Friedhof in Weißensee, Beerdigung des Dichters und Freundes Peter Brasch. Thomas Brasch, der alte Freund, den ich in den letzten Jahren seltener gesehen hatte als seinen jüngeren Bruder, steht da mit starrem Blick, schwer schnaufend an einen Baum gelehnt, wie ein Achtzigjähriger. Offenbar ein Schwächeanfall, aber er bleibt auf den Beinen. Ich drücke ihm die Hand, die er lange nicht loslässt, stehe ein paar Minuten so neben ihm. Fünfundzwanzig Jahre ist es her, dass er sich an mich und an den Rotbuch Verlag lehnte, um mit seinem Buch «Vor den Vätern sterben die Söhne» aus der Wilhelm-Pieck-Straße in den Westen und im Westen groß rauszukommen (> AUSREISE). Um nach drei Tagen im Westen sich schon zum Suhrkamp-Autor zu erklären. Ein Verrat, den ich ihm verzeihen konnte (Genies sind so, auch die, die Genie sein wollen, versuchte ich mir einzureden). Ein paar Wochen zuvor hatten wir uns zuletzt getroffen, er konnte nicht aufhören, von seinem riesigen «Brunke»-Roman zu erzählen, und hatte «Für meinen ersten Verleger» in das schmale Suhrkamp-Buch geschrieben. Er schnauft, ich halte weiter die Hand. Eine Freundin fragt: Geht’s, Thomas? Er nickt, sie geht vorbei.
Vier Monate später liegt auch er im Grab, auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof, Herzversagen mit sechsundfünfzig.