Altkanzler 1–8

Alle acht Altkanzler erlebt, nur Kiesinger von weitem. Was bliebe, sehr kurz gefasst, über sie zu sagen?

Adenauer: siehe > ADENAUER, KONRAD.

Was war das für ein Vergnügen, die Sprache des zweiten Bundeskanzlers im Buch «Wir Unternehmer. Über Arbeitgeber, Pinscher und das Volksganze» (1966) zu analysieren, aufzuspießen und gnadenlos zu sezieren! Ludwig Erhard hatte auf dem Wirtschaftstag der CDU/CSU 1965 seine berühmte Rede gegen die «Pinscher» gehalten, voller Verachtung für Schriftsteller, die seine Regierung kritisierten und für die SPD warben. Im Buch in «falsche Verse» gesetzt, las sich der Originaltext so: «Heute ist das ja Mode, / daß die Dichter unter den Sozialpolitikern sind. / Das ist natürlich ihr gutes demokratisches Recht, / dann müssen sie sich aber auch gefallen lassen, / so angesprochen zu werden, / wie sie es verdienen, nämlich / als Banausen und Nichtskönner, die / über Dinge urteilen, von denen sie einfach nichts verstehen. / Meine Damen und Herren, / ich habe keine Lust, / mich mit Herrn Hochhuth zu unterhalten / über Wirtschafts- und Sozialpolitik, / um mal ganz deutlich zu sagen, / das Kind beim Namen zu nennen. / (…) Ich meine,

Für Kiesinger gab es nur Verachtung, zugespitzt in der Kurzformel von Wolf Biermann: «der Edel-Nazi-Kanzler». Weiter dachten wir damals nicht.

Brandt: siehe > ABSCHIED VON WILLY.

Nach Willy Brandt hatte Helmut Schmidt es besonders schwer, und wegen seiner scharfen Ablehnung jeder linkeren oder grüneren Meinung habe ich ihm eher misstraut oder ihn für einen Gegner gehalten. Dabei entwickelte sich, mit dem Ende der Spektakel-RAF, zu seiner Zeit die Wertschätzung des Grundgesetzes, der Verfassungspatriotismus. Und erst bei der langen Arbeit an der Trilogie zum «Deutschen Herbst» 1977 (> AHAB, > ANDREA) habe ich begriffen, in welchen Konflikten Schmidt steckte. So wuchs der Respekt für ihn. Schmählich, nach einem läppischen Papier des FDP-Grafen Lambsdorff über die wachsende Arbeitslosigkeit gestürzt zu werden – auch weil diese

Rätselhaft bleibt, weshalb die Deutschen Helmut Kohl immer noch für einen guten Bundeskanzler halten. Nur weil er die Vereinigung geschickt gedeichselt hat? (Das hätten andere deutsche Politiker wohl ähnlich gemacht wie er, vielleicht in manchem besser, aber hier soll nicht spekuliert werden.) Man putzt ihn zum Denkmal, aber schweigt über seine größten Fehlentscheidungen, die bis heute zerstörerisch auf die gesamte Gesellschaft wirken. Die ideologische Weigerung, das Einwanderungsland Deutschland als Einwanderungsland wahrzunehmen und ein vernünftiges Regelwerk für Immigranten zu schaffen (> AUSLÄNDERPROBLEM, DEUTSCHENPROBLEM). Zweitens die Korruption auf höchster Staatsebene – wer sein «Ehrenwort» über seinen Amtseid und die Gesetze stellt, betreibt die Aufwertung des Lobbyismus auf allen politischen Ebenen. «Könnte es sein», fragte 1999 Harald Martenstein, «dass ausgerechnet der christliche Politiker Kohl durch sein Verhalten eine Tendenz verstärkt hat, die, auf Dauer gesehen, unser Leben zur neoliberalen Hölle macht? Es ist die Tendenz zu einer Gesellschaft, in der das Recht des Stärkeren regiert, eine Gesellschaft ohne Regeln, besser gesagt, mit nur noch einer einzigen Regel: Jeder nimmt, was er kriegen kann.» (So auch Politiker, wie etwa die Antidemokraten Berlusconi und Orbán in der «Europäischen Volkspartei», um in Brüssel noch mehr Macht zu haben.) Kohls Machtkopf saß so hoch und fest über seinem mächtigen Körper, dass man dem aufgepumpten Mann, zweimal stand ich neben ihm auf der Buchmesse, nicht einmal die Hand geben mochte.

Schließlich bleibt rätselhaft, weshalb die Deutschen Angela Merkel noch für eine gute Kanzlerin halten. Immerhin, korrupt (wie Kohl und Schröder) war sie nicht, wenig eitel, sie agierte klüger und geschickter als die höheren CDU-Gockel. Fing vieles gut an, brachte sehr wenig ordentlich zu Ende. Ihr Anstand täuscht über ihre vielen Fehlentscheidungen hinweg, ihre Ruhe über Opportunismus und Lobbyhörigkeit. Sie hat das Beste der rotgrünen Vorgängerregierung zerstört (Einwanderung > ASYL, Klimawende), und sie hat nicht einmal ansatzweise versucht, die größten Fehler Kohls (Einwanderung, Lobbyismus) entschlossen wiedergutzumachen. Sie hat mehr für die Spaltung als für die Stärkung Europas getan.