Abendland

Aufgewachsen in einer Zeit, als Politiker ihr Publikum und sich selbst gern am Begriff vom christlichen Abendland wärmten, habe ich erst spät gelernt, was Gustav Seibt bündig formuliert hat: Das christliche Abendland ist ein Märchen, das christlich-jüdische auch, es gab von 500 bis etwa 1500 nur ein christlich-jüdisch-muslimisches Abendland, ein unendlich vielfältiges Zusammenwirken dieser Kulturen auf allen wissenschaftlichen und philosophischen Gebieten. Warum, so die naive Frage, spricht sich das nicht herum bis zu den Abendland-Schwätzern? Auch diese simple historische Tatsache nicht? Warum nennt heute niemand die angeblichen Verteidiger des «christlichen Abendlandes» in Dresden, im Bundestag und anderswo: Märchenerzähler? Oder weniger höflich: Abendlandleugner!