Nachwort

 

 

ADAM SAß im Café und wartete. John hat gesagt, dass sie um fünf kommen, und bis dahin dauert‘s noch zehn Minuten.

Er rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her, richtete sich auf, lehnte sich zurück und setzte sich gleich wieder aufrecht hin. Eine Serviette wurde säuberlich zu einer Spirale gerissen, eine weitere bekam ausgefranste Ränder. Adam wollte gerade mit den Zuckertütchen anfangen, als die Kellnerin mit seinem Orangensaft kam. Mit einem entschuldigenden Lächeln sammelte er sämtliche Papierfetzen ein und gab sie ihr in die Hand.

„Er kommt bestimmt bald. Bisher war er immer pünktlich“, lachte sie. Schließlich trafen John und Adam sich schon seit ein paar Monaten hier, und sie hatte sie oft gesehen.

„Ja.“ Adam erwiderte das Lächeln. „John ist immer pünktlich.“ Aber mein Dad ist immer zu allem zu spät gekommen. Bei dem Gedanken schlug Adams Magen einen Purzelbaum, und er holte sofort sein Handy heraus, um nach der Uhrzeit zu sehen. Fünf nach; vielleicht kommen sie gar nicht. Adam schloss die Augen und holte tief Luft. Sie kommen. Sonst hätte John angerufen.

Kaum hatte er das gedacht, ging die Tür auf und John erschien. Adam lächelte, schaute aber gleich an ihm vorbei. Er runzelte die Stirn, als der Durchgang leer blieb, und schaute wieder John an.

„Alles in Ordnung, Adam. Er ist hier“, versicherte John und setzte sich. „Er braucht noch einen Moment, und ich dachte, ich gehe lieber gleich rein und spreche erst mal mit dir.“

Adam nickte und warf einen weiteren Blick zur Tür. „Aber er ist okay, John? Ich meine, will er das immer noch?“

„Oh ja. Er ist nur … er ist nur ein bisschen nervös, nichts weiter.“ Steht Todesängste aus trifft es eher.

Adam war nicht ganz überzeugt, aber er fand, jetzt hatte er John schon soweit vertraut, da konnte er gut noch ein paar Minuten warten.

John wusste, dass das Treffen nicht leicht werden würde, und den Vermittler zu spielen machte ihn ganz zappelig. „Ich geh‘ ihn gleich holen, aber vorher möchte ich dir noch mal eins klarmachen: Wenn er nicht viel sagt, liegt das nicht daran, dass du was falsch gemacht hast. Er tut sich manchmal schwer mit dem Reden und ...“

Der Anflug eines Lächelns spielte um Adams Lippen. „Ich verstehe, John. Wirklich.“ Er zuckte die Achseln und hob sein Glas, überlegte es sich dann aber anders und stellte es wieder auf den Tisch. „Meinst du, ich sollte mal rausgehen und nach ihm sehen? Ihn fragen, ob er schon reinkommen will?“

„Ich schau mal nach, ob er bereit ist“, sagte John. Er konnte nur hoffen, dass David das hier überhaupt schaffen würde. Mit einem kurzen Nicken stand John auf und ging zur Tür. Auf dem kurzen Weg dorthin hatte er mehr Angst als er je auf dem Weg in ein feindliches Sitzungszimmer oder Aktionärsmeeting gehabt hatte.

David lehnte an der Mauer. Von seiner Position aus konnte er ins Café schauen oder vorbeikommende Passanten beim Vergleichen ihrer Schnäppchen beobachten. Er hatte sich für letzteres entschieden. Doch obwohl sein Blick auf die andere Straßenseite gerichtet war, seine Gedanken beschäftigten sich nur mit dem, was im Café auf ihn wartete, was er zu seinem Sohn sagen sollte. Die Tür ging auf, und David sah aus dem Augenwinkel, dass John herauskam. Sein Magen machte einen Satz.

„Hey, Dave“, sagte John ruhig. „Möchtest du reinkommen?“

David richtete sich auf, füllte sich die Lungen mit Luft und atmete langsam aus. Er wandte John das Gesicht zu und sagte: „Ich glaube, ich muss das alleine machen, John. Ist das okay?“

„Aber natürlich“, antwortete John. Er wusste nicht, ob er sich freuen oder enttäuscht sein sollte. Er warf David ein, wie er hoffte, aufmunterndes Lächeln zu und sagte: „Ganz egal was passiert, David, denk einfach dran, dass das Adam ist und dass er dich liebt.“

Davids Arme kribbelten bis in die Fingerspitzen, als er das Café betrat. Sofort entdeckte er Adams erwartungsvolles Gesicht. Er sieht so ängstlich aus, wie ich mich fühle. Die paar Schritte bis zum Tisch legte er mit wackeligen Knien zurück, aber schließlich hatte er es bis zu dem Stuhl gegenüber von Adam geschafft.

Von seinem Platz direkt vor dem Schaufenster verfolgte John Davids Weg durch das Café. „Das ist es, Dave“, murmelte er. Er fühlte jeden einzelnen Schritt mit ihm. Als David endlich saß, stieß John den Atem aus und wandte seine Aufmerksamkeit Adam zu. „Rede mit ihm, Junge. Du musst anfangen. Er kann’s nämlich nicht.“

Doch Adam sagte nichts. So sehr er es auch versuchte – jetzt, wo er seinen Vater direkt vor sich hatte, wusste er einfach nicht, was er sagen sollte.

Die beiden saßen sich so lange schweigend gegenüber, dass John schon wieder hineingehen wollte. Doch als er die Hand nach dem Türgriff ausstreckte, sah er, wie eine andere Hand nach Adams Hand fasste.

Obwohl sein Blick immer noch zu Boden gerichtet war, schlossen sich Davids Finger ohne zu zögern um die seines Sohnes. Ihr Griff war warm und fest. Er erinnerte Adam an seine Kindheit, als sein Vater ihn an der Hand genommen hatte, wenn sie eine Straße überquerten. Ein schönes Gefühl.

„Deine Hände sind jetzt fast so groß wie meine“, sagte David leise, in ähnliche Erinnerungen versunken. Fast schon ein Mann, der seinen Vater vielleicht nicht mehr braucht.

„Ja“, antwortete Adam. Sein Blick huschte von ihren Händen zu Davids Gesicht. „Aber ich kaue immer noch an den Nägeln.“

„Nur wenn dich etwas beschäftigt.“ David lächelte und blickte endlich ebenfalls auf, nur um dasselbe Lächeln auf dem Gesicht seines Sohnes zu sehen.

John stand vor dem Fenster; es war ihm völlig egal, dass alle Gäste des Cafés ihn sehen konnten. Er hatte mit Überraschung beobachtet, wie David den ersten echten Kontakt herstellte und dann mit dem völlig überwältigten Teenager sprach. Und so nervös er auch wirkte, John konnte sehen, wie David wieder „Dad“ wurde.

Er wandte sich vom Fenster ab und konnte sich ein Lachen voll purer Freude nicht verkneifen, was ihm einen finsteren Blick von einem Passanten einbrachte. John grinste ihn nur an. Als er sich wieder dem Fenster zuwandte, schauten David und Adam gerade beide auf Davids Handgelenk. David sagte etwas und brachte Adam damit zum Lachen. John zerbrach sich den Kopf darüber, was die beiden sich wohl anschauten, aber dann fiel es ihm ein. Das kleine Herz-Tattoo. Er hatte es schon so oft gesehen, sich aber immer gescheut, nach seiner Bedeutung zu fragen. Es gab so vieles, was John nie gefragt hatte.

Wenn wir zuhause sind, frag‘ ich ihn.