In der Botschaft Israels wurden im Sommer 2006 fünf Mitglieder der Widerstandsgruppe «Europäische Union», Georg Groscurth, Robert Havemann, Paul Rentsch, Herbert Richter und Anneliese Groscurth (> ANNELIESE), von Yad Vashem als «Gerechte unter den Völkern» geehrt. In der Rede, die ich hielt, hieß es:
Wenn Menschen sich versammeln, um andere Menschen auszuzeichnen, die sich, wie wir zu sagen pflegen, menschlich verhalten haben, dann hat das leicht etwas Befremdliches, zumindest etwas Steifes. Es gibt – aus guten Gründen – eine Verlegenheit vor dem Guten und vor den Guten. Wie soll man auftreten und was soll man sagen, wenn wie hier fünf Menschen geehrt werden, die in finstersten Zeiten offenbar zu den Ausnahmen gehörten, obwohl sie für uns hier keine Ausnahmen waren, sondern Vater oder Mutter oder Mann oder Verwandte oder Freunde, die sich gegenüber anderen Menschen nichts weiter als normal, also hilfsbereit, anständig, freundlich, solidarisch benommen und dafür ihr Leben riskiert haben?
Das Wort Widerstandsgruppe führt leicht zu Missverständnissen. Es ist wichtig zu betonen, dass die Geehrten schon lange, einige Jahre vor der formellen Gründung der EU, die erst im Juli 1943 erfolgte, im Sinn der heutigen Auszeichnung tätig waren: Juden verstecken oder Verstecke für sie organisieren, Lebensmittel für die Versteckten beschaffen, falsche Papiere für sie besorgen oder die in ihren Verstecken tagsüber Eingesperrten mit Diaabenden aufmuntern, andere unter falschem Namen ärztlich behandeln, das gehörte fast zum Alltag dieses Freundeskreises, zu dem wir auch die tapferen Frauen Antje Havemann, Grete Rentsch und Maria Richter zählen dürfen. Außerdem horchten sie hohe Nazis aus, halfen jungen Männern, bei der Musterung der Wehrmacht durchzufallen, oder jungen Frauen, die von der Gestapo gesucht wurden, weil sie Juden versteckt hatten. Erst im Juli 1943 also, nach Mussolinis Sturz, formierte sich der Viererkern zur «Europäischen Union». Sie wählten diesen Namen, weil zumindest Havemann und Groscurth sicher waren, dass ein antinazistisches Deutschland nur in europäischer Kooperation aufgebaut werden könne. Nun halfen sie auch Widerstandsgruppen ausländischer Zwangsarbeiter, formulierten in Flugblättern ihr Programm – und suchten weiterhin verfolgte Einzelne zu verstecken und zu retten.
Das Gute, sagte ich, bringt uns in Verlegenheit – oder die Guten bringen uns in Verlegenheit. Nicht nur, weil hier in Deutschland Menschen, die sich Mühe geben, nicht nur an sich und ihren Besitz zu denken, also die Scheuklappen des Egoismus zu überwinden, von feuilletonistischen Zeitgeistvertretern gern als Gutmenschen denunziert werden. Sondern weil die, die wir «Gerechte» oder «Gute» nennen dürfen, ja selbst immer wieder betont haben, dass sie nur das Normale, das Selbstverständliche getan haben. Es gab keine Helden in der «Europäischen Union» und ihrem Umkreis, keine heroischen Einzelfiguren, keine großartigen Kämpfer des Widerstands. Es war eine Gruppe von anständigen Leuten, die sich aufeinander verlassen konnten, eine eher lockere Gruppe mit politischem Verstand, guten Nerven und Instinkt, die zu ihrem Mut auch noch Glück hatte – aber das leider nur bis zum Sommer 1943, als ein geschickter Nazispitzel daherkam.