Wir sind in puncto Familie und Herkunft Spätzünder. Nicht nur Schriftsteller, jedefrau und jedermann begreifen meistens erst in der zweiten Lebenshälfte, wie wichtig die Prägungen von Familie und Herkunft sind, auch und gerade, wenn man sich heftig und still dagegen und gegen jedes Amen gewehrt hat. Ich weiß mittlerweile, dass ich dem Vater, der mich mit seiner von der ganzen Christentradition gefütterten Sprachmacht so eingeschüchtert und stumm gemacht hat, etwas Entscheidendes verdanke: die Sensibilität für Sprache. Was ich aufgefangen und gelernt habe von der sakralen Sprache, dem saftigen Lutherdeutsch, von starken Sätzen, kluger Metaphorik, lyrischen Psalmen und so weiter, hat erst das Wohlgefallen an ordentlich gebauter, kräftig-poetischer oder genialisch wilder Literatur ermöglicht. Noch wichtiger aber war: bereits in der Jugend ein Gehör für Phrasen, Hohlheit, Euphemismen, Vertuschungen von Interessen entwickelt zu haben, kurz: für falsche, schlechte, verlogene Sprache, meistens gebraucht mit üblen Absichten oder von Hohlköpfen. Oder in den Abgrund der Wörter zu schauen. Amen zum Beispiel, lernte ich früh, heißt: Es werde wahr.
Es ist mir erst spät aufgefallen, warum ich mich als sehr junger Autor so heftig auf die Sprachen der Macht gestürzt habe. Da ich mit dreiundzwanzig und neunundzwanzig noch nicht gegen die Eltern- und Kirchensprache rebellieren konnte, mussten wohl erst einmal in den Satiren «Wir Unternehmer» und «Unsere Siemens-Welt» die verlogenen Sprachen der Macht und der Wirtschaft aufgespießt werden und danach die Sprachen der Politik. Es brauchte erst die Reibungen am Dokumentarischen, bevor ich noch einmal zehn Jahre später zur Freiheit der Fiktion beim Romanschreiben fand, zur Entwicklung einer sogenannten eigenen Sprache. Erst mit ihr, mit dem eigenen Rhythmus, konnte ich dem Vater, den Eltern, dem Großvater mit Hilfe der autobiographischen Erzählungen Paroli bieten. Schon witzig, wie sich Kreise schließen, oder sagen wir: die Ellipsen.