Albert Speer ist mir zugelaufen. Als eine Großtante ins Altersheim ging und ihr Bücherregal freigab, griff ich Speers «Erinnerungen» und «Spandauer Tagebücher» heraus, viel mehr interessierte mich nicht. Es war Mitte der achtziger Jahre, die alten Nazis und ihre bürgerliche Herkunft, das blieb ein spannender Stoff. Besonders die aus dem Gefängnis herausgeschmuggelten und 1975, knapp ein Jahrzehnt nach Speers Entlassung, publizierten Tagebücher faszinierten mich: protokollierte Dialoge der sich unschuldig fühlenden alten Verbrecher, anschauliche Beschreibungen, begreifliche Reflexionen, erstaunliche Sätze, strohdummes Zeug, viel Situationskomik. Natürlich auch hier die perfekte Selbststilisierung Speers als «guter Nazi». Es juckte mich sofort, daraus eine Komödie zu machen. Da die Gefangenen Dönitz, Heß, Schirach, Speer jeden Montag ihre eigene Wäsche zu waschen hatten, bot sich ein «Waschtag» an. Das Stück wurde 1988 am Wolfgang-Borchert-Theater in Münster uraufgeführt, viele Wochen lang gespielt, auch auf Gastspielen gezeigt. Doch kein anderes Theater nahm es in den Spielplan. Die Mode, prominente Nazis vorzuführen und zum Gegenstand von Stücken, Filmen, Büchern zu machen, entwickelte sich erst nach der Wende, nach der deutschen Vereinigung, Mitte der neunziger Jahre. «Waschtag» kam zu früh. Und viel zu spät wurde das Ausmaß von Speers Lügen und Verbrechen bekannt. Im Stück sieht man die Komik, wie er und seine Kumpels sich Mühe geben, konservativ im Sinne der fünfziger Jahre zu werden, was nicht gelingt, das Faschistische und das Nazidenken brechen trotz des mühsamen Verzichts auf den Nazijargon immer wieder durch.