Als neugieriger Neubielefelder ging ich 1981 zu einem Medienkongress der CDU und hörte zu. Einiges irritierte mich, deshalb schrieb ich einen Bericht darüber und schickte ihn an die «Zeit». Die historische Bedeutung dieser Tagung war mir damals noch nicht klar, ich kannte nicht einmal die Hintergründe: Die SPD/FDP-Regierung Schmidt hatte im April 1981 den systematischen Ausbau des Glasfaserkabelnetzes beschlossen, bis 2020 sollte die (alte) Bundesrepublik internetfähig sein (wie wir heute sagen), eine wegweisende technische Lösung. Ein Jahr nach dem Bielefelder Kongress kippte die neue CDU/FDP-Regierung Kohl diese Pläne im Sinn der «geistig-moralischen Wende»: Stattdessen wurden Kupferkabel für die geplanten Privatsender, für Medienunternehmer wie Leo Kirch gelegt, viele CDU-Leute hassten die öffentlich-rechtlichen Sender. Wie ideologisch der Kampf der CDU um die Meinungshoheit war, konnte man trotzdem schon in Bielefeld nicht übersehen:
«Auf dem Bielefelder CDU-Medienkongress versprach der Chef vom Dienst der FAZ, Ratzke, nun fünfzig bis sechzig Fernsehprogramme bis zum Ende dieses Jahrzehnts. Im Namen des Marktes und der Freiheit forderte er einen Zustand, in dem kein Jugendlicher mehr die Freiheit haben wird zu sagen ‹im Fernsehen ist nichts los›. Den Schwärmern von der Vervielfachung der Programme reichen offenbar die durch das Fernsehen begünstigten psychischen und gesellschaftlichen Deformationen noch nicht. Es gibt ja Untersuchungen in den USA, nach denen die Menge des Fernsehkonsums von Kindern und Jugendlichen in direktem Verhältnis zu ihrer Sprachunfähigkeit und Ausdrucksunfähigkeit (nicht: Intelligenz) steht. Viel Fernsehen erschwert den Spracherwerb, produziert Quasi-Analphabeten – aus keinem anderen Grund müssen Colleges in den USA heute schon Schreib- und Lesekurse für ihre Studenten anbieten. Da die Stunden des Fernsehkonsums bei sechzig Programmen auch hierzulande nicht gerade abnehmen werden, tritt der Mann der FAZ, die in ihren Leitartikeln und Feuilletons den Verfall von Bildung und Kultur wortreich beklagt, im Namen der ‹Informationsbedürfnisse› für den Abbau des Wortschatzes, für die schleichende Analphabetisierung ein.
Ich will hier nicht einstimmen in das alte Lamento über die Folgen der Fernsehkultur. Als Literat mit dem anachronistischen ‹sentimentalen Verhältnis› zum Papier kann ich mich jedoch nicht damit begnügen zu wissen, welche wirtschaftlichen und politischen Interessen hinter den Rednern stehen, die uns mit den Kommerzsendern Freiheit und nichts als Freiheit bescheren wollen. Wenn ich solche Reden höre, denke ich nebenbei auch an die Folgen für die Literatur. Die Literatur selbst, so vermute ich, wird vielleicht sogar aufleben, auf jeden Fall wird sie sich gegen hundert Fernsehprogramme nicht schlechter behaupten, als sie sich gegen Kaiser und Zensoren, gegen Diktatoren und Didaktiker behauptet hat. Denn je mehr die passivmachenden Medien durch unterirdische Kabel und Satelliten ‹am Himmel› (wie Ratzke immer wieder betonte) auf uns einstrahlen, desto eher werden das vergleichsweise aktive Lesen, die vergleichsweise lebendigen und anregenden Bücher als produktive Formen der Verweigerung, als unentbehrliches Futter für Phantasie und Verstand gefragt und gebraucht werden. Allerdings werden immer weniger Leute die Fähigkeit entwickeln und behalten können, die schon heute rapide abnimmt, die Fähigkeit und die Geduld, zu lesen und sich auf Kompliziertes einzulassen.
Die Absage an das Gutenberg-Zeitalter scheint also zum Einstieg in ein neues Mittelalter zu werden: Eine Handvoll Gelehrter und Literaten kann ein blühendes Geistesleben in kleinen Zirkeln entfalten, die menschlichen Errungenschaften des Denkens, Staunens und Phantasierens bewahren – und 95 Prozent der Bevölkerung bleiben in der allein seligmachenden Fernsehkirche. Auf dem Schriftstellerkongress 1980 hatte Jürgen Lodemann gesagt: ‹Wer ausgerechnet in diesen Anfangsstadien einer nationalen Legasthenie statt endlich weniger nun noch mehr, ja ein Vielfaches an Fernsehen durchpaukt und das dann auch noch mit Stolz und mit landesväterlichen Gnadengebärden seinen Bürgern verkündet, der hat allerdings die seelischen Qualitäten eines Massenfolterers. Die eines Kinderschänders sowieso.›» (Letzte Runde für Gutenberg? Die Zeit, 1981.)