VON DEMSELBEN Tisch in demselben Café aus starrte John durch das beschlagene Fenster auf den kleinen Laden, in dem er ein Jahr seines Lebens verbracht hatte. Sein Blick war so ungerichtet wie damals, doch diesmal nicht aus Ärger, weil er hier sein musste. Sein Geist war erfüllt von allem, was hier in den vergangenen zwölf Monaten passiert war. Der Laden hatte sich kaum verändert, aber er war ein ganz anderer Mensch als der Mann, der damals diesen Kurzzeitpachtvertrag unterschrieben hatte.
Sein Blick wurde plötzlich von einigen Männern angezogen, die Umzugskartons in einen weißen Lieferwagen luden. Die Kartons waren mit breiten Streifen Klebeband fest verschlossen und säuberlich beschriftet. Jamie kam ins Blickfeld; er überprüfte die Aufschrift auf jedem Karton, deutete in den Lieferwagen und gab den Männern überflüssige Anweisungen. Ein Lächeln spielte kurz um Johns Lippen bei dem Gedanken. Bei jedem Job braucht es einen Boss, und Jamie gibt einen großartigen Aufseher ab; auf diese Art kann er neugierig sein, ohne wirklich viel zu tun. John seufzte, als er den jungen Mann lächeln und offensichtlich mit einem gutgebauten Möbelpacker flirten sah, der einen von den größeren Kartons trug. Warum habe ich mich nicht in Jamie verliebt?, überlegte John beim Anblick des kessen Grinsens. Hätte mir das Leben verdammt viel einfacher gemacht, deutlich weniger kompliziert. Seine Finger spielten abwesend mit seiner fast leeren Teetasse, drehten sie langsam auf der passenden Untertasse im Kreis.
Ein neues Geschäftsjahr und sein zeitweiliger „Tapetenwechsel“ war vorbei.
Eine grazile Frauenhand legte sich auf seine. „Ich wüsste ja nur zu gerne, was du gerade denkst, John.“
Johns Hand hielt still und er sah die Frau an, die ihm am Tisch gegenübersaß. Er lächelte und schüttelte den Kopf. „Ich habe nur gerade über die Tatsache nachgedacht, dass das Jahr vorüber ist und ich mich entschieden habe.“ Dann fügte er mit einem kleinlauten Lächeln hinzu: „Und ich habe Jamie beobachtet und mir überlegt, dass die letzten zwölf Monate wahrscheinlich einfacher gewesen wären, wenn ich mich in ihn verliebt hätte statt in David.“
Er errötete bei dieser Bemerkung, doch Maggie lachte nur. „Ach John, ich liebe meinen Sohn über alles, aber ich weiß, dass er dich in Null-Komma-Nichts in den Wahnsinn getrieben hätte.“
Johns Lächeln wurde breiter. „Ja, ich glaube, da hast du recht. Ich hätte ihn schon so einige Male mit Freuden erwürgen können.“ Als er wieder aus dem Fenster schaute, kritzelte Jamie gerade mit ernster gewordener Miene etwas auf eine der Schachteln. „Allerdings weiß ich nicht, was ich ohne ihn gemacht hätte.“
„Er ist ein guter Junge.“ Maggie lächelte, schaute über die Straße zu ihrem Sohn und drückte John die Hand. „Und wie geht es dir jetzt, John?“
John starrte weiter aus dem Fenster. Wie geht es mir jetzt? Interessante Frage. Schließlich kam er zu einem Ergebnis und wandte ihr das Gesicht zu. „Weißt du, Maggie … ich müsste sagen, dass es mir gut geht.“ Ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. „Ja, mir geht es wirklich gut. Das hier ist jetzt mein Leben, und ich bin glücklich damit.“
Maggie tätschelte seine Hand und ließ sie dann los, um einen Schluck Tee zu trinken. Sie stieß einen zufriedenen Seufzer aus und sagte mit verständnisvollem Blick: „Ich wusste, dass mein kleiner Laden dir ans Herz wachsen würde. Ich habe dir angesehen, dass du ihn brauchst.“
John lachte, doch er konnte nicht leugnen, dass sie recht hatte. „Und wie ich ihn brauche! Ehrlich gesagt weiß ich nicht, wie du dich je davon trennen konntest.“
Maggie schaute hinüber zum „Margins“, und ihre Stimme klang ein wenig wehmütig. „Ich hatte meine Zeit hier, John. Ich hatte eine wunderbare Ehe und habe meinen Sohn zu einem wunderbaren Menschen erzogen. Was könnte ich denn noch mehr wollen? Außerdem bist jetzt du an der Reihe.“
„Ich bin an der Reihe“, murmelte John, wie um ein Gefühl für die Worte zu bekommen. Bei seinem nächsten Blick über die Straße ertappte er Jamie dabei, wie er gerade mit einem dicken Filzstift etwas auf den Unterarm des Möbelpackers schrieb. Mit zusammengekniffenen Augen konnte John gerade noch erkennen, dass es sich um eine Reihe von Zahlen handelte. „Sieht so aus, als hätte Jamie einen neuen Freund“, lachte John und deutete mit einem Kopfnicken auf die Szene draußen. Maggie schüttelte den Kopf und sagte liebevoll: „Der Junge ist unverbesserlich! Obwohl – nach dem, was er mir erzählt hat, scheint er sich mit einem von den Sozialarbeitern im Obdachlosenheim angefreundet zu haben. Brian, hat er glaube ich gesagt.“
Johns Augenbrauen hoben sich. „Ach. Damit hat er aber hinterm Busch gehalten.“
„Das heißt, dass es ihm wichtig ist.“ In dem flüchtigen Blick, mit dem sie Jamie streifte, lag ein Verständnis, wie es nur Mütter für ihre Söhne haben.
Aus dem Laden kam ein weiterer Mann, der einen kleinen, aber offensichtlich schweren Pappkarton trug. Er blieb stehen und sagte etwas zu Jamie, dann brach er in sorgloses Gelächter aus. John musste einfach lächeln.
„Ich kann’s immer noch nicht fassen, wie sehr er sich verändert hat“, sagte Maggie, die das entspannte Wortgeplänkel zwischen David und ihrem Sohn ebenfalls beobachtet hatte.
John konnte die Augen nicht von David lassen. „Ja, in mancher Hinsicht hat er wirklich große Fortschritte gemacht, seit du ihn zum letzten Mal gesehen hast.“
Maggie musterte Johns Gesicht und fragte leise: „In mancher Hinsicht, John?“
John sah zu, wie David in den Lieferwagen stieg, um die Schachtel einzuladen. Sein Lächeln war gerade noch zu erahnen. „Er hat gute und schlechte Tage. Heute ist ein guter Tag.“ John seufzte und fügte hinzu: „Er ist viel stärker, als er war. Viel selbstbewusster. Aber weißt du, manchmal bin ich sicher, dass es Momente gibt, wo er von sich immer noch als obdachlos denkt.“
„Wie meinst du das?“, forschte Maggie behutsam.
John schaute auf seine Hände hinab, versuchte Worte zu formulieren, um ein Gefühl statt eines Geschehens auszudrücken. Schließlich schüttelte er den Kopf und sagte: „Ich weiß nicht, Maggie. Manchmal – in letzter Zeit nicht mehr so oft, aber es kommt immer noch vor – da weicht er zurück, zieht sich in sich selbst zurück, als ob er kein Teil meines Lebens sein könnte.“ John stockte, holte tief Luft und sprach mit ruhigerer Stimme weiter. „Er gibt sich so viel Mühe, und vielleicht überreagiere ich ja. Er hat da diesen gottverdammten Rucksack in unserem Schlafzimmer. Der macht mir jetzt nicht mehr so viel Angst wie früher, aber ich sehe ihn jeden Tag und er erinnert mich jeden Tag aufs Neue daran, dass er manchmal die Gewissheit braucht, dass er einfach weggehen kann.“ John trank seinen Tee aus und fuhr sich kurz mit der Zunge über die Unterlippe. „Selbst jetzt hebt er noch Sachen in seinem Rucksack auf … und manchmal finde ich halb gegessene Lebensmittel da drin.“
„Ich denke mal, dass das nur zu erwarten ist, Schatz. Er muss viel zu verarbeiten haben, und das braucht eben Zeit. Meiner Meinung nach hat er schon sehr viel erreicht, indem er sein Leben soweit wieder hingekriegt hat. Ich kann mich noch gut an den verängstigten, heruntergekommenen Mann erinnern, den ich vor gar nicht allzu langer Zeit in den Laden gelockt habe. Aber jetzt hat er dich, John.“
John schaute auf die wenigen Teeblätter, die noch in seiner ansonsten leeren Tasse klebten. Er bekam einen roten Kopf, als bei Maggies Worten plötzlich ein Wärmegefühl in seiner Brust aufwallte. „Wir haben einander. Er hat genauso viel für mich getan.“
Maggie berührte John am Arm und flüsterte verschwörerisch: „Ich wusste schon immer, dass er was Besonderes ist.“
Was Besonderes, dachte John. Etwas ganz Besonderes. Er antwortete, ebenfalls im Flüsterton: „Ich weiß.“
Plötzlich merkte er, dass jemand neben ihm stand. Als er sich umdrehte, wartete dort die Kellnerin mit einer frischen Kanne Tee. Sie lächelte, hielt die Kanne hoch und fragte: „Darf ich nachschenken?“ Maggie und John nahmen ihre Hände aus dem Weg, damit sie an ihre leeren Tassen kam.
Maggie sah nachdenklich zu, wie John einen Löffel Zucker in seinen Tee rührte, und sagte: „Jamie hat mir von Davids Sohn erzählt.“
John seufzte und legte den Löffel auf der Untertasse ab. „Adam. Ich treffe mich regelmäßig mit ihm und ich glaube, das hilft. Genau genommen hilft es uns beiden.“
Maggie ermunterte John mit einem Nicken zum Weitersprechen. Er beuge sich vor und rieb sich kurz mit den Fingern über den Mund. „Adam braucht seinen Dad, aber ich glaube, einstweilen tu ich’s auch. Wenigstens bis David bereit ist, diese Beziehung wieder aufzubauen.“
„Hat er überhaupt schon mit Adam geredet?“
„Gewissermaßen, aber ich glaube, wir kommen einem richtigen Gespräch immer näher.“
„Du bist ein guter Mensch, dass du das für sie tust, John“, sagte Maggie und tätschelte noch mal seine Hand. „Wie kommt David mit alldem zurecht?“
Bei dieser Frage verzog John das Gesicht, doch er wusste die tröstende Berührung ihrer Hand zu schätzen. „Kommt drauf an. Er fürchtet eigentlich nicht mehr so sehr, dass Adam ihn zurückweisen könnte – es ist mehr so, dass er gerade erst anfängt zu glauben, dass er es verdient hat, ein Teil von Adams Leben zu sein. Neulich hat er mir gesagt, dass er denkt, er könnte wieder anfangen, Adams Dad zu sein. Die Realität wird zwar schwierig für ihn sein, aber wenn wir es langsam angehen lassen, kommen wir schon da hin.“
Maggie wusste nur zu gut, was für ein steiniger Weg noch vor ihnen lag. „Du musst zu ihm halten, John; ich weiß, dass das nicht leicht sein kann.“
John nickte stumm. Es war nicht leicht.
Sie nahm einen Bissen von ihrem Ingwerkeks und kaute für einen Moment nachdenklich darauf herum. „Was auch immer ihr alle tut, es scheint zu funktionieren, und wie heißt es doch so schön? Zwei Schritte vorwärts …“
„Einer zurück“, beendete John das abgedroschene Sprichwort und verdrehte dabei gutmütig die Augen.
„Ja, ich weiß. Ich habe dieses alte Klischee auch immer gehasst“, sagte Maggie augenzwinkernd. „Ich glaube daran, dass wir eigentlich alle durchs Leben tanzen und nur mal gelegentlich das Tempo ändern sollten.“
John schaute sie an und lächelte breit. „Ich glaube, ich weiß jetzt, wo Jamie seine Lebensanschauung her hat.“
„Ich habe ihn gut erzogen“, lachte Maggie und drohte ihm scherzhaft mit ihrem Keks. „Ehrlich gesagt bin ich überrascht, dass du in der Wohnung bleibst, wo du doch so eine schöne Wohnung in der Innenstadt hast.“
„Die habe ich gekündigt. Ich will hier sein; das hier ist jetzt mein Zuhause“, entgegnete John. Dann fügte er in spitzbübischem Ton hinzu: „Außerdem findet man heutzutage nicht mehr viele Wohnungen mit einer altmodischen Badewanne, die groß genug ist für zwei.“
Maggie wackelte mit den Augenbrauen, wie Jamie es so oft tat, und kicherte: „Glaub mir, John, ich weiß … Ich weiß!“
John warf ihr einen ungläubigen Blick zu und brach in begeistertes Gelächter aus. „Maggie! Du bist ja ein ganz schlimmes Mädchen!“
Mitten im Lachen wandte John seine Aufmerksamkeit wieder dem Umzugswagen zu. David stand auf der anderen Straßenseite und beobachtete ihn durch die beschlagene Scheibe. Davids Lächeln war breit und offen; es erfüllte John mit so überwältigender Freude, dass ihm für einen Moment der Atem wegblieb. Ja, heute ist ein guter Tag.
Maggie schwieg; sie hatte Johns Gesichtsausdruck erkannt und Verständnis genug, um keinen Kommentar abzugeben.
John merkte, dass er beobachtet wurde; er räusperte sich und errötete so heftig, dass Maggie sich ein leises Lachen nicht verkneifen konnte. „Sieht aus, als hätten sie jetzt alles verladen. Noch ein kurzer Abstecher, um den Rest von meinen Sachen aus der Einlagerung zu holen, dann sind wir fertig.“ Ihr Gesichtsausdruck wurde ein bisschen traurig, als sie daran dachte, dass dieses Kapitel ihres Lebens abgeschlossen war.
John nickte. „Lass dir ein paar Minuten Zeit, Maggie. Ich zahle inzwischen die Rechnung und sammle die Truppen.“
„Danke, John.“ Maggie lächelte, als er aufstand und an die Kasse ging. Sie würde ihr Leben hier vermissen, doch sie wusste, dass es stimmte, was sie zu John gesagt hatte: ihre Zeit hier war um und Johns und Davids Zeit hatte begonnen. Maggie knabberte erneut an ihrem Keks und schaute durchs Fenster. Draußen überquerte John die Straße und legte David einen Arm um die Taille. Das Lächeln wich nicht von ihren Lippen, während sie an ihrem Keks und an der Erkenntnis kaute: Johns und Davids Zeit …
MAGGIE UND John tranken noch eine weitere Tasse Tee zusammen; für Maggie war es die letzte in der kleinen Küche des Buchladens, ehe sie mit ihrem Sohn zum Auto ging. John sah ihr nach und nahm sich einen Moment Zeit, um seine Gedanken zu ordnen. Er lehnte schweigend im Türrahmen und schaute hinaus auf die kleinen Läden und Cafés an der Straße.
„Rein mit dir, John, heut‘ Nacht wird’s kalt“, schimpfte Adele, als sie auf dem Weg zur Bushaltestelle an ihm vorbeiging. John lachte leise und winkte. „Morgen kommt die Rente; dann stell‘ ich den Kessel bereit.“
Vor dem Abschließen warf John noch einen Blick durch den vollgestopften Laden, auf die schweren Bücherregale voller alter und neuer Bücher. Er kicherte. „Ein gottverdammtes Paradies für jeden Ladendieb.“
IN DER Wohnung war es still. John warf seine Schlüssel auf den Kaffeetisch und ging weiter ins Schlafzimmer. Dort blieb er wie angewurzelt stehen und starrte auf die leere Stelle neben der Kommode. Davids Rucksack war weg. Er trat einen Schritt näher, als könnte der Rucksack plötzlich wie aus dem Nichts wieder auftauchen.
Für einen ganz kurzen Moment drohte John in Panik zu geraten – bis er sich im Zimmer umblickte. Davids Handy lag auf dem Nachttisch, und sein Skizzenbuch ebenso.
Mit einem weiteren Blick auf die leere Stelle bückte John sich nach der untersten Kommodenschublade und zog sie langsam auf.
Sie war nicht einmal halb voll, aber John lächelte beim Anblick von Davids ordentlich gefalteten und aufgestapelten Sachen.
Er schlenderte zurück durch ihre Wohnung und hörte ein leises Plätschern. Sein Lächeln wurde noch breiter, als er an die Badezimmertür klopfte.
„Ist da drin Platz für zwei?“