Alleinsein, Einsamkeit, Abstandhalten, Meinungsvorsicht, Zweifel, Freude am Fragen, Schweigen, das sind die ersten Voraussetzungen, um zu schreiben, und das realisieren zu müssen als junger Kerl, ist ein existenzieller Schock, den ich erahnt habe, an der Hardenbergstraße in Berlin stehend, den Blick auf das > AMERIKAHAUS auf der anderen Straßenseite gerichtet. Einige Studenten hatten sich wegen des Krieges der USA in Vietnam zum Sitzstreik niedergelassen und wurden von der Polizei weggeprügelt, andere warfen ein paar Eier auf das Haus und zogen die Fahne auf halbmast, zwei Jahre vor dem berüchtigten Achtundsechzig. Als ich, der vorher mitdemonstriert hatte und nun vor weiteren Schritten zurückschreckte, stehenblieb und durch Aktionismus alles verraten sah und mich dabei ertappte, ein Zuschauer, nur ein Zuschauer zu sein, da kam mir, noch ehe schlechtes Gewissen sich breitmachen konnte, der befreiende Gedanke: Hier stehst du richtig, einer muss das beobachten, einer muss das vielleicht sogar aufschreiben irgendwann, und wer, wenn nicht du, der Prügeleien meidet, Gefahren ausweicht, kein Blut sehen kann. Der keine schnelle Antwort parat hat, ob diese Aktionen nun richtig sind oder nicht, der nur spürt, wie das, was da vor den eigenen Augen geschieht, schon bald zu Meinungsgefechten und Rechthaberei führen wird. So begann ich zu meiner vertrauten Rolle als Schweiger auch die neue Rolle als Zuschauer zu akzeptieren und mit immer mehr Eigensinn aufzuladen und gegen den bissigen Vorwurf: Du hältst dich raus, du tust nichts! die leise Antwort zu finden: Doch, ich tue was, ich schaue zu, ich schaue nicht weg, ich merke mir das, ich hebe das auf. (Aus der Dankesrede zum Büchner-Preis)