Auf die Allianz zwischen Arbeitern, Intellektuellen und Partei hoffte auch Alberto Scarponi, mein ältester römischer Freund neben Peter Kammerer. Und arbeitete daran mit als Übersetzer von Marx und Lukács ins Italienische sowie als Redakteur der Zeitschrift «Critica marxista», die von der Partito Comunista Italiano (PCI) herausgegeben wurde. Mehr Parteilinie oder weniger Parteilinie, das war für ihn die Frage all die Jahre zwischen Pasta und Gelato. Er war offen für die Argumente der Partei-Dissidenten wie Rossana Rossanda – und wusste sie zu widerlegen. Seine erste Frau, Mutter der Kinder, kam aus Deutschland, seine zweite aus Ungarn. Er sprach recht gut Deutsch, bestand aber darauf, Italienisch zu reden. Ich beneidete ihn nicht, aus guten Gründen hatte ich nie die Nähe einer Partei gesucht. Als nach dem Fall der Mauern und Grenzen auch die stolze Volkspartei PCI zerfiel, konnte er seinen Leidenschaften nachgehen, Poesie, die Zeitschrift «Lettera internazionale», der AS Rom und chinesische Gymnastik. Er übersetzte hin und wieder etwas von mir für «Lettera», unter anderem die «Moritat auf Helmut Hortens Angst und Ende». In der deutschen Literatur kannte er sich ein wenig aus, Bachmann und Brinkmann waren für ihn «lacrimisti», Tränenmenschen, Tränendichter. Ich sei kein «lacrimista», meinte er. Das ist kein literarisches Kriterium, sagte ich. Er: Aber ein Kriterium.