Anfang der neunziger Jahre, nach dem Fall der Mauern und strengeren Grenzbestimmungen, in einer Phase hoffnungsvoller Nüchternheit, saßen der polnische Lyriker, Übersetzer und Verleger Ryszard Krynicki, damals Posen, heute Krakau, und ich, beide Kinder des Kriegsjahrgangs 1943, in einer Wohnung in Berlin, wo Krynicki Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD war, und sprachen über das Schreiben, was naheliegend scheint, aber unter Autoren recht selten vorkommt, weil es auch für uns das diffizilste aller Themen ist. Wir beide sind äußerst schüchterne Menschen, und Ryszard ist ein noch begabterer Schweiger als ich, also verstanden wir uns bestens. Weil wir unsere Worte mit produktivem Schweigen rahmten, gewannen sie ein besonderes Gewicht, nein, nichts Schweres, sondern eine schöne leichte Heiterkeit. Irgendwann flog mir ein schlichter Gedanke zu, den ich sogleich aussprach: Was wir tun, ist eigentlich nur das eine: zwischen zwei Punkten möglichst viel Sinn speichern. Ryszard lächelte, nickte und verstand sofort, was ich mit Sinn meinte: Sprache, Phantasie, Bild, Witz, Metapher, Präzision, Rebellion, Vernunft, Wahn, Deutung, Bedeutung, Andeutung und so weiter. Ein Wink genügte, und wir waren uns ohne viele Worte einig: Literatur, ob Lyrik oder Prosa oder Dialog, wird nicht mit Handlung, mit großartigen Ideen oder mit guten politischen Absichten gemacht, sondern zuerst mit der sprachlichen Spannung zwischen zwei Punkten. Der Satz, jeder einzelne Satz entscheidet, sonst nichts.