Zu Hause saßen Leffy und mein Vater und tranken Bier und spielten Skaramusch.
»Wo ist Mutter?« fragte ich. »Gibt's irgendwo was zu essen?«
»Deine Mutter und meine Tochter sind frische Luft schnappen gegangen«, erklärte mein Alter und zog einen tiefen Zug an seiner Kippe. »Auf dem Herd steht irgendein Fischkrams.« Er konzentrierte sich auf die Karten in seiner Hand.
»Guten Tag«, sagte Leffy mit scheelem Blick. »Sagen das nicht wohlerzogene Menschen, wenn sie sich begegnen?«
»Tut mir leid«, antwortete ich. »Hatte alles mögliche in der Birne. Und mein Magen knurrt. Guten Tag. Wie geht's?« Er lächelte und zog sich am grau werdenden Pferdeschwanz. »Wenn alles so leicht wäre, wie deinen Vater beim Kartenspiel zu schlagen, dann würde ich mich nicht beklagen. Wenn von diesem Fischkrams noch viel übrig ist, dann hätte ich auch gern ein bisschen. Wenn du's warm machst, wohl gemerkt.« Ich warf einen Blick in den Topf. Fischklöße in weißer Soße. Mit Krabben! Ich schälte ein paar kalte Kartoffeln und warf sie in den Topf, ehe ich die Platte andrehte und etwas Wasser in die Soße gab, damit nichts anbrannte.
»Fischklöße!« rief ich Leffy zu. »Zehn Minuten.«
»Super. Und was macht Oslos Unterwelt?«
»Darüber weißt du vermutlich mehr als ich.«
»Also echt, Rolf«, murmelte Leffy. »Pik As und Dame waren doch schon längst fällig. Du hast wirklich ein Gedächtnis wie ein Eichhörnchen.«
Vater grunzte irgendeine Antwort.
Ich setzte mich an den Tisch, fischte den Zettel, den Eva mir da unten im Paradies zugesteckt hatte, aus der Tasche. Der Japaner war ein Chinese, wie sich herausstellte. Kim Yan Ho. Seine Ahnen ließen sich offenbar bis ins alte Kaiserreich zurückverfolgen. Als Mao anfing, sich wirklich durchzusetzen, mussten Kims Eltern mit Klein-Kim unterm Arm aus China fliehen. Zuerst nach Taiwan. Dann, einige Jahre später, in die USA, nach Kalifornien. Und wenn ich dem Schreiben glauben wollte, dann hatte Kim im sonnigen Lande Kalifornien einige Visionen gehabt, bei denen er wirklich abgehoben war. Mit sieben Jahren hatte er die »wahre Bedeutung der Menschenliebe« erkannt. Mit 16 hatte er »sich zurückgezogen« und angefangen, das herauszubilden, was später die Grundlage seiner Religion, oder wie man das nun nennen sollte, geworden war: Kim Yan Hos Zwölf Briefe an die Menschheit, ein Werk, das insgesamt über tausend Seiten füllte und das als »Leiter zu einer neuen Erkenntnis des Menschen, Gottes und der Welt« fungierte. Das Werk war ins Norwegische übersetzt und kostete schlappe fünfhundert Eier. Weiter konnte ich lesen, dass Das Licht des Lebens Studienzentren und Schulen in aller Welt hatte und dass immer mehr Menschen erkannten, dass das der richtige Weg war, wenn aus ihrem Leben noch etwas werden sollte, von ihrem Tod ganz zu schweigen. Besonders konkrete Informationen darüber, worum es sich bei dieser Religion eigentlich handelte, fand ich nicht. Nur einen Haufen Gefasel über geistige Entwicklung, Leitersprossen und kosmische Erkenntnis. Ganz unten auf der letzten Seite, unter der Telefonnummer, die mich Eva anzurufen gebeten hatte, stand noch eine Postfachadresse. Wer dahin schrieb und Rückporto beilegte, bekam weitere Informationen, Kursangebote usw. zugeschickt. Und wer fünfhundert Eier entbehren konnte, bekam natürlich auch Kims Buch.
Der Kochtopf hinter mir stieß ein paar tiefe Blubberlaute aus, ich schob den Zettel in die Tasche, um mich dem täglichen Brot zu widmen. Ich füllte für Leffy und mich je einen Teller und balancierte damit ins Wohnzimmer.
Die beiden legten die Karten weg, und Leffy und ich fingen an zu essen. Mein Vater wirkte leicht vergrätzt, wahrscheinlich verlor er schon den ganzen Nachmittag.
»Wir tappen alle im Dunkeln«, sagte ich und hatte dabei den Mund voller Klöße und weißer Soße. »Daran besteht nicht der geringste Zweifel. Überall gibt's bloß oberflächlichen Dreck.« Vater und Leffy glotzten mich blöd an.
Ich fischte den Zettel aus der Hemdentasche. »Steht hier. Blau auf weiß.«
Vater nahm die Broschüre und warf einen Blick auf den lächelnden Kim auf dem Titelblatt. Er verzog keine Miene, während er den knappen Text las.
»Hör mal, Peter«, sagte er und faltete das Pamphlet ordentlich in der Mitte zusammen. »Ich bin wirklich nicht so verdammt streng mit dir. Manchmal riechst du nach gegorenem Traubensaft, wenn du von einem Fest nach Hause kommst. Das lasse ich durchgehen. Und du kannst so lange ausbleiben, wie du willst und mit wem du willst, solange du keine allzu großen Dummheiten machst. Ich bin seit über fünfzehn Jahren dein Vater, und du hast nie auch nur einen Klaps auf den Hintern gekriegt.« Er beugte sich vor und fletschte die gelben Zähne. »Aber wenn du dich mit dieser Bande von Irren hier einlässt, dann kriegst du einen ganz anderen Papa zu sehen!« Er riss sich zusammen. »Ist das klar?«
»Um Himmels willen«, sagte Leffy und schnappte sich den Zettel. »Kommt der Wachtturm jetzt in Miniformat?« Dann musste er lachen. »Ach so, das ist ja unser Freund Kim! Der Kommunistenjäger aus Kalifornien! Die Kommunisten muss er sich wohl bald einzeln suchen. Hör nicht auf deinen Vater, Peter. Dieser Mann ist wirklich der Weg, die Wahrheit und das Licht. Wo du doch immer so ordentlich und spießig bist. Von diesem Kerl hier kannst du lernen, wie du Millionen einsacken kannst, ohne auch nur einen Furz loszulassen!«
»Halt die Klappe!« sagte mein Vater. »Ist das ein schlechter Witz, oder hast du wirklich vor, dich mit diesen Leuten einzulassen?«
»Ich finde den Witz ganz okay«, antwortete ich. »Ich hab dich nicht so hysterisch erlebt, seit dein epochemachender Roman abgelehnt worden ist.«
Er regte sich jetzt etwas ab, das konnte ich sehen. Die Linien um seinen Mund wurden weniger deutlich, das Eis verschwand aus seinem Blick. Leffy lachte immer noch und schüttelte den Kopf. »Ja, mir ist aufgefallen, dass sie im Moment in der Offensive sind.«
»Hab noch nie von ihnen gehört«, erklärte ich. »Der Prof und ich sind heute angequatscht worden.«
»Früher waren sie eine Zeitlang verdammt aktiv«, sagte Leffy. »Dann waren sie plötzlich weg vom Fenster. Aber jetzt scheinen sie mit allen Schikanen wieder aufgetaucht zu sein. Das hat vielleicht mit diesem ganzen Esoterik-Gedöns zu tun.«
»In regelmäßigen Abständen flackern alle möglichen Sekten und religiösen Vereine auf«, fügte Vater erklärend hinzu. »Als Leffy und ich jung waren, konntest du dich auch unter allen möglichen Richtungen entscheiden. Das einzige, was sie gemeinsam hatten, war, dass sie Hunderttausende von Menschen ausnutzten, damit irgend so ein Guru sich in Beverly Hills eine neue Villa mit Schwimmbad zulegen konnte. Und dieser Kim ist schlimmer als die meisten von ihnen. Ein zynischer Spekulant. Ein Beutelschneider in weißem Anzug. Was glaubst du, wie viele Leute in deinem Alter er für sich herumjagen und betteln lässt? Einige hunderttausend, das kann ich dir sagen. Und seine Lehre kannst du dir sonst wohin stecken … Ein Sammelsurium aus den bekanntesten Religionen vermengt mit ein paar populärwissenschaftlichen Floskeln. Und dann betrachtet er alle, die nicht stockreaktionär sind, als den übelsten Abschaum auf diesem Planeten. Er ist genauso schlimm wie dieser Hubbard mit seinem Scientology-Verein, und das sagt ja wohl nicht wenig. Vielleicht standen die ja sogar miteinander in Verbindung.«
»Meine Güte«, sagte ich. »Und wie kann er so viele leimen?«
»Frag einen Psychologen«, antwortete mein Vater. »In den USA gibt es eigene Entzugskliniken für Leute, die in solche Sekten geraten sind. Die müssen die Leute schrittweise wieder auf festen Boden bringen. Genau wie bei Fixern.«
»Erinnerst du dich nicht an Susanne?« fragte Leffy meinen Vater. »Die ist in diesen Kram reingeraten. Ich glaube, das war sogar Das Licht des Lebens. Ist völlig ausgetickt. Hat sogar versucht, mich zu einer Studiengruppe mitzuschleifen.«
»Susanne? Was für eine Susanne?« fragte Vater. »Wie hieß sie doch noch gleich? Leirvik? Nein, Levik. Ja, ich hatte damals auf der Penne ein Techtelmechtel mit ihr, und da war es vielleicht nicht so seltsam, dass sie mich retten wollte …« Irgendetwas bewegte sich in mir. In meinem Bauch. Etwas, das nichts mit Fischklößen und weißer Soße zu tun hatte. »Ach, die!« Vater schmunzelte. »Hat nachher Tomas geheiratet, oder?«
»Ja. Und der war genauso verrückt.«
»Susanne …?« fragte ich.
Mutter und Klein-My kamen herein. »Ihr spinnt«, sagte Mutter. »Bei dem Wetter in der Bude zu hocken.«
»Gute Fischklöße«, sagte Leffy und stellte vorsichtig seinen Teller auf den Tisch.
»Wie heißt Katjas Mutter?« fragte ich. »Mit Nachnamen, meine ich.« Sie sah mich verständnislos an. »Hansteen, glaube ich. Wieso?«
»Hat sie ihren Namen geändert, als sie geheiratet hat?«
»Ja, früher hieß sie Levik«, antwortete Mutter. »Aber ich muss My umziehen, sie hat im Akerselv Flößerin gespielt und ist klitschnass.« Vater stieß einen langen Pfiff aus und sah mich seltsam an. »So, so«, grunzte er.
»Gibt's Nachtisch?« fragte Leffy.
»Ich muss mit dem Prof reden«, sagte ich. »Und zwar sofort.«