib jetzt nicht auf, John. Nicht, wenn du so dicht dran bist.

Es herrschte bedrücktes Schweigen, bis John nach seinen Zigaretten griff und sich eine anzündete. Er nahm einen tiefen Zug und ließ den Rauch beim Sprechen zwischen seinen Lippen hervorquellen. „Ist es immer so schwer, Jamie? Oder hab‘ nur ich so viel Glück?“

Jamie verdrehte die Augen über Johns erbärmlichen Sarkasmus und gab zurück: „Woher zum Teufel soll ich denn das wissen? One-Night-Stand-Serientäter, schon vergessen?“

„So langsam könnte man fast meinen, dass du dir die bessere Strategie ausgesucht hast“, brummte John, doch er fasste Jamie am Hinterkopf, zog ihn an sich und drückte ihm einen Kuss auf die Stirn.

„Keine Chance“, erwiderte Jamie kopfschüttelnd. Er nahm John die Zigarette weg, steckte sie sich kurz selbst in den Mund und drückte sie dann aus. „Klar, du musst um deine Beziehung mit David kämpfen; aber ich würde jederzeit mit jedem von euch beiden tauschen. Nicht, dass ich auf dich stehen würde, Boss, also mach‘ dir bloß keine falschen Hoffnungen.“ Jamie grinste und zwinkerte John zu.

Johns Mundwinkel hoben sich, aber in seinen Augen lag kein Lächeln. „Willst du mir damit vielleicht sagen, dass ich losgehen und wieder nach ihm suchen soll?“

Jamies Lippen wurden schmal und er stand auf, um den Aschenbecher zu leeren. Immer noch mit dem Rücken zu John stieß er einen tiefen Seufzer aus. „Vielleicht auch nicht, John.“

Diese Antwort hatte John nicht erwartet, und sein Magen machte einen Satz. „Aber du hast doch mal gesagt, dass ich ihn immer wieder zurückholen soll. Immer wieder, bis er bleibt.“

„Vielleicht habe ich mich geirrt?“, sagte Jamie nachdenklich und setzte sich wieder auf seinen Platz. „Vielleicht ist es diesmal anders?“

Bitte, sag das nicht, Jamie. Kalte Leere begann sich in John auszubreiten. Er murmelte: „Also soll ich ihn einfach loslassen?“

„Scheiße, nein, John!“, sagte Jamie und umarmte ihn unbeholfen. „Du gehst nach Hause und wartest auf ihn. Er wird nicht wissen, wo du bist, wenn du hier bei mir rumhängst.“

„Und wenn er nicht nach Hause kommt?“

„Er hat genickt, John. Er wird nach Hause kommen.“

 

 

DIE STRAßEN zogen unbeachtet vorbei. David ging immer weiter; er war schon so oft durch diese Straßen gelaufen, dass das, was um ihn herum war, keine Rolle mehr spielte. Das Bedürfnis nach Bewegung trieb ihn blind voran, bis ihn ein anderer Fußgänger am Ärmel packte und so davon abhielt, auf eine viel befahrene Straße zu laufen. „Pass auf, wo du hinrennst, Mensch“, brummte der Fremde, während der Verkehr an ihnen vorbeirauschte. David schaute den Mann an und blinzelte, dann stolperte er einen Schritt zurück. Er blieb stehen, als die Ampel auf Grün sprang und Passanten sich auf den Bürgersteig an ihm vorbeidrängelten.

Als die Ampel wieder rot wurde, hatte David sich schon in ein nahes Buswartehäuschen zurückgezogen und lehnte schlaff an einem der Metallpfosten.

„Entschuldigung. Alles in Ordnung mit Ihnen?“ Das Gesicht einer jungen Frau tauchte verschwommen vor David auf. Er schaute sie an, ohne zu verstehen, warum sie da war, warum sie mit ihm sprach.

„Soll ich jemanden für Sie anrufen?“ Sie war beharrlich; offenbar hatte sie erkannt, dass mit diesem Mann definitiv nicht alles in Ordnung war. David runzelte die Stirn. Niemand bleibt stehen; die Leute schauen weg, tun so, als hätten sie nichts bemerkt, lassen mich nicht in ihr sicheres, warmes Dasein eindringen.

Als David nicht antwortete, holte die Frau eine halb volle Flasche Wasser aus ihrer Einkaufstüte und drückte sie ihm in die Hand. „Trinken Sie einen Schluck und setzen Sie sich.“ Sie schob ihn in das Wartehäuschen und setzte sich neben ihm auf die Bank. „Kommen Sie, trinken Sie schon“, drängte sie, griff nach der Flasche und schraubte sie auf, da David sie nur anstarrte. „Es ist okay; ist nur Wasser.“

David setzte langsam die Flasche an die Lippen und nahm einen Schluck. Das kühle Wasser rann ihm leicht durch die Kehle. Er blinzelte und trank noch einen Schluck, stillte einen Durst, den er vorher gar nicht wahrgenommen hatte. „Danke“, murmelte er, den Blick immer noch auf die kleine Plastikflasche gerichtet.

„Bitteschön.“ Sie lächelte. „Meinen Sie, dass Sie es jetzt bis dorthin schaffen, wo Sie hinwollen? Soll ich jemanden anrufen?“

Ich weiß nicht … „Ich bin okay, danke“, log David und wollte ihr die Flasche zurückgeben, doch sie hob abwehrend die Hand. „Behalten Sie die und bleiben Sie noch einen Moment sitzen“, sagte sie und warf einen Blick auf den Bus, der gerade an den Randstein fuhr. „Mein Bus ist da. Bleiben Sie eine Weile sitzen, erholen Sie sich.“

Der Schatten des Busses entfernte sich, und David saß allein im Wartehäuschen.

 

 

ALS DIE Sonne unterging, war John schon bei seinem dritten Glas Scotch. Die winzige Wohnung wirkte wie eine riesige Höhle, als er so alleine auf der Couch saß. Seine Autoschlüssel lagen neben Davids Skizzenbuch auf dem Kaffeetisch bereit.

In den frühen Morgenstunden fiel John schließlich betrunken in Schlaf.

 

 

WINTERNÄCHTE FÜHLTEN sich ganz anders an, wenn man auf der falschen Seite des Fensters war, aber David verfiel rasch wieder in alte Überlebens-Gewohnheiten. Er fand eine tiefe Nische in einem Hauseingang und streifte den Mann, der sich bereits in einer Ecke niedergelassen hatte, mit einem kurzen Blick. Als David sich ihm gegenüber niederließ, wechselten beide einen Blick voller Resignation und ein wenig Argwohn.

Ohne einen gefalteten Pappkarton zum Draufsitzen drang die Kälte des Fliesenbodens ungehindert durch Davids Jeans. Er zog die Knie hoch, machte sich so klein wie möglich, um sich warm zu halten, und fiel in einen unbehaglichen Dämmerschlaf.

 

 

JOHN ERWACHTE von einem leichten Schütteln und sah eine Hand vor sich, die ihm Kopfschmerztabletten anbot. Er kniff die Augen gegen das Morgenlicht zusammen und blinzelte, bis er Jamies Silhouette ausmachen konnte. Dankbar nahm er die Pillen, doch als er nach dem Glas mit dem letzten Rest Whisky griff, wurde er zurückgehalten und Jamie sagte: „Keine gute Idee. Hier, versuch‘s lieber damit.“ Ein Glas Wasser trat an die Stelle des Whiskys.

Mit einer angewiderten Grimasse schluckte John die Pillen; als das kalte Wasser in seinem Magen landete, hatte er sofort gegen eine Welle von Übelkeit zu kämpfen. Jamie blieb geduldig sitzen und wartete, bis John zu sprechen begann. Mit trockenen Lippen murmelte John schließlich verbittert: „Ich habe nicht nach ihm gesucht und er ist nicht nach Hause gekommen.“

„Es tut mir leid, John“, antwortete Jamie unglücklich. Sein Gefühl sagte ihm, dass er seinen Freund richtig beraten hatte – aber sicher war er sich da nicht mehr. „Aber ich glaube, dass David diesmal von selbst kommen muss.“

John schüttelte den Kopf – was er sofort bereute, als das schmerzhafte Pochen stärker wurde. „Das ist ja das Problem, Jamie. Ist David überhaupt fähig, sich so weit zu fangen, um nach Hause zu kommen? Ich meine, du hast ihn gestern nicht gesehen.“

„Hab‘ ich nicht, das stimmt“, bestätigte Jamie ruhig. „Aber du darfst ihn nicht unterschätzen, John. David ist nicht nur klug, sondern auch stark.“ Als John ihm einen zweifelnden Blick zuwarf, beharrte Jamie: „Denk‘ drüber nach, John. Denk‘ drüber nach, ohne den Schmerz und ohne sauer auf ihn zu sein …“

„Ich bin nicht sauer auf ihn“, unterbrach John zornig.

Doch Jamie sprach unbeirrt weiter. „Natürlich bist du das, John; nach allem, was du mit ihm durchgemacht hast, ist es dein gutes Recht, sauer auf ihn zu sein. Trotzdem musst du das im Moment einfach mal vergessen und überlegen, womit David sich alles herumschlagen musste, wie weit er schon gekommen ist. Denk‘ an die vielen Male, wenn er sich dir geöffnet und dich eingelassen hat, und dann sag mir, dass er nicht stark ist.“

Es war nicht leicht, den Schmerz – und das Kopfweh – außer Acht zu lassen, doch John wusste, dass Jamie recht hatte. „Ich mach‘ mir trotzdem Sorgen.“ Er seufzte und trank das restliche Wasser aus.

„Ich mir auch“, gestand Jamie.

 

 

JOHN? DAVID erwachte, als jemand an ihm vorbeiging. Doch als er seine Gliedmaßen auseinanderzufalten versuchte, kam sofort der Schmerz. Er stöhnte auf und bewegte sich ein wenig langsamer, versuchte seinen Muskeln Zeit zum Warmwerden zu lassen. Als er endlich auf den Füßen stand, hatten die anderen die Nische längst verlassen. David musterte die Passanten draußen und wusste nicht, was er tun sollte.

Mehr aus Gewohnheit als dass er es bewusst geplant hätte, fand David sich vor dem Eingang des Obdachlosenheims wieder, gerade als Barbara ankam. „Hallo, David“, lächelte sie und hielt ihm die Tür auf. „Bist du auf Besuch hier oder kommst du unseren Büchervorrat aufstocken?“ Sie behielt ihr routiniertes Lächeln bei, obwohl sie David ansehen konnte, dass er ihre Frage nicht verstand. „Möchtest du reinkommen, mein Lieber? Vielleicht was Warmes trinken und eine Kleinigkeit essen?“

Er warf einen Blick ins Innere des Gebäudes und runzelte die Stirn. „Ich weiß nicht.“

„Dann komm einfach. Komm mit“, sagte Barbara und steuerte ihn mit einer leichten Berührung in den Speisesaal.

Doch sowohl sein Tee als auch sein Essen blieben unberührt. Was denkst du, David?, grübelte sie, als sie sah, wie nachdenklich er gelegentlich die Stirn runzelte. Welches Problem versuchst du gerade zu lösen?

Die meiste Zeit über saß er einfach nur so da. Doch gegen Ende der Frühstückszeit, als sich der Saal allmählich zu leeren begann, bemerkte sie eine leichte Veränderung. David schien seine Umgebung bewusster wahrzunehmen. Er schaute auf das Bücherregal an der Wand gegenüber – genauer gesagt auf einen älteren Mann, der die Bücher ordnete.

Barbara trat an seinen Tisch und setzte sich neben ihn. „Die Bücher sind ein voller Erfolg, weißt du“, sagte sie absichtlich vage, sodass David eine Bemerkung dazu machen konnte, wenn er wollte. Gemeinsam sahen sie zu, wie der Mann ein paar zerfledderte Bücher aus seinem Rucksack holte und sie auf das für neue Bücher bestimmte Regalbrett stellte. „Du hast hier wirklich etwas Gutes angefangen.“ Langsam löste sich Davids Blick von dem Regal und richtete sich auf Barbara. „Es ist ein Anfang, und andere bauen darauf auf“, sagte sie und lächelte ihn an.

„Es ist ein Anfang“, murmelte er, „und das ist okay.“

„Es ist okay“, bestätigte Barbara und schaute wieder zu den Büchern, obwohl sie wusste, dass sie eigentlich bereits über etwas ganz anderes sprachen.

Für eine ganze Weile saßen sie schweigend nebeneinander, bis David fragte: „Werde ich je wieder so sein wie früher?“

„Niemand ist heute noch so wie früher, David“, sagte Barbara aufrichtig. David nickte, als hätte er die erwartete Antwort bekommen. „Aber wenn du es genau wissen willst“, fuhr Barbara fort, „mit der Zeit wird wahrscheinlich alles einfacher, auch wenn es nicht irgendwann die eine große Erleuchtung gibt und alles plötzlich passt. So was passiert vielleicht im Film, aber das Leben ist leider normalerweise nicht so. Kannst du mir sagen, was dazu geführt hat?“

„Ich dachte, es würde mir schon besser gehen“, sagte David mit einem immer noch verwirrten Stirnrunzeln. „Aber … keine Ahnung. Es war zu viel und ich konnte nicht denken. Ich musste allein sein. Ich wollte wieder denken können.“ Er verstummte, da er noch nicht bereit war, mehr ins Detail zu gehen.

„Also, was jetzt, David? Genau jetzt, in diesem Moment, was möchtest du jetzt tun?“ Barbara war sich darüber im Klaren, dass sie ihn zu einer Entscheidung drängte. Sie war auf die Konsequenzen gefasst, falls er keine treffen konnte.

„Ich will nach Hause.“ Die Antwort kam klar und deutlich, denn das war das einzige, dessen David sich sicher war.

 

 

JOHN SCHAFFTE es vor dem Ende des zweiten Klingelns ans Telefon, und Jamie sah beklommen zu, wie er dem Anrufer zuhörte und gelegentlich nickte. Nachdem er aufgelegt hatte, stand John für wenige Momente mit gesenktem Kopf da, dann sagte er: „Das war Barbara. Er ist im Obdachlosenheim.“

„Ist er okay?“ Jamie versuchte, sich seine Besorgnis nicht anmerken zu lassen.

John schniefte und drehte sich um. Er straffte die Schultern und sagte: „Er will nach Hause.“

Hierher nach Hause?“

„Hierher nach Hause“, bestätigte John mit einem Lächeln, das fast gar kein Lächeln war.

Jamie nickte. „Nach Hause zu dir“, sagte er lächelnd und umarmte John fest. „Aber du bist immer noch betrunken. Ich fahre, okay?“

John lachte leise und murmelte, das Gesicht an Jamies Schulter: „Wie du meinst.“